Der Fluch der weißen Königin

Ni No Kuni Test

Dass Spieleumsetzungen von Filmen häufig fragwürdige Qualität besitzen, ist bekannt. Kann es da gut gehen, wenn sich ein berühmtes Anime-Filmstudio mit einem Entwickler zusammensetzt, um ein Spiel zu kreieren, das wie ein Film aussieht? Level 5 und Studio Ghibli haben genau das versucht. Und uns beim Testen verzaubert.
Keksus 31. Januar 2013 - 23:07 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland, Das wandelnde Schloss, Die letzten Glühwürmchen, Ni No Kuni. Alles Werke, für die Studio Ghibli bekannt ist. Ihr meint, einer der Titel passe nicht in die Aufzählung? O doch: Entwickler Level 5 hat zusammen mit den erfolgreichen Anime-Spezialisten von Studio Ghibli das Rollenspiel Ni No Kuni erschaffen. Und das ist würdig, in einem Atemzug mit den Film-Meisterwerken genannt zu werden.

Oliver lebt ein ganz normales Leben in der verschlafenen Kleinstadt Motorville. Er erledigt Einkäufe für seine Mutter, isst mit ihr Abendbrot und trifft sich mit seinem Freund. Doch das Schicksal hat weit mehr für ihn geplant. Als seine Mutter bei einem Unfall stirbt, verfällt er in anhaltende Trauer und wagt sich nicht mehr aus seinem Zimmer heraus. Beim Anblick einer Puppe, die er einst von seiner Mutter bekam, schießen ihm die Tränen in die Augen und auf die Puppe. Die erwacht dadurch zum Leben und stellt sich als Tröpfchen, Großherr der Feen, vor. Oliver, so die Herrscherpuppe, sei der Reinherzige. Ein mächtiger Zauberer, der als einziger in der Lage sei, die Parallelwelt zu retten, aus der Tröpfchen stammt. Auch offenbart er ihm, dass in dieser anderen Welt die Seelenverwandten aus Olivers Welt leben und es ihm so möglich sei, seine Mutter zu retten. Dass Oliver da nicht zweimal überlegt, ist klar. Doch ob ihm klar ist, wie lange und beschwerlich seine Reise sein wird? Denn nichts weniger muss er schaffen, als den dunklen Dschinn Shadar zu besiegen. Und was will die mysteriöse weiße Königin, die im Hintergrund die Fäden zieht?
Oliver heilt das Herz einer Bewohnerin von Katzbuckel.

Rettet die HerzenDas namenlose Paralleluniversum (es heißt im Spiel nur "Die andere Welt", was gleichzeitig die grobe Übersetzung des japanischen Spieletitels ist) besteht aus vier Kontinenten und mehreren Inseln. Darauf liegen drei Haupstädte und einige kleine Siedlungen. Das Startgebiet erinnert ans europäische Mittelalter, es gibt aber auch andere Gebiete. Bevölkert wird das Spieluniversum von diversen Rassen, etwa menschliche Katzen, humanoide Vogelwesen oder "Yetis". Doch sie alle haben ein Problem: Dschinn Shadar hat die Herzen vieler Bewohner geklaut. Eure Aufgabe ist es, diese zurückzubringen beziehungsweise sie wieder zu heilen. Findet ihr zum Beispiel jemanden, der feige ist, müsst ihr euch auf die Suche nach einer Person machen, die sehr viel Mut besitzt. Mit deren Überfluss an Tapferkeit könnt ihr dann das gebrochene Herz des Mutlosen heilen. Jedoch dürft ihr von jeder Tugend, davon gibt es im Spiel acht Varianten, immer nur eine Einheit in eurer Phiole halten, sodass ihr vorher überlegen solltet, welche ihr "einsammelt". Dieser Aufgabentyp wird euch übrigens am häufigsten begegnen.

