Test: Wehe, wenn sie losgelassen

Harveys neue Augen Test

Harveys neue Augen, der Quasi-Nachfolger zum Überraschungshit Edna Bricht Aus, hat von uns in zwei Previews Vorschusslorbeeren erhalten. Aber die wahre Prüfung hatte es noch vor sich. Die hat inzwischen stattgefunden. Ob das Spiel dabei durchfiel oder ein gutes Ergebnis erzielte, verrät euch unser Test.
Philipp Spilker 28. August 2011 - 15:16 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Seit mehreren Tagen schon plagt uns ein ganz besonders hartnäckiger Ohrwurm. Wir singen ihn auf dem Weg zur Arbeit, unter der Dusche und beim stündlichen Kaffekochen für unseren Chef. Wir werden ihn nicht los (den Ohrwurm, nicht unseren Chef). Schuld daran ist der Titelsong von Harveys neue Augen, der von Finn Seliger und Edna-Schöpfer Jan Müller-Michaelis produziert wurde. Letzterer ist auch noch an etwas anderem schuld. Nämlich daran, dass uns unsere Umwelt derzeit viel zu gerade und geometrisch perfekt erscheint. So sehr gefallen uns die im charmanten Comic-Look und ohne Lineal gezeichneten Hintergründe des neuen Spiels aus der Hamburger Adventureschmiede Daedalic Entertainment. Aber damit noch nicht genug der Beschuldigungen: Unser Zwerchfell beschwert sich in letzter Zeit über eine nicht mehr hinnehmbare Dauerbelastung -- was nur an den teils urkomischen und geschliffenen Dialogen der in der Welt von Harveys neue Augen beheimateten Charaktere liegen kann.

Statt uns wegen all dem an einen Beschwerdebrief zu setzen, erzählen wir euch aber lieber, wieso Harveys neue Augen ein ganz fantastisches Adventure geworden ist. Und falls ihr scharf darauf seid, auch einen neuen Ohrwurm zu kriegen: Klickt einfach auf unser First15-Video rechts.
Nebst normalen Rätseln erwarten euch im Spielverlauf auch Minispiele, die überwiegend gut gelungen sind, bei Bedarf aber übersprungen werden können. Im Bildbeispiel muss Lilli in einem Schachspiel ihren Gegner im Rundenkampf besiegen.
Diese Ki-ki-ki-Kinder!Die Klosterschulenoberin Ignatz hat genug von ihren Schutzbefohlenen. Diese Ki-ki-ki-Kinder benehmen sich ständig daneben. Also nimmt sie die Dienste eines in diesem Gebiet sehr erfahrenen Psychologen namens Dr. Marcel in Anspruch. Der ist Adventurekennern noch als der Antagonist aus Edna Bricht Aus bekannt -- die selbe Edna, die die beste (und eigentlich auch einzige) Freundin von Lilli ist. Die wiederum ist der Hauptprotagonist von Harveys neue Augen und außerdem "das bravste Mädchen auf der ganzen Welt", zumindest wenn man dem Erzähler des Spiels Glauben schenkt. Und da sie so brav ist, hilft sie Edna natürlich sofort dabei, aus dem Kloster zu flüchten, bevor der gefürchtete Dr. Marcel auf der Bildfläche erscheinen kann. Das Problem ist nur: Lilli bringt bei dieser Hilfsaktion, ohne es zu wollen, einen Großteil ihrer Mitschüler um (hierzu verrät unser Vorschauartikel mehr). Nicht dass sie davon etwas mitkriegen würde: In ihrer kindlichen Unschuld verdrängt sie die unangenehmen Folgen ihres Handels und sieht statt lebloser Überreste ihrer Schüler lustige Zensurgnome, die alles, was kein schöner Anblick wäre, lila anpinseln. Und überhaupt deutet so einiges an Lilli auf psychische Störungen hin. Als wir in der Klosterschule auf einen Clown treffen, kommentiert der Erzähler das mit den Worten: "Sie hatte noch nie einen lebendigen Clown aus der Nähe gesehen. Nur den toten, der nachts immer vor ihrem Fenster stand."

