Taktische Hexfeld-Karambolage

Greed Corp Test

Unglaublich! Die Amsterdamer Entwickler W!Games, die sich sonst nur mit der Horse-&-Me-Serie auf ihrem Portfolio "schmücken" können, beglücken uns mit einem hochkarätigen Taktikkracher, der selbst das Interesse der eingefleischten Total-War-Anbeter, Starcraft-2-Jünger und Catan-Spielfigurenschubser wecken dürfte.
Jörg Langer 22. März 2010 - 22:00 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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Hinweis: Wir haben den ursprünglichen Test von März 2010 anlässlich des Erscheinens der PC-Version überarbeitet.

Alle Achtung: Da haben die holländischen Entwickler W!Games einen echten Treffer gelandet. Und das, obwohl das kleine Amsterdamer Team W!Games sich bislang ausschließlich mit dem Austüfteln von Pferdespielen wie Horse & Me! beschäftigt hat. Das rundenbasierte Strategiespiel Greed Corp schlägt gekonnt und unermüdlich eine Brücke zwischen Brett- und Echtzeitstrategiespiel. Im Hexfeldstil gehalten, erinnert es stark an Papp-Spielbrett-Legenden wie Catan oder Carcassonne, auch in Hinblick auf die Spielmechanik. Jedoch geht der Spielfluß so problemlos und intuitiv von der Hand, dass man glatt glauben könnte, wir spielten ein Echtzeitstrategiespiel Marke StarCaft. Gekrönt wird das Ganze mit der taktischen Tragweite und Spielbalance einer abendländischen Neuerfindung von Schach.

Die PC-Version hat ein für Maus geeignetes Interface bekommen, ansonsten ist das Spiel gleich geblieben.

Gier als Spielprinzip
 
Greed Corp ist der erste Teil der neuen Spieleserie von W!Games, der im Mistbound-Universum spielt. Ressourcen sind Mangelware geworden; um jedes Quentchen wird gekämpft. Der sozio-ökologische Unterton ist nicht zu überhören, nervt aber auch nicht weiter beim Spielen. Zumal es in Greed Corp nicht um Öliges geht, sondern schlichtweg um das Abbauen von "Ressourcen". Ihr übernehmt die Rolle einer der vier Parteien – Imperium, Gesetzlose, Kartell oder Piraten – denen es gleichermaßen gierig nach Credits trachtet.
 
Euer Ziel ist es in dem rundenbasierten Hex-Strategiespiel, die jeweils anderen Parteien vom Platz zu fegen – "Last Man Standing" sozusagen. Das heißt, alle gegnerischen Einheiten und Gebäude zu vernichten oder einzunehmen. Die Auswahl der Parteien spielt dabei jedoch keine spielentscheidende Rolle. Es gibt lediglich visuelle Unterschiede in der Präsentation, jedoch keine speziellen Einheiten oder Gebäude mit "Spezialfähigkeiten" für eine der Parteien. Dafür ist das "vom Platz zu putzen" wörtlich zu verstehen, denn in Greed Corp geht es den Hexfeldern, also der Spielkarte selbst, an den Kragen. Die Felder haben nämlich eine Höhe, die durch den Abbau von Ressourcen verkleinert wird. Kommt die Höhe bei null an, verschwindet das Hexfeld mit allem, was darauf ist. Für immer.
 
Taktikschlachten bis aufs letzte Hex

So sieht das Ende eines Spielers aus (goldenes Hex), der sein Land bis aufs vorletzte Hex abgebaut hat.
Ressourcenhungrig ziehen wir wie wild los, platzieren auf jedes vierte Hexfeld unsere Erntemaschinen, die Buddler. Möglichst viel Kohle zu scheffeln, ist unser grandioser Blitzstart-Plan. Pro Erntephase wird das Terrain rund um den Buddler um eine Stufe abgebaut. Im Nu sitzen wir auf unseren einzig noch verbliebenen Feld, das wir aber – wohlgemerkt – bis auf die Zähne bewaffnet haben: 16 Schreiter-Kampfeinheiten (das Maximum, was ein Feld beherbergen kann), eine Waffenfabrik und eine Kanone (letztere leider ungeladen).

Und der Gegner? Der sitzt gemütlich auf der anderen Seite der Karte, weit abgelegen von unserer einzelligen Herrschaftszone, jedoch noch in Kanonenreichweite. Und so schießt unser Erzfeind fröhlich juchzend aus dem Rohr seiner Kanone, die er vorsorglich im vorigen Zug mit Munition bestückt hat, ganze fünf Felder weit auf unser Existenznestchen. Ihm war wohl bewußter als uns, dass der Bau von Einheiten und Gebäuden sowie das Auftanken von Kanonen immer einen Aktivierungs- bzw. "Abkühl"-Zug benötigt, was garantiert, daß der jeweils andere Spieler mindestens einen Zug zum Reagieren Zeit hat. Der Schuß bringt unsere kleine Insel zum Bersten. Doch selbst wenn unser Inselchen aus zwei oder drei kritischen Feldern bestünde, wären wir einfach der Kettenreaktion – dem Zusammenbrechen aller angrenzenden kritischen Felder durch den Kanonenbeschuß – zum Opfer gefallen. Wir können nur noch unserer einstigen Festung hinterherwinken, wie sie in den unendlichen Abgrund stürzt. Mit einer halben Träne im Auge trauern wir unserem Elend hinterher, freue uns jedoch zugleich auf eine neue Partie Greed Corp.

Die Top-down-Sicht, hier in der alternativen Kameraperspektive, kann beinahe schwindelerregend wirken. (Xbox 360)
 
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