Dazu gesellen sich noch die üblichen Sammelaufgaben und Monsterjagden sowie einige Quests, bei denen ihr etwas nachdenken müsst. Bei den Sammelquests müsst ihr oft Gegner mit einer bestimmten Attacke besiegen, um ihre Items zu erhalten, oder auch mal auf der Weltkarte den Fundort eines Items aufspüren. Bei den Monsterjagden sind klassische „Töte X Vertreter eines Gegnertyps“-Aufgaben eher selten, häufiger sollt ihr ein bestimmtes Monster ausschalten. Dass diese Aufgaben nicht langweilig werden, verdankt das Spiel der Tatsache, dass ihr sie nebenbei erledigen könnt und das Kampfsystem auch auf Dauer motiviert. Als Belohnung winken euch Geld, Gegenstände und vor allem Punkte auf eurer Stempelkarte. Zehn Punkte benötigt ihr, bevor ihr eine Belohnung erhaltet, etwa mehr Tempo auf der Weltkarte, mehr Erfahrung pro Kampf oder erfolgreicher bei Sammelaktionen zu werden. Für die richtig guten Belohnungen werden gar mehrere komplettierte Stempelkarten fällig.
Am Anfang seid ihr nur zu Fuß unterwegs (links). Um andere Kontinente zu erreichen, braucht ihr ein Schiff (Mitte). Den Drachen erhaltet ihr nach etwa 20 Spielstunden. Mit ihm bewegt ihr euch stilvoll und vor allem ungestört über die Karte.

Aus leicht wird komplexAm Anfang sind die Quests noch spärlich und leicht zu lösen. Spätestens ab der Hälfte des Spiels werdet ihr jedoch mit Aufgaben geradezu bombardiert und müsst zur Erfüllung gelegentlich in alte Gebiete zurück. Damit das auf der riesigen Weltkarte nicht zu Frust führt, erhaltet ihr nicht nur einen Reisezauber, mit dem ihr euch zu bereits besuchten Gebieten teleportieren könnt, sondern auch ein Schiff, mit dem ihr die Gewässer der Welt unsicher macht. Später gibt es sogar einen Drachen, mit dem ihr besonders flott unterwegs seid und nicht angegriffen werdet. Denn Gegner gibt es nur im Land und auf dem Wasser. Vor Zufallskämpfen braucht ihr euch aber dennoch nicht zu fürchten: Eure Feinde laufen sichtbar auf der Landkarte umher. Ein Kampf beginnt erst dann, wenn sie euch berühren. Und schwächere Gegner fliehen oftmals vor euch, bevor es überhaupt zu einem Kampf kommen kann. Dasselbe gilt für die Gegner, denen ihr in den Dungeons von Ni No Kuni begegnen werdet.

Überaus langsam kommt die Haupthandlung in Fahrt. Zwar seid ihr von Anfang an damit beschäftigt, dem Treiben des bösen Dschinns Einhalt zu gebieten, sodass ihr immer ein aktuelles Hauptziel habt, das auch brav als Stern auf eurer Minimap angezeigt wird. Doch was hinter den ganzen Vorkommnissen steckt, bleibt euch lange Zeit verborgen. Stattdessen gibt es die eine oder andere Episode, die euch etwa eure Mutter näher bringt, zum Fortschre
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iten der eigentlichen Story aber rein gar nichts beiträgt. Was die weiße Königin will, bleibt im Unklaren, auch wenn immer wieder Zwischensequenzen eingestreut werden, bei denen ihr sie mit ihrem Rat sprechen hört. Okay, sie will uns irgendwie stoppen, aber aus welchen Motiven? Natürlich haben wir nichts dagegen, erst nach und nach hinter die Geheimnisse einer Fantasywelt zu kommen, aber hier schwimmen wir doch lange Zeit im Kreis -- selbst nach der Hälfte der Spielzeit (von gut 50 bis 60 Stunden) fischten wir immer noch im Trüben.

Übrigens spult sich die Haupthandlung linear ab (eben durch die Hauptquests), ihr könnt aber jederzeit und beliebig lange Nebenquests nachgehen oder einfach die sehr große Welt entdecken. Das generelle Prinzip ist aus vielen anderen RPGs bekannt: Auf der Weltkarte lauft, fahrt oder fliegt ihr mit direkter Steuerung herum, beim Betreten von Städten oder Dungeons (die dann aber grafisch wie Außengebiete wirken können) wird kurz nachgeladen, und ihr seid dann quasi "herangezoomt" unterwegs, was auch ganz wörtlich für die Kameraperspektive gilt.

Beim Marsch durch die riesenhafte, malerische Welt zoomt die Kamera von eurem Helden weg. Trefft ihr auf Gegner (die ihr immer sehen könnt) oder auf eine Siedlung, wird entsprechend eine Kampfarena oder Extra-Map nachgeladen.
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