Test: Alles nur geklaut?

Medal of Honor Test

„Das ist alles nur geklaut, eo eo!“, trällerten einst Die Prinzen, und sangen damit, ohne es zu wissen, über Medal of Honor anno 2010. Muss das schlecht sein? Nicht, wenn sich die Macher nur der positiven Elemente bedient haben. Ist das der Fall? Wir verraten es euch!
Harald Fränkel 12. Oktober 2010 - 1:12 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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Magische Momente sind es, die ein Spiel aus der Masse hervorstechen lassen. Augenblicke, die sich förmlich ins Hirn fräsen und für immer in Erinnerung bleiben. Die sofort einen Film im Kopfkino starten, wenn man zum Beispiel einen Screenshot sieht oder gar nur einige Stichworte hört. Das müssen keine idyllischen Szenen sein, versteht sich, gerade nicht bei einem Shooter...

Wer Call of Duty 4 gespielt und geliebt hat, sollte dieses Phänomen kennen, für den Verfasser dieser Zeilen ist der Begriff „Atombombenexplosion“ ein solcher Schlüsselreiz. Ein anderer Trigger sind die drei Worte „Scharfschützenmission in Prypiat“. Worauf wir hinaus wollen? Wenn ein geradezu brutal auf Modern Warfare zurechtgefönter Titel nachhaltig „Bäm!“ machen soll, dann muss seine Solokampagne mit Szenen aufwarten, bei denen das Adrenalin mindestens Pogo tanzt.
 
Während der ersten Mission befreien wir eine Geisel. Wie bei Modern Warfare 2 schaltet das Spiel in Zeitlupe. (PC)

Action und Schleicherei
 
Dass Medal of Honor den Afghanistan-Krieg und den Kampf gegen Taliban und al-Qaida, aber auch gegen mit ihnen verbündete Tschetschenen und Usbeken zum Thema macht, hat in den vergangenen Wochen sogar der Mann hinterm Mond mitbekommen. Doch jetzt geht’s nicht mehr nur um Provokation, jetzt geht’s um Qualität! Es lässt sich schon mal gut an, dass euch dieser Shooter zwei Arten der Spielmechanik kredenzt: Levels mit massig Gegnern, viel Tamtam und mächtig Bums sowie Abschnitte, bei der ruhigeres Vorgehen erfolgversprechender ist. Blicken wir zunächst auf die actionlastige Mission Nummer 5, bei der der Spieler den US Army Rangers angehört, die sich durchs staubige Shahi-Kot-Tal kämpfen, um den Taliban eins auf den Turban zu geben. Im Lauf des Abenteuers verkörpert ihr vier Charaktere, hier nun einen gewissen „Specialist“ Dante Adams.
 
Die Ankunft in Chinook-Hubschraubern haben die Entwickler hollywoodreif per Renderfilm in Szene gesetzt. Der lässt euch in der Ich-Perspektive und zu dramatischer Musik durch die Ausstiegsluke in den Wüstesand stürmen, wobei die Wackelkamera für viel Authentizität sorgt. Es dauert nur Sekunden, dann bricht Chaos aus, Maschinengewehrsalven pfeifen euch um die Ohren und ein Chinook wird beim Abflug vom Geschoss einer Panzerfaust getroffen. Während euer Recke weiter durch den Staub stolpert und erfolgreich Deckung findet, haben einige Kameraden weniger Glück und sinken tot zu Boden. „Sie wollten an die Front? Hier ist sie!“, kommentiert ein Sergeant die Lage lakonisch und erklärt dann, was zu tun ist. Der Level wird von mächtigen Bergen gesäumt, wobei der blaue Himmel, die feinen Wolken und die mit Schnee bedeckten Gipfel ein prächtiges Panoramabild generieren. Der Spieler soll letzten Endes zum Fuß des Gebirges tappen und mehrere Stellungen neutralisieren. Doch es kommt alles ganz anders. 
 
Medal of Honor spart keineswegs mit Pixelblut, abgetrennte Gliedmaßen und Co. gibt’s in der deutschen Fassung nicht.
 
Warten in der Hölle
 
Als Beifahrer nehmen wir in dieser Szene Feindvehikel aufs Korn. Später bedient ihr auch das Heckgeschütz. (PC)
Statt in die Offensive gehen zu können, werdet ihr euch heftige Feuergefechte mit einer riesigen Übermacht von Feinden liefern, die in Massen (aber nicht unendlich) nachströmen. Ihr sucht ferner an einer Lehmhütte Schutz, die wegen des Dauerbeschusses immer mehr wegbröselt. Das geschieht nicht so schön wie in Bad Company 2, welches derartige Zerstörungen ja bekanntlich physikalisch korrekt zelebriert. Doch für ein dezentes, spannendes Unwohlsein reicht der vorberechnete Zerfall allemal. Besonders, wenn die Kameraden irgendwann brüllen, dass die Munition zur Neige geht und bei einem Scriptereignis dann auch noch ein Auto durch die Mauer donnert und explodiert.

Herzlichen Glückwunsch, jetzt seid ihr auch noch eingekesselt! Während ihr und eure Kameraden in dieser Hölle durchhalten müsst, bis die Verstärkung anrückt, könnt ihr das Bedrohliche fast körperlich spüren. Damit kommt dieser Level den glorreichen Zeiten der MoH-Serie am nächsten, als sie noch im Zweiten Weltkrieg spielte und es noch kein Call of Duty gab. Als wir uns beispielsweise 2002 bei Allied Assault ängstlich vor dem Monitor wegduckten, weil unser Alter Ego über den Strand der Normandie hetzte. So, als wären wir mitten hinein in den Albtraum geraten, oder zumindest mitten in die Anfangsszene des Spielberg-Films Der Soldat James Ryan.  
 
Nachts sind alle Katzen grau, doch am Tag bieten sich euch oftmals beeindruckende Panoramablicke. (PC)
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