Muss-Titel für Actionfans

Killzone 3 Test

Killzone wirkte zwei Folgen lang wie der nicht ganz geglückte Versuch Sonys, der fulminanten Xbox-Exklusivserie Gears of War eine eigene Blut-und-Tränen-Actionreihe im SF-Kriegsszenario entgegen zu setzen. Mit Killzone 3 aber greift Guerilla Games nach den Sternen: Es ist so intensiv wie Black Ops und dabei vielseitiger und schlauer.
Jörg Langer 10. Februar 2011 - 15:33 — vor 9 Jahren aktualisiert
PS3
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Wenn Entwickler nach einem Kriegsszenario für ihr Actionspiel suchen, haben sie prinzipiell zwei Möglichkeiten: Sie können ein fiktives ersinnen, wie etwa bei Gears of War, Halo und Resistance. Sie können aber auch ein historisches oder zeitgenössisches nehmen – unzählige Weltkriegs-Shooter, die Modern Warfare-Serie oder Medal of Honor künden davon. Das holländische Studio Guerilla Games aber hat einfach beides gemacht: In ihrer Spielwelt kämpfen Alliierte gegen Nazisoldaten, nur dass letztere Helghast heißen und enthumanisierende Gasmasken-Helme mit zwei rot leuchtenden "Augen" tragen. Wir haben uns durch Killzone 3 gekämpft und erstatten euch Meldung...

Eine Großkundgebung vor der monumentalen Gedenkstätte des ehemaligen Helghast-Führers Scolar Visari.
 
Die Faszination des Bösen
 
Killzone mit 3D-TV und Move
Wir haben die fertige Version von Killzone 3 sowohl mit Move als auch in 3D (und eine Vorversion mit Move und 3D gleichzeitig) gespielt – und halten beides nicht für wertungsrelevant. Insbesondere das Zielen und Bewegen via Move- und Navigation-Controller fanden wir unpräziser als mit dem Gamepad, und auf Dauer schlicht zu anstrengend.


 
Etwas anders sieht es mit dem echten 3D-Modus aus, den Killzone unterstützt: Gerade dadurch, dass auf den Schlachtfeldern viel los ist, Laser-Zielstrahlen umherschwenken, die "Kondensstreifen" abgefeuerter Raketen noch einige Momente in der Luft verbleiben, wirkt das Spiel in 3D noch eine Spur beeindruckender. Dazu tragen auch die überwiegend weitläufigen Levels bei, die oft eine große Fernsicht ermöglichen. Andererseits stören die üblichen Ebenen-Probleme, so wirken die euren Hitpointverlust symbolisierenden "Blutspritzer" am Bildschirmrand in echtem 3D plötzlich seltsam flach, auch ist die für ein störungsfreies 3D-Erlebnis nötige starre Kopfhaltung bei längerem Am-Stück-Spielen etwas ermüdend. Klasse finden wir hingegen einige Feinheiten; so habt ihr an Bord eines Vehikels am unteren Bildschirmrand einen grünen Umgebungsmonitor unten im Blickfeld – dieser zeigt in der 3D-Variante ebenfalls ein dreidimensionales Bild. Und das Fadenkreuz stellt sich automatisch auf die anvisierte Ebene ein, wird also etwas kleiner bei weit entfernten Zielen, was das Anvisieren erleichtert.
 
