Test: Zurück zur Schule

Persona 4 Golden Test

Florian Pfeffer 26. Februar 2013 - 13:00 — vor 6 Jahren aktualisiert
Die Persona kann im Kampf beschworen werden und wartet mit mächtigen Spezialattacken auf. In Bosskämpfen wie diesem sind sie unverzichtbar, besonders dann, wenn ihr die Schwächen des Gegners konsequent ausnutzt.
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Fernsehen oder rausgehen?Wie auch schon bei Catherine (GG-Test: 8.0), einem weiteren Spiel von Atlus, das vor etwa einem Jahr erschien, gliedert sich der Ablauf der Handlung bei Persona 4 ebenfalls an die Zeitabschnitte im normalen Tagesablauf eines Schülers an. In der Praxis heißt das, dass ihr beispielsweise nicht beliebig viel Zeit mit "Nebentätigkeiten" verbringen könnt. Stetig dreht Persona 4 das Rad der Zeit gnadenlos weiter, wenn ihr etwas Bestimmtes tut. Ihr müsst euch also entscheiden, ob ihr den Nachmittag nutzt, um in der Bibliothek zu lernen, eurem Schulsportteam beim Training beiwohnt oder soziale Kontakte zu Menschen aus der Stadt pflegt. Sobald ihr eine dieser Tätigkeiten aufnehmt, springt die Uhr zum nächsten Zeitabschnitt, etwa von "später Nachmittag" zu "Abend". Auch das Besuchen der Welt hinter dem Fernseher kostet natürlich Zeit.

Ihr müsst euch also überlegen, ob ihr nach der Schule besser einen Teilzeitjob aufnehmen, euch mit den Freunden treffen oder jemanden aus der TV-Welt retten wollt. Auf diese Art vergeht bis zum Ende des Spiels etwa ein Jahr. Soziale Interaktionen fördern bestimmte Charaktereigenschaften wie Wissen, Fleiß, Mut oder Verständnis, die euch mittel- und langfristig als Boni in den Kämpfen, aber auch in Form von neuen Gesprächsoptionen in den Dialogen zu Gute kommen.

Die tickende Uhr sitzt euch immer in Form des Gekidnappten im Nacken, der oder die aus der TV-Welt befreit werden muss. Dabei spielt der Wetterbericht eine große Rolle, den ihr beispielsweise im Fernsehen ansehen könnt: Wird es nämlich langsam regnerisch in Inaba, steigt die Dringlichkeit, dem Dungeon einen Besuch abzustatten, in den es den Entführten verschlagen hat. Nach dem Regen kommt schließlich der Nebel, und das bedeutet letztendlich den Tod für das Opfer und das Game Over für euch. Anfangs mögen diese Zusammenhänge noch reichlich wirr erscheinen, nach ein paar Spielstunden fügen sie sich allerdings in ein Gesamtbild ein, dessen ausgefeilte Story einem hochkarätigen Krimi in nichts nachsteht.


Eigene und fremde SchwächenEntscheidet ihr euch dafür, den Sprung durch die Mattscheibe zu wagen, so erwartet euch dahinter jedes Mal eine andere Welt, die aus den Träumen der entführten Person geschaffen zu sein scheint. Strukturell sind die stets neuartigen Dungeons vergleichbar mit denen klassischerer Rollenspiele: Ihr lauft durch meist rechtwinklige Gänge und sucht nach Ausgängen, Treppen und Schatzkisten, in denen das übliche Arsenal an Heilungs-, Bonus- oder Wiederbelebungsutensilien zu finden ist. Die Monster laufen sichtbar durch die Gänge, so dass ihr ausweichen könnt – Zufallskämpfe gibt es in Persona 4 also nicht. Ob es allerdings im Hinblick auf die Charakterwerte, die für euch und jede eurer Personae separat hochgelevelt werden, sinnvoll ist, sich ohne ein wenig zu grinden bis zum Boss durchzuschlagen, sei dahingestellt (die richtige Antwort lautet natürlich: Nein!).

