Einmal Sieger, immer Sieger?

FIFA 15 Test

In den vergangen Jahren hat sich EAs Sportsimulation mit Tactical Defending und detailliertem Kollisionssystem an die Spitze des virtuellen Fußballs gespielt. In der neuesten Version sind wir mit den Nachbildungen diverser Topclubs angetreten und verraten euch, ob EA der Konkurrenz von Konami erneut kaum eine Chance zum Kontern lässt.
Benjamin Braun 23. September 2014 - 16:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Der Jubel kennt keine Grenzen mehr. Die Gelbe Wand bebt unter den Füßen tausender Fans, die eifrig "You'll never walk alone" schmettern. Ob die Gerüchte wahr sind, dass sich das gegnerische Team mit Aspirin und anderen Pillen an jenem Samstagabend auf dieses Spiel vorbereitet hat, bleibt auch dann unklar, als der Referee die Pfeife zwischen die Lippen nimmt und die Partie freigibt. Doch nicht die Leverkusener beherrschen die Begegnung am ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga, sondern die Schwarz-Gelben aus dem Ruhrpott. Schon nach wenigen Minuten bedient Marco Reus mit einem genauen Steilpass Shinji Kagawa auf der rechten Außenbahn. Der flankt den Ball aus vollem Lauf mit sattem Effet in den Strafraum, und der Kopf eines gewissen Robert Lewandowski bugsiert den Ball schließlich an Bernd Leno vorbei ins lange Eck. War der Stürmer nicht zu den Bayern gewechselt? Und sollte nicht eigentlich Bayer Leverkusen schon nach wenigen Sekunden in Führung gegangen sein? Stimmt. Aber so echt diese Szene wirkt – wir befinden uns nicht etwa wirklich im Signal-Iduna-Park, sondern in EAs Fußball-Simulation FIFA 15. Denn wie sich das gehört, haben wir den polnischen Nationalspieler per Kader-Bearbeitung dorthin zurückgebracht, wo er eigentlich hingehört.

Neues auf Sparflamme
Anthony Ujah weiß bereits genau, dass er den Fohlen Sekunden später einen einschenken wird.
In den letzten paar Jahren hatte die FIFA-Reihe klar die Nase vor der japanischen Konkurrenz von Konami, was sich auch mit dem nochmaligen Wechsel von der Player-Impact- auf die Ignite-Engine in der letztjährigen Nextgen-Fassung nicht änderte. Vor allem das neue Verteidigungssystem Tactical Defending wirkte sich spielerisch äußerst positiv aus und veränderte sich nach dem doch eher statischen Auftakt im Jahr 2011 zu einem Gesamtkonzept, das mittlerweile auch wieder mit einem sehr dynamischen Spielaufbau glänzen kann. In diesem Jahr geht es für EA also vor allem darum, diesen Vorsprung nicht aufs Spiel zu setzen.

So richtig viel Neues hat FIFA 15 aber letztlich in dieser Hinsicht gar nicht zu bieten. Wir können immer noch genauso effektiv ziehen, drücken und stoßen wie zuvor, die gegnerischen Angreifer allein oder durch das Herbeirufen eines Gegenspielers zustellen oder ihn so unter Druck setzen, dass er über kurz oder lang einen Fehler macht. Das funktioniert in der Praxis ganz exzellent, die aus den Vorgängern bekannten Fehler bleiben aber ebenfalls nahezu unverändert bestehen. Denn regelmäßig passiert es bei Hinzuholen eines Mitspielers, dass sich die beiden Spieler uneins über die Laufwege sind und sie deshalb immer wieder gegenseitig übereinander stolpern. Genauso oft verläuft es aber umgekehrt zu unseren Gunsten, wenn wir stark auf Pressing ausgerichtet spielen. Sobald wir das in der Hälfte des Gegners tun (eine Beinahegarantie gibt es, wenn wir im gegnerischen Drittel sind), drischt der Gegenspieler den Ball sehr oft einfach in Richtung Außenlinie, anstatt die Möglichkeiten zu nutzen, die Situation spielerisch zu lösen. Das hängt in der Tat auch von der Stärke des jeweiligen Gegners ab. Mannschaften wie Real Madrid beziehen etwa häufiger ihren Keeper Iker Casillas mit ein, um statt des Einwurfs eines Gegners selbst wieder einen neuen Spielaufbau starten zu können.

Wirklich neu ist eigentlich nur die Teammate-Control, wobei ihr ähnlich wie vor einigen Jahren bei PES die Steuerung eines anderen Spielers bei Standard-Situationen nutzen könnt. So übermächtig wie etwa in PES 2012 scheint uns das System nicht zu sein. Eine nette kleinere Bereicherung am Rande ist es damit in jedem Fall.

