Test:Rockstars Interactive Movie

L.A. Noire Test

Mikkl Orth 17. Mai 2011 - 14:12 — vor 8 Jahren aktualisiert
 
Sehen lustig aus und machen Spaß – doch leider schlagen sich solche Stunts negativ auf die Bewertung nieder.
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Die Schwarze Dahlie
 L.A. Noire erinnert nicht von ungefähr teilweise frappierend an den genialen Film L.A. Confidental: Dessen von James Elroy geschriebene Romanvorlage gehört zu einem ganzen Quartett von Los-Angeles-Romanen des Schriftstellers, dessen erster Teil bereits 1947 spielt und in dem wie in L.A. Noire der „Black Dahlia“-Mord an Elizabeth Short vorkommt – ein Verbrechen, das übrigens tatsächlich passierte, und an dessen grausamer Blutigkeit sich viele der Mordfälle im Spiel orientieren.
 
Und so wie der Film wegen seiner grandiosen Darstellung einer gleichzeitig glamourösen wie abseitig-dunklen Stadt der Engel zu den ganz großen Krimi-Klassikern gehört, hat auch die spielerische Variante in diesem Punkt ihre ganz großen Stärken. Die Darstellung einer ebenso riesigen wie lebendigen Umgebung ist Rockstar-typisch gelungen. Und dabei ergeben Hunderte Autos und Tausende Fußgänger noch lange keine wirklichkeitsnah pulsierende Metropole. Es ist einmal mehr erstaunlich, wie Rockstar und Team Bondi es schaffen, dieser Kulisse Leben, Atmosphäre und auch Authentizität einzuhauchen. Wieder einmal hat jede kleine Nebenfigur mehr Profil als bei vielen anderen Spielen der Titelheld. Auch wenn gerade bei den Polizisten viele Charaktere wiederum verblüffend an LA Confidental erinnern: Vom großmäuligen Schläger über den eitlen Selbstdarsteller bis hin zum etwas streberhaften Cole wird kein Klischee ausgelassen. 
Gruseliger als manche Szene in typischen Horror-Shootern: die Leiche einer Ermordeten untersuchen, ihren Kopf von links nach rechts drehen. Und diese tote Dame ist noch vergleichsweise bekleidet, unverletzt und präsentabel!
Vermisst: Story
Streitgespräch: Jörg gegen Mickl
Michael, wir haben uns ein wenig über die Bezeichnung "Interactive Movie" gestritten. Sag doch noch mal, warum du sie unbedingt benutzen wolltest.
Bei etlichen Fällen, gerade in der ersten Spielhälfte, geht die Handlungsfreiheit gegen Null. Man ist häufig zum Zuschauen verdammt und darf ab und an ein paar Knöpfchen drücken. Das ist nicht nur keine echte "Open World", das ist teilweise schlicht öde.
Moment, aber gleichzeitig kannst du doch im Stil von GTA in der Stadt rumfahren, zufälligen Straßenmissionen nachgehen, Crashes bauen....
Man könnte das als Tricks bezeichnen, um den Spieler überhaupt bei der Stange halten. Später wird's dann zum Glück deutlich besser, aber am Anfang kommt L.A. Noire nur schwer in Schwung.
Wie lange hast du gespielt, bevor dich das Spiel richtig gepackt hat?
Das ist insofern schwer zu sagen, weil die Stärken von LA Noire  - allen voran die lebendige Stadt und die lebensechten Chareaktere - durchaus von
Anfang an zünden. Aber rein spielerisch kann man die ersten zwei Kapitel, Streifendienst und Verkehrsdezernat, größtenteils vergessen. Es ist immer das Gleiche.
Da kann ich dir nicht ganz zustimmen: Ich fand es von Anfang an sehr angenehm, einmal nicht auf alles schießen zu müssen, was mir in den Weg kommt. Und es ist mutig von Rockstar, ein Detektiv-Adventure im GTA-Look zu machen, bei dem das Ballern ganz klar nur Nebensache ist.
