Floodland

Floodland Test

Aufstieg nach dem Untergang

Rüdiger Steidle / 21. November 2022 - 18:28 — vor 2 Wochen aktualisiert
Steckbrief
PC
Strategie
Aufbauspiel
Vile Monarch
Ravenscourt
15.11.2022

Teaser

Dieses Aufbauspiel lässt die Welt untergehen – im wörtlichen Sinn. Als Anführer eines Flüchtlings-Clans versucht ihr euch an der Neugründung der menschlichen Zivilisation.
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So ein Test muss meiner Meinung nach vor allem zwei Fragen beantworten. Erstens: Worum geht es in dem Programm und wie funktioniert die Spielmechanik? Und zweitens: Warum macht der Titel Spaß – oder eben nicht? Okay, das waren zugegebenermaßen eher drei Fragen als zwei, aber wenn ich in einem Schulfach noch schlechter war als in Deutsch, dann in Mathe! Wieso ich euch das alles erzähle, statt direkt zum Thema zu kommen? Weil ich die erste Frage trotz so einiger Stunden Spielzeit nicht vollständig beantworten kann. Und genau das ist eines der Probleme, die Floodland trotz spaßiger Seiten mit sich bringt.

Aber der Reihe nach, die Grundlagen habe ich zumindest kapiert: Die Geschichte von Floodland beginnt im ausgehenden 21. Jahrhundert, nachdem die Klimakatastrophe und Verteilungskämpfe um die verbleibenden Ressourcen weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht und/oder überflutet haben. Ihr führt ein kleines Häufchen Überlebende in eine ungewisse Zukunft und müsst versuchen, euch auf den Überresten untergegangener Reiche eine neue Existenz aufzubauen.

Am besten lässt sich Floodland mit Frostpunk (im Test: Note 8.5) oder Endzone (im Test: Note 8.0) vergleichen: ein Survival-Aufbauspiel mit gelegentlichen Abenteuer-Einlagen und einer glaubwürdigen Endzeit-Story. Letztere mutet stellenweise etwas kitschig an, hat mich aber immer wieder zum Weitermachen motiviert, weil sie dem Überlebenskampf einen höheren Sinn verleiht.
Auch Bauland ist nach der großen Flut ein knappes Gut. Ihr arbeitet euch von einer Insel zur nächsten vor.
 

Warenwirtschaft für Einsteiger

In den ersten Spielminuten gleicht Floodland den Siedlern, Annos und vergleichbaren Aufbaustrategiespielen: Ihr lasst eure Arbeiterinnen und Arbeiter Ressourcen sammeln – Pilze, Holz und verwertbaren Abfall – und errichtet die ersten Gebäude: ein Rohstofflager, ein paar Zelte und vielleicht die ersten Produktionsbetriebe wie eine Fischerhütte und eine Wasseraufbereitungsanlage. Nahrung und ein Dach über dem Kopf sind zunächst die drängendsten Bedürfnisse.

Bald entstehen kurze Produktionsketten: Das Sägewerk verarbeitet die Stämme des Holzfällers zu Brettern, die Feldküche kocht aus den nicht immer genießbaren Fängen der Angler verdauliche Mahlzeiten. Früh zeigen sich aber auch kleine Eigenheiten und Unterschiede. Beispielsweise werdet ihr von Anfang an in die dichte Story eingebunden, die euch immer wieder neue Aufgaben und Ziele vorgibt. Je weiter ihr in unerforschtes Gebiet vordringt und je mehr Missionen ihr abschließt, desto mehr Spielbereiche werden freigeschaltet und desto komplexer werden die Spielwirtschaft und Herausforderungen.
Ein weit verzweigter Forschungsbaum darf in einem Aufbauspiel nicht fehlen. Auffällig bei Floodland sind die vielen Querverbindungen und Voraussetzungen der Technologien.
 

Wackliges Gleichgewicht

Schnell wird auch deutlich, dass trotz des gemächlichen Spieltempos und regelmäßiger Wartepausen – insbesondere durch lange Bauzeiten und hohen Materialbedarf – das Leben in Floodland alles andere als gemütlich ist. Ständig hakt es irgendwo, immer wieder gibt es neue Engpässe und Probleme. Das hat viele Ursachen. Teilweise scheinen die Ressourcenkreisläufe (absichtlich?) etwas unrund zu laufen, zum Beispiel ernten Abbaubetriebe regelmäßig Rohstoffe schneller, als die Simulation diese wieder nachwachsen lässt. Produktionsketten sind generell schwierig zu optimieren, auch weil das Spiel mit detaillierten Informationen über Zusammenhänge und Statistiken zu Eingang und Ausstoß geizt.