Dass die psychotisch leicht angeknackste Lilli hier ein Gewehr in der Hand hält, ist wohl nicht gerade ein gutes Omen. Oder?
Der Erzähler ist ein entscheidendes Element im Spiel. Lilli nämlich kommt nie so recht zu Wort. Wenn sie es mal versucht, fällt ihr grundsätzlich jemand ins Wort. Ein Hauptprotagonist, der den Mund kaum aufkriegt? Das muss man sich in einem Adventure erst mal trauen, da es gewaltig in die Hose gehen könnte. Harveys neue Augen aber wird dadurch zum komödiantischen Meisterstück. Schauspieler Götz Otto, der den sarkastischen Erzähler mit hörbarer Freude spricht, ist nur die halbe Miete. Einen Bärenanteil daran, dass die Wortkargheit von Lilli nie stört, tragen auch die Dia- bzw. Monologe, die einfallsreich, witzig und selbstironisch sind. Beispiel gefällig? Im Verlauf des zweiten von drei Akten sieht sich Lilli damit konfrontiert, ein Glas verdorbener Mayonnaise zu sich zu nehmen. Nachdem wir ihr das per Mausklick befohlen haben, schaut sie uns an, windet sich, versucht mit einem "Ähm..." ihre Zweifel deutlich zu machen. Doch da ihr das nicht so recht gelingen will, gibt uns stattdessen Götz Otto ihre Gedanken wieder: "Warum war nie jemand da, der einem etwas verbot, wenn man es am dringendsten brauchte?" Wir haben Tränen gelacht.

Die obige Szene funktioniert insbesondere deshalb so gut, da Verbote in Harveys neue Augen einen wichtigen Gameplay-Mechanismus darstellen. Der ist derart wichtig, dass wir nicht anders können, als euch das Ende des ersten Akts von Harveys neue Augen vorweg zu nehmen -- das aber eh keine große Überraschung ist, auf wesentliche Storyspoiler verzichten wir im Test selbstverständlich. Während Edna es hinkriegt, vor Dr. Marcel zu flüchten, ereilt Lilli das Schicksal, die neueste Behandlungsmethode des Doktors am eigenen Leib zu erleben. Er hat nämlich Harvey, den ebenfalls aus Edna Bricht Aus bekannten blauen Stoffhasen, im Gepäck. Dessen Augen allerdings wurden ihm neu angenäht und dienen nun als Hypnoseinstrument. Nachdem Lilli auf diesem Weg hypnotisiert wurde, muss sie sich mit mehreren Blockaden herumschlagen. Eine von denen lautet zum Beispiel: "Du sollst nicht mit Feuer spielen." Wenn sie versucht, gege
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n ein solches Verbot zu verstoßen, kriegt sie einen Elektroschock. Effektiv, aber für Lilli eher unangenehm.

Bald schon aber erfährt sie, dass sie durch erneute Hypnose in ihr Unterbewusstsein gelangen kann, um dort die für die verschiedenen Verbote verantwortlichen Dämonen zu besiegen. Etwa 30% des Spiels finden daher im Unterbewusstsein von Lilli statt. Dann müsst ihr dort beispielsweise einen Dämon davon überzeugen, dass es in einigen Situationen durchaus angebracht ist, auch als Kind schon mit spitzen Gegenständen zu spielen. Habt ihr das geschafft, dürft ihr das Verbot via einer Kommandoleiste jederzeit ausschalten. Aber bei der ganzen Sache gibt es einen Haken: Ihr könnt immer nur ein Verbot zur selben Zeit umgehen. Während wir uns in unserem Artikel zur Preview-Version noch fragten, ob Daedalic Entertainment dieses spannende Spielprinzip auch über das gesamte Spiel hin auszunutzen weiß, wissen wir inzwischen die Antwort darauf: Ja, tun sie. Die Ausflüge ins Unterbewusstsein sind nicht nur durchweg unterhaltsam und gut ins Spiel eingebaut, sondern dienen im späteren Spielverlauf auch zur Entwicklung der sehr guten Story.
Erm... Lilli hätte da noch etwas zu sagen. Oder aber auch nicht. Denn sie kommt im ganzen Spiel nie so recht zu Wort. Durch ihre ausgezeichnete Animation und den tollen Erzähler versteht man sie aber stets auch ganz ohne Worte.
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