Vom Profi- zum Einsteiger-Spiel

Patrizier 4 Test

Patrizier 4 ist der Nachfoger von Patrizier 2 und der erste Serienteil, der nicht von Ascaron, sondern von Kalypso verantwortet wird. Mit einem frischen Look, mehr Komfort und alten Stärken soll der Titel die ehrwürdige Aufbauspiel-Reihe fortführen. Wir haben Patrizier 4 ausgiebig gespielt -- und sehr viel Kritikwürdiges entdeckt.
Rechen 4. September 2010 - 12:41 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC
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Verdiente Aufbauspieler sehen diese Packung, und wischen sich verstohlen kleine Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln. Und das ist auch verständlich: Das direkte Vorgängerprodukt Patrizier 2 (Teil 3 wurde übersprungen, weil eine internationale Gold-Version von Teil 2 forsch als "Patrizier 3 "betitelt worden war) bot seinerzeit ein ausgefeiltes Wirtschaftssystem, in das sich Genrefans mit großem Vergnügen stürzen konnten. Immer auf der Jagd nach dem höchsten Profit und dem großen Geld, baute man ein Handelsimperium auf und verwaltete seine Flotten. Leider gab es im späteren Verlauf zu wenig Möglichkeiten, die sauer verdienten Münzen sinnvoll auszugeben, worunter die Langzeitmotivation dann doch litt. Mit Kalypso hat nun ein neuer Publisher das Ruder der traditionsreichen Patrizier-Reihe übernommen; der ursprüngliche Hersteller und Entwickler Ascaron ist bekanntlich letztes Jahr pleite gegangen. Ob der neueste Ableger trotz Comicgrafik an den Erfolg der alten Serien-Teile anknüpfen kann, verrät euch unser Test.

Modifizierte Produktion


In vielen Punkten fühlt sich Patrizier 4 wie der Vorgänger an. So beginnt ihr zur Zeit der Hanse im Nord- und Ostseeraum wieder als kleiner Krämer mit einem Kontor und einem Schiff -- und endet einige (oder viele) Spielstunden später hoffentlich als ruhmreicher, schwerreicher Eldermann. Das ist sicher nicht schlecht, schließlich hat das Spielprinzip viele Fans gefunden. Was aber hat Kalypso verändert?

Ein Kritikpunkt an Patrizier 2 war die extreme Schwierigkeit, Waren rentabel zu produzieren und profitable Mietshäuser zu unterhalten. Selbst Aufbauspiel-Veteranen verzweifelten an dieser Aufgabe oder benötigten viele, viele Spielstunden, um sie zu bewerkstelligen. Für Patrizier 4 haben die Entwickler leider überkompensiert: Hier ist es kaum möglich, Betriebe zu bauen, die nicht zumindest ihre Unterhaltskosten wieder einspielen, in der Regel aber Gewinn abwerfen. Denn selbst wenn ihr den Markt mit euren Waren überschüttet, wird er doch nie weniger für eure Waren zahlen, als ihr für die Produktion hingelegt habt. Das widerspricht jeglicher Logik und Wirtschaftstheorie. Nur wenn ihr einen Betrieb nicht voll ausgelastet laufen lasst, könnt ihr es "erzwingen", unrentabel zu produzieren! Wohnhäuser sind ebenfalls wahre Goldgruben. Ihr könnt die Städte getrost großzügig damit bestücken.

Es macht erstaunlicherweise dennoch einen Heidenspaß, Betriebe zu errichten und zuzusehen, wie eine Stadt beständig wächst. Außerdem müssen manche Produktionsstätten mit Rohstoffen versorgt werden. So benötigt etwa eine Brauerei Getreide, um den gelben Gerstensaft zu erzeugen. Zwar braucht ihr meist keinen oder nur einen Rohstoff, um eure Handwerker bei Laune zu halten, die kleinen Produktionsketten motivieren aber durchaus. Zum Teil müsst ihr auch Rohstoffe von anderen Städten herbeischaffen; nach Möglichkeit natürlich aus den eigenen Betrieben.

Für neue Gebäude benötigt ihr eine bestimmte Menge Holz oder Ziegel -- es reicht aber nicht, wenn ihr diese in eurem Kontor bereithaltet. Nein, die Stadt muss die Materialien liefern. In der Praxis müsst ihr also euer Holz an die Stadt verkaufen, damit ihr es von der Stadt zurückkaufen und dann euer Gebäude errichten könnt. Das klingt eher nach chinesischer Planwirtschaft als nach einem Aufbauspiel. Vor allem müsst ihr aufgrund dieser Eigenart viel mehr Holz und Ziegel herbeischaffen, als eigentlich notwendig wäre -- schließlich verbrauchen auch die Städter diese Rohstoffe, sobald ihr sie verkauft habt.

Traditionelles Rufsystem

In jeder Stadt habt ihr einen bestimmten Ruf zwischen 0 und 100. Wenn ihr Städte mit benötigten Rohstoffen versorgt, steigt euer Ruf. Kauft ihr hingegen knappe Ressourcen auf, nehmen euch das die Pixelmenschen übel. Die Ausschläge in beide Richtungen hängen davon ab, welchen der drei Schwierigkeitsgrade ihr gewählt habt. Es geht aber auch einfacher: Spendet doch überzähliges Geld in der Kirche! Das ist vor allem dann ein geeignetes Mittel, wenn ihr in der jeweiligen Stadt noch keine Gebäude bauen könnt.

Um ein Kontor zu bauen, müsst ihr in einer Stadt zunächst der jeweiligen Gilde beitreten. Dazu benötigt ihr ein gewisses Ansehen in der Stadt, außerdem gilt es einen Obolus zu entrichten. Je höher euer Rang ist, desto weiter wachsen die beiden Bedingungen an. Seid ihr die Karriereleiter weit genug nach oben geklettert, so könnt ihr eure Schiffe auf Expeditionen schicken und dort kostbare Waren, wie zum Beispiel Gewürze, importieren.

Die Konkurrenz schläft


Ihr habt in jeder Stadt einen Konkurrenten, der mit euch wetteifert. Das mag zwar als motivierendes Feature gedacht sein, in der Praxis bleiben eure Mitbewerber jedoch blass. Auch von einem Wettstreit kann keine Rede sein: Selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad wurden wir von unserem Widersacher nicht belästigt oder gar unter Druck gesetzt.

Um euren Ruf auf 100 Prozent zu steigern, müsst ihr in einer Stadt mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stellen,  als euer Konkurrent. Das ist mit einem entsprechend großen Vermögen auch leicht möglich. Schließlich werdet ihr keine Verluste einfahren, wenn ihr im Übermaß produziert und die Waren direkt wieder abstoßen lasst. Dazu könnt ihr euch einen Verwalter in eurem Kontor anstellen, der das für euch automatisch erledigt. Das funktioniert genauso wie das automatische Handeln und erleichtert euch das Leben sehr. Sobald ihr den Rang eines Ratsmeisters erreicht habt, könnt ihr euch zur Bürgermeisterwahl aufstellen lassen. Hier gilt: Der beliebteste Händler der Stadt gewinnt. 

Noch sind wir nicht der beliebteste Bürger der Stadt. Mit unseren Geldreserven lässt sich das aber schnell ändern.
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