Test: Die Tränen im Regen

Heavy Rain Test

Zwei GamersGlobal-Redakteure haben Heavy Rain durchgespielt, in über einem Dutzend Varianten, um den großen Fragen nachzuspüren: Ist der atmosphärisch beeindruckende Thriller in Wahrheit ein Blender? Hat der Spieler wirkliche Entscheidungsfreiheit, und sein Handeln echte Auswirkungen? Vor allem aber: Müsst ihr dieses Spiel haben?
Jörg Langer 14. Februar 2010 - 0:04 — vor 9 Jahren aktualisiert
PS3
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Heavy Rain ist ein emotional packender Thriller zum Mitspielen, der anders ist als viele herkömmliche Computerspiele. Denkt an Sieben oder Denn zum Küssen sind sie da oder Roter Drache oder andere fies-spannende Serienmörder-Filme. Nur dass ihr gleich vier Handlungsträger steuert, deren Wege sich irgendwann kreuzen: einen verzweifelten, zu allem entschlossenen Vater, eine von Schlaflosigkeit geplagte Reporterin, einen asthmakranken Privatdetektiv, einen drogensüchtigen FBI-Agenten. Sie alle haben mit dem Origami-Killer zu tun. Der hat in den letzten Jahren acht Jungen ermordet. Sie waren immer um die zehn Jahre alt. Sie starben immer vier oder fünf Tage nach ihrer Entführung. Sie starben alle im Herbst. Und sie alle zeigten keine Gewalteinwirkung. Alle wurden in der Nähe von Bahngleisen gefunden. Sie alle waren ertrunken. Soviel wisst ihr nach den ersten Minuten des Spiels, und keine Sorge: Wir verraten auf den folgenden Seiten keine Details, die euch Überraschungen oder große Momente spoilern würden.

Film Noir und Heavy Rain

Scott Shelby könnte auch in einem Film Noir mitspielen.
Um euch auf dieses Spiel und die Schwierigkeiten seiner Bewertung einzustimmen, wollen wir es mit einer Allegorie versuchen. Sie heißt Blade Runner. Wir wählen den Sciencefiction-Kultfilm nicht deshalb als Vergleich, weil wir Heavy Rain auf einer Stufe mit ihm sehen würden. Und auch nicht, weil er ein Film Noir ist, in dem selbst die Helden zerrissene Charaktere sind und wenig Aussicht auf Trost oder Triumph haben -- ganz wie im Quantic-Dreams-Spiel. Und nicht einmal deswegen, weil es auch in Ridley Scotts Film fast immer regnet. Sondern, um bereits zu Beginn dieses Tests auf einen Umstand hinzuweisen, der da heißt: Manchmal kann ein Werk größer sein als die Summe seiner Einzelteile und Unzulänglichkeiten. So wie bei Blade Runner ein von vielen Fans (und dem Regisseur) als unnötig empfundener Voiceover den Film verschandelte, und eine ungeheure Zahl von Continuity- und sonstigen kleinen Fehlern von Erbsenzählern aufgespürt werden konnte, so gibt es auch bei Heavy Rain zahlreiche Detailfehler, Logiklücken und auch zwei, drei größere Designschnitzer. Ohne, dass dies seine Faszination wesentlich schmälern könnte.

Auch ein anderes Blade Runner ist auf seine Art ein Vorbild für Heavy Rain. Nämlich das gleichnamige Spiel von Westwood. Auch in diesem Detektiv-Thriller musstet ihr auf viele herkömmlichen Adventure-Elemente verzichten, bekamt dafür aber einen spannenden Plot, viel Atmosphäre und eine ähnliche -- wenngleich viel weniger komplexe -- Episodenstruktur. Doch vermutlich werdet ihr eher ein anderes Spiel kennen, von dem sich Heavy Rain einiges leiht...

Unser Testvideo gibt euch einen guten Eindruck von der Emotionalität und der Quick-Time-Steuerung von Heavy Rain.