Teils sorgen immer wieder Story-Ereignisse für Spannung, etwa wenn ein Schwarm Raubfische plötzlich eure Fischgründe dezimiert, Kriminelle eure Notreserve klauen oder Kundschafter eine unbekannte Krankheit von einem ihrer Beutezüge mitbringen. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass bestimmte Wirtschaftsbereiche regelrecht kollabieren und ihr euch in einer Abwärtsspirale wiederfindet, der ihr nicht entrinnen könnt. Genau das ist mir in meinem zweiten Anlauf in der Kampagne passiert: Eine Hungersnot traf auf einen Seuchenausbruch – da half am Ende nur noch der Neustart.
Zufällige Geschehnisse und Story-Ereignisse lockern den Spielablauf auf und motivieren zum Weitermachen – doch negative Events können euren Ruin bedeuten.
 

Nutzlose Berater

Den ersten Durchgang habe ich allerdings aus einem anderen Grund vorzeitig abgebrochen: Ich konnte eine Mission nicht erfüllen, weil ich mich offenbar in eine Sackgasse manövriert hatte. Die Aufgabenbeschreibung ließ es so aussehen, als solle ich neue Technologien erforschen, um bis dato unbekannte Teile der Karte zu erschließen. Das war mir aber schlicht nicht möglich, weil ich die nötigen Wissenschaftspunkte bereits für andere Projekte ausgegeben hatte, die mir meine Ratgeber nahegelegt hatten. Floodland hat nämlich weder eine Anleitung noch ein richtiges Tutorial, sondern stellt dem Spieler Mentoren zur Seite, die als Questgeber fungieren und gelegentlich Ratschläge erteilen. Nur: Längst nicht alle Tipps der Berater ergeben in der jeweiligen Situation tatsächlich Sinn – manche erweisen sich als regelrecht kontraproduktiv. Anweisungen bleiben vage oder verraten nur einen Teil der notwendigen Schritte.

Gleichzeitig geizt das Spiel mit detaillierten Informationen zu wichtigen Abläufen oder aufschlussreichen Statistiken. Beispielsweise merke ich oft viel zu spät, dass entscheidende Betriebe nicht optimal oder gar nicht mehr arbeiten und welchen Grund das hat. Es gibt zwar ein Warnsystem, das wird aber mit so vielen unwichtigen Hinweisen überflutet, dass es nahezu nutzlos ist.
 
Dazu  ist Floodland stellenweise unnötig kompliziert: Warum muss ich dauernd manuell zwischen verschiedenen Betriebsmodi meiner Werkstätten wechseln, warum wird die Produktion nicht automatisch dem Bedarf oder dem Lagerbestand angepasst? Und sind zwei Dutzend Ressourcen wirklich notwendig? Andererseits erlaubt mir das Programm wichtige Feineinstellungen nicht: Die Prioritätenliste für die verschiedenen Projekte und Aufgaben lässt beispielsweise nur grobe Eingriffe zu. Aber ich merke schon, ich verbeiße mich wieder in Details. Was ich damit eigentlich sagen will: Ein derart umfangreiches Aufbauspiel mit einer komplexen Wirtschaftssimulation und einem rudimentären Politiksystem (dazu gleich mehr) braucht eine gründliche Einführung, übersichtlich aufbereitete Informationen über die Geschehnisse sowie Hilfen zum Nachschlagen. In Floodland muss ich mir die meisten Grundlagen selbst erarbeiten und bin selbst nach vielen Stunden immer noch manchmal ratlos, wenn es in der Spielmechanik irgendwo knirscht.
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Ihr müsst die Umgebung regelmäßig nach lohnenswerten Zielen für eure Kundschafter und Rohstoffen für eure Arbeiter absuchen.
Hagen Gehritz Redakteur - P - 121987 - 21. November 2022 - 18:03 #

Viel Spaß mit dem Test von Rüdiger!

