Lemnis Gate

Lemnis Gate Test

Multiplayer-Ballerspaß mit Zeitspielerei

Hagen Gehritz / 7. Oktober 2021 - 13:31 — vor 8 Wochen aktualisiert

Teaser

Ihr spielt das gleiche Shooter-Match wieder und wieder. Klingt langweilig? Keineswegs! Jeder neue Zeitsprung bietet die Gelegenheit, mit Planung das Ergebnis zu verbessern oder Fehler auszubügeln.
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal.

Egal wie die Wertung am Ende ausfällt, eine Auszeichnung hat sich Lemnis Gate schon vor dem Test verdient: Dank seiner einfallsreichen Zeitschleifen-Mechanik ist das Werk von Ratloop Games Canada definitiv einer der innovativsten Multiplayer-Shooter der letzten Jahre (mit Einschränkungen – siehe Extrakasten "Original oder Kopie?"). In Lemnis Gate spielen beide Teams abwechselnd oder gleichzeitig mehrere Runden auf derselben Karte. Alle Aktionen werden aufgezeichnet. Nach 25 Sekunden dreht das Programm die Uhr zurück und spult im nächsten Durchgang alle vorherigen Ereignisse wieder ab.

 
Original oder Kopie?
Das bereits im Sommer 2019 angekündigte und im April dieses Jahres erschienene Quantum League dürfte Lemnis Gate mindestens inspiriert haben, lässt es doch ebenfalls zwei Kampfgruppen in einer Zeitschleife gegeneinander antreten. Das scheint aber so ziemlich das einzige Verdienst von Quantum League gewesen zu sein – der Team-Shooter ist mangels Spielern seit dem Launch praktisch tot.
Die Spieler begegnen bei jedem weiteren Versuch also ihren früheren „Alter Egos“ in Form automatisch gesteuerter Bots. Die funktionieren ähnlich wie ein „Ghost“ in einem Rennspiel, der eine vorangegangene Rekordfahrt wiederholt. Der Unterschied: In Lemnis Gate kann man bei jedem neuen Versuch in die Vergangenheit eingreifen und den Spielverlauf retroaktiv verändern. Nicht selten entscheidet sich das Match auf diese Weise erst in der letzten Runde, wenn es beispielsweise der einen Mannschaft endlich gelingt, nachträglich-präventiv den Spielmacher des Gegners auszuschalten, noch bevor dieser den Siegpunkt errungen haben wird – oder was immer die richtige Tempus-Formulierung für diese interessant hirnverknotenden Momente wäre.
Die gewöhnungsbedürftigen Weichzeichnereffekte bei Explosionen und Bewegungen lassen sich leider nicht komplett abschalten.
 

Die sieben Zeit-Samurai

Wenn ihr jetzt nur Bahnhof versteht, dann sei euch das verziehen: Tatsächlich ist das Konzept nicht ganz einfach zu begreifen. Ich kann jedem Shooter-Fan deshalb nur raten, Lemnis Gate selbst auszuprobieren (zum Beispiel über den Xbox Game Pass), den Film Edge of Tomorrow zu gucken oder sich zumindest mein Preview-Video anzuschauen, um das Geschehen einmal in Bewegung nachzuvollziehen.
 
Einen Blick wert ist Lemnis Gate allein schon deshalb, weil es sich erfrischend anders spielt als die Modern Warfares und Battlefields dieser Welt. Obwohl der Neuling gleichzeitig einiges von seinen berühmten Vorläufern übernimmt, von Overwatch und Konsorten zum Beispiel die verschiedenen Heldenklassen. Ihr dürft nämlich in jeder Runde einen anderen von sieben Spielcharakteren auswählen, die alle unterschiedliche Fertigkeiten, Stärken und Schwächen mitbringen.

Rush etwa ist ein schneller Läufer, der auf Knopfdruck einen Sprint einlegt und sich damit prima eignet, um am Ende einer Partie die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Allerdings ist er mit zwei Maschinenpistolen nur schwach bewaffnet. Vendetta muss mit ihrem Schrotgewehr auf Tuchfühlung gehen, kann dafür aber Verteidigungstürme bauen, die Gegner automatisch aufs Korn nehmen. Striker verlangsamt die Zeit, um seine Opfer zielsicher mit dem Scharfschützengewehr auszuschalten. Mit Toxin schließlich könnt ihr Giftpfützen verteilen, um Gegnern Zugangswege zu versperren. Aber Vorsicht: „Friendly Fire“ bedeutet, dass ihr damit auch Teamkameraden verletzen könnt.
Die Helden von links nach rechts: Deathblow (Raketenwerfer), Toxin (Giftspritze), Vendetta (Schrotflinte), Kapitan (Sturmgewehr), Karl (Strahlenwaffe), Striker (Scharfschützengewehr), Rush (Maschinenpistolen).
 

