Test: Schwere Militärsimulation

Operation Flashpoint - Dragon Rising Test

Der Kampf des U.S. Marine Corps gegen die Volksbefreiungsarmee ist kein Spiel für ungeduldige Naturen, Einsteiger, Shooter-Freunde oder Frustanfällige. Als Simulation setzt Dragon Rising andere Akzente -- lest, ob ihr euch an das nicht übertrieben komplexe, aber sehr schwere Spiel heranwagen solltet. Wer es wagt, wird belohnt.
Alex Hassel 8. Oktober 2009 - 4:13 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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Wir haben vorrangig die PC-Version getestet (die klar die beste ist), uns aber natürlich auch die Fassungen für PS3 und Xbox angeschaut; ein Vergleichsvideo der beiden Konsolenversionen findet ihr unten.

Unverhofft werden in einer nahen Zukunft große Ölvorkommen im Boden der (fiktiven) Insel Skira entdeckt. Und obwohl das Eiland eigentlich zu Russland gehört, reißen es sich die verzweifelt nach Rohstoffen für ihr Riesenreich gierenden Chinesen kurzerhand selber unter den Nagel. Das russische Militär erwartet eine Auseinandersetzung an der Tausende von Kilometern langen Grenze mit China -- und bittet in Sachen Skira die USA um Hilfe. Die stimmen zu, und so kämpfen plötzlich Marines gegen die chinesische Volksbefreiungsarmee (VBA): Während sich letztere noch auf der Insel eingräbt, nimmt eine der (real existierenden) Marine Expeditionary Forces Kurs auf die Insel. Diese hier etwas verkürzt dargestellte, im Spiel eingangs mit einer interessanten Mischung aus Fotos und eingeblendeten Schlagwörtern inszenierte Hintergrundgeschichte ist durchaus plausibel -- anders als etwa das grundsätzlich ähnlich klingende Setting von Tom Clancy's Endwar.
 
Skira, hier im Helikopter-Überflug, wurde auf Grundlage von Satellitenbildern der real existierenden Insel Kiska geschaffen. (Die ganze Insel seht ihr, von uns eingeklebt, rechtsoben).


Soviel zur Ausgangslage in Operation Flashpoint – Dragon Rising. Wie ihr sicher wisst, ist nicht mehr das originale Team von Operation Flashpoint für den Titel zuständig -- das macht heute die bug-gebeutelte Armed-Assault-Serie. Und auch sonst hat sich einiges verändert, erwartet also kein waschechtes "Operation Flashpoint 2". Unter anderem wurde die Bedeutung des Vehikelkampfs, zumindest in der Solokampagne, extrem zurückgeschraubt, und ihr werdet euch auch nicht mehr als Befehlshaber einer Panzergruppe oder eines ganzen Soldatentrupps wiederfinden, vielmehr agiert ihr als Squad Leader. Mit den Marines auf der Seite des Spielers und der VBA als Kontrahenten, stehen sich zwei annähernd ebenbürtige Streitkräfte gegenüber, die eine brutale Materialschlacht auf der kleinen Insel austragen. Wobei klein hier relativ ist, denn Skira erstreckt sich über eine Fläche von insgesamt 220 Quadratkilometern. Sollten wanderlustige Spieler je auf die Idee kommen, das Gelände zu Fuß zu erkunden, sie wären laut Designer Tim Browne fast zehn Stunden unterwegs. Und das auch nur im unwahrscheinlichen Fall, dass sie auf keine Gegner treffen.

Unser Video vergleicht die PS3- mit der Xbox-Fassung. Wenn beide gleichzeitig zu sehen sind, hört ihr links die PS3- und rechts die Xbox-Version. Die Karte heißt "Assault", die Szenen wurden mit 1080p aufgenommen, dann auf 720p konvertiert und schließlich hochgeladen. Ergebnis: Die 360er Fassung sieht etwas schwächer aus.


Das Marine Corps eilt zur Hilfe

Das U.S. Marine Corps ist eine rund 200.000 Mann starke Streitkraft der Vereinigten Staaten, von denen ständig drei Marine Expeditionary Forces einsatzbereit sind, zwei im Pazifik, eine im Atlantik. Jede ist im Prinzip eine kleine Armee für sich, samt Luftwaffe, Panzern und Unterstützungseinheiten. Ihr übernehmt in Dragon Rising jeweils einen von zwei Offizieren, Hunter und Mulholland. Der eine führte eine Elitesquad, der andere eine Einheit normaler Marines. Jedes dieser kleinen Teams besteht aus euch selbst als Truppführer, der seinem Schützen, Sanitäter und Pionier Befehle gibt -- oder darauf vertraut, dass sie selbständig agieren. Dieses Vertrauen ist angesichts der guten KI berechtigt, wenn auch nicht in jedem Fall. Leider verzichtete Entwickler Codemasters gänzlich darauf, den Charakteren auch nur ansatzweise einen Hauch von Persönlichkeit zu spendieren. Egal mit wem ihr spielt, die Teams wirken beliebig und austauschbar. Abgesehen von ihren ständigen Meldungen wie „Gegner 100m östlich“ oder Hilfeschreien bei Treffern bleiben eure Kameraden stumm.

