Gerda - A Flame in Winter

Gerda - A Flame in Winter Test+

Gefährliche Graustufen im 2. Weltkrieg

Burtchen / 1. September 2022 - 18:00 — vor 1 Jahr aktualisiert

Teaser

Gerda will ihren Mann vor der Gestapo retten und gerät zwischen Nazi-Besatzer und Widerstand. Bei der Umsetzung der schweren Kost zeigt PortaPlay Games einige Stärken, tappt aber auch in eine Falle.
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Alle Screenshots und Videoszenen stammen von GamersGlobal

Februar 1945 im besetzten Dänemark: Die Krankenschwester Gerda füttert die Hühner auf eindringlichen Wunsch ihres Ehemanns Anders. Es ist ein seltsam anmutender Herzenswunsch für jemanden, der gerade von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) abgeführt wird; angeblich zunächst nur für einige Fragen. Doch im Stall findet sie neben dem Federvieh auch beim Futter versteckte Unterlagen. Sie lassen darauf schließen, dass Anders tiefer in die Aktionen des dänischen Widerstandes vor Ort verstrickt war, als er je hat durchblicken lassen. Gerda ist erschüttert, aber für Reflektion bleibt keine Zeit. Sie muss handeln. Sie hat ihrem Beruf nachzugehen, Besorgungen erledigen, möchte bei der Gestapo Fragen zu Anders beantwortet haben – und sollte sie nun nicht auch dem Widerstand einen Besuch abstatten?

So beginnt Gerda – A Flame In Winter, ein „narratives RPG-lite“ von Publisher Dontnod (Life is Strange) und Entwickler PortaPlay Games. Darin steuern wir unsere Protagonistin – dänische Mutter, deutscher Vater – durch eine dichte Geschichte. Dreht sich anfangs fast alles darum, Anders zu retten oder zumindest mit ihm zu sprechen, wird Gerda im Laufe der nächsten Spieltage in eine deutlich komplexere Angelegenheit verwickelt und sie trifft auf zahlreiche Figuren: Vom Pastor über Schmuggler und Wehrmachtsoldaten bis hin zur Widerstandskämpferin.
Das HUD: Der Balken oben rechts zeigt ein Zeitlimit, darunter Gerdas aktuelle Charakterwerte, die Vertrauenswerte mit einzelnen Fraktionen sowie gegenwärtig im Raum befindlichen Personen, schließlich unten die Gesprächsoptionen. Über das Icon oben links erreichen wir Gerdas Tagebuch nebst Personenverzeichnis und Nachschlagewerk spielrelevanter historischer Fakten.


Handlungs- und Gesprächsbedarf

Das Spiel gliedert sich in Passagen, die bei gemütlichem Spieltempo grob zehn Minuten dauern. Die Kamera verfolgt uns (oft etwas zu dicht) und für Interaktion bereit stehende Figuren oder Gegenstände werden markiert. Klassische Adventure-Rätsel gibt es nicht, aber wenn wir einen wesentlichen Gegenstand aufgenommen haben, werden später automatisch dazugehörige Gesprächsoptionen verfügbar, zum Beispiel können wir Ersatzteile für eine Reparatur anbieten. Ab und an habt ihr nur eine begrenzte Zahl an Aktionen, um eine bestimmte Gegend auszukundschaften – trotz der allgemein simplen Inszenierung des Spiels hat diese Dramatik zuverlässig Schweißperlen hervorgebracht!

Zwischen den einzelnen Szenen führt Gerda Tagebuch – die einzigen Momente mit Sprachausgabe, wahlweise Englisch oder Dänisch; die Bildschirmtexte lassen sich auch komplett auf Deutsch anzeigen. Nach zwei Absätzen Gerdas eigener Gedanken lässt uns das Spiel den Schlussparagrafen auswählen. Je nach unserer Selektion bekommt die Krankenschwester zum Beispiel für besonders empathische Beobachtungen einen Punkt Mitgefühl. Ihre anderen „Attribute“ sind Auffassungsgabe und Scharfsinn.
Am Ende jeder Szene rekapituliert Gerda die Geschehnisse und gibt uns die Möglichkeit, eine bewertende Passage zum Schluss einzufügen. Die Entscheidung bringt einen entsprechenden Attributspunkt.
 

