Test: Das Marken-Burnout

Need for Speed Most Wanted Test

Nach Hot Pursuit im Jahre 2010 präsentiert das englische Studio Criterion seinen zweiten Racer unter dem Label Need for Speed. Offene Welt, neue Spielansätze und die bewährte Chameleon-Engine dienen als Unterbau. Kann Most Wanted dem legendären Original aus dem Jahr 2005 gerecht werden? Und wie schlägt es sich gegen Forza Horizon?
Daniel Wendorf 31. Oktober 2012 - 22:31 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Need for Speed – eine legendäre Rennspielserie, die viele Jahre der Maßstab für gelungenes Arcade-Racing war. Der erste offizielle Teil der Serie begeisterte 1996 Rennspielfans auf der ganzen Welt. Teil 2 war ein überdurchnittlich guter, wenn auch leicht unspektakulärer Racer, der in jeder Hinsicht vom dritten Teil – Hot Pursuit – getoppt wurde. Der titelgebende Verfolgungsmodus sorgte für eine Mordsgaudi und wurde viele Jahre von der Community gepflegt und gespielt. Mit Need for Speed Underground 2 öffnete sich die Serie dann für eine frei befahrbare Welt und setzte ein Jahr später, 2005, mit Most Wanted auch wieder die Polizei ein. Fans streiten seit jeher, ob die freie Welt nun Fluch oder Segen ist und dieser Wendepunkt in eine gute oder eine schlechte Serienzukunft führte. Fakt ist: Es war kommerziell erfolgreich, weshalb EA mit wenigen Ausnahmen wie den hervorragenden Shift-Ablegern auf die entsprechenden Zutaten vertraut. Bevor wir nun zum neuesten Teil, dem 2012er "Remake" von Most Wanted, kommen, ein Vorschlag: Schaut euch doch zuerst das von uns kommentierte First15-Video an, dann habt ihr eine gute Vorstellung vom Spiel, bevor ihr mit dem eigentlichen Testbericht weitermacht.

Start your enginesCriterion Games bleibt dem Konzept ihres eigenen Need-for-Speed-Debüts Hot Pursuit (GG-Test: 7.0) weitgehend treu und erlaubt euch den sofortigen Zugang zu allen Bereichen der fiktiven Stadt Fairhaven. Optisch erinnert die Metropole an das gegenwärtige Detroit – eine trostlose Industriestadt, deren Prosperität vergangener Jahrzehnte nur noch zu erahnen ist. Als Tourist auf vier Rädern ist Fairhaven für uns zunächst eines: eine großartige Spielwiese. Wir brettern über die Highways, überwinden im wahrsten Sinne des Wortes fliegend Baustellen, driften durch Tunnel, um dann anschließend im Slalom durch den Gegenverkehr zu fahren. Nebenbei finden wir zahlreiche zerstörbare Werbetafeln, Zäune, die uns von der Entdeckung von Abkürzungen abhalten wollen (was selbstredend nicht gelingt) und Radarfallen, die wir auslösen, um der örtlichen Polizei zu zeigen, wer der neue Raserkönig der Stadt ist. Erinnert euch diese Beschreibung in großen Teilen an Paradise City aus Burnout Paradise (GG-Test: 7.0)? Nicht nur euch! (Für Insider: Wenigstens bleibt euch DJ Atomika erspart).

Womit wir auch schon beim Thema wären: Das Police Department Fairhaven erweist sich als starker Gegenspieler und versucht mit allen Mitteln, Geschwindigkeitsjunkies Einhalt zu gebieten. Schon im ersten Most Wanted waren die Blaulicht-Boliden der Gesetzeshüter hartnäckige Verfolger, die im Dutzend durch die Gegend fuhren, Straßensperren errichteten oder mit Nagelbändern versuchten, uns die Reifen zu demolieren. Wenn dann noch die Rhinos – besonders schwere SUVs – unseren Weg kreuzten, schnellte der Puls hoch. Abschütteln konnten wir die Cops durch Ausschalten der Einsatzwagen und mittels „Pursuit Breaker“, fest definierten Zerstörungspunkten in der Welt. Da explodierte die Tankstelle, kugelte ein Donut über die sechsspurige Autobahn oder fiel ein Wasserturm um und begrub die Streifenwagen unter sich. Wenn wir dann ein Versteck besuchten, endete die Verfolgung rasch, was eine hohe Planbarkeit garantierte. Das 2012er-Revival hingegen knallt euch Cops vor den Latz, die ungleich schwieriger abzuschütteln sind. Pursuit Breaker in dem Sinne gibt es nicht und Verstecke werden euch nicht direkt auf der Karte markiert, sondern ihr müsst sie selber finden. Tipps in diese Richtung gibt euch Need for Speed Most Wanted nur wenige.