Unser Fazit: Wer einen 3D-Fernseher hat, wird sich über den passenden Modus in Killzone 3 freuen, und das Spiel bleibt in 3D gut zu bewältigen. Nur solltet ihr zwischendurch einige Pausen einplanen, sonst habt ihr vermutlich mit Nacken- oder Kopfschmerzen zu kämpfen. Die Movesteuerung hingegen werdet ihr, vermuten wir, ungefähr einen Level lang ausprobieren, bevor ihr reumütig zum Gamepad zurückkehrt. Ob daran der dedizierte, von Guerilla Games mitentwickelte Gewehr-Controller "Sharpshooter" (siehe Angespielt-News) etwas ändern kann, wissen wir aktuell nicht. Falls ihr andere Erfahrungen macht, lasst es uns bitte in den Kommentaren wissen!
Herman Hulst, Chef von Guerilla Games, will auf unsere Nachfrage hin von einem direkten Nazi-Vergleich nichts wissen und redet von verschiedenen Einflüssen wie dem Kommunismus und dem Faschismus. Schaut man sich allerdings die Indizien an, schränkt sich der Kreis der offensichtlichen historischen Vorbilder ein wenig ein: Rot-weiße Symbolik mit Hakenkreuz-Surrogat, Leni-Riefenstahl-Intro (nach dem Prolog des Spiels) und Albert-Speer-Architektur, dazu kommt die ständig zelebrierte Menschenverachtung der Helghast. Und auch die Hintergrundstory: Unter den von Menschen gegründeten Koloniewelten in der mittleren Zukunft ist eine, die sich nach einer bedingungslosen Kapitulation nebst Entmilitarisierung in Schande wähnt und schließlich aufbegehrt (siehe Deutsches Reich nach dem Versailler Friedensvertrag). Unter dem charismatischen Führer Scolar Visari (siehe Hitler) beginnt auf Helghan ein beispielloses Aufbau- und Rüstungsprogramm, aus dem die schlagkräftigste Armee weit und breit hervorgeht (siehe deutsche Wehrmacht um ca. 1940). Und was macht so ein Helghast-Anführer, wenn es mal nicht so gut läuft und seine Hauptstadt angegriffen wird? Er pfeift auf seine Untertanen und Soldaten und lässt einfach eine Atombombe darauf abwerfen. Auch dazu gibt es eine traurige Parallele, nämlich die sinnlose Verteidigung Berlins im April und Mai 1945, der innerhalb von zwei Wochen Hunderttausende Soldaten und Zehntausende Zivilisten zum Opfer fielen.
 
Eher komischen Charakter hat es da, dass zur Führungsriege der bösen Helghast unter anderem zwei Charaktere gehören, die von normalgebildeten Menschen mit einiger Wahrscheinlichkeit als Wiedergänger Hitlers und Stalins erkannt werden, eine Hindenburg-Persiflage gibt's als kostenlose Zugabe. Aber sei's drum: Wenn andere fiktive Schlachten sich kräftig bei Buch- und Filmvorlagen bedienen, darf Guerilla Games eben die Nazis nebst einiger umstrittener Zeitgenossen optisch wiederaufleben lassen – immerhin kämpfen wir ja gegen sie, und nicht für sie.
 
Und wieso schreiben wir das alles? Weil wir das Szenario rein persönlich stark befremdlich finden und das einfach raus musste. Vor allem aber, weil uns Killzone 3 trotzdem großen Spaß gemacht hat. Sehr großen sogar! Weil es ein Action-Feuerwerk von der Güteklasse eines Black Ops zündet, und dessen Spielmechanik intelligenter und abwechslungsreicher kopiert. Darum nehmen wir die Bewohner Helghans als die Proto-Bösewichte, die sie eben sein sollen – und ziehen auf Seiten der guten ISA (Interplanetary Strategic Alliance, quasi die NATO oder eben die Alliierten) abermals in den Krieg gegen sie.
 
Ein toter Führer
 
Toter Führer Visari oben, neue Führungsriege unten. Am Pult steht Visaris "Bluthund" Radec, rechts sitzt Stahl.
Wir erinnern uns: Während in Killzone 1 die Helghast ihren Nachbarplaneten Vekta blitzkriegartig überfielen und große Anfangserfolge feierten (Herman Hulst zieht den japanischen Angriff auf Pearl Harbor als Vergleich heran), schlugen die ISA-Truppen in Killzone 2 zurück und griffen Helghan an (Parallele: der D-Day). Doch Helghast und Helghan erweisen sich als starke Gegner, und als Scolar Visari per Atombombe seine Hauptstadt Pyrrhus und einen Großteil der ISA-Truppen auslöscht, ist die Invasion faktisch abgewehrt. Dennoch gelingt es einem kleinen ISA-Kommandotrupp, bis in Visaris Thronsaal vorzudringen. Dort lässt sich Serien-Dauergast Rico Velasquez vom Diktator reizen und erschießt ihn. Doch fast im selben Moment beginnt eine riesige, für vernichtet gehaltene Helghast-Flotte, Kleinholz aus den ISA-Kreuzern im All zu machen.
 