Die Würfel sind gefallen

Einen Großteil des Spiels verbringen wir jedoch mit szenischen Gesprächen. Diese sind nicht vertont und müssen Satz für Satz durchgeklickt werden, was durchaus in Mühsal ausartet. In den überwiegend überzeugend – teilweise sogar pointiert und  charmant – geschriebenen Gesprächen haben wir Antwort-Optionen mit viel inhaltlichem Raum zwischen Kooperation und Konfrontation, wie in The Walking Dead und den anderen Adventures von Telltale Games. Welche davon aktiv anwählbar sind, hängt von eingesackten Gegenständen ab, manchmal auch von den genannten drei Charakterwerten, Gerdas Verhältnis zu Personen oder Fraktionen oder anderen Umgebungsattributen wie der Anspannung in einer Gruppe. Falls eine Antwortmöglichkeit einen der Charakterwerte erfordert, wird ein Punkt davon abgezogen. Es bringt wenig, gewisse Attribute zu bunkern, da alle drei je nach Spiel-Pfad ähnlich oft abgefragt werden können. Als letzte Mechanik in den Gesprächen und Handlungen gibt es Würfelproben, deren Erfolgschance vorher grob angedeutet wird. Wenn ich also keine andere Möglichkeit habe, weil weder Vertrauen noch Gegenstände zum Überzeugen eines Schmugglers vorhanden sind, kann ich auch mein Glück versuchen.

Das Ganze bildet ein zwar etwas schlichtes, aber durchaus funktionsfähiges System. Wie so oft bei Spielen dieser Art entfaltet manche Dialogsoption nicht ganz das, was ich dahinter vermutet hätte, und nicht jedes Gespräch entwickelt sich wie gehofft. Auch erschien mir die angegebene Würfelwahrscheinlichkeit etwas irreführend; sehr oft schlugen „leichte“ Proben auch in Serie fehl. Doch in der Summe ergibt sich für ein primär auf Narration ausgelegtes Spiel eine hinreichende Menge Mikro-Mechaniken, die ordentlich ineinandergreifen.

Neben der Hauptgeschichte ergeben sich auch ab und an Zufallsbegegnungen, in den A Flame In Winter kleine moralische Dilemmata präsentieren möchte. Ein dänischer und ein deutscher Junge spielen Krieg und geraten aufgrund der Regeln – die Deutschen starten mit mehr Stöckern – in Streit. Eine Gruppe Wehrmachtssoldaten hat von ihrer baldigen Berufung an die Ostfront gehört und möchte fliehen, stolpert aber zusammen mit uns in eine Straßenkontrolle. Auch hier haben wir mehrere Möglichkeiten, die vom Spiel nach Kräften als moralische Grauzone präsentiert werden.

Am Ende des Spiels – bei einer sehr gemütlichen Spielweise etwa sieben Stunden – listet A Flame in Winter auf, wie sich die Auswirkungen unserer Handlungen insgesamt darstellen. Haben andere öfter diese Person gerettet oder jenen Gegenstand genommen? Nach dem ersten Durchgang werden auch tagesweise Spielstände verfügbar, um Situationen mit anderen Optionen neu zu erleben, ohne gleich das ganze Spiel neu zu starten – denn bis dahin gibt es für Gerda nur ein wahres Savegame.
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Hagen Gehritz Redakteur - P - 184764 - 1. September 2022 - 17:44 #

Viel Spaß mit dem Test!

Lencer 19 Megatalent - P - 14855 - 1. September 2022 - 18:27 #

Wer kommt denn auf so eine dumme Idee, in dem historischen Szenario ne schwarz-rot-goldene Fahne für die Deutschen zu verwenden? Das Spiel kann ich einfach nicht ernst nehmen.

reen 16 Übertalent - P - 4030 - 1. September 2022 - 18:28 #

wirklich ein guter und informativer Test zu Gerda und ich werde mich trotzdem dem Spiel annehmen und gerade erst through the darkest times von paintbucket games gespielt hab und gerade in der ganzen Thematik drinnen bin und auch der Vergleich von beiden spielen interessiert mich sehr.

Nur eine Sache ist mir negativ aufgefallen, mir kommt die Stimme von Christian irgendwie ziemlich blechern vor. Da könnte man noch etwas verbessern

Danywilde 30 Pro-Gamer - P - 167053 - 1. September 2022 - 18:51 #

Ich hatte mich im Vorfeld richtig auf das Spiel und das interessante Setting gefreut. Die Verwendung der heutigen deutschen Flagge hatte mich bei der Preview schon stutzig werden lassen und leider bestätigt der Test meine dadurch geweckten Vorahnungen. Schade, das hätte wirklich was werden können, so wandert das Spiel erstmal nur auf die Liste.