Überarbeitete KIWährend einige Fehler und Vorhersehbarkeiten immer noch vorhanden sind, haben sich einige Dinge aber dezent verbessert. Auffällig ist das etwa bei den Laufwegen der Spieler, die sinnvoller in freie Räume vorstoßen und sich für einen tödlichen Pass in die Spitze anbieten. Leichter ist es damit aber nicht geworden, Tore zu erzielen, denn auch die gegnerische Abwehr beherrscht ihr Metier. Gerade hohe Steilpässe werden aufgrund eines cleveren Positionsspiels und schnellem Umschalten nach einem Ballverlust häufig abgefangen. Eine Spur zu effektiv sind die Verteidiger aber geworden, wenn es darum geht, unseren eigentlich frei aufs Tor zustürmenden Spieler doch noch abzufangen. Mit dem Ball am Fuß sind wir nämlich deutlich länger unterwegs, sodass selbst eine Lücke von 15 oder 20 Metern noch zugelaufen werden kann. Das funktioniert bei einem schnellen Mann wie Cristiano Ronaldo natürlich nicht ständig, aber selbst bei nur begrenzt langsameren Spielern wie Mario Gomez in mehr als 70 Prozent der Fälle. Das führt, da auch wir die Vorteile der kompakten Verteidigung und des schnellen Umschaltens genießen, zumindest auf den höheren Schwierigkeitsgraden häufiger zu knappen und torarmen Begegnungen. Weniger spannend werden die Partien dadurch aber nicht. Die meisten Tore fallen wie gehabt nach eigenen Fehlern oder denen des Gegners, ganz so, wie das auch im echten Fußball meist der Fall ist.

Das Ziehen am Trikot oder das Festhalten an Arm oder Schulter ist bei geringeren Vorsprüngen aber generell einen Hauch zu effektiv. Da wird teilweise so extrem gehalten, dass es eigentlich als Notbremse durchgehen würde. Der Pfiff des Schiris kommt aber in solchen Fällen so gut wie nie. Auch sonst haben sich die Schiris im Vergleich zum letzten Jahr eher zurück entwickelt. Das gilt weniger für Fouls im Mittelfeld, die je nach Härte auch mal eine glatte rote Karte nach sich ziehen können.

Etwas schlechter sind sie jedoch geworden, was die Auslegung der Vorteilsregel angeht. In vielen Situationen lässt der Unparteiische das Spiel gut weiterlaufen. Umgekehrt hatten wir aber immer wieder den Fall, dass er die Partie unterbricht und uns damit eine richtig gute Torgelegenheit kaputt macht. Sehr unschön ist auch die Annäherung an PES beim Abpfiff. Klar soll die Partie nach dem Erreichen der 45 oder 90 Minuten nicht ewig weiterlaufen. Aber mit dem Ball in aussichtsreicher Position unmittelbar am 16-Meter-Raum zu stehen und anstatt noch abziehen zu können, zu hören, wie der Schiri in seine Pfeife sabbert, nervt einfach.

Kollisionssystem mit AussetzernWährend das bereits beschriebene Problem mit den Stolpereien im Rahmen des Tactical Defending eher mit KI-Schwächen zu tun hat, zeigt auch das Kollisionssystem als solches einige unschöne Aussetzer. Immer wieder passiert es mal, dass die physikalische Berechnung nicht so recht funktioniert und ein gespielter Pass kurios und in extremer Geschwindigkeit von unserem Spieler abprallt. Dessen Animationen selbst laufen dabei nicht flüssig ab, sondern zeigen Sprünge, weshalb wir nicht erkennen können, wie genau dieser Abpraller zustande gekommen sein soll.

Grundsätzlich aber ist das System richtig stark umgesetzt und macht die Partien und Spielzüge sehr realistisch. Besonders bei d
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er Ballannahme und dem Abschluss ist das sehr gut gelungen, wobei auch hier nur begrenzt eine Verbesserung zum Vorjahr feststellbar ist. Wer an der falschen Stelle zum Kopfball hochsteigt – oder im falschen Moment – der braucht sich keine Hoffnungen zu machen, die Pille ordentlich zu treffen und im Tor zu versenken. Das steigert aber nicht bloß den Realitätsgrad, sondern sieht meist auch noch richtig gut aus. Mit einem Stürmer hinter einem hohen Steilpass hinterher zu rennen und etwas zu früh oder zu spät nach dem Aufsetzen des Balls die Schusstaste zu drücken, sieht genau so aus, wie man das auch vom echten Fußballspiel kennt. Die Position und selbst die Fußstellung wird etwa bei einer Volleyannahme genau berücksichtigt. Stehen wir nicht optimal, rutscht uns das Leder dabei gegebenenfalls einfach über den Schlappen und verabschiedet sich in Richtung Tribüne. Sogar in den Wiederholungen sehen solche Situationen noch realistisch aus, wie auch die meisten anderen Berührungen zwischen den Spielern. Nur auf die Füße darf man nicht zu genau sehen. Die wirken riesig im Vergleich zum Körper und scheinen förmlich ein Eigenleben unabhängig vom Körper zu führen.
Das Giuseppe-Meazza-Stadion tobt beim Stadtderby in Mailand. Am Ende gewinnt Milan mit einem knappen 1:0.
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