Im Test: Der Neustart der Serie

Need for Speed Shift Test

Ist das auf Rennen statt Martinshorn-Verfolgungsjagden ausgelegte Shift noch ein richtiges Need for Speed? Wen interessiert’s! Solange so ein grandioses Rennspiel dabei herauskommt, darf die Polizei gerne zu Hause bleiben. Wie ihr sie trotzdem ins Wohnzimmer lockt und warum Shift richtig Gas gibt, erfahrt ihr im GamersGlobal-Test.
Jörg Langer 14. September 2009 - 17:05 — vor 9 Jahren aktualisiert
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Die Ampel zeigt rot, die Kamera schwingt sich die Startgerade herunter, das blöde Ding zeigt immer noch rot. Nervös spielen wir mit dem Gas. Soeben haben wir in der PC-Test-Version von Need for Speed Shift einen Lamborghini Reventon freigespielt. Die Vorfreude ist groß, wie wird sich dieses 1,2 Millionen Dollar teure Geschoss wohl fahren? Die Kamera schwebt ein letztes Mal durch die Reihen, fängt die vibrierende Spannung ein. Grün! Gas kommen lassen, durchdrücken- Ekstase. Alter, schenkt der Sound ein. Einfach nur Wahnsinn, wie sich der schwarze Supersportwagen windet und aufbäumt. Wie die Zwölfzylinder ihre unbändige Kraft herausschreien. Als wollte er eure Sinne fluten. Ein Lamborghini Reventon trat einmal gegen einen Tornado-Kampfjet an. Und unterlag nur knapp. Gerade mal 20 Stück davon gibt es weltweit.

So, Sabbermodus aus, und ran an die Fakten! Die Need for Speed-Reihe ist schon immer bekannt dafür gewesen, Computerspieler mit und ohne Führerschein an das Steuer sündhaft teurer Traumautos zu lassen. Doch das ist auch schon das einzige, was Shift mit dem vorangegangen Need for Speed-Teilen zu tun hat. Polizei gibt’s keine. Nun gut, wenn ihr eure Anlage voll aufdreht, kommen vielleicht die örtlichen Gesetzeshüter vorbei, aber wenn die unter 30 sind, werden sie wahrscheinlich auch lieber mal den Reventon über den ehrwürdigen Circuit de Spa-Francorchamps heizen, als der Ruhestörungsbeschwerde durch eure Nachbarn nachzukommen.

Unser Video zeigt euch, wie ihr beim Start in einen wahren Sog aus Selberspielen und Erklärungsvideos geratet.

Wir spielen lieber ohne Grünberockte an unserer Seite. In Circuit de Spa-Franchorchamps gilt es die berühmte Kurvenkombination zu meistern, das Eau Rouge/Raidillon. Wir sehen die scharfe Rechtskurve, lenken hart links, tippen die Handbremse an. Die Hinterachse schert aus, das linke Hinterrad schleudert über den Bordstein. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren, das Auto nicht ausbrechen lassen. Schnell, aber kontrolliert gegenlenken, den Lamborghini auspendeln und gerade stellen. Der Reventon bewegt sich, fühlt sich richtig echt an. Einfach toll! Uns gefällt auch, dass sich Need for Speed Shift noch einen Hauch simulationslastiger gibt als Colin McRae Dirt 2 (siehe unseren Test) -- was für die beiden Serien (rechnet man die Colin-Mc-Rae-Rally-Originale ein) nichts weniger ist als die Invertierung des Gewohnten. Wer komplett auf Fahrhilfen verzichtet, wird ein ausbrechendes Heck kaum einfangen können – so muss das sein, so macht das Spaß! Apropos: Mehr Spaß habt ihr, wenn ihr einen Controller wie das Xbox 360-Gamepad an den PC anschließt oder gar ein Lenkrad. Mit der PC-Tastatur (Zahlentasten) ist das Spiel zwar steuerbar, aber eure dann arg ruckhaften Lenkbewegungen lassen euch die Ideallinie nur selten halten.

Einsteiger rasen mit Komfort

Clever auch, wie Shift eure Fahrkünste einstuft: Zu Beginn der Karriere steht ein Rennen im BMW M3 auf der britischen Rennstrecke Brands Hatch nahe Kent auf dem Fahrplan. Schon vor dem Rennen macht euch eine deutsche Stimme aus dem Off mit dem Wichtigsten vertraut -- schon wissen wir, die grünen, gelben oder roten Pfeilsysmbole auf dem Asphalt zu deuten.Grün heißt Gasgeben, Rot Bremsen, und die Ideallinie zeigen die Symbole auch gleich an. Aber nicht nur das: Je nach Zielposition und gezeigtem Fahrstil in diesem Zweirunden-Auftaktrennen ordnet »Shift« den Spieler in eine der insgesamt vier Schwierigkeitsstufen ein. So werden bei ganz Unbedarften beispielweise ABS, ESP, Traktionskontrolle und Automatikschaltung aktiviert, die KI auf "leicht" und das Schadensmodell auf "nur optisch" gestellt. Ihr dürft die Einschätzung des Programms aber sofort (oder später) im Detail korrigieren.

Vor allem PS-starke Boliden wie dieser Ford GT-R neigen zum Ausbrechen. Jetzt heißt es ruhig bleiben..