Der Test von Christian hat mir gut gefallen, lediglich die Tonabmischung im Video könnte noch etwas optimiert werden. Die Stimme klang noch etwas blechern und teilweise hat die Hintergrundmusik die Stimme etwas überlagert.

thoohl 20 Gold-Gamer - P - 23942 - 1. September 2022 - 20:53 #

Ein toller Test und danke für das Recherchieren hinsichtlich der Flagge an Christian. Die Firma widmet sich ja einem historischen Spielekontext. Da überraschen die Antworten und Meinungen der Programmierer hinstlich der Historie umsomehr.

Da kannst du auch die früheren französischen Adelsheere unter der Tricolore in nem Strategiespiel marschieren lassen. Macht circa so viel Sinn, wie das hier.

Burtchen Freier Redakteur - P - 5831 - 1. September 2022 - 19:11 #

Auch von mir viel Spaß beim Lesen und danke fürs Feedback. Scheint, ich werde etwas ins Mikrofon-Equipment investieren müssen.

Matthe 13 Koop-Gamer - 1506 - 1. September 2022 - 19:51 #

da bleibe ich lieber bei RTCW.

ssj3rd 09 Triple-Talent - 284 - 1. September 2022 - 19:55 #

Better luck next time

antares 18 Doppel-Voter - 9483 - 1. September 2022 - 21:29 #

Vielen Dank für den schönen und ausführlichen Test. Der Einsatz der bundesdeutschen Flagge in einem Spiel, das in dieser Zeit spielt, ist ein No-Go für mich. Die Begründung der Entwickler halte ich für wenig überzeugend.

Maestro84 19 Megatalent - - 18697 - 1. September 2022 - 23:10 #

Jo, dies ist zum Einen ahistorisch und zum Anderen, schlimmer, eine Fußtritt für alle deutschen Demokraten. Es hat einfach seinen Grund, wieso die Nazis eine eigene Flagge nutzten.

Hagen Gehritz Redakteur - P - 184764 - 2. September 2022 - 9:30 #

Vermutete bei der Preview, dass die Entwickler damit hadern, wie sie die Variablen "Spricht Deutsch", "Teil der deutschen Minderheit in Tingleff" und "Besatzer aus dem Dritten Reich" zu visualisieren. Warum es die schlechteste Lösung war, auch im fertigen Spiel ausgerechnet alle unter Schwarz-Rot-Gold zusammenzufassen, hat Christian schön herausgestellt. Sie hätten ihre Fraktionen ja auch mit Worten markieren können. Einfach ein "Deutsch - Zivil" & Co. in einen Balken unter dem Porträt.

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 2. September 2022 - 10:15 #

Genau sowas wäre gut gewesen. Lieber ein Textfeld oder so als, gerade in so einem sensiblen Bereich, diesen Murks. Sonst könnten wir die Bundesdeutsche Flagge jetzt ja demnächst auch in Österreich, der Schweiz und Italien (Südtirol) hissen ;) Also basierend auf dem Sprachargument.

Burtchen Freier Redakteur - P - 5831 - 2. September 2022 - 12:22 #

Im Spiel selbst gibt es auch keine Notwendigkeit, in irgendeiner Stelle wirklich ganz schnell lesen zu müssen, zu welcher Fraktion und/oder Sprachgemeinschaft jemand gehört.

Restrictor81 22 Motivator - - 31317 - 1. September 2022 - 21:12 #

Ich weiß, dass Dontnod hier nur als Publisher agiert, aber es ist schade, wie nach dem großartigen Life is strange, das Bestandteil meiner persönlichen All-Time Top 5 ist, alles woran sie danach beteiligt waren meiner Meinung nach in die Mittelmäßigkeit abgedriftet ist. Dieser Titel scheint sich da leider mit einzureihen.

Für den Test ein ganz großes Lob. Hat Spaß gemacht ihn zu lesen und ich fand insbesondere die berechtigte Kritik zu bestimmten Spieldesign-Entscheidungen im Hintergrund des historischen Kontexts sehr gut.

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 2. September 2022 - 0:51 #

Ich dachte, das Spiel disqualifiziert sich durch die Flaggenwahl komplett. Durch die teils absurden Begründungen tun sie es eigentlich auch. Da es aber Grauzonen gibt und die Flagge die Kultur/Sprache ausdrücken soll (Kulturdeutscher mit Dänischem Pass) lässt mich zumindest den Ansatz nachvollziehen. Das ist aber in der Umsetzung völlig absurd. Da hätten sie niemals Flaggen, erst recht nicht diese, nehmen dürfen. Damit bleibt das Spiel für mich doch unspielbar.

Das Punktesystem für die 4 Fraktionen ist auch merkwürdig, zumal es imho viel zu stark vereinfacht. Erst recht, wenn das Spiel grau sein will.