Als jemand, der vor allem "friedfertige" Spiele mag, gebe ich dir gerne recht. Als jemand, der gerne klassische 2D-Adventures spielt, finde
ich es halt schade, dass der Verzicht auf Dauerballereien nicht bedeutet, dass die anderen Parts, etwa die Untersuchungen oder Knobeleien, richtig gut wären.
Du meinst, dass man letzten Endes doch nur nach dem "Pling-Pling" sucht? So wie man bei vielen Adventures die Hotspots abklappert?
Es wird einfach zu selten richtig anspruchsvoll. Richtig denken oder grübeln muss man kaum. Hängen bleibt man im Spiel eigentlich nur an Mauervorsprüngen oder weil man den Eingang nicht findet.
Moment, aber die Zeugenbefragungen sind doch große Klasse. Wie man auf die Mimik achten muss! Dass man nicht einfach "alle Sätze durchklicken" kann, wie in vielen Adventures. Dass man auch mal einen Hinweis übersehen darf.
Richtig, die Charaktere mit ihren Weltklasse-Gesichtsanimationen sind neben der Atmosphäre dicke Pluspunkte von L.A. Noire. Schöne Gesichter
gibts auch bei anderen Spielen, aber hier werden sie spielerisch sinnvoll eingesetzt.
Und was ist mit der Story? Du sagst ja, es gibt kaum eine, aber es erzählt doch jeder Kriminalfall eine kleine Geschichte, und jedes Kapitel eine größere -- gerade das der Black Dhalia.
Stimmt, der "Black Dahlia"-Komplex ist ein erster Höhepunkt -- und zwar mitten im Spiel. Da wirkt es etwas seltsam, dass es mit den Fällen bei der Sitte danach relativ uninspiriert weiter geht. Zum Schluss hin zieht es dann wieder an.
Auch in unserer Wertung spiegelt sich wider, dass L.A. Noire ein mutiger Versuch mit Höhen ist, aber auch mit einigen Längen und ein paar Tiefen. Was ist die eine Sache, die du dir für einen Nachfolger am meisten wünschen würdest?
Ernsthaft: Mehr Spiel! Die 8.0 ist L.A. Noire für mich wert aufgrund der Stimmung, des neuen Ansatzes und eines schwer zu beschreibenden "Es macht halt doch irgendwie richtig Spaß"-Faktors beim Rumfahren und Herumschnüffeln. Aber nicht, weil mich das Spieldesign aus den Latschen hauen würde oder ich das Gefühl hätte, mein Denkorgan richtig anstrengen zu müssen. Eine 8.0, ja, aber eine knappe 8.0.
Eine durchgehende Story hat L.A. Noire hingegen, bis auf den Fortgang von Coles Karriere, nicht zu bieten, zumindest über weite Strecken des Spiels nicht. Zwar streuen eingespielte Videos von seiner Zeit beim Militär den Verdacht, dass irgendetwas an Cole und seiner Geschichte seltsam ist. Bis zu einer überraschenden Wendung in seinem letzten Karriereabschnitt plätschert dieser Aspekt aber nur von Fall zu Fall dahin. Lediglich gefundene Zeitungsartikel bringen in kurzen Videoeinspielungen den allgemeinen Hintergrund der damaligen Zeit rüber und vermischen dabei Fiktion mit Realität.
 
Technisch präsentiert sich L.A. Noire solide bis sehr gut, gemindert von einigen kleineren Makeln. So schwankt die Texturqualität stark; manche "Tapeten" wirken doch arg matschig. Zudem wird der technische Eindruck durch gelegentliches, insgesamt aber eher selten auftretendes Ruckeln geschmälert. Wer mag, darf übrigens das gesamte Spiel in stilechtem Schwarz-Weiß genießen.

Keine Blöße gibt sich hingegen der Sound. Von der abwechslungsreichen Soundkulisse über zig Stunden professioneller Sprachausgabe (herstellertypisch nur auf Englisch, mit abschaltbaren deutschen Untertiteln) bis hin zu den passenden Swing- und Jazz-Songs passt hier alles bis auf das i-Tüpfelchen.
 