Aber jetzt mal ernsthaft: Einen Lamborghini Reventon, Audi R8 5.2 FSI oder Bugatti Veyron mit Automatik zu steuern, ist doch nur etwas für Leute, die ein 200-Euro-Kobe-Steak mit Ketchup verzehren. Unser Tipp an Einsteiger: Beweist euch erstmal in einer der unteren Klassen und schaltet dann nach und nach diesen ganzen Komfort-Krams ab. Denn erst dann entfaltet Need for Speed Shift seine wahre Faszination. Wenn die linke oder rechte Fahrzeugseite eines edlen Veyron seitlich in sandiges oder abschüssiges Gelände gerät, ist richtig fahrerisches Können gefragt, um den Wagen wieder zu stabilisieren.

Und Fortgeschrittenen möchten wir ans Herz legen, aus der (sehr intensiven) Cockpitperspektive zu fahren und den zweithöchsten Schwierigkeitsgrad zu wählen. Ist euch der zu hart, stellt ihr einfach ein paar Komfortsysteme an. Die Beschleunigungshilfe können wir durchaus empfehlen, der Bremsassistent hingegen hat Streckenverbot: Er reagiert viel zu übertrieben und unsensibel, bremst richtig hart ab vor eigentlich lockeren Kurven. Daher weg damit, damit nehmt ihr euch wertvolle Sekunden und den halben Spaß.

Das Punktesystem: Da steckt Liebe zum Auto drin

Bei PS-schwächeren Autos kommt es darauf an, das Tempo zu halten und schnell aus Kurven herauszufahren.
Wer das erste Rennen gegen 15 KI-Fahrer in Brands Hatch gewonnen hat, darf sich über 40.000 Euro freuen. Die werden direkt mal in einen Audi S4 investiert – denn der BMW M3 war nur ein Leihwagen. Mit jedem Sieg öffnen sich neue Modi und Ligen. Entwickler Slightly Mad hat sich bewusst gegen eine offene Welt mit Racing-Events entschieden. Gut so, endlich kein nerviges Wo-ist-denn-das-nächste-Rennen-Gesuche mehr. Stattdessen erwarten euch Positionskämpfe an 19 Orten und auf 37 Strecken. Als zusätzlichen Motivationsfaktor holen die Briten die Sterne vom Himmel. Nein, keine Angst, es gibt keine  Herzschmerz-Story. Vielmehr ordnet eine lang gezogene blaue Messleiste am oberen Bildschirm jede Fahraktion in zwei Kategorien ein: Fahrkönnen und Aggressivität.

Hier mal ein paar Beispiele aus unserer Statistik: Zehn Kurven im Drift nehmen, drei Piloten per Heckstubser einmal um die eigene Achse drehen – macht eine kleine Auszeichnung. Die Große gibt’s erst, wenn wir alle Aggressivitätsstufen erklommen haben. Da warten später noch richtig fiese Manöver, wie einen Porsche GTR so hart rammen, das er sich überschlägt. Nichts für uns, da fahren wir doch lieber die alternative Profi-Schiene: Perfekte Starts, rempelfreie Überholmanöver, gewissenhaftes Abfahren der Ideallinie, fehlerfreie Kurven – kein einziger Blechkontakt während einer Runde. Wer unseren Dirt 2-Test gelesen hat, wird sich nun zu Recht die Frage stellen, warum das Sterne-System von Shift mehr Spaß macht als das von Dirt 2. Das mit ein paar Worten zu erklären, ist schwierig, man muss es fühlen. Bei Shift wirkt das Sterne-System wie ein integraler Bestandteil, der überall wiederzufinden ist. In jedem Menü, auf jeder Strecke. Es wirkt ausgeklügelt, durchdacht und ist richtig schick designt: Anfangs steht da nur ein hässliches Radkreuz. Mit steigendem Level wird es mit Zierrat und Goldschmuck verziert. In der der höchsten der fünf Fahrerklassen dann sogar mit Eichenlaub und goldenen Intarsien. Das streichelt die Seele enorm.

In Dirt 2 wirkt das prinzipiell sehr ähnliche System irgendwie aufgesetzt. So als wollten die Entwickler eigentlich eine Simulation machen, aber der Publisher will irgendwo noch die Casual-Spielerschaft beglücken (Auch die Du-kannst-zwar-nicht-fahren-und-baust-ständig-Unfälle-hast-aber-trotzdem-Punkte-verdient-Strategie genannt).

Die beeindruckende Grafik
Need for Speed Shift sieht fantastisch aus: 1 Schon das Intro kann Normalsterbliche beeindrucken und verspricht doch nicht zu viel. 2 Um die schicken Wagen zu bewundern, nutzt ihr am besten die Außenansicht. 3 Aber auch die Umgebungen wie diese karge Wüstenlandschaft können sich sehen lassen. Doch so schön die vielen Effekte auch sind: 4 Auf der Rennstrecke macht Need for Speed Shift die beste Figur. 5 Unfälle und Karambolagen sehen aus der Cockpitsicht weniger drastisch aus, wirken aber gleichzeitig intensiver. 6 Der wahre Augenschmaus ist natürlich  bei den Autos selbst zu finden; hier ein Aston Martin DB9.

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