Test: Ein neues Meisterwerk?

Forza 4 Test

Es ist nur zwei Jahre her, dass Turn 10 mit Forza Motorsport 3 sein Xbox-exklusives Meisterstück ablieferte. Seitdem hat sich viel getan: Neue Rennspiele wie der PS3-Konkurrent Gran Turismo 5 sind erschienen, die Ansprüche an Grafik, Sound und Handling gewachsen. Mit Forza 4 möchte Turn 10 die Messlatte nochmals höher legen.
Jörg Langer 9. Oktober 2011 - 15:29 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von uns, die meisten sind mit 1080p aufgenommen.

Schöner können die Berner Alpen auch in echt nicht sein: schneebedeckte Bergkuppen, strahlend blauer Himmel, ein Berghotel mit grandioser Aussicht und unten im Tal romantische Dörfer mit Blockhütten. Eine heile Welt, wäre da nicht der ohrenbetäubende Lärm des Ferrari 458 Italia, an dessen Steuer uns Forza Motorsport 4 eingangs setzt. Das Starterfeld ist aufgestellt, die Motoren heulen auf, das Rennen beginnt. Schon wenige Meter später wollen wir uns am ersten Boliden vorbeizwängen. Doch der Versuch, innen die Linie zu schneiden, scheitert, der Konkurrent macht die Tür zu. Also außen herum! Doch das Überholmanöver kostet Schwung für die Gerade, jetzt heißt es, den Kontrahenten blockieren, um unsere Position zu sichern und die Geschwindigkeit wieder aufzubauen. Die nächsten Fahrzeuge sind einfacher zu kassieren, wohlüberlegte Überholvorgänge sichern uns nach einer Runde den Sieg. Ein fantastisches Gefühl, ein perfekter Einstand – auch für Einsteiger in die Forza-Welt. 

Softcore-Simulation?
Kommen wir gleich zum wichtigsten Element eines Rennspiels, der Fahrphysik. Schon der Vorgänger überzeugte uns mit einem beeindruckenden Handling, das einerseits die Eigenarten der PS-Schleudern wunderbar hervorhob, andererseits selbst für blutige Anfänger jederzeit nachvollziehbar war. Die in Teil 2 eingeführte Telemetrieberechnung wurde für Forza 4 nochmals überarbeitet und verfeinert. So lassen sich Überschläge mit schweren Autos nicht mehr ganz so leicht provozieren wie im Vorgänger, und auch die fehlenden Lastwechsel in Kurvenfahrten wurden endlich akkurat umgesetzt. Alle Spieler dürften sich zudem über das direkte Controller-Feedback und die gute Physikberechnung freuen.
 
Ist Forza 4 dadurch zur Hardcore-Simulation geworden? Mitnichten. Es bleibt ein Kompromiss zwischen Realismus und Zugänglichkeit. Rennspiel-Experten, die Schwergewichte wie GTR 2 oder rFactor (beide für PC) zum Frühstück verspeisen, haben jedoch einigen Grund zum Naserümpfen. So wird der Gummiabrieb auf der Rennstrecke nicht berechnet, es fehlen ferner eine „echte“ Reifenabnutzung sowie das Kalkulieren von Benzinmenge und dynamischem Fahrzeuggewicht. Zudem sucht man eine Qualifikation vergebens. Uns haben diese Punkte weniger gestört, doch ärgerlich finden wir das Schadensmodell. Es macht praktisch keinen Unterschied, ob ihr mit einem Audi R10 TDI mit 300 Stundenkilometern frontal in die Streckenbegrenzung rauscht oder mit dem VW Lupo Auffahrunfälle in Zeitlupe provoziert – hier und da gibt es kleinere Handlingeinschränkungen, ein paar kosmetische Schrammen und Dellen. Ausfallen aber könnt ihr in den allermeisten Schwierigkeitseinstellungen nicht, und in der Box werden die Schäden unter (!) der Haube in Sekundenbruchteilen repariert.

In seltenen Fällen – und nur bei der Aktivierung sämtlicher Simulationsoptionen – kann es jedoch vorkommen, dass euer Bolide nach einem Überschlag auf dem Dach liegen bleibt und es vom Spiel nicht mehr automatisch auf die Reifen gedreht wird. Dass daneben einige wenige Karosserieteile abfallen können oder Schäden den Wagen abbremsen oder sein Fahrverhalten beeinflussen, sind vorberechnete Mali. Eine echtes Schadensmodell würde Auswirkungen von Schäden in Echtzeit simulieren, davon ist Forza 4 weit entfernt. Dennoch reicht das Schadensmodell aus (wie gesagt, auf den höchsten Einstellungen), um sich über die teils aggressive Mentalität der CPU-Fahrer zu ärgern.
Schadensmodell naja: Auch nach mittelschweren Unfällen rasen wir danach praktisch ohne Einschränkungen weiter.

