Halbherzig gut

Grim Fandango Remastered Test

Es verkaufte sich schwach und wurde oft für seine gewöhnungsbedürftige Steuerung kritisiert. Dennoch verehren nicht wenige Adventure-Fans Tim Schafers Spiel von 1998 als eines der besten im Genre. Nun steht die überarbeitete Neuauflage samt Point-and-Click-System und Audiokommentar bereit. Kommt mit uns ins Land der Toten...
Benjamin Braun 27. Januar 2015 - 10:00 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Update: Wir haben den Test um Infos zur PS4-Fassung ergänzt.

Tim Schafer war in seiner langen Schaffenszeit kommerzieller Erfolg bei weitem nicht immer vergönnt. Mit Spielen wie Day of the Tentacle oder Monkey Island 2 - Le Chuck's Revenge genießt er aber gerade unter Adventure-Freunden ein hohes Ansehen. Womöglich verdankt Schafer seinen guten Ruf auch der Tatsache, dass keines seiner Spiele einfach das vorherige kopierte. So und nicht anders war das auch beim 1998 veröffentlichten Grim Fandango. Aber nicht nur das skurrile, an den Día de los Muertos angelehnte Setting war höchst ungewöhnlich, sondern auch die verquere Steuerung, bei der man die Figur quasi direkt bewegte, durch Drehen, Vor- und Zurücklaufen. Statt einer Hotspot-Anzeige nickte der Held mit dem Kopf, wenn er an einem manipulier- oder ansehbaren Objekt vorbeilief. Innovationskraft: 9 Punkte von 10. Bedienbarkeit: 3 Punkte.

Nun, gut 16 Jahre nach der Erstveröffentlichung, erscheint mit Grim Fandango Remastered eine überarbeitete Fassung des Abenteuers von Knochenmann Manny Calavera für PC, PlayStation 4 und PSVita. Was sich bei Steuerung, Grafik und Komfort getan hat, und ob sich ein Kauf nicht nur für Fans lohnt, haben wir für euch herausgefunden.

Etwas ist faul im Land der TotenIn Grim Fandango Remastered schlüpft ihr in die Rolle von Manny Calavera, der für das Departement of Death arbeitet. Die Behörde befindet sich im Land der Toten, eine Art Übergangswelt zwischen Leben und Jenseits, weshalb alle Lebewesen (auch die Tauben) nur noch aus Knochen bestehen. Mannys Aufgabe beim DOD besteht darin, Verstorbenen eine Reise ins Jenseits zu vermitteln. Er selbst muss dort schuften, damit er irgendwann selbst seine Reise antreten darf. Obwohl er sich mit Mercedes Colomar eine potenzielle Empfängerin für eines der Premium-Goldtickets als Kundin erschleicht, bleibt der berufliche Erfolg aus. Offenkundig unterschlägt die Geschäftsführung des DOD um Chef Don Copale und Kundenbetreuer Domino die Goldtickets, um sich selbst den Weg in die ewigen Jagdgründe zu sichern. Als er dahinter kommt, wirft ihn die Firma raus. Manny schließt sich der Untergrundorganisation ZVS (Zentralkomitee verlorener Seelen) an, die dem DOD das Handwerk legen will. Was folgt, ist eine vierjährige Reise auf der Suche nach Mercedes, die Manny unter anderem als Casino-Besitzer ins Zocker- und Künstlerparadies Rubacava bringt. Begleitet wird er bei seinem Abenteuer von einem Dämon namens Glottis, der ein Händchen für PS-Schleudern hat, aber auch ein gewaltiges Problem mit Alkohol...

Im Kern ein exzellentes Spiel
Erstmals von offizieller Seite aus gibt es Grim Fandango komplett mit Point-and-Click-Steuerung.
Grim Fandango Remastered lebt von seiner außergewöhnlichen Geschichte und den humorvollen Dialogen aus der Feder von Tim Schafer. Die 3D-Grafik mag nicht jedermanns Sache sein, der Art-Déco-Stil sorgt aber gemeinsam mit dem fantastischen Soundtrack durchweg für Atmosphäre.