Vorteil für eingespielte Teams

Üblicherweise ziehen beide Crews abwechselnd – wahlweise einer gegen einen oder zwei gegen zwei. Zockt ihr mit einem zweiten Teilnehmer zusammen, müsst ihr euch die Figuren und Aufgaben teilen. Während einer beispielsweise mit dem Helden Kapitan nach vorn prescht und Minen legt, wehrt der zweite mit dem Roboter Karl und seinem durchschlagenden Strahlengewehr Angreifer ab. Die Rundenzeit ist mit 25 Sekunden knapp bemessen und spätestens im dritten Durchgang, in dem dann sechs Spielfiguren gleichzeitig auf engstem Raum agieren, bricht das nackte Durcheinander aus.

In den Koop-Matches entscheidet also die Kommunikation über Sieg oder Niederlage: „Kümmere du dich um den Sprinter auf der rechten Seite, ich baue währenddessen Abwehrtürme am Startpunkt!“ Leider scheinen die wenigsten Zufallsteilnehmer über ein Mikrofon zu verfügen (Playstation-User und Xbox-Nutzer öfter als Vertreter der PC-Masterrace; dank Crossplay spielen alle gemeinsam), sodass trainierte Duos noch deutlicher im Vorteil sind.
Der blaue Energieschild (links) ist die Spezialfähigkeit des Robo-Kämpfers Karl, der damit Verbündete schützen kann.


Steile Lernkurve

Im abwechselnden Modus kann der Gegner nicht direkt auf einen reagieren, sondern erst wenn er selbst am Zug ist. Wem das nicht aufregend genug ist, der kann sich auch an Simultan-Partien versuchen. In diesem Spielmodus ziehen beide Seiten in jeder Runde gleichzeitig. Dadurch entwickeln sich tendenziell mehr klassische Shooter-Duelle, in denen die Kontrahenten einander direkt beharken, allerdings werden die Auseinandersetzungen dadurch noch chaotischer. Ich hatte mir nach der Preview ausdrücklich so eine Spielart gewünscht. Nun muss ich allerdings zugeben, dass mich der reguläre, abwechselnde Spielmodus schon mehr als genug fordert. Zumal bei gleichzeitigen Aktionen eine Sache entfällt: Die Pause, in der ich mit einer Drohne von oben das Schlachtfeld inspizieren kann, während der Gegner an der Reihe ist.

Die Lernkurve in Lemnis Gate steigt wirklich steil an. Obwohl der Matchmaker sich Mühe gibt, ähnlich talentierte Spieler gegeneinander ins Rennen zu schicken (und dafür fleißig Statistiken sammelt), werden Neulinge anfangs unweigerlich viel Lehrgeld bezahlen. Denn die Trainingseinheiten mit Bots sind leider kein vollwertiger Ersatz für Partien gegen menschliche Mitspieler. Zumal jeder Fauxpas doppelt und dreifach wehtut, weil frühe Fehler bis zum Schluss nachwirken. Dafür ist es aber auch umso befriedigender, wenn ihr einen Patzer nachträglich korrigieren könnt – etwa wenn ihr eine Mine entschärft, bevor euer früheres Ich drauf tritt. Weil der Bildschirmtod nicht unbedingt das endgültige Aus bedeutet, könnt ihr auch nach eurem virtuellen Ableben noch weiter spielen, nur seht ihr das Geschehen dann in geisterhaftem Grau.
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Während der Gegner im rundenweisen Spiel an der Reihe ist, könnt ihr das Geschehen über eine steuerbare Drohne aus der Vogelperspektive beobachten, um euer Vorgehen zu planen.
Hagen Gehritz Redakteur - P - 78352 - 7. Oktober 2021 - 13:31 #

Viel Spaß mit Rüdigers Test!

Doktorjoe 18 Doppel-Voter - - 9412 - 7. Oktober 2021 - 14:04 #

Erstmal Death Loop durchspielen :)

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 12566 - 7. Oktober 2021 - 14:09 #

Aber nicht mehrfach! ;-)

Doktorjoe 18 Doppel-Voter - - 9412 - 7. Oktober 2021 - 14:15 #

Bei mir würde das Spiel daran scheitern, dass ich niemanden habe, mit dem ich das kooperativ spielen kann. Und an Spaß mit Zufallspartnern glaube ich dabei nicht (für mich).

Faerwynn 19 Megatalent - P - 15770 - 7. Oktober 2021 - 14:22 #

Also für den Preis schaue ich mir das auf jeden Fall an.

Shake_s_beer 15 Kenner - - 3081 - 7. Oktober 2021 - 14:33 #

Vielen Dank für den aufschlussreichen Test!

Das klingt wirklich interessant. Zugegeben, trotz Rüdigers Mühe, das Prinzip in Textform zu beschreiben, habe ich es noch nicht so ganz geschnallt. Wie im Text auch steht, muss man es wahrscheinlich einfach mal gesehen haben. Spannend und erfrischend anders klingt es aber auf jeden Fall. Wenn ich jemanden finde, mit dem ich spielen kann, werde ich sicher mal reinschauen. :)

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 12566 - 7. Oktober 2021 - 14:58 #

Das Gamersglobal-Video von der Preview könnte einen Blick wert sein, es zeigt das Spiel zumindest in Bewegung. Bei mehr Interesse vielleicht mal einen Twitch-Stream suchen?

