Test: Kleiner Korse gegen Europa

Napoleon Total War Test

„Die Sonne von Austerlitz“ geht über einem Spiel auf, das vielseitiger kaum sein könnte: komplexe Rundenstrategie, packende Echzeit-3D-Gefechte, drei Kampagnen solo oder gegen einen Freund. Dazu gibt's historische Schlachten, generische Kämpfe und Opt-in-Battles. Doch kann Napoleon die KI- und Bug-Schmach von Empire Total War tilgen?
Jörg Langer 25. Februar 2010 - 20:45 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC
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Ziemlich genau ein Jahr nach Empire Total War kommt der zunächst als Addon geplante Nachfolger auf den Markt: Napoleon soll die bis heute nicht beseitigten schweren Bugs von Empire auslassen, der wechselhaften Künstlichen Intelligenz eine kräftige Nachhilfestunde geben und gleichzeitig diverse Spielregeln sowie die Schlachtgrafik überarbeiten. Im Großen und Ganzen aber habt ihr wieder ein typisches Total-War-Spiel vor euch. Während ihr auf einer Landkarte rundenweise Städte ausbaut, Truppen rekrutiert, Armeen verschiebt und Flotten segeln lasst, tragt ihr die zwangsläufig folgenden Gefechte in (bedingt spannenden) See- und (ungemein spannenden) Landschlachten aus, in schönster 3D-Grafik und in Echtzeit. Dazu gibt es, im Vergleich zu Empire, eine deutlich aufgemöbelte Diplomatie, einen weniger wichtigen Handel und eine reduzierte Forschung – letzteres ist ziemlich logisch, da Napoleon Total War in seinen Kampagnen viel kürzere Zeiträume abdeckt als die 100 Jahre von Empire.
 
Vor 200 Jahren: Napoleon unterjocht Europa

Info: Strategiemodus
Falls ihr die Serie noch nicht kennt:

Im Strategiemodus besteht euer Reich aus mehreren Provinzen, die jeweils eine Hauptstadt (entscheidet über den Provinzbesitz) sowie etwa ein bis drei weitere Ortschaften verfügen kann. Während ihr in den Städten mehrere Gebäude wie Drillschule, Kanonengießerei oder Theater errichten könnt (die euch Boni wie höhere Steuern oder größere Zufriedenheit geben, oder bessere Truppen rekrutieren lassen), müsst ihr euch bei den Ortschaften für einen "Ausbau" entscheiden, etwa eine Universität, in der nach neuen Technologien geforscht wird.

Der Strategiemodus läuft rundenweise, also ohne Zeitdruck ab: Ihr entscheidet, welche Städte was bauen sollen, schickt Schiffe und Armeen (möglichst mit einem General) über die Landkarte. Kommt es dadurch zu Kämpfen, werden diese entweder ausgewürfelt oder in aufwändigen 3D-Schlachten ausgetragen, wobei ihr die volle Kontrolle habt.

Im Rundenmodus findet außerdem Diplomatie statt, ihr könnt die Steuersätze eurer Zwei-Klassen-Gesellschaft anpassen und sogar Minister neu benennen.
Nachdem er aus dem revolutionären Frankreich die stärkste Einzelmacht Europas und sich vom kleinen Offizier zum „Ersten Konsul“ gemacht hatte, wurde Napoleon am 2. Dezember 1804 zum Kaiser gekrönt. Und zwar von sich selbst. Dann rüstete er zum 3. Koalitionskrieg gegen England, Russland, Österreich und Schweden, doch seine Gegner kamen ihm zuvor: Von massiven englischen Geldzahlungen unterstützt, stellte Österreich ein 120.000-Mann-Heer in Norditalien auf, während General Mack von Liebereich mit seinen 70.000 Mann in Süddeutschland darauf wartete, von russischen Armeen verstärkt zu werden. Napoleon, der an der Kanalküste eigentlich die Invasion Englands plante, erfuhr davon und reagierte: Ende August brach er mit seiner Grande Armée in Boulogne auf, am 24. September überschritt er mit rund 220.000 Soldaten an zahlreichen Stellen den Rhein.
 
Zuerst überrumpelte er durch die Geschwindigkeit seines Vormarsches General Mack und nahm einen großen Teil von dessen Armee gefangen. Dann manövrierte er Marschall Kutusow aus und zwang diesen zum Rückzug über die Donau. Währenddessen beschäftigten drei seiner sieben Corps die Hauptstreitmacht der Österreicher in Norditalien. Bereits am 13. November zog Napoleon in Wien ein – die Grande Armée hatte in weniger als drei Monaten gut 700 Kilometer zurückgelegt. Am 2. Dezember 1805 – exakt ein Jahr nach seiner Krönung – schlug Napoleon in der „Dreikaiserschlacht“ von Austerlitz mit überlegenen Manövern eine zahlenmäßig stärkere Armee aus Russen und Österreichern. Noch im selben Monat endete der Feldzug mit dem Frieden von Pressburg. Österreich war geschlagen, verlor Gebiete und Protektorate. Napoleon konnte zur Neuordnung Süd- und Westdeutschlands schreiten und sein Auge auf die verbliebenen Gegner richten. In den nächsten Jahren wuchs der französische Einfluss durch Diplomatie und Krieg immer weiter, auf dem Höhepunkt von Napoleons Macht, um 1811 herum, kontrollierte er direkt und indirekt einen Großteil Europas.
 
