Brutaler denn je

Mortal Kombat X Test

Die 1992 gestartete Prügelreihe genießt den zweifelhaften Ruf, eine der brutalsten Spieleserien überhaupt zu sein. Der neueste Ableger nimmt aber nicht bloß beim Grad der Gewaltdarstellung eine Spitzenposition ein, sondern beweist, dass auch hinter einer blutrünstigen Fassade eine ausgeklügelte Spielmechanik stecken kann.
Benjamin Braun 13. April 2015 - 23:00 — vor 3 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Als erstes zieht er seinem Gegenüber das metallene Endstück seines Stabs über den Hinterkopf. Ob auch die Schädelbasis betroffen ist, lässt sich bei den ganzen Knochenteilen, die unter der Wucht des Schlags zerbrechen, kaum ausmachen. Aber offenbar will es der Stockträger bei dieser schwersten Verletzung nicht belassen. Stattdessen verpasst er seinem Kontrahenten einen mächtigen Tritt gegen die Brust, der weitere Knochen brechen und die geborstenen Rippen wie riesige Zahnstocher in die inneren Organe eindringen lässt. Auch das sehen wir in einer Art Röntgenansicht, in der wir jedes Detail der Os-Musculus-Zerstörung bestaunen dürfen. Doch halt, das ist ja gar kein Stock, den der Knochenbrecher bei sich trägt. Die Feststellung, dass es sich um einen Bogen handelt, bringt ihn kurzerhand auf eine neue Idee. Man könnte es auch als eine Art Imitation des Schweizer Volkshelden Wilhelm Tell bezeichnen. Beide schießen schließlich mit Pfeilen auf Äpfel. Nur dass es hier eben nicht um schmackhaft rot glänzende Baumfrüchte geht, und auch nicht um den Adamsapfel, sondern um zwei andere "Äpfel" im Gesicht...

Wir könnten uns jetzt angeekelt abwenden. Wir bleiben aber tapfer und schauen weiter hin. Und wie erwartet, ist es nur halb so wild: Der andere Kämpfer ist wieder quietschfidel und hat lediglich ein bisschen was von seiner Lebensenergie verloren. Wir sind eben immer noch in einem Spiel, wenn auch in einem, das die Gemüter genauso spalten dürfte wie seine Vorgänger.

Nichts für Zartbesaitete
Jeder Charakter verfügt über zwei Fatalities sowie einige andere Finisher. Sonya Blade setzt dabei ihre Drohne ein.
Mortal Kombat X gehört zu den grafisch und inhaltlich brutalen Videospielen. Ähnlich wie beim vor gut vier Jahren veröffentlichten letzten Serienteil stellen nicht unbedingt die serientypischen Finisher (Fatalitys) die extremsten Situationen dar. Bereits die sogenannten X-Ray-Angriffe, einen davon haben wir eingangs beschrieben, treiben die Gewaltdarstellung in absurde Höhen. Der Blutgott Kotal Kahn rammt etwa einen Speer in den Hals seines Kontrahenten und dreht ersteren dann so lange im Kreis, bis die Halswirbelsäule bricht. Scorpion wiederum tritt seinem Gegner erst mal mit dem Knie gegen den Unterkiefer, der das Ganze natürlich nicht in einem Stück übersteht. Dann suchen seine Kettenspeere Halt im Schädel des anderen Kämpfers, der dann schließlich mithilfe der Ketten, den Kopf nach unten, auf den Boden geschleudert wird.

Daneben gibt es noch eine Reihe von Finishing-Attacken. Dazu zählen auch diverse "Brutalities", bei denen ebenfalls Köpfe oder auch mal ganze Leiber zerplatzen. Sie könnt ihr nur ausführen, wenn euch am Ende des Kampfs eine bestimmte Menge Lebensenergie geblieben ist und euer letzter Angriff mit einem bestimmten Special Move eingeleitet wurde. Während es von diesen Brutalities bis zu fünf pro Charakter gibt, verfügen die 24, für alle Käufer frei verfügbaren Kämpfer (nur Shinnok muss über die Kampagne freigespielt werden) über jeweils zwei Fatalities. Wie auch in allen früheren Serienteilen haben diese nicht immer die höchste Qualität. Ab und zu werden bestimmte Animationen von mehreren Kämpfern wiederverwendet – und in Anbetracht der mitunter heftigen X-Ray-Angriffe wirkt ein abgeschlagener Kopf nicht besonders spektakulär. Einer der brutalsten Angriffe ist wohl der von Mileena, die erstmals im zweiten Serienteil verfügbar war.

