Test: Auf der Überholspur

Forza 3 Test

Nach vergleichsweise kurzen zwei Jahren Entwicklungszeit wagt Turn 10 den dritten Anlauf mit der Racing-Simulation Forza. Mehr Strecken, schönere Autos und ein neues Karrieresystem stehen auf dem Programm. Reicht das für Forza Motorsport 3, um Vorgänger und Konkurrenz zu übertrumpfen? Lest unseren Test, und ihr wisst es...
Denis Brown 27. Oktober 2009 - 18:31 — vor 10 Jahren aktualisiert
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Ihr wisst es sicher: Forza Motorsport ist das Gran Turismo der Microsoft-Fankurve. Seit dem ersten Ableger auf der klassischen Xbox versucht Entwickler Turn 10 nicht nur im Windschatten des berühmten Konsolen-Rennspiels zu fahren, sondern es auf der Kampflinie zu überholen. Was gar nicht so leicht ist, schließlich nimmt sich Turn 10 weit weniger Zeit zum Programmieren und Gestalten als die perfektionistische Crew von Polyphony Digital. Dafür schneidet Forza jedoch immer wieder hervorragend ab.
 
So auch Forza Motorsport 3, dessen vergleichsweise kurze Entwicklungszeit die Konkurrenz in höchstem Maße entmystifiziert. Was Turn 10 in nur zwei Jahren auf die Beine gestellt hat, sollte Yamauchi-San und seiner Crew heftige Kopfschmerzen bereiten. Denn mit über 400 originalgetreu nachmodellierten Autos aller erdenklicher Fabrikanten, 25 Strecken in über hundert Variationen und einer nicht minder überzeugenden realistischen Fahrphysik mag Forza 3 noch nicht die Masse eines üblichen Gran-Tursimo-Teils aufweisen, aber Detailverliebtheit und Fahrgefühl sind definitiv gleichauf.
 
Unser kommentiertes Video zu Forza 3 zeigt euch die Cockpit-Perspektive, die Rückspulfunktion und andere Feinheiten.

Fantastisches Fahrgefühl
 
Inwiefern man eine Analogstick-konforme Wagenphysik als realistisch einstufen kann, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Nach wie vor geht es um ein Spiel, und so werden trotz hoher Ambitionen einige Kompromisse eingegangen. Straßenlage, Wendekreis, Gewicht und Beschleunigung liegen dank der aus dem Vorgänger übernommenen Telemetrieberechnung jedoch so nah am Original, dass nur ganz pedantische Simulations-Fanatiker Grund zum Meckern finden dürften. Noch immer kalkuliert Microsofts Spielkonsole 360mal in der Sekunde, wie stark sich Beschaffenheit und Unebenheiten des Fahrbelags auf alle vier Reifen sowie deren Aufhängung auswirken. Windschatten, Flieh- und Reibungskräfte finden ebenfalls Platz in der Rechnung. Durch die grafische Umsetzung in flüssigen 60 Bildern pro Sekunde werden selbst kleinste Unterschiede zwischen allen Modellen der mannigfaltigen Renngeschossen von Volkswagen, Toyota, Ferrari, Dodges und weiteren spürbar. Nur bei der Trägheit der Fahrzeuge während Zusammenstößen lässt Turn 10 die Zügel offensichtlich etwas lockerer.