Wenn das Spiel aber das:

"Gesamtbild, in dem der Nationalsozialismus wie eine dunkle Macht alles steuert und einzelne Menschen lediglich kleine Zahnräder mit minimalem Bewegungsspielraum sind"

und, auch aus soldatischer Sicht, das:

"Krieg ist schlimm von allen Seiten"

vermittelt, finde ich das gut.

Inwieweit Punkt 1 vllt doch überdreht ist, weiß ich nicht, weil ich nicut weiß, wer alles als Nazi (neben Stahl) auftritt. Aber gerade im Bereich Soldaten, Zivilisten usw ist das eher passend als unpassend. Und dafür, dass der begrenzte Handlungsspielraum, wenn es überhaupt welchen gab, auch oft genutzt wurde, ist auch von Alliierter Seite aus belegt. Man sollte zB auch nicht vergessen, dass selbst "die Guten" fremse Länder einfach besetzt haben, man denke an Island oder (beinahe) Norwegen. Kriegsverbrechen von allen Seiten gab es genug. Was wirklich herausragt und nicht verharmlost wersen darf ist die "Lösung der Judenfrage", das gab es (in industriellem Ausmaß) noch nicht. Freundlich unterstützt von lokalen Helfern in den besetzten Gebieten (sollte man auch nicht totschweigen). Bei Punkt 1 denke ich aich an Baerbock und ihre Aussage, dass das Volk machen kann, was es will, über hohe Preise klagen und sie vllt auch nicht mehr zahlen kann, wie es will, die Sanktionen bleiben. Wir haben also erst die Chance, wenn sie Wort hält und "wir" wollten, in ein paar Jahren das Kreuz bei wem anders zu machen (nur bei wem? Ah, also eine Partei gründen? Na, viel Erfolg!). Immerhin können wir (auch wenn es nichts bringt) demonstrieren, ohne vom Staat ermordet zu werden. Ich fühle mich da wie ein Zahnrad, das sich nichtmal drehen will, aber gar nix machen kann. (nein, Baerbock ist kein Nazi, aber selbst in unserem System haben wir als Einzelpersonen nur sehr kleine Handlungsspielräume; und die wurden auch damals oft genutzt).

Und noch ein Beispiel: Der schlesische Teil meiner Familie war rot (nicht dunkelrot) und sogar kommunal aktiv. Die haben genau 0 Nazisachen gemacht sondern das Gegenteil. Tote, Vertriebene, Enteignete als Ergebnis der Diktatur. Das sind Opfer (erst der Nazis, dann der Sowjets, dann der Polen), keine Täter. Und von einem schlesischen Dorf aus kann man auch schwer einen Staatsstreich starten. Darum finde ich diesen grauen Ansatz des Spiels gut.

Es ist alles viel grauer und schwieriger als es scheint. Es sind auch nicht plötzlich alle Russen (durch Propaganda aber denke ich viele) pro "Militäroperation". Auch da gibt es Helden, die es sogar bei uns in die Hauptnachrichten schaffen, wie diese TV-Frau mit dem Schild.

Mein Fazit nach Lesem des Tests: Manches völlig absurd, im Ansatz gut, den Graubereich vllt nicht in jedem Detail getroffen (grundsätzlich aus meiner Lesersicht aber positiv).

Sehr starker Test. Wegen der Flaggengeschichte und der teils absurden Begründungsversuche werde ich es nicht kaufen. Auch das Punktesystem spricht für mich gegen einen Kauf.

thoohl 20 Gold-Gamer - P - 23942 - 2. September 2022 - 7:39 #

Nur mit der Flagge haben sie mich leider verloren
Da kannst du auch die Regenbogenfahne mit Kriegsflaggen der Konföderierten Staaten von Amerika austauschen, bei der nächsten Veranstaltung.

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 2. September 2022 - 8:18 #

Sehe ich wie gesagt auch so. Die Begründungen machen es nur schlimmer. Der Ansatz (Symbol für Muttersprache) ist gut, muss aber anders gelöst werden. Volksdeutsche wollte man sie scheinbar nicht nennen ;)

Harry67 20 Gold-Gamer - - 24693 - 2. September 2022 - 8:53 #

Frau Baerbock da mal eben reinzuschieben ist freundlich ausgedruckt unredlich und disqualifiziert den ganzen Kommentar.

onli 19 Megatalent - P - 13132 - 2. September 2022 - 15:50 #

Es wäre freundlich, das einfach nur als Argument für die beschränkte Handlungsfähigkeit des Einzelnen in einem Staatssystem zu verstehen, nicht als sicher nicht beabsichtige Gleichsetzung.