Shake_s_beer 15 Kenner - - 3081 - 7. Oktober 2021 - 16:29 #

Danke, den Link auf Deine Preview hatte ich im Test gelesen vorhin. Jetzt konnte ich es mir auch mal anschauen. Mit Videounterstützung habe ich es soweit verstanden, denke ich. Ist schon ein wirklich interessanter Ansatz für einen Shooter. Denke ich werde es via GamePass die Tage einfach mal ausprobieren. :)

Zille 20 Gold-Gamer - - 23378 - 7. Oktober 2021 - 14:46 #

Das Spiel ist auch im Gamepass, glaube ich.

Jamison Wolf 18 Doppel-Voter - P - 12372 - 7. Oktober 2021 - 14:48 #

Glaubste richtig. ;)

Old Lion 27 Spiele-Experte - P - 77678 - 7. Oktober 2021 - 16:41 #

Nach knapp 50 Partien bin ich doch etwas zwiegespalten. Die Idee ist, ohne Frage, sehr erfrischend und mal was Neuse. Zugleich auch faszinierend, weil dauernd Dinge geschehen, die man nur schwer vorhersehen könnt. Das Spiel will aber rundenstrategisch gespielt werden und dafür ist es mir zu arcadig. Rush ist in meinen Augen overpowered. Einige Charaktere nimmt man fast, andere fast nur. Ich denke, es fehlt dem Spiel noch ein bisschen an Balance.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 12566 - 7. Oktober 2021 - 17:31 #

Übers Balancing traue ich mir nach den wenigen Spielstunden (Richtung 10 oder so) kaum ein Urteil zu, dass Rush aber der beliebteste "Ausputzer" zu sein scheint, ist mir auch schon aufgefallen. Irgendwie eine Kopie von Tracer, oder?

Old Lion 27 Spiele-Experte - P - 77678 - 7. Oktober 2021 - 17:54 #

Ja, möglich. Vor allem super schnell, zu schnell fast, um den mal eben zu stoppen oder in seiner Bewegung zu unterbrechen. Dadurch, dass ja 25 Sekunden recht fix rum sind, muss man dann den genauen Zeitpunkt für eine Mine oder Granate abpassen. Denn einen zweiten Versuch gibt es nicht.

EddieDean 16 Übertalent - P - 4458 - 7. Oktober 2021 - 16:46 #

Respekt für denjenigen, der dieses Spielprinzip beim Pitch gegenüber Investoren beschrieben und genehmigt bekommen hat

rammmses 21 Motivator - - 27148 - 7. Oktober 2021 - 17:56 #

Ja und wenig Respekt für den, der es durchgewinkt hat. Das wird nie und nimmer ein Hit.

Alain 19 Megatalent - P - 17217 - 7. Oktober 2021 - 21:22 #

Es kribbelt mir sehr in den Fingern das in die Finger zu bekommen...

Die Idee klingt einfach genial und ich muss es mal Anspielen - mag sein dass ich es dann nicht mögen werde, aber hey.

Klingt wenigstens mal innovativ.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 12566 - 8. Oktober 2021 - 9:12 #

Wie im Test geschrieben: Für 17 Euro kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Sollte es nicht gefallen, kann man wenigstens von sich behaupten, mal einen Shooter der "etwas anderen Art" gespielt zu haben. Ich habe den Verdacht, Lemnis Gate könnte in 10 Jahren in der einen oder anderen Top Ten der 20er Jahre landen - und sei es nur in den "Oddball Games" oder so. :)

rofen 14 Komm-Experte - P - 2338 - 7. Oktober 2021 - 21:25 #

Also das Spielprinzip finde ich schon sehr faszinierend. Wenn ich mehr Zeit hätte würde ich das ausprobieren. Vielleicht kann es ja eine SDK dazu geben. 25 Sekunden pro Runde, das macht 2 pro Minute, das macht 120 pro Stunde ... :-)

MachineryJoe 18 Doppel-Voter - P - 9129 - 8. Oktober 2021 - 8:06 #

Das wird vermutlich nicht funktionieren. Die Lernkurve ist steil. Die erste Stunde verbringt man eher in den spielbaren Tutorials, wo man die einzelnen Charakter-Klassen und das Spielprinzip kennenlernt.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 12566 - 8. Oktober 2021 - 9:13 #

Das ist richtig. Man kann sich natürlich gleich ins erste Gefecht stürzen, dann hat man aber keine Ahnung, wie das Spielprinzip funktioniert oder was die unterschiedlichen Klassen machen. Mindestens eine halbe Stunde würde ich für die ersten Gehversuche auf jeden Fall veranschlagen.