Spielerisch hat Grim Fandango Remastered weit mehr zu bieten als viele moderne Adventures. Die clever designten Rätsel lassen dem Spieler trotz der hohen Storylastigkeit vergleichsweise große Freiheiten bei der Reihenfolge, in denen er sie erfüllt. Außerdem greift meist eines wie ein Rädchen ins andere. Die Rätselvielfalt ist trotz der damals ungewohnten Spielmechanik, die Kombinationen direkt innerhalb des Inventars verbietet, sehr vielfältig. Insbesondere die Dialogrätsel, die nur durch das korrekte Durchforsten der Multiple-Choice-Dialogbäume lösbar sind, erreichen oft genug Monkey-Island-Sphären.

Besonders schön ist das typische Stück-für-Stück-Annähern an des Rätsels Lösung. Anstatt wie in modernen Adventures eine Aktion wie das Zerbröseln eines Brotes zum Anlocken von ein paar Tauben komplett zu unterbinden, wenn noch eine wichtige Zusatzzutat fehlt, erlaubt Grim Fandango die Aktion. Nachdem der Plan gescheitert ist, gibt es einen sinnvollen Kommentar, der einem behutsam näher an die korrekte Lösung bringt.

Endlich Point-and-ClickDer größte Vorzug der Remastered Edition von Grim Fandango ist die neue Point-and-Click-Steuerung. Wer sich im Original mit der nur per Tastatur oder Gamepad möglichen Eingabe rumgeplagt hat, kann nun alles mit der Maus bedienen. Das Inventar ruft ihr per Klick auf den Inventarbutton auf, untersucht oder zur Verwendung in die Hand genommen wird ebenfalls per Mausklick. Durchgeschaltet werden die Inventarobjekte per Icon, wobei die Pfeile zum Durchschalten des Inventars im 16:9-Format idiotischerweise ausgeblendet werden – die gibt’s nur in den 4:3-Formaten (mit oder ohne Rand). Hotspots in der Umgebung geben beim Click darauf ein kleines Popup-Menü frei, das Optionen zum Benutzen, Anschauen oder Ansprechen gewährt. Das funktioniert richtig gut, auch wenn an einigen wenigen Stellen zu erkennen ist, dass das Spiel nicht auf dieses Steuerungsprinzip ausgelegt war.

Mit dem Controller funktioniert das System intuitiver. Wer wi
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ll, kann Grim Fandango Remastered wie gehabt auch komplett mit der Tastatur bedienen. Das Drehen des Kopfes von Manny beim Durchlaufen der Szene, um den Spieler auf interaktive Objekte aufmerksam zu machen, gibt es übrigens immer noch. Zumindest auf Spieler, die das Original nicht kennen, kann das befremdlich wirken. Der einzige wirkliche Kritikpunkt an der Point-and-Click-Steuerung ist aber, dass die Wegfindung nicht zuverlässig funktioniert. An bestimmten Orten muss der Spieler erneut klicken, da Manny an irgendeiner Kante hängenbleibt und nicht selbst auf den gewünschten Pfad zurückkehren kann. Aber auch wenn die Point-and-Click-Steuerung nicht absolut einwandfrei funktioniert, bedeutet sie insgesamt dennoch einen großen Zuwachs an Spielkomfort. Für Grim-Fandango-Neulinge hätte Double Fine aber vielleicht zusätzlich über eine Hotspotanzeige nachdenken können, auch wenn die aktiven Flächen meist großzügig bemessen sind. In jedem Fall muss niemand mehr auf die Finalisierung der Fan-Mod fürs Original warten, sofern das Projekt jetzt überhaupt noch weiter verfolgt werden sollte.
before
after
... als die alte Version auf der rechten Seite (ebenfalls im gestauchten 16:9). An den Animationen ändert sich nichts, die Hintergründe scheinen dieselben zu sein, und die Zwischensequenzen sind einfach nur hochskaliert.
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