Wobei generell diese Argumentation etwas verkennt, wie stark das Nazisystem eben sehr wohl von der Normalbevölkerung unterstützt und gewollt wurde. Nein, dann eben nicht von den roten im schlesischen Dorf der Vorfahren, aber die Mehrheit war nunmal kein engagierter Kommunist oder Sozialist. Vor allem nicht mehr 45.

Genau deswegen ist die Flaggenwahl des Spiels aber noch mehr daneben. Wenn es damals 80 Millionen Widerstandskämpfer gegeben hätte und keinerlei Sympathien in den besetzten Gebieten - gut, dann würde die Flagge für alle außerhalb der Nazi-Führungsriege ja passen. Aber so war es ja nicht.

Harry67 20 Gold-Gamer - - 24693 - 4. September 2022 - 9:24 #

Da bin ich nicht freundlich, sorry. Hier werden Dinge auf eine üble Art zusammengeschwurbelt. Das darf benannt werden.

"Wobei generell diese Argumentation etwas verkennt, wie stark das Nazisystem eben sehr wohl von der Normalbevölkerung unterstützt und gewollt wurde."

Das wiederum trifft den Kern und führt eben auch in eine klare Verantwortlichkeit für die Zukunft.

Btw betrifft das eben auch das Militär. Es wird ja gerne die Mär vom edlen Wehrmachtsoldaten ausgepackt. Mein Großvater war berittener Offizier und Nazi, sein gesamtes Netzwerk das er weit in die Nachkriegszeit pflegte bestand aus Offizieren und Nazis. Natürlich nicht plakativ sondern diskret.
100% Antisemit war für den 0% Problem.
Außer das man sowas lieber Fein aus der Öffentlichkeit hielt.

EDIT: Das sinnentstellte Zitat von Frau Baerbock wurde ja mittlerweile halbwegs quer durch die Medienlandschaft als gezielte Manipulation interessierter Kreise eingeordnet.

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 3. September 2022 - 9:21 #

Vielen Dank! Ich habe den Beitrag des Users nicht gelesen, da ich ihn leider aus guten Gründen ausblenden musste, das ist scheinbar weiterhin der richtige Weg.

Genau, das ist das Argument. Habe ja sogar ziemlich explizit (extra) geschrieben, dass es keine Gleichsetzung ist. Wenn man als Einzelner selbst bei uns (auch wenn ich da in manchen Details Verbesserungspotenzial sehe) rein FAKTISCH meistens nichts machen kann im Großen (sondern nur im kleinen, persönlichen Umfeld), war das damals erst recht so. Wer sich da auf die Straße geklebt hätte um z.B. gegen irgendeines der zahlreichen Staatsverbrechen zu demonstrieren, wäre im Folterknast und dann KZ gelandet.

Letztlich ist das Argument, dass es mehr Graubereich gibt als nicht. Man darf aber auch da nicht vergessen, dass die NSDAP trotz Machterfgreifung in der letzten Wahl Stimmen verloren hatte, nie die absolute Mehrheit hatte und Mitglieder anderer Parteien mindestens eingeschüchtert wurden. Die aktive Unterstützung war also sehr präsent, aber deutlich in der Minderheit. Mit den (scheinbaren) Anfangserfolgen änderte es sich dann. Ziemlich viele Mittäter fand man in der Großindustrie, die gerne Aufträge annahmen, Zwangsarbeiter nutzten usw. (scherte die Befreier nach dem Krieg aber natürlich nicht).

Bei Mittätern würde ich (mindestens und ganz grob) unterscheiden zwischen wissentlichen Mittätern, unwissentlichen Mittätern und Mittätern aus der Not heraus (aufs Spiel übertragen: Stecke ich mir die Hakenkreuznadel an, um bessere Chancen zu haben, den Mann zu retten). Dass das System insgesamt zu viele Mittäter hatte ist klar. Das entbindet meiner Meinung nach nicht davon, auf den Einzelfall zu schauen. Imho gibt es per Pass keine per se Schuld. Das finde ich den löblichen Ansatz in dem Spiel (basierend auf dem Test; ich spiele erst nach "Flaggenpatch" ;) ).

Dann würde ich nochmal Kindersoldaten und Hitler treu ergebene Teenager (z.B. auch in diversen (Waffen-)SS-Einheiten wie der 12. SS Panzer Division Hitlerjugend) separat sehen. Die kannten nichts als den NS. Gleichgeschaltete Presse, Nachrichten per Stürmer, Volksempfänger und Wochenschau, Indoktrinierung schon in der Schule (die hat man ja auch von unliebsamen Lehrern gesäubert), Hitlerjugend usw. Der Mensch ist wird nicht als lupenreiner Demokrat und Verteidiger der Menschenrechte, im Gegenteil, geboren. Das sind über Jahrhunderte und mit viel Blut erkämpfte Errungenschaften (die ja auch viele unserer nächsten Nachbarn scheinbar am Verlieren sind oder nie wirklich hatten). Daher sind diese Kinder / Teenager imho trotz ihrer Taten gleichzeitig auch Opfer.