Abteilung Vorurteile: Fahrenheit, Quick-Time-Events

Wer vor einigen Jahren Quantic Dreams' Fahrenheit (in USA: Indigo Prophecy) gemocht hat, wird darin viele Parallelen zu Heavy Rain entdecken. So suchte im "spirituellen Vorgänger" ein ungewöhnlich strenger Schneesturm die Spielwelt heim, wobei zu Kapitelbeginn immer die aktuelle Temperatur (die sich stetig verringerte) angezeigt wurde, natürlich in Fahrenheit. Ständig schneite es im Spiel. Dieses Mal ist es ein tagelanger, schwerer Regen, und die Regenfallmenge pro Quadratmeter wird jeweils, mit der Uhrzeit, zu Episodenbeginn verkündet. Die Handlung ist wiederum "erwachsen", es gibt wieder ein wenig nackte Haut zu sehen und, unter Umständen, eine Sexszene. Wiederum wird im Stil von 24 manchmal der Bildschirm gesplittet, um zwei oder drei Szenen parallel zu zeigen, doch insgesamt ist Zeitdruck (von den Quick-Time-Events abgesehen) als Spielelement geringer geworden, beziehungsweise kommt in weniger Episoden vor. Die deutlichste Parallele aber ist: Es geht abermals um eine Serie grausamer Morde.

Doch es gibt viele Unterschiede. Neben offensichtlichen wie der völlig anderen Handlung (die dieses Mal keine abstrus-okkulte Auflösung hat) oder der stark verbesserten Grafik ist es vor allem die Bedienung: Fahrenheit setzte auf eine Art 3D-Adventure-Steuerung, in die teilweise Quick-Time-Events (QTE) eingebunden waren (damit ist gemeint, dass man unter Zeitdruck eine oder mehrere eingeblendete Tasten drücken muss). Außerdem kam es regelmäßig zu Kämpfen gegen Albtraum-Erscheinungen (oder echte Gegner), die das zeitige Drücken diverser Gamepad-Tasten erforderten. Wenige Spieler mochten diese Kämpfe, die meisten ertrugen sie des restlichen Spiels wegen, manche hassten sie derart, dass sie Fahrenheit niemals zu Ende brachten. Heavy Rain setzt noch mehr auf QTE, bindet diese aber vielfältiger, logischer und oft auch intuitiv ein. Außerdem wird kaum eine Animation der Hauptcharaktere im Spiel wiederholt, was sehr dazu beiträgt, die QTE-Handlungen als lebensecht erscheinen zu lassen -- dazu gleich mehr. Und: Heavy Rain verzichtet auf das "Panikmeter" aus Fahrenheit. Das symbolisierte die Selbstkontrolle des jeweiligen Charakters, führte aber zu reichlich abstrusen Situationen, wo schon eine einfache Frage den Helden in den sprichwörtlichen Wahnsinn und damit zum Game Over treiben konnte, wenn er aus vorigen Szenen schon "aufgewühlt" war.

Kurzum, Heavy Rain macht viele Sachen anders als Fahrenheit -- und anders als "normale" Spiele sowieso. Reicht das dem PS3-Exklusivtitel, um euch trotz seiner Mängel ein wegweisendes Spielerlebnis zu bieten?

Heavy Rain: Die sechs wichtigsten Charaktere 1 Ethan Mars hat bei einem Unfall seinen Sohn verloren, nun wird noch der zweite Sohn Shaun gekidnappt. Auf diesem Screenshot ahnt er das noch nicht und hilft Shaun bei den Hausaufgaben.  2 Madison Paige ist eine Reporterin, die in den Fall um den Origami-Killer hereingezogen wird und sich mehr und mehr um Ethan Mars sorgt. Hier macht sie sich für Ermittlungen in einem Nachtclub schick.  3 Scott Shelby ist Privatdetektiv, der bei den Familien der Opfer des Origami-Killers nach Hinweisen sucht. Hier sitzt er gerade in seinem Appartement.  4 Norman Jayden ist FBI-Agent, hat ein Drogenproblem und versucht, Shaun zu finden. Dabei helfen ihm auch seine Gadgets, mit denen er unter anderem in eine virtuelle Realität eintauchen kann.  5 Carter Blake ist der "Bad Cop" von Heavy Rain, unfreiwilliger Arbeitskollege von Norman und auf diesen nicht gut zu sprechen.  6 Lauren verlor ihren Sohn an den Origami-Killer, ist im sozialen Abseits gelandet und verdingt sich als Prostituierte. Sie hat sich geschworen, den Origami-Killer umzubringen.
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