Rückkehr in die RPG-Stadt

Neverwinter Test

Lange Jahre mussten D&D-Fans darauf warten, in die Fantasy-Stadt Neverwinter zurückkehren zu dürfen. Doch wisset, bevor ihr euer Schwert schleift und ölt: Es erwartet euch kein weiterer Nachfolger zum RPG Neverwinter Nights, sondern ein actionreiches Free-to-play-MMO. Wir haben uns durch Orks und Nasher geschnetzelt.
Christoph Vent 2. Mai 2013 - 13:56 — vor 4 Jahren aktualisiert
Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Mehr als 100 Jahre sind seit den Ereignissen in Obsidians hochklassigem RPG Neverwinter Nights 2 vergangen. Doch während die titelgebende Stadt Neverwinter die Bedrohungen und Verwüstungen der damaligen Zeit größtenteils überstand, erlitt sie 75 Jahre später einen herben Rückschlag: Ein Vulkanausbruch zerstörte einen Großteil der Stadt. Mit dem Unglück kamen Orks und Banditen in die Siedlung und machen der Bevölkerung seitdem das Leben schwer. Unter der Leitung von Lord Neverember schließen sich die Überlebenden zusammen, um ihre Heimat von dem Pack zu befreien und wieder in altem Glanz erscheinen zu lassen.

Mit den beiden Rollenspielen Neverwinter Nights (Bioware) und Neverwinter Nights 2 hat das Online-Rollenspiel Neverwinter nicht viel mehr als das Szenario und die Dungeons-&-Dragons-Lizenz gemein. Aufgrund letzterer können die Cryptic Studios auf viele bekannte Ortschaften zurückgreifen. So macht ihr nicht nur die Stadt und ihre Siedlungen unsicher, sondern begebt euch im späteren Verlauf auch in die angrenzenden Wälder und Gebirge. Statt der pausierbaren Echtzeitkämpfe in den beiden Rollenspielen oder typischer MMO-Kampfsysteme setzt Neverwinter auf eine gute Portion Action.

Ein Schiff, eine Küste, ein Held
Die Übersichtskarte: In den ersten Spielstunden seid ihr ausschließlich in den Siedlungen Neverwinters unterwegs.
Ein Anfang, wie wir ihn schon ein oder maximal zweimal erlebt haben im RPG-Genre: Ihr erwacht am Strand einer Küste, im Hintergrund liegt ein zerstörtes Schiff im Meer. Informationen, wer ihr seid oder woher ihr kommt, sucht ihr vergeblich. Stattdessen erblickt ihr nur wenige Meter von euch entfernt den ersten Questgeber. Nachdem ihr wie befohlen den Strand nach Überbleibseln des Schiffbruchs abgesucht und eine erste Rüstung angelegt habt, begebt ihr euch ins Landesinnere, wo ihr auch gleich die ersten Schlachtfelder entdeckt und euch im Folgenden bis nach Neverwinter durchschlagt.

Nach weniger als einer Stunde Spielzeit entfaltet das Online-Rollenspiel dann erstmals sein Potential. Im Stadtinneren herrscht buntes Treiben und schönster Sonnenschein: Überall laufen Bürger und andere Spieler herum. Die festungsartige Stadt wird bewacht, hier könnt ihr euch also sicher fühlen und nach Lust und Laune die Umgebung erkunden. Auf dem Marktplatz kauft ihr euch neue Kleidung und Heiltränke oder handelt mit erbeuteten Gegenständen. Auch findet ihr hier ein Auktionshaus. Doch als Neuling habt ihr noch nichts Kaufenswertes vorzuweisen und auch sonst nichts zu melden – es wird Zeit, dass ihr euch einen Namen macht.

Auf den ersten Blick wirkt die aufrufbare Übersichtskarte arg unübersichtlich. Neverwinter ist voll von Händlern und wichtigen Personen. Trotz allem macht ihr schnell erste Questgeber aus – die findet ihr in der Regel übrigens auch, ohne sie als Wegziel zu markieren. Dort, wo sich eine große Spielertraube versammelt, gibt es meist auch neue Aufträge. Auf Knopfdruck könnt ihr euch dennoch eine Brotkrumen-Linie einblenden lassen, die euch meist zuverlässig zum Ziel führt. Ab und an führt euch das Navi allerdings auch in Sackgassen – ganz ums Kartenlesen kommt ihr also nicht herum.