Fazit: Ein Differenzierender Blick wichtig und sehr erfrischend und ich finde es sogar mutig, dass sich das Studio da rantraut. Ob es im Detail immer passt, kann ich natürlich nicht sagen.

Pomme 17 Shapeshifter - P - 8635 - 4. September 2022 - 11:03 #

Nochmal an dieser Stelle direkt: Baerbock hat nie gesagt, dass das Volk machen könne, was es will, die Sanktionen würden dennoch bleiben. Ihre Aussagen wurden von prorussischen Gruppen aus dem Kontext gerissen und verbreitet. Und von der Welt aufgegriffen und weiter verbreitet. Es geht um das Zitat „No matter what my German voters think, but I want to deliver to the people of Ukraine“. Also schonmal nicht ums deutsche Volk, sondern um ihre Wähler und darum, dass sie die Ukraine weiterhin unterstützen möchte. Und, was meistens nicht erwähnt wird, sagt sie da außerdem: „Wir sind solidarisch, mit jedem in unserem Land, so wie wir es mit jedem in der Ukraine sind.“ Also nicht „Sollen die Deutschen halt jammern, egal.“ sondern „Wir sind solidarisch.“. Das zur Richtigstellung. Kann man bei Mimikama und anderswo nachlesen,

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 4. September 2022 - 11:40 #

Vielen Dank! Krieg der Informationen. Habe jetzt nochmal gegoogled. Und es geht wirklich nur um die Wähler, die egal sind (vielen Dank für die Korrektur!).

Habe jetzt mal diesen Link:

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/baerbock-zitat-ukraine-krieg-russland-100.html

Da kann man sich auch das Video anschauen, also die Primärquelle.

"If I give the promise to people in Ukraine: 'We stand with you as long as you need us', then I want to deliver - no matter what my German voters think, but I want to deliver to the people of Ukraine."

Der Zusatz-Satz macht das für uns in Deutschland ja nicht besser. Vor allem wenn man eben nicht an beide gleichzeitig (zufriedenstellend) delivern kann. Da zählen die harten Fakten. Und die sind für uns hier (Ausnahme: Manche Konzerne und deren Chefe sowie Leute, deren Bezüge an die Inflation gekoppelt sind, zum Beispiel Bundestagsabgeordnete) ziemlich desaströs. (dass alles letztlich natürlich auf den rechtswidrigen Angriffskrieg zurückgeht, ist klar; macht aber imho weder die Aussage noch die Auswirkungen in Deutschland nicht besser)

Jürgen (unregistriert) 4. September 2022 - 21:47 #

Dir wäre also eine Politikerin lieber, die einem Teil ihrer Wähler nach dem Mund redet und mal eben Menschen im Stich lässt, die sich auf das Wort der deutschen Politik verlassen? Mir schmeckt weiß Gott nicht alles, was derzeit in der Politik passiert. Aber ich will keine Politiker haben, die ihr Fähnchen in den Wind halten.

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 5. September 2022 - 8:58 #

Mir wären Politiker am liebsten, die in erster Linie die Interessen der Bevölkerung in Deutschland vertreten. Der (und da gerade ihren Wählern) sind sie in erster Linie verpflichtet. Dem wurden und werden sie meiner Meinung nach nicht gerecht. Und dass kein Wähler Bock auf 10 Prozent Inflation, teils eher 100 Prozent (Rolladenpreise verdoppelt zB, ver x fachte Strompreise bei der Industrie jetzt schon, Turnhallen ohne Warmwasser usw) hat, da muss man denke ich kein Fähnchen für in den Wind halten, das ist eigentlich logisch. Dazu ist die Position ja nichtmal nachvollziehbar, da die Politik weiter Gas aus Russland beziehen will, trotzdem so rumsanktioniert dass Russland das sabotiert und so letztlich mehr Geld für weniger bekommt (war mal der Stand, tagesaktuell habe ich nicht geschaut) ist das i-Tüpfelchen. Dass man die Entkopplung des Strompreises vom teuersten Energieträger nicht längst angegangen ist, ist auch so ein Skandal (jetzt hat man ja gesagt, ist wegen EU schwer;auf diese Wand rasen wir aber letztlich seit Monaten zu. Eigentkich seit Jahren. Die Bundeswehr bereitet sich seit JAHREN auf die Invasion vor, nur die Politik hat es verträumt; das mit dem Steompreis versauen sie im UK aber auch). Geil ist dann zB auch, dass Diesel auf der Autobahn in Belgien billiger ist als hier im Ort.