Auch auf eine weiterführende Rahmenhandlung müsst ihr verzichten: Nachdem die Ausgangslage rund um die Insel Skira im Intro erläutert wurde, erfahrt ihr im Laufe des Spiels kaum noch weitere Details über den eigentlichen Konflikt. Ihr erhaltet anhand von unspektakulären Textfenstern und Kartenausschnitten einen Überblick, was euer nächstes Ziel darstellt und welche Nebenaufgaben ihr gegebenenfalls noch übernehmen könnt. Ihr werdet schon glücklich sein müssen, wenn einmal ein hoher Offizier mit eurem Einsatz zufrieden war und der gerade eroberte Flughafen nun wertvolle Dienste leisten wird -- was ihr per Text erfahrt, nicht etwa per Cutscene.


Nun mögen Puristen argumentieren, dass der einfache Soldat auf dem Schlachtfeld auch in der Realität nicht über alle Vorgänge im War Room des Pentagons Bescheid weiß. Aber bei einem Computerspiel wäre es nicht unangebracht, mal mit einer Zwischensequenz die Ausweitung des Konflikts an anderem Ort oder eine feurige Politikerrede im Fernsehen mitzuerleben. Auch auf Flugzeugträgern und Truppentransportern gibt es Radios oder Fernseher! Allerdings haben wir schon den Eindruck, uns in einem größeren Feldzug zu befinden: Andere Marine-Einheiten operieren von uns unabhängig auf der Insel, oft beobachtet ihr in der Ferne Gefechte. Und wenn ihr keinen Zeitdruck bei der eigenen Mission habt, könnt ihr anderen Marine-Squads auch zu Hilfe eilen.

Unser bester Freund: die Ducken-Taste

Auch wenn es kein direkter Nachfolger ist: Von Gute-Laune-Shootern oder farbenprächtigen Weltkriegs-Re-Enactments á la Call of Duty ist Operation Flashoint Dragon Rising weit entfernt. Vor allem ist es kein Spiel für sprunghafte Naturen. Wir ordnen es in die Simulations- statt in die Actionrubrik ein, weil es im Spiel vor allem auf Taktik und viel Geduld ankommt. Wer in typischer Shooter-Manier vorprescht, auf seinen Ballerzeigefinger und Strafing-Effekte vertrauend, wird schnell einige elementare Regeln des Spiels kennenlernen: Zum einen, dass die gegnerischen Schützen überall lauern, zum anderen, dass schon ein einziger Treffer tödlich sein kann. Und wer in das "Wirkungsfeuer" eigener oder feindlicher Artillerie hineinläuft, sollte nicht damit rechnen, seinen virtuellen Enkeln von der Erfahrung berichten zu können.
Das kreisförmige Befehlsmenü verzweigt bis zu drei Ebenen tief; da kommt es schon mal zu falschen Ordern.

Eine umsichtige Vorgehensweise ist also lebensnotwendig, das gilt schon für die allererste der elf (fast immer ausufernd langen) Missionen. Häufiges Ducken und Kriechen wird damit zum Muss, denn ein aufgerichteter Soldat gibt ein leichteres Ziel ab. Ihr spielt in der klassischen Egoansicht, per Knopfdruck öffnet sich ein kreisförmiges Kontextmenü. Über dieses erteilt ihr eurem Trupp Befehle: Soldat A zur Stelle X schicken, Soldat B rechts flankieren lassen, Soldat C gibt Feuerschutz, derweil vielleicht noch einen Artillerieschlag auf Ziel Y anordnen und, wenn mal wieder alles schief geht, auch noch den Sanitäter rufen. Die Fülle der Optionen ist groß, und es bedarf einiger Übung, sie zu beherrschen. Auf den Konsolen erscheint uns die Bedienung des Kreismenüs übrigens intuitiver von der Hand zu gehen als auf dem PC. Letzterer hat dafür die typischen Vorteile beim Anvisieren der Ziele, und die effektive Sichtweite ist, bei entsprechenden Systemen, größer.
 
Alternativ lässt sich die eigene Truppe aber auch per Übersichtskarte manövrieren. Die zoomt von der Gesamtansicht Skiras nebst umliegendem Meer bis hinunter zur taktischen Sicht, auf der ihr einzelne Häuser und Soldaten (als kleine Kreise mit Bewegungsrichtungsindikator) erkennt. Ihr könnt hier unproblematisch euren Squadmitgliedern (einzeln oder als Gruppe) bestimmte Wegpunkte vorgeben oder bereits gesichtete Ziele angreifen lassen. Besonders Wagemutige erteilen ihren Kameraden einfach gar keine Befehle. Diese folgen euch dann automatisch, suchen selber Deckung (in den meisten Fällen zumindest) oder nehmen feindliche Schützen ins Kreuzfeuer. Das funktioniert erstaunlich gut, doch werdet ihr immer wieder mal an die Grenzen der KI geraten -- dummerweise oft in einem Moment, wo euch das den Einsatz verhageln kann.

Kriegsgerät in Dragon RisingMehrere fliegende und fahrende Untersätze sowie ein Boot stehen euch im Spiel zur Verfügung, viele davon allerdings nicht in der Kampagne. Hier einige Beispiele: 1 Der Hummer-Jeep ist das Standardfahrzeug der Marines. 2 Der M1 Abrams Panzer ist im Multiplayer-Modus eine fahrende Festung für drei Spieler. 3 Mit dem Patrouillenboot führt ihr Überraschungsangriffe durch. 4 Den AH-1Z Kampfhubschrauber steuert ihr ganz am Ende der Kampagne. 5 Der AAVP 7A1 ist ein amphibischer Truppentransporter. 6 Der langsame Seahawk holt euch in der Kampagne an Evakuierungspunkten ab, im Multiplayer-Modus dient er auch für Angriffe ins Hinterland.

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