Actionreiche Kämpfe
In der Protector's Enclave von Neverwinter ist viel los. Hier findet ihr erste Questgeber, Shops und Auktionshaus.
Neverwinter folgt dem aktuellen MMO-Trend des actionorientierten Kampfsystems, so ähnlich, wie es auch schon Tera (GG-Test: 7.0) einsetzt. Ihr steuert euren Helden aus der Schulterperspektive und visiert euren Gegner wie in einem Actionspiel per "Fadenkreuz" an, statt ihn, wie bei den meisten anderen MMOs, nur zu markieren. Nun stehen euch gleich mehrere Attacken zur Verfügung: Auf der linken Maustaste liegt der Standardangriff, auf der rechten ein stärkerer, den ihr zunächst aufladen müsst. Doch damit nicht genug: Auf den Tasten Q, E und R befinden sich Spezialangriffe, die erst freigeschaltet werden wollen. Der Halb-Ork mit Spezialisierung auf Zweihandwaffen glänzt hier mit einem Rundumschlag, einem Sprungangriff und einem besonderen Hieb, der ihm einen kleinen Teil seiner Lebensenergie auffrischt. Eure Aktionen solltet ihr stets variieren und sie euren Feinden anpassen. Bei Einzelgegnern bietet sich vor allem der schnelle Standardangriff an – bei Gruppen wird es aber schon deutlich schwieriger, den gewünschten Fiesling zu treffen. Nicht selten visiert das Spiel einen danebenstehenden Gegner an, weswegen ihr hier auf Rundum-Angriffe setzen solltet.
 
Vervollständigt wird das Kampfrepertoire durch die Täglichen Kräfte: Weisen die Spezialangriffe eine Abkühlzeit von lediglich zwölf Sekunden auf, füllt sich die Leiste für die täglichen Kräfte nur langsam durch aktives Kämpfen. Verschwendet ihr sie also kurz vor einem der Bossgegner, müsst ihr im entscheidenden Gefecht auf die besonders starken Attacken verzichten – eine schöne taktische Komponente. Über die Tabulatortaste steht euch ein weiterer Sonderangriff zur Verfügung: Erreicht ihr mit eurem Charakter Level 10, seht ihr mittig im Bild eine transparente Leiste, die sich in Kämpfen füllt. Erreicht sie einen bestimmten Stand, verfällt euer Charakter in einen Tobsuchtsmodus, der ihm für wenige Sekunden Superkräfte verleiht. Anders als mit der Täglichen Kraft solltet ihr hier allerdings nicht zaudern, da sich die Energieleiste ansonsten auch von alleine wieder entleert. Wie in Tera vorab Komboketten definieren, die euer Held auf Knopfdruck ausführt, dürft ihr in Neverwinter aber nicht.
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Die Action-Betonung zeigt sich auch in der Defensive: Schickt sich euer Gegner an, in den nächsten Sekunden einen Flächenangriff auszuführen, müsst ihr euch schnellstmöglich aus dem rot markierten Bereich entfernen. Ähnlich wie in Tera oder auch Guild Wars 2 (GG-Test: 8.5) könnt ihr das aber nicht unbegrenzt: Ist die Ausdauer aufgebraucht, könnt ihr euch für wenige Sekunden nur in normalem Tempo bewegen, was bei einer größeren Aktion des Feindes schlicht zu langsam für die Rettung ist. Durch die Kombination aus eigenen Angriffen und dem Ausweichen gegnerischer Attacken spielen sich die Kämpfe in Neverwinter äußerst actionreich und überraschend komplex: Treffen müsst ihr selbst, doch den angerichteten Schaden errechnet im Hintergrund das AD&D-Regelwerk. Wie in jedem RPG und MMO seit ungefähr Adam und Eva empfiehlt es sich, genügend Heiltränke oder einen Mitspieler mit Heilkräften dabei zu haben. In Lagern außerhalb von Missionen oder als Zwischenstopp mitten in einem Dungeon findet ihr auch immer wieder blau schimmernde Feuerquellen, in deren Nähe ihr eure Gesundheit auffrischen dürft.
Sobald eine solche rote Markierung auftaucht, solltet ihr euch lieber schnell aus dem Staub machen.
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