Tüfteln für den Bruder

Lost Chronicles of Zerzura Test

Tim Gross 1. Februar 2012 - 21:14 — vor 8 Jahren aktualisiert
Ähnlich wie in den letzten Spielen von Cranberry trefft ihr im Spielverlauf auch auf verschiedene Minispiele. Wer auf die gut gelungenen Aufgaben wie dieses getürkte Würfelspiel keine Lust hat, darf sie auch einfach überspringen.
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Abwechslung durch Spiele und Tod
Abwechslung im Rätselalltag bringen gelegentliche Minispiele, die mitunter sogar Spaß machen, anstatt zu nerven. Etwas, das nicht alle Minispiele von sich behaupten können. Ein Beispiel: Zu Beginn eures Abenteuers denkt Feodor über ein neues Fluggerät nach. Wir laufen durch die Werkstatt und sammeln Ideen, die wir danach im Rahmen des Minigames in der richtigen Reihenfolge als Skizze auf Papier bringen müssen. Bei späteren Einschüben dieser Art müssen wir unter anderem per Navigationswerkzeug unsere Position auf einer Karte bestimmen oder ein Glücksspiel mit gezinkten Würfeln gewinnen. Wenn ihr bei diesen Spielereien mal nicht weiterkommt (oder ihr einfach keine Lust darauf habt), könnt ihr die Spiele nach einer gewissen Zeit per "Panikbutton" überspringen.  
 
Doch Lost Chronicles of Zerzura hat noch eine weitere Besonderheit auf Lager. Denn Feodor kann – ganz untypisch für ein modernes Adventure – sterben. Wobei, so untypisch ist das eigentlich nicht – wenigstens nicht für Cranberry. Denn dieses "Feature" haben sie offenkundig von ihren Black-Mirror-Fortsetzungen einfach in ihr neues Spiel übernommen. Und genau wie dort haben die Entwickler in diesen Spielsequenzen mit möglichem virtuellen Tod ein großzügiges Zeitfenster eingebaut. Ihr müsst also nicht blitzschnell reagieren, sondern habt einige Momente, um eure Aktionen zu überdenken. Und selbst wenn Erfinder Feodor mal zu Boden geht, müsst ihr euch nicht grämen. Das Spiel legt vor solchen Spielszenen automatisch einen Speicherpunkt an, sodass ihr direkt wieder einsteigen könnt. Diese Szenen sorgen also zwischendrin für besondere Spannung, ohne euch unfair zu behandeln.  
 
Blühende Landschaft mit Figuren am Krückstock
Die gute Nachricht vorweg: Lost Chronicles of Zerzura dürfte auf so ziemlich jedem PC flüssig laufen. Und dabei ist das Spiel auch noch insgesamt sehr ansehnlich. Doch wo Licht ist, da ist bekanntlich auch Schatten (auch in der Wüste Ägyptens). Die Hintergründe sind wie schon in den letzten beiden Black-Mirror-Spielen wunderschön geraten. Sie sind realistisch und wirken gleichzeitig wie ein Gemälde, da sich immer spezielle Filtereffekte über die vorgerenderten Szenen legen. Zweifellos: Die Meisten davon würden sich auch gut als dekoratives Desktop-Bild eignen. Obwohl es statische Bilder sind, wirken sie nicht so, denn jeder Schauplatz hat einige bewegliche Objekte, etwa herumlaufende Menschen, am Himmel kreisende Vögel oder im Wind wiegende Kleidung. Auch Partikeleffekte wie aufgewirbelter Sand beleben die Szenerie. Hübsch!
 
Die Story wird in schnöden Beinahe-Standbildern präsentiert.
Im Vergleich zur schönen Hintergrundkulisse sind die 3D-Charaktermodelle jedoch sehr detail- und polygonarm. Das fällt zunächst nicht weiter auf, da es nur wenige Nahaufnahmen von den Figuren gibt. Doch sobald die Kamera mal etwas näher dran ist, fallen die ausdruckslosen Gesichter umso mehr auf. Die optisch fehlenden Emotionen werden glücklicherweise von den professionellen Sprechern abgeliefert, die den leblosen Modellen Leben einhauchen. Trotzdem ist es schade, dass sich die Lippen alles andere als synchron zum Gesagten bewegen. Stattdessen klappt einfach das Kinn nach unten, wie bei einer Bauchredner-Puppe. 
 
Apropos Puppen. Viel störender als steife Lippen sind die hölzernen Animationen, die meistens so viel Grazie haben wie die Bewegungsabläufe von C-3PO. Wir hatten nach der Vorschauversion vor einigen Wochen eigentlich damit gerechnet, dass sich im ansonsten fertigen Spiel noch am meisten tun würde. Aber die hässlichen Seitwärtsschritte in der Werktstatt oder andernorts gibt es weiterhin. Und auch bei den löblich zahlreichen Spezialanimationen etwa bei der Aufnahme oder Verwendung von Objekten, haben die Entwickler die verbliebene Zeit nicht für den Feinschliff in diesem Bereich genutzt. Ein theoretisch spannender Fechtkampf verkommt so zu einem lächerlichen Schauspiel. Da überrascht es kaum, dass die Entwickler viele Animationen komplett vermeiden. Wenn Feodor beispielsweise in einem Kerker in Tripolis etwas zusammenbaut, wird kurz schwarz ausgeblendet und danach das fertige Ergebnis präsentiert. Auch verzichtet Cranberry auf aufwändig gerenderte Zwischensequenzen und präsentiert die Story in leicht animierten Standbildern. Etwas mehr Dynamik in der Präsentation hätte dem Spiel gut getan, etwa durch gelegentliche Kameraschwenks in Dialogen oder mehr Nahaufnahmen. Die an einer Hand abzählbaren Kamera-Zooms bleiben letztlich nicht mehr als ein guter Ansatz.
 