Mit der Zeit werdet ihr aber Wege finden, den Cops zu entwischen. Mit zunehmender Kenntnis der Umgebung entdeckt ihr Stellen in der offenen Spielwelt, an denen ihr sie abhängen könnt, und versteckt euch dann etwa in einem großen Rohr auf einer Baustelle. Aber gerade in den ersten Spielstunden nervt die Polizei extrem, wir fühlen uns ihr hilflos ausgeliefert. Haben wir sie gerade abgehängt und bleiben in einem Tunnel stehen, um unseren Fahndungslevel zu senken, taucht plötzlich ein Polizeiauto am anderen Ende des Tunnels auf. Baut ihr auf eurer Flucht einen Crash, sind euch die Cops normalerweise gleich wieder auf den Fersen. Das Ende bedeutet der Unfall hingegen nicht. Euer Fahrzeug wird zurückgesetzt und ihr erhaltet einmal mehr die Chance, zu entkommen. Fühlt ihr euch von den Gesetzeshütern aber zu sehr genervt, gibt es zumindest im freien Fahrmodus eine effektive Methode, den Spuk zu beenden: Lasst euch freiwillig erwischen. Damit verzichtet ihr zwar auf die Punktebelohnung für das erfolgreiche Abschütteln, schont aber des Öfteren eure Nerven.

Und dann gab es da noch Rennen...
Zerstören wir Reklameschilder oder Absperrzäune, erhalten wir als Belohnung Speedpoints auf unser Konto. (360)
Hinter all den Verfolgungen, Radarfallen und der freien Erkundung steckt in Need for Speed Most Wanted tatsächlich noch ein Rennspiel mit typischen Spielmodi. Rundkurs- und "Sprint"-Rennen stehen genauso auf dem Plan wie Checkpoint-Rennen mit freier Routenwahl. In "Hinterhalt"-Missionen müsst ihr ohne KI-Konkurrenz in einer vorgebenen Zeit der Polizei entkommen. Ebenfalls allein unterwegs seid ihr in "Tempojagd", wo ihr die Ziellinie mit höchstmöglicher Durchschnittsgeschwindigkeit durchqueren müsst. Jeden dieser Events müsst ihr zunächst in der Stadt aufsuchen. Einmal bestritten, könnt ihr dann jederzeit wieder darauf zugreifen, ohne euch erneut durch den Verkehr zu schlängeln.

In den Rennen erweist sich die KI-Konkurrenz als äußerst ruppig und vernichtet das eigene gute Rennresultat zugunsten einer Behinderung eures Boliden. Diese Rowdymenatlität ist aber gut zu kontrollieren, etwa durch abruptes Abbremsen oder gezielten Nitroeinsatz. Zudem stellt sie eine schöne Herausforderung dar. Richtig gefährlich wird es nur, wenn die Polizei in das Renngeschehen eingreift. Attackiert werdet nur ihr, das KI-Fahrerfeld wird lediglich "eskortiert". Habt ihr das Feld dann doch abgehängt und einen respektablen Vorsprung herausgefahren, ist dieser noch lange kein Garant zu einem Sieg. Zu oft erlebten wir, dass die Opponenten crashten – auch ohne unser Zutun – und trotzdem schon wenige Sekunden später wieder unser Heck mit ihrer Frontschürze knutschten. Schöner als mit Most Wanted kann man Rennspiel-Einsteigern kaum erklären, was mit "Gummiband-Effekt" gemeint ist. Es ist deshalb sehr sinnvoll, sich für die letzten Meter immer noch etwas Nitro aufzusparen. Umgekehrt ist der Gummiband-Effekt nicht ganz so stark: Ist der Vorsprung eurer Gegner relativ groß, ist es in Most Wanted nicht selbstverständlich, dass ihr noch alle Fahrer vor der Ziellinie abfangt.

