Einmal Sieger, immer Sieger?

FIFA 15 Test

Benjamin Braun 23. September 2014 - 16:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
Die Dortmunder wird's freuen, dass wir Mario Götze aus der Startformation gegen Argentinien genommen haben. Aber so ganz glücklich sind sie am Ende vielleicht doch nicht. Torschütze Thomas Müller ist schließlich auch ein "Bayer".
Anzeige
 
Tore wie kein ZweitesAuch im diesjährigen FIFA fallen noch viele Tore in relativ ähnlicher Weise. Was sich jedoch massiv verbessert hat und zum Realitätsgrad beiträgt, sind die Torhüter, aber auch fehlgeschlagene Abwehrversuche, wobei Torschüsse gefährlich abgefälscht werden. In einer Partie zwischen dem FC Bayern und dem FC Arsenal zogen wir etwa aus gut 16 Metern ab. Der Schuss war nicht allzu hart oder platziert, weshalb sich der gegnerische Keeper bereits auf den Weg in die richtige Ecke machte. Allerdings veränderte ein Abwehrspieler die Flugrichtung des Balls mit seinem Kopf minimal, sodass der Torhüter ins Leere griff. Das sind geniale Momente, in denen eine der Kernstärken von PES erheblich geringer wirkt als noch letztes Jahr. Erweitert wurden auch die Torhüter-Animationen, wobei wir dadurch keine nennenswerte spielerische Verbesserung feststellen konnten.

Allerdings gibt es bei den Schlussmännern gelegentliche Probleme mit der KI. Landen Bälle am Pfosten und springen nach einer zufälligen Berührung mit einem Verteidiger wieder zurück ins Feld, kommt es regelmäßig vor, dass sich keiner der Gegner mehr für das Leder zuständig fühlt – was sowohl für den Torhüter als auch die Verteidiger gilt. Hier dann einfach noch mal mit einem Spieler hinzulaufen und den Ball mit einem satten Vollspannschuss in die Maschen zu knallen (oder es zumindest zu versuchen), ist doch immer wieder mal vorgekommen. Trotz solcher Aussetzer gefällt uns die Torhüter-KI aber sehr gut. Unhaltbare Schüsse werden nicht mal eben pariert, genauso wie harte oder gut gezielte Torschüsse nicht festgehalten, aber übers oder nebens Tor gelenkt werden. Die Spielstärke macht sich auch bei den Keepern deutlich bemerkbar. Schalkes Ralf Fährmann zum Beispiel gelingt es auffällig seltener, schwierige Bälle zu fangen, während Manuel Neuer seine Weltklasse unterstreicht, ohne übermächtig zu wirken.

Dasselbe kann man auch von anderen bekannten Spielern behaupten. Die Dummy-Runs der vorletzten FIFA-Generation gibt es bekanntlich nicht mehr und auch ein Lionel Messi lässt Abwehrspieler wie Jerome Boateng nicht mal eben locker alt aussehen mit einem seiner Tempodribblings. Grundsätzlich sind uns die Dribblings aber etwas zu effektiv. Zumindest, wer das System perfekt beherrscht, kann theoretisch nach Belieben einen ganzen Abwehrverbund alt aussehen lassen.

Zumindest für jene, die die an sich hohe Spieldynamik, die sich längst von ihrer Abwehr- und Mittelfeld-Lastigkeit entfernt hat, durch das Umstellen auf die "schnelle" Spielgeschwindigkeit erhöhen wollen, gibt es eine schlechte Nachricht. Während das normale Tempo quasi unverändert bleibt, ist die schnelle Variante doch erheblich langsamer geworden. Sehr positiv für Simulationsfans ist, dass gleichzeitig das Regeln der Stärke bei Torschüssen oder Pässen deutlich anspruchsvoller geworden ist. Nur wer umfangreich Spielhilfen zuschaltet oder genau weiß, wie lange er die Tasten gedrückt halten muss, erreicht Perfektion. Nicht viel anders sieht es auch bei der Ballannahme aus, die ihr manuell unterstützen müsst, damit der Ball nicht zu weit oder in die falsche Richtung vom Fuß abspringt. Obwohl das alles etwas besser funktioniert als in den letzten Jahren und nicht mehr ganz so oft unrealistische Züge annimmt, passierte es für unseren Geschmack doch zu oft, dass sich Spieler hier selbstständig machen. Knapp an die Seitenlinie gespielte hohe Bälle bugsieren die Spieler oft ins Aus, anstatt uns einfach zurückziehen zu lassen.

Großartige AtmosphäreRein atmosphärisch betrachtet, feuert EA in FIFA 15 einmal mehr die ganze Bandbreite ab. Fangesänge, Choreografien im Stadion oder (teils vielleicht etwas zu) satte Soundeffekte bei Pressbällen oder Aluminiumtreffern sind aber nur ein Teil des Ganzen. Allerdings ist die eigentliche Stadionatmosphäre eigentlich nur bei englischen Clubs richtig gut. Gerade bei den deutschen Teams fehlen doch oft typische Schlachtrufe oder Fan-Chöre. Das war in vergangenen Jahren schon mal besser. Richtig klasse ist das Verhalten der Spieler auf dem Platz, die bei einem Vorstoß des Gegners den Arm heben, um Abseits zu reklamieren, auch wenn die Realität etwas ganz anderes sagt. Nach Fouls gibt es Diskussionen und kleinere Rangeleien, die das Fußballerlebnis authentischer machen. Das gilt auch für die Vermeidung von Leerlauf bei Einwürfen, die in vielen Fällen direkt erfolgen. So wirft etwa ein Balljunge oder auch ein näher am Ball stehender Mitspieler dem Einwerfenden die Pille zu, damit die Partie nahtlos fortgesetzt werden kann. Bei schnell ausgeführten Freistößen sieht es ähnlich aus.

Ihren Beitrag zur Authentizität leisten auch die Stars der kickenden Zunft. Die Körpersprache und sogar ein bestimmtes Spielverhalten lässt sich bei fast allen Fußballern von Weltrang erkennen – bei Arjen Robben fehlt eigentlich nur der häufigere Versuch, einen Elfmeter zu schinden. Manuel Neuer steht hingegen gerne etwas weiter vorm Tor, macht sich auch mal selbständig und rennt fast bis zur Mittellinie raus, um den Pass auf einen gegnerischen Angreifer im letzten Augenblick wegzuspitzeln. Ganz so weit wie die jüngste Ausgabe von PES, die bekanntlich erst im November kommt, geht FIFA bei solchen Feinheiten aber nicht immer. Neymar vom FC Barcelona läuft zum Beispiel nicht ständig mit bis über die Knie hochgezogenen Stutzen über den Platz. Die Gesichter aber sind bei den bekannten Akteuren gut nachempfunden. Thomas Müller, Joe Hart oder Mats Hummels sind auf den ersten Blick zu erkennen. Perfekt ist die Nachbildung sicherlich nicht. Aber im eigentlichen Spielgeschehen geht es eh um ganz andere Dinge.
Der Torwart lenkt den Schuss zur Seite weg. Dort steht aber wieder mal Cristiano Ronaldo, um abzustauben.
Um über diesen Inhalt mitzudiskutieren (aktuell 107 Kommentare), benötigst du ein Fairness- oder Premium-Abo.