Test: Schieß' auf die Moral

Modern Warfare 2 Test

Noch etwas realistisch-beklemmender ist Teil 2 geworden. Aber ist Modern Warfare 2 spielerisch so genial wie der Vorgänger? Nach geschätzt 8.000 gezielt getöteten Pixelfiguren, sieben willentlich gemeuchelten Schäferhunden und zwei abgemurksten Hühnern (versehentlich!) sind wir schlauer. Unsere Antwort ist ein klares „Ja, aber ...“
Harald Fränkel 9. November 2009 - 11:36 — vor 10 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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"Aufwachen, los! Die kommen, um dich zu holen!“, brüllt Captain Soap MacTavish seinem Schützling Gary „Roach“ Sanderson zu. Der liegt benommen zwischen Müll und Dreck in einem Elendsviertel von Rio de Janeiro, nachdem er einen Sprung von einem Dach vergeigt hat. Durch einen blutigen Schleier sehen wir mit den Augen des Sergeanten, dass in einer Gasse mehrere bedrohliche Schatten an der Wand tanzen. „Es sind zu viele!“, kommentiert unser Captain vom Dach aus das Anrücken der Miliz. Zu hören ist Sandersons schweres Atmen. Herzklopfen. Angst kommt auf, jetzt heißt's wohl Beine in die Hand nehmen! Wir sprinten durch eine versiffte Wohnung, über eine Treppe wieder nach oben auf die Dächer. Kugeln sirren und schlagen hinter uns ein. Doch nicht nur der Tod im Nacken treibt uns – die dramatische Musik von Filmkomponist Hans Zimmer (u.a. Gladiator, Last Samurai, Pearl Harbor) macht zusätzlich Feuer unterm Spielerhintern.
 
Weiter geht’s über schmutzige Wellblechdächer. Wäre jetzt Zeit dazu, wir könnten den malerischen Zuckerhut in der Ferne bewundern. Dummerweise verticken auf unserem Bildschirm 30 Sekunden. Also besser darauf konzentrieren, nicht wieder irgendwo runterzupurzeln! Ein kurzes Stück der waghalsigen Flucht rutscht der Protagonist plötzlich unkontrolliert auf dem Hosenboden eine Schräge hinab. Schrecksekunde! Es sind auch kleine vorherbestimmte Einlagen wie diese, die Modern Warfare 2 so fesselnd machen. Als wir kurz vor Ablauf der Zeit auf eine Terrasse gelangen, sehen wir einen Helikopter in der Luft stehen. „Spring!“, kreischt MacTavish. Ramirez spurtet bis zum Veranda-Ende, drückt sich knapp vor dem Abgrund ab, fliegt … und kriegt gerade so ein Stück Strickleiter zu fassen. Gerettet! Zurück bleiben Erleichterung und -- angesichts der Hatz in Schwindel erregender Höhe -- ein Gefühl von Uncharted 2. Was klasse ist!

Eingangs erwartet euch eine Menge Action in diesem Elendsviertel von Rio. Im Hintergrund: die riesenhafte Jesus-Statue auf dem Corcovado.

Abwechslungsreiche Schauplätze

Abwechslung: Oben fahren wir im Schlauchboot, unten ducken wir uns hinter einen Riot Shield.
Wir wollen den Uncharted-2-Vergleich sofort wieder kassieren: Die Hauptstärke von Modern Warfare 2 sind natürlich wieder die teils beklemmend authentisch wirkenden, gleichzeitig popcornkinoreifen Massenschlachten. In Infinity Wards Nachfolger von Call of Duty 4 tanzen die Adrenalinhormone den Samba auch nicht nur in Brasilien: In einer nur noch mit "James Bond" zu vergleichenden Tour de Force verschlägt es erwachsene Ego-Shooter-Fans nach Afghanistan, Moskau und Washington. Sie tauchen zu einer Bohrinsel und gelangen bis in die tiefste russische Pampa. Mehr Abwechslung ist selbst in einem Reisebüro kaum buchbar! 

Variantenreichtum kredenzen ferner die Missionen: Ihr erlebt Verfolgungsjagden mit Jeeps, in einem Boot oder auf Motorschlitten, wobei es in letzterem Fall zeitweise derart halsbrecherisch steil bergab geht, dass einem das Herz in die Hose rutscht. Luftabwehrstellungen sprengen, Daten von einem Computer klauen, mit Eispickeln einen Gletscher erklimmen, Drohnen der US-Luftwaffe fernsteuern und auf Panzerwagen ansetzen, einen Promi schützen, Geiseln befreien, eine Festung mit dem Geschütz eines Kampfhubschraubers perforieren, vorbei an Patrouillen mit Hundeführern durch pulverfeinen Schnee schleichen, im Kugelhagel ums virtuelle Leben bibbern undsoweiterundsofort – dieses Spiel zieht in Sachen Abwechslung wieder alle Register. Dabei ist alles auf euch zentriert, und Skriptsequenzen ersetzen oft eine überzeugende KI. Merken werdet ihr es, außer ihr zwingt euch dazu, kaum.
 
Gerade die Befreiung von Gefangenen haben die Entwickler mitreißend visualisiert: In Zeitlupe blickt ihr nach dem Sprengen der Tür zunächst auf den sich langsam verflüchtigenden Rauch und sowohl auf Geiselnehmer als auch Opfer. Nun kommt es darauf an, schnell zu reagieren: Ihr dürft trotz schlechter Sicht keinen Gefangenen erschießen, müsst aber gleichzeitig die Täter daran hindern, ebensolches zu tun. Wahnsinnig cool! Und dennoch: Wie will man die legendären Scharfschützenmissionen aus Teil 1 übertreffen? Oder jene denkwürdige Szene, bei der wir in der Ich-Perspektive an den Folgen einer Kernwaffenexplosion langsam verreckt sind? Was kann erschütternder sein als ein Atomschlag? Zwei Atomschläge, mögen Zyniker trocken erwidern. Wobei dieser Punkt demonstriert, dass die Entwickler förmlich scheitern mussten. Ja, Modern Warfare 2 ist eine Art Scheitern an den eigenen Vorgaben. Ein Scheitern auf hohem Niveau. Gleichzeitig präsentiert sich der Nachfolger des Actionüberfliegers von 2007 spielerisch absolut überzeugend. Das lässt sich nur nicht mehr so drastisch fühlen, weil mit der Fortsetzung keine weitere Evolution stattgefunden hat. Den Atomschlag-Schocklevel scheint Infinity Ward mit einem emotional noch widerlicheren Erlebnis kompensieren zu wollen -- mehr dazu auf der nächsten Seite.
 
Attacke der "Fliegenden Kavallerie" auf ein russisches Straflager. Mit dabei ist „Soap“ MacTavish, der mit seinem an den Autoren dieses Artikels erinnernden Haarschnitt eigentlich ziemlich frieren müsste! (Herstellerbild)
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