Crizzo 20 Gold-Gamer - P - 21836 - 21. November 2022 - 18:57 #

Danke für den Test.
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Sehe ich das richtig, dass oben in der Mitte auf dem HUD die ganze Latte an Zahlen und Icons, sind alles Ressourcen?
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Irgendwie fasziniert und gleichzeitig abschreckend, was du so beschreibst. Den Titel werde ich mal im Auge behalten.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 14525 - 21. November 2022 - 19:30 #

Ja, das sind alles Ressourcen. Und zwar nicht alle, bis zu den Fabriken beispielsweise bin ich selbst noch gar nicht gekommen. Die Rohstoffe sind nicht alle gleich wichtig, manche davon braucht man nur sehr selten für ganz bestimmte Aktionen. Einige findet man, statt sie selbst herzustellen. Trotzdem ist das Warensystem etwas zu kleinteilig, meiner Meinung nach.

Altior 17 Shapeshifter - - 6273 - 21. November 2022 - 19:23 #

Wie immer ein tief gehender Test vom Fachmann, Danke für die Vorwarnung, habe es auch erst mal unter Beobachtung gelistet.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 14525 - 21. November 2022 - 19:32 #

Danke, aber der Test ist diesmal wesentlich weniger tiefgehend als gewohnt. Durch den ungewollten Neustart ist viel Spielzeit verlorengegangen. Die wirklich fortgeschrittenen Spielbereiche wie Elektrizität und automatisierte Produktion konnte ich nicht ausprobieren.

Als Warnung möchte ich die Wertung nicht verstanden wissen. Mich hat Floodland motiviert und ich würde es auch weiter spielen, wenn nicht schon der nächste Test anstünde.

Crizzo 20 Gold-Gamer - P - 21836 - 21. November 2022 - 20:02 #

Wobei man, wenn man deine zwei Neustarts bedenkt, schon ein dickes Fell bezüglich Frustresistenz mitbringen sollte.

Lencer 18 Doppel-Voter - P - 10282 - 21. November 2022 - 19:40 #

Schade, hätte mir mehr versprochen. Bleibt trotzdem auf der Beo, vllt wird es ja noch zurecht gepatcht.

Tasmanius 21 AAA-Gamer - - 27940 - 21. November 2022 - 20:44 #

Seit Banished gibt es praktisch keine Wohlfühl-Aufbauspiele mehr. Danke dafür, blödes Banished!

Lencer 18 Doppel-Voter - P - 10282 - 22. November 2022 - 8:08 #

Banished ist epic. Punkt. ;-) Ich halte trotzdem mal Foundation dagegen. Das ist leider noch EA, aber jetzt schon großartig und ein echtes Wohlfühl-Siedler.

Patron wollte auch ein wenig wie Banished sein, dessen jahreszeitliche "Bedrohungen" sind aber nur ein Witz.

DerBesserwisser 17 Shapeshifter - P - 6908 - 22. November 2022 - 11:40 #

Spielt es sich denn wie Siedler > Gebäude neben/auf Ressourcen platzieren und dann fängt das Volk an zu wuseln und baut Gebäude/Wege und transportiert Waren von A nach B ?

Lencer 18 Doppel-Voter - P - 10282 - 22. November 2022 - 12:40 #

Naja, nicht ganz genauso. Natürlich platziert man Gebäude in der Nähe von Ressourcen und dann laufen viele Männchen und Frauchen zwischen Werkstätten, Lagern, Markt, Kirchen, Wohnhaus usw. umher. Aber es gibt keine Wegetüftelei, die ich auch nicht wirklich vermisse. Man baut die Wege halt einfach.

Hab die EA-Version sehr lang gespielt und dann auch bei Steam eine Rezension geschrieben, in der ich auch einige Punkte genannt habe, die (noch) nicht so gut funktioniert haben. https://steamcommunity.com/id/LencersHome/recommended/690830/

Wenn das Spiel mal "final" ist, schau ich da gern nochmal rein. Hat echt viel Spass gemacht.

DerBesserwisser 17 Shapeshifter - P - 6908 - 22. November 2022 - 13:32 #

Danke für die Rückmeldung. Das klingt doch gar nicht so schlecht, auch wenn ich die Wegetüftelei eigentlich ganz nett fand. Werd ich mir mal auf den Wunschzettel packen, vielleicht gibts das ja zur alljährlichen Weihnachtsaktion bei GOG vergünstigt.

Tasmanius 21 AAA-Gamer - - 27940 - 22. November 2022 - 12:05 #

Banished ist super, ich habe das sehr gerne gespielt!

