Test: AAA-Adventure

Lost Horizon Test

Geheimakte Tunguska von Animation Arts aus dem Jahr 2006 war eines der Spiele, die dem totgeglaubten Adventure-Genre zu neuem Aufwind verhalfen. Vier Jahre später legt derselbe Entwickler mit Lost Horizon nach - dank einer fesselnden Geschichte und exzellenter Rätselketten vielleicht das beste neue Adventure des Jahres 2010.
Philipp Spilker 1. September 2010 - 11:28 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC
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Es fällt schwer, in den Weiten des Internets einen Bericht über Lost Horizon zu finden, der nicht an mindestens einer Stelle den Vergleich zu Indiana Jones bemüht. Und ja, das neue Adventure von Entwicklerschmiede Animation Arts hat tatsächlich einige Gemeinsamkeiten mit dem Peitschenschwinger, der es dank Steven Spielberg zu Weltruhm brachte. Hier wie dort wird gegen Nazis gekämpft, hier wie dort sind Ausflüge in verschwunden geglaubte Tempel an der Tagesordnung, hier wie dort gibt es eine eigentlich ziemlich nervige Herzensdame, die den wackeren Helden zu Beginn so gar nicht leiden kann -- und ihm letzten Endes doch verfällt. Und während Indiana Jones in seiner Freizeit nach dem heiligen Gral sucht, geht es in Lost Horizon darum, das besonders im Buddhismus legendäre Königreich Shambala zu finden. Nach dem suchte in Uncharted 2 bereits ein weiterer Indy-Verschnitt namens Nathan Drake...

Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten wäre es unfair, Lost Horizon so deutlich in den Schatten von Indiana Jones zu stellen. Das könnte ja fast den Anschein erwecken, das Spiel brauche diesen Vergleich, um überhaupt einen Stich landen zu können. Und dem ist eben nicht so. Also denken wir uns Indiana Jones doch einfach mal weg. Lost Horizon ist auch ohne ihn im Hinterkopf sehr gut geworden und hat uns derart gefesselt, dass ihr es, sofern Zeit und persönliche Durchhaltekraft es erlauben, in einem Rutsch durchspielen werden wollt.

Lost Horizon nimmt euch auf ein Abenteuer mit, das ihr nicht verpassen solltet. Dank des sehr fairen Rätseldesigns können wir es zudem auch für Einsteiger empfehlen -- ohne, dass es Profis kalt lassen würde.

Drachenmönchnazis in Schlossbasartempeln

Eine der Hauptattraktionen von Lost Horizon ist die sich langsam (aber nicht langatmig) entfaltende Geschichte über das sagenumwobene Königreich Shambala, dessen Zugang angeblich schon seit etlichen Generationen von einer Mönchskaste in Tibet bewacht wird. In Lost Horizon sind die Nazis 1936 dem Ziel, Shambala zu finden, sehr nah. Und plötzlich wird mehr oder weniger durch Zufall auch der frisch gebackene Schmuggler Fenton Paddock, der kürzlich unehrenhaft aus der britischen Armee entlassen wurde, mitten in den Wettlauf um Shambala geworfen. Der Grund hierfür: Einer seiner besten Freunde ist bei einer Erkundungsmission im noch kaum kartographierten Tibet verschwunden.

Mehr wollen wir zu der Geschichte nicht verraten, nur so viel sei gesagt: Sie erstreckt sich dramaturgisch sehr gekonnt über sieben Kapitel, in regelmäßigen Abständen werdet ihr mit neuen Stolpersteinen und Enthüllungen konfrontiert. Und, bei einer solch mythischen Thematik alles andere als selbstverständlich, die Auflösung des Rätsels um Shambala ist sehr zufriedenstellend. Von Weltliteraturniveau ist Lost Horizon dennoch weit entfernt. Aber das erwarten wir von einem Adventure ja schließlich auch nicht wirklich. Autorin Claudia Kern hat sehr gute Genre-Arbeit geleistet.