Sie zerschlägt mit ihren Klauen den Bauch ihres Gegners, der dadurch quasi in zwei Hälften geteilt wird. Zu allem Überfluss versucht der unterlegene Kämpfer sich nach hinten wegzuziehen, woraufhin seine Gedärme aus dem Oberkörper rausrutschen. Wenn euch allein die Vorstellung dieser Szene mit Abscheu erfüllt, dann ist Mortal Kombat X gewiss nicht euer Spiel. Splatter-Fans kommen hingegen auf ihre Kosten, zumal das absurde Maß an Brutalität nicht wirklich ernstgenommen werden kann. Kleines Beispiel: Bei Scorpions zweitem Fatality lässt er einen Steinpfahl hinter sich herausfahren und spießt mit seinem Schwert darauf schließlich den abgetrennten Kopf seines Gegners auf. Das ist in sich kein besonders eindrucksvoller Finisher. Dass aber das rechte Auge im Kopf noch zuckt, ist genau die Art von Brachial-Humor, die Serienfans schon immer an der Reihe mochten.
Die X-Ray-Angriffe sind oft brutaler als die Finisher. Was mit dem Genick bei diesem Tritt passiert, könnt ihr euch denken.

Die Qual der WahlMortal Kombat hatte schon immer den Ruf, abseits der Gewalt nicht allzu viel zu bieten – ein Ruf, der schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gerechtfertigt ist. Das Studio Netherrealm forciert in der neuesten Inkarnation die spielerischen Elemente weiter. Das zeigt sich vor allem an den drei unterschiedlichen Stilen der 24 Kämpfer (den vierarmigen Goro erhält man nur als Vorbesteller oder durch einen Griff ins Portemonnaie). Anders als in Mortal Kombat Deception könnt ihr aber nicht frei zwischen den Stilen hin und her schalten. Stattdessen müsst ihr euch vor dem Beginn eines Turniers oder Einzelkampfes auf einen davon festlegen. Die Stile folgen jeweils ähnlich gelagerten Grundprinzipien. Es gibt zwei offensive Stile und einen eher defensiv geprägten. In allen habt ihr Zugriff auf sämtli
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che Grundangriffe und Kombos, bestimmte Attacken stehen aber nur im jeweiligen Stil zur Verfügung. Sub-Zero etwa könnt ihr in der Rolle als "Großmeister" einsetzen, womit seine Eisklon-Fähigkeit erweitert wird: Wenn ihr wollt, könnt ihr das eisige Abbild nun greifen und auf euren Gegner werfen. Der Stil "Eismagier" wiederum ermöglicht es, verschiedene Angriffe mit Eisschwertern auszuführen, was gerade für Kombo-orientierte Spieler optimal ist. "Unverwüstlich" wiederum ist der defensiv geprägte Stil.

In der Praxis könnt ihr auf diese Weise zum einen euren eigenen Kampfstil stärker betonen, zum anderen nimmt eure Entscheidung insbesondere im Mehrspieler-Duell großen Einfluss auf den Verlauf eines Kampfes. Ihr müsst genauer überlegen, wie ihr auf euren Gegner reagiert – und der wiederum muss es euch gleichtun, um nicht auf verlorenem Posten zu stehen. Ein simples, aber effektives Mittel, um dem berüchtigten Button-Mashing einen zusätzlichen Riegel vorzuschieben. Und auch eines, das den taktischen Anspruch der Kämpfe allgemein auf ein Niveau hebt, bei dem niemand mehr ernsthaft behaupten kann, Mortal Kombat habe spielerisch nichts auf dem Kasten.
Auch Scorpion hat die Wahl zwischen drei Kampfstilen. Beim "Höllenfeuer" kann er einen Feuerball schleudern oder eine Flammenaura zum Selbstschutz erzeugen. Das Grundrepertoire an Moves ist in jedem Stil gleich.

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