Fähnchen in den Wind gehalten hat zB die CDU mit dem Atomausstieg.

Also ich möchte weder Politiker, die die Interessen der Wählerschaft / Bevölkerung aus den Augen verlieren, noch ihr Fähnchen in den Wind halten.

Dafür schafft man jetzt strenge Regeln, zB Sanktionssysten, beim Bürgergeld ab. Ich kenne Leute, die in dem Bereich arbeiten. Da wird dann Steuerzahlergeld mutwillig verschwendet werden. Das finde ich zB auch richtig übel. Klar, Reformen tun Not, zB teuer die Statistik mit Schwachsinnsmaßnahmen schönen. Aber so?

Sind eigentlich Pensionäre auch von dem Bonus betroffen? Heißt ja immer Rentner. Und inwieweit die steuerfreien 3000 Euro im öffentlichen Dienst ausgeschöpft werden, da bin ich mal gespannt. Soll ja laut Kanzler möglichst genutzt werden.

Edit: Man kann natürlich von der Politik der Regierung begeistert sein oder auch mehr oder minder zufrieden. Ich bin sehr unzufrieden.

Jürgen (unregistriert) 5. September 2022 - 10:21 #

Führt jetzt wahrscheinlich alles zu weit und ich bin wie gesagt ja auch nicht zufrieden mit der Politik.
Aber was sind denn die Interessen der Bevölkerung in Deutschland? Schon beim 9-Euro-Ticket prallen da ja Welten aufeinander. Von der Stromversorgung mal ganz abgesehen. Oder Corona: Ich lese ziemlich genau gleich viele Kommentare mit "Die Maske muss endlich weg" und "Ich lasse mir die Maske nicht wegnehmen".
Zu den 3000 Euro kann ich Dir sagen: Das wird es bei mir nicht geben. Mein Arbeitgeber kommt sowieso seit Corona nur so über die Runden. Da sind Geldgeschenke nicht drin. Gehaltserhöhungen gibt es auch schon seit Jahren nicht mehr.

Vampiro Freier Redakteur - - 127636 - 5. September 2022 - 12:51 #

Mit Reallohnverlusten kenne ich mich auch gut aus. Ich fände es halt absurd, wenn Scholz die Unternehmen zur Zahlung dieses Energiegeldes auffordert, er aber die Taschen nicht aufmacht.

Ja, bei Sachen wie beim 9-Euro-Ticket prallen wirklich Welten aufeinander. Aber aus Bürger- und Unternehmersicht dürfte sich ein sehr breiter Konsens für sinnvolle Preisdeckel finden (bei Strom soll ja zumindest für Bürger ein bisschen was kommen), oder eben eine Reform des Strommarktes (Entkopplung). Bei Gas schaut man in die Röhre.

Und sowas wie 8 Cent mehr Pendlerpauschale, das macht Arbeit, bringt aber kaum was. Eine 40km fahrende Krankenschwester kann so 0,08*20*230 Euro = also 368 Euro mehr geltend machen. (derzeit waren es mit 30 Cent 2760 Euro). Das macht halt nicht viel aus. Ok, klar, besser als nix. Aber der Staat dürfte gleichzeitig deutlich mehr an den Steuern und Abgaben für die gestiegenden Spritkosten der Krankenschwester verdienen.

Imho müsste die komplette Grundversorgung (Strom, Benzin/Diesel, Heizen) für die Bürger sichergestellt werden. Letztlich aber auch für die Unternehmen, sonst zahlt es der Bürger nämlich da. Und statt Übergewinnsteuer hätte man längst den Strommarkt angehen müssen. Da machen die Energieunternehmen derzeit fette "Übergewinne".

Naja, denke es wird off-topic, im kern sind wir uns ja glaube ich sogar einer Meinung :)

Jürgen (unregistriert) 5. September 2022 - 13:11 #

Zu deinem letzten Satz: Ja, es wird off-topic und ja, im Kern sind wir einer Meinung :)

advfreak 22 Motivator - - 32155 - 2. September 2022 - 10:47 #

Danke für den Test! Als advfreak bleibt mir leider gar nichts übrig als es mir für die Switch zu holen... :/

Harry67 20 Gold-Gamer - - 24693 - 2. September 2022 - 11:17 #

Was mir in der scheinbar alles bestimmenden Korrektheits- und letztlich Wahrheitsdiskussion zu kurz kommt: Hat das Spiel denn jetzt eine Ebene die die Reflektion anregt? Ist es geeignet, interessante Fragen aufzuwerfen?