Während sich Fenton Paddock anfangs noch als vom Pech verfolgter Schmuggler in Hongkong versucht, landet er schon bald darauf in Tibet not und lernt die vielfältige Verwendungsmöglichkeit von Bergziegenkot kennen, nur um kurz darauf in einem Feldlager der Nazis am eigenen Leib zu erfahren, wie sich ein Sturz in eine Gletscherspalte anfühlt. Weitere Stationen der Reise sind unter anderem Marrakesch und Berlin. In letzterem finden gerade die Olympischen Spiele statt, die Fenton Paddock kurzerhand manipulieren muss, um nicht den Anschluss im Wettlauf um Shambala zu verlieren. Bevor es dann gen Ende noch nach Indien geht und Tauchgänge in haiverseuchten Gewässern auf der Tagesordnung stehen, balanciert Fenton außerdem in einer regnerischen Gewitternacht auf dem Dach der Wewelsburg nahe Paderborn (die zwischen 1934 und 1945 tatsächlich in der Hand der SS war). Und, wie sollte es auch anders sein, das große Finale findet mitten in Shambala statt.

Wo in Kapitel 2 noch nur Gutmenschen eine wichtige Stelle bewundern, tut es sp#ter ein ganzes Nazi-Regiment.

Ein gutes Händchen für Inszenierung

Von Hörbüchern weiß man: Eine gute Geschichte wird gleich noch besser, wenn sie auch gut erzählt wird. Hierin liegt ohne Frage eine der größten Stärken von Lost Horizon. Die Dialoge im Spiel sind durch die Bank weg exzellent vertont. In den meisten Adventures lesen wir nach einiger Zeit nur noch schnell die Untertitel und klicken uns dann aus Langeweile und Zeitersparnis schnell zum Ende des Dialogs. In Lost Horizon aber war das anders: Wir haben keine einzige vertonte Dialogzeile übersprungen.

Zusätzlich gewinnt die Inszenierung des Spiels auch durch kleine, filmähnliche Zooms der Kamera in die Szenerie hinein, sobald ein längeres Gespräch ansteht. Zudem bleiben die Charaktere meist nicht wie angewurzelt an einem Fleck stehen. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich direkt zu Beginn des Spiels. Als Fenton in seinem Hongkonger Unterschlupf ungewollten Besuch erhält, verschwindet er während des Gesprächs kurzerhand auf die Toilette und zieht den Vorhang zu. Wir hören seine Stimme nun nur noch leicht gedämpft durch den Vorhang und über die Stimme des Besuchs hinweg hören wir außerdem auch, wie ein Reißverschluß auf- und wieder zu gemacht und die Klospülung betätigt wird. Auf dem Papier mag sich das nach Kleinigkeiten anhören, in der Praxis aber führt es zu Gesprächen, die lebensechter wirken als in so manch anderem Adventure. Wir wollen nicht verschweigen, dass es auch in Lost Horizon ein Negativbeispiel gibt, während dem sich in Marrakesch zwei Charaktere zehn Minuten lang nur regungslos gegenübersitzen und einen Dialog abspulen -- aber eben auch wirklich nur einmal.

Um die Welt in sieben Kapiteln 1 Das nennen wir mal einen rasanten Beginn. Im ersten Kapitel machen wir mit Fenton Paddock Hongkong unsicher und flüchten vor Triaden-Mitgliedern, die uns das Leben schwer machen -- im wahrsten Sinne des Wortes als Trittbrettfahrer. 

2 Dann müssen wir mit unserem Flugzeug in den Weiten Tibets notlanden und erkunden wenig später ein Nazi-Feldlager.  3 Als krassen Gegensatz empfinden wir danach die Geschäftigkeit eines Basars in Marrakesch nebst umliegender Oasen. 4 Nächster Zwischenstopp: Berlin und die Olympischen Spiele 1936. Da darf natürlich der Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund nicht fehlen. 5 Kapitel 5 bringt uns die Wewelsburg nahe Paderborn näher. 6 Kurz vor dem Finale schweifen wir erneut in die Ferne, und zwar nach Indien. Das Finale (Kapitel 7) führt uns dann ins sagenumworbene Land (nicht abgebildet).

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