Killzone 3 startet mit einem Prolog, der kurz vor dem Ende der Spielhandlung angesiedelt ist, und den wir euch nicht verraten wollen. Danach aber springt es sechs Monate zurück, direkt dorthin, wo das Vorgängerspiel aufhörte: Der Gegenangriff der massiv überlegenen Helghast rollt zu Lande und im Orbit an, als wir soeben den Palast verlassen. In der Rolle von Sergeant Tomas "Sev" Sevchenko schnauzen wir per Cutscene erstmal den ranghöheren Rico an, der soeben aus dem Diktator einen Märtyrer gemacht hat. In den ersten Missionen (und damit der ersten von sechs, sieben Spielstunden) geht es darum, mit den überlebenden ISA-Streitkräften aus den Hauptstadtruinen und vom Planeten fliehen. Das gelingt nur wenigen, und natürlich gehören wir zu den Versprengten, die fortan einen anhaltenden Guerillakrieg gegen die Helghast führen müssen. Bis wir dabei einem Plan auf die Schliche kommen, der weit bedrohlicher ist als alles, was die Fieslinge in den ersten beiden Teilen angerichtet haben...
 
Kolossale Action
 
Wenn ihr Modern Warfare 2 oder Black Ops kennt, kennt ihr auch die Inszenierung von Killzone 3. Und das ist ein ausdrückliches Lob: So wie es hier um euch herum scheppert, rummst, pfeift und kracht, scheint das kaum noch steigerbar zu sein. Insbesondere in Stereoskopie-3D (auf entsprechenden Fernsehern, siehe Kasten), aber auch auf Ottonormal-Bildschirmen zerschneiden Leuchtspurmunition, Raketenschweife und die Ziellaserstrahlen von Scharfschützen das Schlachtfeld in immer neue, tödliche Areale. Zu einhundert Prozent kann es die Inszenierung von Killzone 3 dann zwar doch nicht mit der von Black Ops aufnehmen – das die Kunst beherrscht, Cutscenes quasi "mitspielbar" direkt ingame darzustellen, man denke nur an die landenden Helikopter zu Beginn der Vietnam-Episode. Doch auch Killzone lässt ganze Gebäude in sich zusammenfallen, im Hintergrund (oder am Himmel) riesige Schlachten toben. Das Gefühl, tatsächlich in einer Kriegszone zu sein, stellt sich sofort ein.
 
Wie die Call of Duty-Reihe verwendet Killzone 3 Triggerpoints, ab deren Erreichen weitere Gegner freigesetzt werden oder ein anderes Ereignis eintritt. Allerdings setzt es diesen Kniff intelligenter ein als das Vorbild. So versiegt bei Killzone 3 der Nachschub an Feinden irgendwann, teils räumen auch die Kameraden den letzten Widerstand aus, und man kann nach einem kurzen Ausflug nach hinten zu einer Munitionskiste schnurstracks zum Ende des aktuellen Abschnitts laufen. Wohlgemerkt, wir finden das positiv, die extreme Spielerzentriertheit des Geschehens in Black Ops und Co. wirkt stellenweise unglaubwürdig. Und: Die Gegner-KI in Killzone 3 erscheint uns schlauer. Die Helghast-Soldaten sind weniger todesverachtend, wechseln auch in Deckung ein wenig die Stellung, strecken also nicht immer wieder an der gleichen Stelle ihren Kopf hervor, wenn sie hinter einer Barrikade knien.
 
Zudem gereicht das Zukunftsszenario Killzone 3 gleich auf zwei Arten zum Vorteil: Einerseits erlaubt es in Sachen Kampfgerät und Vehikel (die ihr allerdings fast immer nur in Railshooter-Manier steuert) eine größere Vielseitigkeit als ein reales Setting. Andererseits sind darin Großgegner möglich, die sich um physikalische Gesetze einfach nicht zu kümmern brauchen, und entsprechend beeindruckend ausfallen.

Typische Teilmission 1 Rico (links) und unser Alter Ego Sev beratschlagen, wie sie den ISA-Konovi sicher zur Evakuierungszone bringen.  2 Als der Konvoi unter immer stärkeren Beschuss gerät, stellen wir uns an ein stationäres MG... 3 ... und flankieren feindliche Heckenschützen. 4 Doch eine Bogenkanonen-Flak holt reihenweise unsere Luftunterstützung vom Himmel. 5  Deshalb säubern wir unsererseits als Scharfschütze ... 6 ... angrenzende Gebäude von Snipern und MG-Schützen, denn andernfalls kommt der Sprengtrupp nicht bis zur Flakstellung durch.
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