Burtchen Freier Redakteur - P - 5831 - 2. September 2022 - 12:25 #

Unter den vielen Ärgernissen des Spiels vergraben: Ja. Die werden zwar oft in den allgemeinen Problemen etwas untergehen, aber per se gibt es. Widerstand, jüdische Flüchtlinge, Ehemann priorisieren? Die Hakenkreuz-Anstecknadel widerwillig benutzen, um bei der Gestapo auf Milde zu hoffen etc

Harry67 20 Gold-Gamer - - 24693 - 2. September 2022 - 12:29 #

Danke für deine Einschätzung. Ich bin tatsächlich neugierig und muss mir das wohl mal ansehen. Unterschiedliche Konsequenzen finde ich als Spielprinzip sowieso zu interessant ;)

Burtchen Freier Redakteur - P - 5831 - 2. September 2022 - 13:18 #

Absolut. Mit etwas weniger der genannten Ärgernisse wäre Gerda halt nicht nur eine sehr bedingte Empfehlung für Genre-Fans.

xan 18 Doppel-Voter - P - 12666 - 2. September 2022 - 13:22 #

Schade, ich hatte mich eigentlich auf den Titel gefreut. Und Dank für den ausführlichen und guten Test!

TheRaffer 23 Langzeituser - P - 40562 - 2. September 2022 - 14:52 #

Sehr komische Designentscheidung...

Funatic 20 Gold-Gamer - - 24822 - 4. September 2022 - 18:38 #

Diese Zeilen bitte nicht als persönliche Kritik aufnehmen, sondern als subjektive Anmerkung von mir, verbunden mit der Hoffnung, dass dadurch eine Verbesserung auftritt.
Ich komme in den Videotest leider überhaupt nicht rein, da Redefluss und Betonung sehr hölzern und irgendwie unnatürlich wirken. Falls das deine Art zu reden ist, kann man natürlich nichts machen aber ich vermute viel mehr, dass du es übergenau nimmst und so sehr darauf bedacht bist, keinen Versprecher oder sonstigen "Fehler" zu fabrizieren, dass das Ganze dann so künstlich wirkt. Von daher meine Bitte: Lass dich selbst von der Leine! :-)

Burtchen Freier Redakteur - P - 5831 - 6. September 2022 - 13:07 #

Ja, das geht besser. Ich bin auch selbst nicht furchtbar zufrieden damit und wir haben uns schon überlegt, wie wir das beim nächsten Mal mit etwas mehr Chill in der Stimmführung hinkriegen.

onli 19 Megatalent - P - 13132 - 6. September 2022 - 17:46 #

Es geht sicher besser und das wirkt dann im Vergleich zu wie es dann später mal wird daneben, aber ich will trotzdem erwähnt haben, dass ich die Videoqualität deutlich positiver wahrgenommen habe. Für mich war das Video gut zu hören und der Argumentation gut zu folgen.

Ganon 27 Spiele-Experte - - 84475 - 10. September 2022 - 11:16 #

"Ein weiterer nicht durchdachter Punkt bei diesem System: Alle deutschen Zivilpersonen werden als „Deutsche“ zusammengefasst. Das scheint auf den ersten Blick logisch: Deutsche und Dänen, jeweils in Zivil und „Militärisch“, ergibt vier Fraktionen. Weil neben der deutschen Minderheit vor Ort aber auch die Interaktionen mit der jüdischen Mutter Esther und ihrer Tochter als jene mit den „Deutschen“ gewertet werden, ergibt sich hier eine historisch problematische Vermengung, als hätte es den grenzenlosen Antisemitismus des Dritten Reiches nur bei SS & Co. gegeben."

Also das finde ich viel schlimmer als die Sache mit der Flagge, muss ich sagen. Wie ist das denn, wenn man mit dem Widerstand interagiert. Sind das dann genauso "Deutsche" wie regimetreue Bürger? Also klar waren es alle Deutsche, aber rein spielerisch müssten die doch als unterschiedliche "Fraktionen" gelten. Bei der Flaggenfrage wäre ich vermutlich gar nicht so streng, wenn sie nur im Interface zur Anzeige der Nationalität genutzt wird und nicht plötzlich schwarz-rot-goldene Banner in der Spielwelt hängen. Finde es aber cool, dass du beim Entwickler nachgefragt und auch Antwort bekommen hast. Richtige journalistische Arbeit. ;-)