Trotzdem ist Lost Chronicles of Zerzura kein technischer Reinfall. Neben den schönen Hintergründen sind es insbesondere die Sprecher, die die dank spannender Geschichte dichte Atmosphäre aufrecht erhalten. Auch die restliche Soundkulisse ist gelungen, die Tritte der Spielfiguren klingen je nach Untergrund sogar anders. Auch die Musik geht ins Ohr, auch wenn sie eher spärlich eingesetzt wird. Einen weiteren Pluspunkt verdient das Spiel, da es sich mit seinem unverbrauchten Setting angenehm von anderen aktuellen Genrevertretern abhebt.
Die wunderschönen Hintergründe könnten wir den ganzen Tag betrachten, die Spielfiguren hingegen nicht.

Unterhaltsamer Abenteuer-TripDas Adventurejahr 2012 ist mit dem Konkurrenztitel Deponia (GG-Test 9.0) sehr gut gestartet. Genrefans wird es freuen, dass ihnen keine "Verschnaufpause" vergönnt ist. Denn Cranberry liefert mit Lost Chronicles of Zerzura gerade mal zwei Wochen später ebenfalls ein sehr gutes, wenn auch nicht herausragendes Abenteuerspiel ab. Technisch mag der Titel zwar nicht auf ganzer Linie überzeugen, aber in einem Adventure geht es schließlich auch um die Handlung und die Rätsel. Und in diesen beiden Kerndisziplinen punktet Lost Chronicles of Zerzura. Die Geschichte um den Erfinder Feodor und die Suche nach seinem Bruder Ramon wird spannend erzählt und spart nicht an kleineren und größeren Wendungen. Das und die vielschichtigen Charaktere motivieren stets zum Weiterspielen. Feodor und Co. mögen keine vollkommen lückenlos nachvollziehbare Entwicklung nehmen, aufgrund der gut geschriebenen Dialoge tut das ihrem hohen Sympathiewert aber keinen Abbruch. Und gerade in einem storybasierten Genre wie es Adventure-Spiele nunmal sind, sind ein gutes Story- und Charakterdesign schon die halbe Miete. Auch hat uns der Grundton des Spiels gefallen. Er ist zwar deutlich heiterer als etwa im düsteren Black Mirror, das Spiel erzählt aber dennoch eine ernstzunehmende Abenteuer-Geschichte. Außerdem wird das Spiel immer mal durch einen amüsanten Kommentar aufgelockert. Als Feodor etwa einen betrunkenen Kapitän beäugt, kommentiert er trocken: "So wie der aussieht, grübelt er gerade über die Weltformel nach – oder er ist besoffen."

Die Rätsel sind durchweg gut gelungen. Sie präsentieren sich vielfältig und sind überwiegend gut in die Handlung integriert. Das gilt sogar für die Minispiele. Profis werden die Rätsel allerdings kaum bis gar nicht fordern, selbst wenn sie auf die zahlreichen Hilfsfunktionen wie das Tagebuch verzichten. Trotz des vergleichsweise geringen Schwierigkeitsgrades ist der Spielumfang mit rund zehn Spielstunden ebenfalls gut, wenngleich sich der Wiederspielwert Genre-typisch in Grenzen hält. Wer Adventures und Indiana Jones mag, sollte Lost Chronicles of Zerzura auf keinen Fall verpassen. Aber auch wer nur Abenteuerspiele mag und mit dem hier gebotenen Setting nichts anfangen kann, sollte dem Titel eine Chance geben. Es lohnt sich. 
 
Autor: Tim Gross / Redaktion: Benjamin Braun (GamersGlobal)
 Lost Chronicles of Zerzura

Einstieg/Bedienung
  • Klassische Point-and-Click-Steuerung
  • Hot-Spot-Anzeige
  • Minispiele lassen sich bei Bedarf überspringen
  • Spiel speichert automatisch
  • Einige Animationen sind langwierig und lassen sich nicht überspringen
Spieltiefe/Balance
  • Viele unterschiedliche Schauplätze
  • Gut ausgestaltete Charaktere mit Persönlichkeit
  • Spiel liefert genügend Hinweise
  • Schön designte und gut in die Handlung integrierte Rätsel
  • Motivierende Story mit mehreren Wendungen
  • Übersichtliches Inventar
  • Rätsel müssen in bestimmter Reihenfolge gelöst werden
  • Adventure-Profis meist unterfordert
  • Einige Gegenstände blockieren Inventar unnötigerweise
Grafik/Technik
  • Wunderschöne Hintergründe
  • Details wie aufwirbelnder Sand sorgen für Bewegung
  • Kaum Hardwarehunger
  • Detailarme Charaktere, emotionslose Gesichter
  • Sehr steife Animationen
  • Lahm präsentierte Zwischensequenzen
  • Wenig Dynamik, etwa durch Kameraschwenks
Sound/Sprache
  • Professionelle Sprecher
  • Gelungene Soundkulisse
  • Passende Musik

 

Multiplayer
 Nicht vorhanden  
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Tim Gross 1. Februar 2012 - 21:14 — vor 8 Jahren aktualisiert
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