Testfazit: Verbrechen lohnt sich...
 Verbrechen lohnen sich, zumindest für Rockstar. Denn L.A. Noire hat fast alle Zutaten für einen garantierten Verkaufsschlager: Die vordergründige Ähnlichkeit zu GTA 4. Den bekannten Herstellernamen. Eine ebenso faszinierende wie faszinierend gut dargestellte Stadt. Abgedrehte Typen mit vielen markigen Sprüchen. Und nackte Frauenleichen. Wen stört es da schon, dass die Verbrecher-Schnitzeljagd spielerisch oft nur auf gehobenem Mittelmaß dahindümpelt? Wer insgeheim doch auf eine ähnliche spielerische Freiheit wie in GTA und Read Dead Redemption gehofft hat, wird trotz großer Stadt und einigen Nebenbei-Missionen (Einsätze bei Banküberfällen und ähnliches) enttäuscht werden.
 
Ein Blender ist L.A. Noire deswegen noch lange nicht – es macht trotz aller Schwächen sogar mehr Spaß, als man sich insgeheim zugestehen mag. Rechnet man es zur überschaubaren Gattung der „spielbaren Filme“ dazu, platziert es sich hinter Heavy Rain ganz oben. Doch wirklich frische Impulse, wie von vielen Kritikern bejubelt, verleiht es dem Medium Computerspiel nicht, dazu ist vieles zu bieder geraten. Ein Gehirnmarterspiel ist L.A. Noire nicht: Wer es eher locker-leicht mag, ist hier am besten aufgehoben. Erwartet nicht die teils sehr knackigen Spezialmissionen eines Grand Theft Auto. Erwarten könnt ihr hingegen teils spannende Polizei-Arbeit, die immer wieder mal von Faustkämpfen, einer Verfolgungsjagd oder auch einer wilden Schießerei unterbrochen wird. Vor allem erwartet euch eine überzeugende Simulation des historischen Los Angeles sowie die am besten umgesetzten interaktiven Gespräche, die wir bei einem Computerspiel kennen.

Autor: Michael Orth / Redaktion: Jörg Langer (GamersGlobal)

L.A. Noire
Einstieg/Bedienung
  • Ausführliches, ins Spiel integriertes Tutorial
  • Jederzeit an- und abschaltbare Spielhilfen
  • bedächtiger Anstieg des Schwierigkeitsgrads
  • Actionszenen optional überspringbar
  • Nicht immer schlüssige/logische Tastenbelegung
Spieltiefe/Balance
  • Ausgewogene Anteile von Action und Adventure
  • In der zweiten Spielhälfte zunehmend länger und komplexer werdende Fälle
  • Ordentliche KI
  • Befragungen sehr gut gelungen
  • Fälle wirken lange billig konstruiert
     
  • Einzelne Spielmodi größtenteils sehr simpel (Faustkampf als Beispiel)
  • Sehr linear, enges Handlungskorsett
Grafik/Technik
  • Riesige, sehr lebensecht dargestellte Stadt
  • Fantastisches Motion Capturing
  • Durchgehend sehr hoher Detailgrad
  • Dynamischer Tag- und Nachtwechsel (ohne spielerische Relevanz)
  • Teilweise verwaschene Texturen
     
  • Gelegentliche Ruckler
Sound/Sprache
  • Massig professionell aufgenommene Sprachausgabe
  • Stimmige Musikuntermalung
  • Jederzeit satte Soundkulisse
  • Abschaltbare deutsche Untertitel
  • Leichtes Überangebot des Soundeffekts "Polizeisirene"
  • Keine deutsche Sprachausgabe
Multiplayer
Nicht vorhanden  
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Userwertung
8.0
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Adventure
Detektivspiel
18
Team Bondi
Rockstar Games
20.05.2011
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PCPS3PS4Switch360XOne
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Mikkl Orth 17. Mai 2011 - 14:12 — vor 8 Jahren aktualisiert
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