Genau diese Zeitspanne lässt euch das Europa-Szenario von Napoleon Total War nacherleben – als Napoleon, der gleichzeitig Herrscher Frankreichs und der stärkste General auf der Karte ist. Dem Willen der Designer nach sollt ihr aber erstmal in der optionalen Tutorialkampagne den Aufstieg des kleinen Korsen vom Artillerieoffizier zum Revolutionsgeneral erleben, dann in der (um mehrere Spiel-Features beraubten) Italien-Kampagne die Österreicher besiegen, bevor ihr es in Ägypten und Umgebung Briten und Osmanen zeigt. Total-War-Veteranen müssen sich jedoch nicht mit den Vorgruppen abgeben, sondern können gleich den Main Act erleben: Es genügt, die Italien- und Afrika-Kampagne jeweils zu starten und wieder ins Hauptmenü zurückzugehen, schon ist die Europa-Kampagne zugänglich. Die spielt ihr entweder als Napoleon oder, leicht abgewandelt, als „Koalitonskampagne“. Bei letzterer übernehmt ihr nur eine der vier Großmächte England, Österreich, Russland oder Preußen; die beiden anderen Großmächte Spanien und Osmanisches Reich bleiben der KI vorbehalten.

Abfangmöglichkeit während des KI-Zugs: Soll unser 6-Sterne-General Davout den Preußen-Feldherr von Thielmann abfangen, der von sächsischen Einheiten verstärkt wird? Zwischen den Heeren wandert ein preußischer Edelmann...

 
Größere Linearität: Schlechter als Empire?

Nicht nur die Italienkampagne – bei der ihr nur wenig Wahl habt, wie ihr euch über den relativ kleinen Kriegsschauplatz vorarbeitet – ist linear. Auch der Afrika-Feldzug ist ziemlich vorgegeben: Erst gilt es Kairo einzunehmen (in 3 oder 4 Spielrunden vollbracht), und dann die Osmanen anzugreifen. Zwischendrin entscheidet ihr euch, ob ihr das Wagnis einer Invasion Zyperns eingehen wollt, um die dortige britische Flottenbasis zu zerstören, oder lieber auf französische Originaltruppen als Verstärkung verzichtet. Doch was ist mit der Hauptkampagne, die von 1805 bis 1812 geht?
 
Der Spielbeginn ähnelt exakt der einleitend beschrieben Situation im September 1804. Napoleon steht mit einer starken Armee bereits am Rhein. England, Schweden, Österreich und Russland befinden sich im Krieg mit Frankreich, nur Preußen zögert noch. Nicht nur aufgrund der räumlichen Nähe empfiehlt es sich, dem historischen Vorgehen Napoleons zu folgen: Mit der Einnahme Wiens zwingt ihr – fest verdrahtet in den Szenarioregeln festgeschrieben – Österreich zum Frieden, sodass ihr euch nicht mit der zeitraubenden Eroberung der österreichischen Besitztümer im Osten beschäftigen müsst, sondern gleich gen Preußen ziehen könnt. Natürlich könnt ihr Österreich stattdessen erst mal leben lassen und gleich Richtung Preußen ziehen, ihr könntet euch sogar auf einen Defensivkrieg am Rhein einlassen und eure stark unterlegene Flotte aufrüsten, um als erste Großtat England anzugreifen. Aber in 9 von 10 Partien werdet ihr unserer Einschätzung nach im Großen und Ganzen das nachspielen, was sich vor 200 Jahren militärisch in Europa zugetragen hat, da das einfach am sinnvollsten ist. Preußen kann zwar neutral bleiben, aber es liegt eben zwischen euch und Russland – ein dauerhafter Friede ist da nicht möglich, zumal ihr zum endgültigen Sieg auch Berlin erobern müsst.
 
Diese starke Vorzeichnung eures generellen Weges ist zunächst einmal ein deutlicher Nachteil gegenüber dem Vorgänger Empire, bei dem es die Schauplätze Europa, Indien und Amerika nebst Karibik gab, und zudem mehrere befahrbahre Seehandelsgebiete, etwa vor der Elfenbeinküste. Diverse Parteien waren dort von Anfang an auf zwei Kontinenten zugange, manche auf drei. Und eine europäische Landmacht wie Österreich zu Kolonien in der Neuen Welt oder Indien zu verhelfen, stellte eine ebenso interessante wie schwierige Herausforderung dar. Das Europa in Napoleon Total War ist zudem zwar im Maßstab größer, in der abgedeckten Fläche (vor allem in Sachen Meeresgebiete) aber noch kleiner als das Europa in Empire; es reicht von England im Nordwesten bis zu einem Teil des Osmanischen Reichs im Südosten, und von Gibraltar im Südwesten bis nach Moskau im Nordosten. Die Karte fühlt sich immer noch sehr groß an und ist durch den größeren Maßstab auch taktisch anspruchsvoller, so gibt es meist mehrere Routen und Engpässe zwischen zwei Hauptfraktionen, die ideal für Defensivschlachten oder Hinterhalte sind. Und dennoch: Die enorme Freiheit von Empire („Gehe ich nach Amerika oder erobere ich Westeuropa?“ et cetera) bietet Napoleon zu keiner Zeit.

In der weitesten Zoomstufe passt ganz "Deutschland" (das es 1810 natürlich noch nicht gab) auf einen Bildschirm. Die farbigen Flächen kennzeichnen die Reichweite unserer von Napoleon geführten Armee. Hellblau steht für "alles okay", Gelb für "Achtung, Gegner kann abfangen" und Rot für "blockiert" oder "kein Durchmarschrecht vereinbart".
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