Wo geht's lang?Für Need for Speed ungewöhnlich: Es gibt in Most Wanted keine künstlichen Streckenbegrenzungen. Ihr könnt also bei einem Rennen nicht – wie in vielen der Vorgänger – mit "Bande" spielen und die transparenten, aber undurchlässigen Lichtwände durch halbschräges Anfahren benutzen, um ohne großen Geschwindigkeitsverlust eine Kurve zu nehmen. Ballert ihr in Most Wanted mit voller Geschwindigkeit auf eine dieser Lichtwände zu, die euch die Richtung mittels Pfeilen anzeigen, landet ihr dahinter. In den meisten Rennen werdet ihr von den Lichtwänden aber ohnehin nicht viel mitbekommen, da euch die Position der Checkpoints zuverlässig in die korrekte Richtung führt – selbst der Blick aufs Navi ist dadurch häufig nicht nötig. Sehr gut finden wir, dass auch eure Gegner Abzweigungen oder Checkpoints verpassen können, gewollte künstliche Blödheit, sozusagen. Das Navigationssystem zeigt euch zuverlässig den Weg zum nächsten Ziel an, wobei der Ausschnitt der Minimap gerne etwas mehr Straßennetz hätte zeigen dürfen. Anders als etwa in GTA 4, wo ihr sogar um Einbahnstraßen herumgelotst werdet, achtet das Navi allerdings nicht so sehr auf Verkehrsregeln, sondern leitet euch auch mal auf die Gegenspur auf der Autobahn. Aber so gehört sich das für das Navi eines Arcade-Racers!

Jedes Rennen, das ihr erfolgreich absolviert, jedes zerstörte Werbeschild, jede demolierte Absperrung und jede ausgelöste Radarfalle bringen euch Speedpoints, die eurem Konto gutgeschrieben werden. Wozu? Um di
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e Top Ten der Most Wanted herauszufordern. Anders als im Vorbild von 2005 ist euer Aufstieg in der Most-Wanted-Liste nicht in eine Story verpackt. Es gibt also auch keine Bildchen und Kurzbiographien der zu schlagenden Fahrer oder Zwischensequenzen in B-Movie-Qualität. Sobald ihr eine gewisse Punktzahl erspielt habt, könnt ihr einen der Most-Wanted-Fahrer herausfordern und in einem knackigen Sprintduell besiegen. Seine Karre rückt er danach aber nicht widerstandslos heraus: Nach dem Rennsieg müsst ihr ihn verfolgen und einen Totalschaden bei ihm verursachen. Schade finden wir, dass die Speedpoints das Einzige sind, was wir zum Herausfordern der Most-Wanted-Fahrer brauchen. In der ersten Most-Wanted-Inkarnation mussten wir noch unterschiedliche Voraussetzungen erfüllen, um die Fahrer der Blacklist herauszufordern. Eine bestimmte Anzahl an Rennsiegen war nötig, eine bestimmte Menge Kopfgeld durch erfolgreiche Verfolgungsjagden mit der Polizei – außerdem musste auch euer Auto auf einen bestimmten Leistungsstand gebracht werden. All das entfällt in der Neuauflage, was allerdings auch bedeutet, dass ihr nicht genötigt werdet, Dinge zu tun, auf die ihr keine Lust habt.
Autolog und Multiplayer im Detail
Das Autolog ist das zentrale Feature des Spiels und ist das Bindeglied zwischen Einzelspieler-Erfahrung und Mehrspieler-Wettstreit. Schon vor Betreten eines Events seht ihr, ob die Konkurrenz vor Ort war und wenn ja, welche Bestmarken sie aufgestellt hat 1. Einen detaillierteren Vergleich erhaltet ihr in einem gesonderten Menü, das alle relevanten Bestmarken zusammenfasst und den Spielfortschritt visualisiert:  2 Alles, was ihr in Fairhaven macht, wird in Echtzeit abgeglichen, so auch die Leistungen eures aktuellen Rennens im Mehrspielermodus. Dieser ist wesentlich abwechslungsreicher als die Kampagne, bietet die liebgewonnenen Driftrennen 3, die Speed Challenges auf Highways 4 oder Weitsprungwettbewerbe über Dünen und Bergkuppeln 5. Damit wir unsere Konkurrenz nie aus den Augen verlieren, wird sie sogar auf der Karte geführt – und in die bestehende Top Ten der Most Wanted integriert. Ihr setzt euch also nicht nur gegen KI-Fahrer durch, sondern nehmt es auch mit euren Freunden auf 6.
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