Ja, sieht schlimm aus. Aber eigentlich müsste dieser Wagen nach unserem Crash kompletter Schrott sein.
Wer in Forza 3 wie ein Henker fährt und bei hohen Geschwindigkeiten Crashs fabriziert, kann nun sogar beobachten, wie sich das Auto überschlägt. Realistisch wirkt das schon, aber die Rennwagen fühlen sich dabei etwas zu leicht und sprungfreudig an. Zumal auf ein authentisches Schadensmodell verzichtet wurde, mit dem heftige Zusammenstöße bleibende Auswirkungen hinterlassen würden. Wie schon im Vorgänger sind grobe Lackschrammen, gesprungenes Glas, ein paar Sollbruch-Beulen und demontierte Stoßstangen das Höchste der Gefühle -- obwohl doch ein mit 200 Stundenkilometern gegen eine Wand bretternder VW-Golf erstens als Blech-Origami auf dem Schrottplatz enden und zweitens seinen Fahrer direkt in den Himmel befördern würde. Wie hinreichend bekannt, hatten die Hersteller der über 400 lizenzierten Pkw und Sportwagen beim Thema Schadensmodell ein Wörtchen mitzureden, und so muss man sich damit abfinden. Und klar, normalerweise versucht man, zeitschluckende Unfälle zu vermeiden, zumal Schäden am Fahrzeug in der Karriere sanktioniert werden.

Trotz haarsträubender Kurven kommt in Positano richtig Urlaubsstimmung auf -- wer will sich da einen Kratzer holen?

Ein Racing-Rollenspiel
 
Damit wäre das Stichwort "Karriere" gefallen. Auch wenn sich die Gran-Turismo-Auskopplung für PSP den Luxus leistet, sich keine Karriere zu leisten, ist das für einen ausgewachsenen Konsolen-Racer natürlich ein Undig. Wer sich in Forza 3 neue Karren leisten und konkurrenzfähig auftunen will, muss die verdienten Credits einer Rennveranstaltung jedoch eisern sparen. Die einzige Alternative, um an neue Rennflitzer zu kommen, besteht im Anhäufen von Erfahrung. Ähnlich wie bei einem Rollenspiel erhalten Fahrer und Fahrzeug für jedes Rennen, abhängig vom Schwierigkeitsgrad, Erfahrungspunkte. Mit jeder von fünf Stufen eines Fahrzeugs werden Upgrades günstiger, während der Fahrer bei jedem Level-up ein anderes Autohaus auf sich aufmerksam macht und einen weiteren Flitzer frei Haus vor die Garage gestellt bekommt.

Zwischen den Rennen passiert leider nicht viel. Natürlich darf man seine Fahrzeuge mit unzähligen neuen Motor- und Karoserieteilen hochzüchten – auf Wunsch auch automatisch per Knopfdruck - und Forza üblich den Lack eigener Karossen über einen ausführlichen Editor individualisieren. Bis auf die übersichtlichere Editor-Struktur hat sich aber nur wenig geändert. Wie in Forza 2 darf man 1000 Schichten aus geometrischen Formen mosaikartig übereinanderlegen um Motive für Dach, Motorhaube und Seiten jedes einzelnen Fahrzeugs nach eigenem Gutdünken zu kreieren. So mancher Spieler hat bereits umwerfende Finishes zusammengestellt, von der Mona Lisa bis zum Brütal Legend-Cover. Aber es ist trotz allem eine zeitraubende Fummelei.
 
Wer die Geduld dafür nicht aufbringt, kann sich im virtuellen Auktionshaus nach fertigen Designs umsehen. Hier verkaufen und verschenken weitere Spieler auch ganze Wagen, Fotos und Videos von ihren Schmuckstücken, die über die spielinterne Währung erworben werden können. Achtzehn Fotos und bis zu dreißig Sekunden eines Replays lassen sich zudem auf forzamotorsport.net hochladen, damit sie auf dem PC gespeichert werden können. Leider setzen die Videos aber auf ein sehr zickiges ASF-Format in wmv-Form, das nur schwer nachzubearbeiten ist und obendrein Ewigkeiten für Berechnung und Hochladen von der Xbox 360 benötigt. Für ein nicht ganz 60 MB großes Video mit dreißig Sekunden Material in 720p legt man locker 25 Minuten lang die Konsole lahm.

Solche grandiosen Lackierungen (ihr erkennt Eddie aus Brütal Legend...) kosten im Eigenbau viel Zeit.
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