Kommt es zum Kampf, dann folgt dieser den weithin bekannten Regeln fast aller JRPGs. Die Beteiligten dürfen reihum handeln. Seid ihr an der Reihe, dürft ihr entweder mit eurer jeweiligen Waffe angreifen, die Verteidigungshaltung einnehmen oder ein Item benutzen. Natürlich könnt ihr auch eure Magiepunkte einsetzen, um die Persona zu beschwören und ihre Spezialattacken wirken zu lassen. Sinnvoll ist das allemal, da so gut wie jede der bizarren Kreaturen, die sich euch entgegenstellen, einen wunden Punkt besitzen. Manche mögen kein Feuer, andere vertragen keine Elektroschocks. Unter Ausnutzung dieser Schwächen sind manche Kämpfe ein Klacks, die sonst fast unschaffbar schwer erscheinen – typisch Japano-RPG eben. Um an passendes Equipment zu kommen, etwa besondere Waffen oder neue Rüstungsteile, gibt es im Spiel diverse Shops, die euch gegen Bares aushelfen können. Speziell in diesem Bereich wurde die Golden-Version stark erweitert, dazu aber später mehr. Ebenso typisch sind die verschiedenen Outfits von Schuluniform bis Bikini, die ihr kaufen könnt – eure Charaktere laufen in der Kampf-Ansicht damit herum.

Beziehungen pflegen zahlt sich ausUm eure Chancen für den Kampf zu verbessern, solltet ihr natürlich nicht nur jeden Tag mit euren Schulfreunden Instantnudeln schlürfen und auf der faulen Haut liegen. Stattdessen gibt es in Inaba eine breite Palette von Aktivitäten, die ihr ausüben dürft. Ob es die Schulband ist, ein Essenswettbewerb im China-Lokal oder das Anpflanzen von Gemüse mit eurer kleinen Stiefschwester; immer verbessert sich dabei die Beziehung zwischen euch und demjenigen, mit dem ihr Zeit verbringt. Mit etwas Glück baut ihr dann zwischenmenschliche Beziehungen in eurem Umfeld auf, die so genannten Social Links. Die stärken euch und geben euch Halt, was sich in der Spielmechanik durch Boni beim Fusionieren von Personae ausdrückt. Die Personae sind in verschiedene Klassen eingeteilt, die durch je einen Social Link repräsentiert werden. Erschafft ihr eine neue Persona aus der Fusion von zwei bereits gefundenen, so kann diese dann gleich ein paar Levels aufsteigen, je nach Rang eures Social Links. Da ihr nicht genug Zeit haben werdet, um die Social Links mit allen eurer Mitmenschen zu teilen, müsst ihr euch früher oder später spezialisieren und nur bestimmte soziale Kontakte pflegen, um die gewünschten Charaktere „hochzuleveln“. In einem althergebrachten Rollenspiel würde das am ehesten der Wahl einer Klasse wie Magier, Barbar oder Paladin entsprechen.

An sonnigen Tagen dürft ihr nachmittags auf ein paar Kinder aufpassen. Dabei verbessert ihr euren Charakterwert für "Verständnis" und ein neuer Social Link springt auch heraus.
Das Speichersystem arbeitet mit festen Speicherstationen, die sehr fair in der Welt verteilt sind und euch beliebig oft erlauben, euren Fortschritt zu sichern. Ausnahmen bestehen in den Dungeons oder dann, wenn eine lange Reihe von Zwischensequenzen abläuft. Wenn man nicht wüsste, dass das ursprüngliche Persona 4 bereits vier Jahre auf dem Buckel hat, könnte man denken, es handele sich um ein aktuelles Spiel. Am ehesten haben wir den Zahn der Zeit und den Zahn der (nach der PS4-Vorstellung inzwischen vorletzten) Konsolengeneration bei der Grafik bemerkt.

In den Umgebungen des Städtchens Inaba wirken die 3D-Figuren der Charaktere doch ein wenig polygonarm und die Animationen hölzern. Gegenteilig sieht es bei den Dialogen und vor allem den Zwischensequenzen aus: Erstere sind pointiert geschrieben, letztere wunderschön gezeichnet und gekonnt dramaturgisch in Szene gesetzt. Nach dem Durchspielen werdet ihr dann eine Sammlung von Filmschnipseln zusammen haben, die ihr vom Hauptmenü aus aufrufen und als erstklassigen Anime genießen könnt. Auch der Soundtrack von Shouji Meguro ist grandios und wird euch noch lange nach dem Leersaugen der Batterie in den Ohren klingen, ganz besonders der Track "Heartbeat Heartbreak", der während diverser Laufabschnitte erklingt und von Shihoko Hirata eingesungen wird.
Im Midnight Channel, der nur in regnerischen Nächten auf Sendung geht, ist derjenige zu sehen, den ihr als nächstes retten müsst. Nun heisst es, den Vermissten zu finden, bevor der Nebel auf die Stadt fällt.
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