Spielmodi im Überfluss
Die Karriere ist im Vergleich zu Forza 3 abwechslungsreicher geworden und führt euch rund um den Globus.
Trotz der kleineren und mittleren Fahrphysik-Mankos motivierte uns Forza Motorsport 4 ungemein. Das liegt nicht zuletzt an der Vielzahl von Spielmodi, allen voran der Karriere. Diese war in Teil 3 zunächst nett zu spielen, zwang den Spieler später aber, immer wieder unliebsame Veranstaltungen zu absolvieren, die schlicht nervten. Nun könnt ihr fast alle Rennen der neunteiligen Karriere mit ein und dem selben Auto beginnen. Minispiele lockern die Rundenraserei auf: Beim  Autobowling auf der TopGear-Teststrecke in England geht es nicht etwa darum, eine bestimmte Zeit zu unterbieten, sondern ihr müsst binnen einer Runde möglichst viele Pins auf dem Grid abräumen.
 
Abhängig vom Schwierigkeitsgrad und den zugeschalteten Fahrhilfen erhaltet ihr nach jedem Rennen Credits, die ihr in neue Autos oder Upgrades investiert, und Erfahrungspunkte in zwei Kategorien. So steigt euer Fahrerlevel an, was neue Boliden freischaltet, und euer wiederholter Einsatz mit Rennuntersätzen eines Herstellers wird mit Rabatten bei Upgrades honoriert. Zwischen den Rennen geschieht jedoch noch immer nicht allzu viel. Fußnote: Wer nicht die Geduld aufbringt, die Credits zusammenzufahren, kann harte Euros gegen die Ingamewährung eintauschen.

 
Kreativkasten
Forza 4 ist auch eine Wundertüte an Individualisierungsoptionen. So  könnt ihr neue Designs für eure Rennwagen-Bemalung erschaffen oder neue Layouts im Onlineshop kaufen. Einen Xbox Live-Account vorausgesetzt, wählt ihr zwischen tausenden von Vinyls (kostenlos oder gegen eine kleine Creditgebühr) oder stockt euren Fuhrpark im Auktionshaus vergleichsweise günstig auf. Schon vor dem Release des Spiels find
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en wir die Bandbreite der angebotenen Designs und Autos enorm; von einem Super Mario-Charakter in 8 Bit über offizielle Logos von Rennsport-Sponsoren wie etwa Petronas bis hin zu eigenen Mangafiguren gibt es alles nur Erdenkliche.
 
Wer sich die Mühe macht und den Editor startet, wird von dessen Funktionen erst mal schier erschlagen: Auf bis zu 1.000 übereinander gelegten Schichten könnt ihr euch austoben und das Design eurer (Alb-) Träume erschaffen. Doch ein Komfortmerkmal fehlt immer noch, nämlich generische Designs. Wenn ihr zum Beispiel einen Red-Bull-Boliden mit entsprechendem Aussehen gestalten möchtet, müsst ihr die vorgefertigten Vinyls auf jeder weiteren Karre neu positionieren. Unter der Haube der Rennwagen passiert ebenfalls einiges. Falls ihr euch aber von den vielen Upgrade- und Einstellungsmöglichkeiten überfordert fühlt, züchtet ihr euer Vehikel per Knopfdruck hoch. Das ist dann zwar nicht für alle Veranstaltungen optimal, verkürzt aber die Zeit, die ihr bräuchtet, um das Optimum rauszukitzeln, drastisch. Forza Motorsport 4 geizt auch nicht mit neuen Rennwagen-Teilen, optisch machen sie jedoch keinen Unterschied.
Eine Frage der Perspektive

Forza Motorsport 4 bietet eine Menge verschiedener Kameraperspektiven, darunter 1 die obligatorische Heckansicht. Die sieht schick aus, versperrt euch aber die Einsicht in die Kurve vor euch. Die 2 leicht versetzte Rückansicht leidet unter demselben Problem. Praktischer ist da schon die 3 Stoßstangenansicht, die die Geschwindigkeit sehr gut herüberbringt und zudem freie Sicht auf die Strecke ermöglicht. Fast genauso optimal ist 4 die Motorhaubenperspektive, die nur minimal den Blick versperrt. Rennprofis aber wird das alles egal sein, denn für sie gibt es natürlich nur die 5 Cockpitansicht, die sich trotz eingeschränktem Sichtfeld komfortabel anfühlt und ein gutes Gefühl für die Breite eures Untersatzes bietet.

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