Test: Bittersüße Liebeserklärung

Micky Epic Test

Ein Spiel blind zu kaufen, birgt immer Gefahren. Am ehesten kann man es bei Blizzard- oder Rockstar-Werken wagen, die fast eine Art Genialitätsgarantie bieten. Oder bei Titeln, die im präfrontalen Kortex eines Mr. Spector entstanden sind. Doch selbst hier bestätigen Ausnahmen (= Deus Ex 2) die Regel. Kommen wir nun zu Micky Epic...
Harald Fränkel 26. November 2010 - 15:27 — vor 8 Jahren aktualisiert
Wii
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Endlich halten wir es in Händen, Micky Epic, das Wii-exklusive Werk mit Disney-Lizenz und von einer menschlichen Legende stammend, eines Königs der Entwicklerszene, der unter Fans so etwas wie Gottstatus genießt: Warren Spector (55) ist ein Mann der Gegensätze. Einerseits wirkt er sehr bescheiden und unscheinbar, trägt Brille und Bart sowie meist erschreckend gewöhnliche Pullover über einem profanen Hemd. Dazu ins Bild passt seine bestenfalls durchschnittliche Körperlänge, die ihn aber – und da sind wir beim Andererseits angelangt – selten hindert, sich zu strecken...

Bezaubernde Hommage

Wir reden bei Spectors "Strecken" von dem Strecken, das dazu dient, die Messlatte in Sachen Singleplayer-Spieldesign selbst immer höher zu legen. Im Zentrum der Spector'schen Philosophie stehen dabei traditionell größtmögliche Handlungsfreiheit und daraus resultierende Konsequenzen -- wie er auch in einem kürzlich geführten Interview mit GamersGlobal bekräftigte (siehe Link-Kasten rechts oben).

Was uns zur Prämisse für diese Rezension bringt: Gott schuf einst Klassiker à la Ultima Underworld, System Shock, Dark Project: Der Meisterdieb oder Deus Ex. Diese Meisterwerke wiederum bildeten den Maßstab, den seine Gläubigen nun an seine Werke anlegen. Richten wir über das Ergebnis im Fall von Micky Epic (Englischer Originaltitel: Epic Mickey), bleibt die Erkenntnis, dass Gott zwar nicht tot, aber ebenso wenig unfehlbar ist. Denn Spectors aktuelles Kind entpuppt sich visuell, akustisch und inhaltlich als bezaubernde Hommage ans Disney-Universum und natürlich Micky Maus. Jedoch trägt es Makel zur Schau, die wir nicht erwartet hätten. Natürlich, irgendwie würde das Wort „Enttäuschung“ unser Gefühl während des Tests beschreiben. Treffender und fairer scheint es uns, Micky Epic als Liebeserklärung an die bekannteste Cartoon-Welt überhaupt zu verstehen – eine Liebeserklärung allerdings, die wegen einiger spielerischer Schwächen bittersüß schmeckt.   

Malen und Löschen

In OsTown malen wir als Micky Maus unser Haus an.
Um euch gleich ein Herzstück des Action-Adventures näherzubringen, hier zunächst die Spielmechanik in groben Zügen: Ihr bekommt eine Prise Rayman, etwas Psychonauts, einen Hauch Super Mario Galaxy, ein wenig Banjo-Kazooie, eine Nuance Little Big Planet und reichlich Zelda – inklusive pompöser Fanfare, sobald ihr besonders seltene Schatztruhen öffnet. All das gibt’s vor einem Hintergrund, der an die Geschichte von Alice im Wunderland erinnert plus ein wirklich einzigartiges Merkmal: Micky ist in der Lage, dank seines Zauberpinsels Objekte und Umgebung mit Farbe respektive Verdünner maßgeblich zu verändern.

Eure Maus überwindet Abgründe, indem sie Brücken malt. Sie radiert Türen und ganze Wände aus, um in Gebäude zu gelangen oder Geheimräume zu enttarnen. Sie löscht Achsen, um Zahnräder zu stoppen, oder löscht und malt Plattformen, damit ein darauf liegendes Hindernis nach unten fällt. Aber Achtung: Dieses Farbenspiel darf nur an vordefinierten Stellen stattfinden. In diesem Punkt komplette Freiheit zu erwarten, wäre wohl selbst für Spector-Jünger vermessen gewesen. Doch irgendwie wirkt die vorliegende Lösung trotzdem etwas plump.

Auf weitere Details gehen wir später noch ein, einen Eindruck von Micky Epic und vor allem von seinen Stärken vermittelt euch unser Test-Video. Doch selbst wer das noch nicht gesehen hat, stellt sich bereits jetzt wohl die entscheidende Frage: Wenn unter der Leitung von Warren Spector ein Spiel entsteht, dessen Gameplay an diverse beliebte Klassiker erinnert und der Titel obendrein über ein innovatives Alleinstellungsmerkmal verfügt – warum zur Hölle soll ich ihn dann nicht unbesehen kaufen? Weil der Herr über die Hölle, genannt Teufel, im Detail steckt.                

Herzerfrischend schusselig

Wenden wir uns zum besseren Verständnis der Hintergrundgeschichte zu, die euch ein rund 15stündiges Abenteuer in der fantasievollen Welt Wasteland beschert. Dort leben einstmals bekannte, aber mittlerweile vergessene Disney-Figuren und sogar einige, die es vielleicht gerade mal zu einem Entwurf gebracht haben und nun im Wortsinn farblos durchs Ödland flanieren. Erschaffen wurde dieses Mekka der Comic-C-Prominenz vom Magier Yen Sid. Einige kennen den bärtigen Knilch mit dem blauen Spitzhut aus dem Kinoklassiker Fantasia, wo Micky als Zauberlehrling auftrat. In der kinoreifen Introsrquenz von Micky Epic sehen wir, wie sich der neugierige Mäuserich eines Nachts im Atelier des weisen Mannes verlustiert.

Unser Held manipuliert mit dem bereits erwähnten magischen Pinsel an dem als Miniaturwelt dargestellten Wasteland herum -- vom Magier eigentlich als idyllisches Refugium gedacht -- und verursacht in seiner geballten drolligen Schusseligkeit eine Katastrophe: Von nun an sucht ein Tintenmonster den Cartoon-Staat heim! Die entfesselte Kreatur, Schwarzes Phantom genannt, saugt nicht nur Farbe und Lebensfreude aus dem Wasteland, es zerrt Micky gleich mit hinein. Im Ödland will ein verrückter Professor dem armen Wicht, wie allen anderen in der Kunstwelt darbenden Figuren, das Herz herausreißen – damit Micky gewissermaßen ebenfalls in Zweitklassigkeit versinkt. Natürlich ist es nun eure Aufgabe, die Welt zu retten. Mehr wollen wir von der Handlung gar nicht verraten, weil das Szenario mit seinem originellen Ansatz eine der Stärken von Micky Epic darstellt und es verdient, selbst erlebt zu werden.

Stellenweise erinnert die Optik mit ihrem fast schon künstlerischen Ansatz an Aquarelle (im Bild: die Totenkopfinsel aus dem letzten Spieldrittel). Die charmante Comic-Grafik gehört ohnehin zu den Stärken von Micky Epic.
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