Sokar 20 Gold-Gamer - - 22691 - 22. November 2022 - 16:23 #

Es stimmt schon, dass Banished eine große Welle an Survival-Aufbauspielen losgetreten hat, ähnlich Dark Souls mit den Souls-likes oder Factorio mit dem Produktionsautomations-Spielen. Prinzipiell habe ich auch nichts dagegen, die beiden Konzepte könnten Co-Existieren. Und gefühlt sind es gerade die letzten Jahre mehr geworden.

Das heißt aber nicht, dass es keine "normale" Aufbaustrategiespiele mit Wohlfühlfaktor gibt: Foundation quasi als Indie-Siedler und Anno ist immer noch eine Bank. Nicht ganz so traditionelle Settings haben Two Point Hospital und Campus, und ein Tropico geistert auch immer noch herum.

Ganon 26 Spiele-Kenner - - 73280 - 4. Dezember 2022 - 17:29 #

Manor Lords sieht auch interessant aus.

Q-Bert 24 Trolljäger - - 46260 - 21. November 2022 - 21:41 #

Dank Mount & Blade 2 bin ich gerade extrem abgehärtet, was das Thema "nicht ausreichend ober überhaupt nicht erklärte Spielmechaniken" angeht... was ich hier aber schade finde, ist, dass die (anscheinend relativ wenigen) Protagonisten in FLoodlands trotzdem anonym bleiben. Da würde ich bei so einer Simulation erwarten, dass jeder Mensch ein besonderes Individuum ist, mit speziellen Fähigkeiten, Charakterwerten etc.

Ich glaub, ich schau da trotzdem mal rein. Frostpunkt und Endzone hab ich ja auch gezockt, die hatten auch alle starke Defizite, machten aber trotzdem Spaß.

Danke für den Test - gerne mit Update in den Kommentaren, falls du nach den 10 Stunden noch weiterspielen solltest, Rüdiger.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 14525 - 21. November 2022 - 22:21 #

Es gibt Story-relavante Protagonisten, die aber außerhalb der Spielwelt existieren. Was das Weiterspielen anbelangt: Eigentlich wirklich Bock drauf, aber aktuell fordert ein Ritterspiel meine ganze Aufmerksamkeit. :)

Harry67 20 Gold-Gamer - - 22395 - 21. November 2022 - 22:39 #

Wieder ein schöner Test, sehr klar und informativ. Danke.
Offen bleibt, sofern ich es nicht übersehen habe, ob das so eine Art Endlosspiel wird oder mehr als abgeschlossene Partie zu sehen ist.

Rüdiger Steidle Freier Redakteur - P - 14525 - 22. November 2022 - 7:55 #

Soweit ich informiert bin, kann man nach der Einführung (wobei die keine Pflicht, aber dringend empfohlen ist) in eine Art Endlosspiel übergehen. Die Karten werden teilweise zufällig generier, ebenso die Ereignisse, sodass jede Partie etwas anders ablaufen sollte.

Harry67 20 Gold-Gamer - - 22395 - 22. November 2022 - 14:49 #

Danke dir!

Gentleman77 17 Shapeshifter - P - 6227 - 21. November 2022 - 23:24 #

Bei Floodland muss ich in erster Linie an Sisters of Mercy denken, was für ein großartiges Album!

Toller Test Rüdiger, auch wenn das Spiel wohl nichts für mich ist.

MicBass 20 Gold-Gamer - P - 22529 - 22. November 2022 - 14:29 #

War auch direkt meine erster Gedanke. Ein ganz tolles Album!

TheRaffer 22 Motivator - - 35909 - 22. November 2022 - 12:30 #

Hmmm...schade. Ich befürchte die Kleinigkeiten machen das Spiel für mich uninteressant.

Sokar 20 Gold-Gamer - - 22691 - 22. November 2022 - 16:25 #

Danke für den Test, da werde ich wohl doch eher nochmal Frostpunk oder Endzone anfassen, wenn mir danach ist. Kleinteilig Wirtschaft und dann keine guten Statistiken geht gar nicht, zu wissen was passiert um Probleme beheben zu können ist für ich essentiell in einem Spiel. Und da hier wohl die größte Schwäche liegt, würde mich das nur frustrieren.

Ganon 26 Spiele-Kenner - - 73280 - 4. Dezember 2022 - 17:30 #

Klingt für mich zu komplex. Aber danke für den Test.