Test: Einmal König, immer König?

FIFA 13 Test

Im vergangenen Jahr war es für Electronic Arts' FIFA-Reihe eine klare Sache im Wettstreit mit PES. Doch Konamis Fußballsimulation hat zugelegt – ein weiteres Mal die Krone im virtuellen Fußball zu ergattern, ist kein Selbstläufer. Wir verraten euch, ob FIFA 13 den Vorsprung halten kann.
Benjamin Braun 20. September 2012 - 18:00 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal.

Die großen Fußballweisheiten von Sepp Herberger, dem Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zwischen 1936 und 1964, kennt jeder: „Der Ball ist rund“ oder „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Fußball kann eben auch ganz einfach sein. Seine oft zitierten Sätze gelten heute genauso wie damals, obwohl sich viel verändert hat seitdem. Tempo-Fußball oder schnelles Kurzpassspiel waren zu Zeiten Herbergers noch ein Fremdwort. Genauso wie im echten Fußball hat sich auch beim virtuellen Ballsport in den letzten Jahren vieles verändert, sowohl bei Konamis Pro Evolution Soccer als auch bei EAs FIFA-Reihe. Insbesondere PES schrieb sich eine hohe Geschwindigkeit sowie hohe Spielkontrolle auf die Fahne und galt lange Zeit als die mit Abstand komplexeste Fußballsimulation. Electronic Arts ging wiederum einen anderen Weg, bot lange Zeit mehr "Kick and Rush" und möglichst spektakuläre Torraumszenen, vernachlässigte dafür Ballphysik und allgemein den Realismus. Doch dann kam David Rutter, der die Reihe seit FIFA 09 sukzessive zu einer echten Simulation machte.

Mit FIFA 12 (GG-Test: 9.0) wagten die Entwickler letztes Jahr den wohl radikalsten Umbruch der Spielereihe. „Taktische Verteidigung“ lautete das Zauberwort. Dieses neue Defensivsystem erlaubte packende Abwehrschlachten und ließ FIFA 12 dank der realistischen "Player Impact Engine" mehr denn je wie ein echtes Fußballspiel aussehen. Auch deshalb hatte FIFA 12 im vergangenen Jahr die Nase vorn im Vergleich zu PES 2012 (GG-Test: 8.5). Das neue System sorgte allerdings auch dafür, dass im Mittelfeld nicht mehr ganz so viel passierte, und wir uns Torchancen gegen stark verteidigende Gegner so hart wie noch nie erarbeiten mussten. FIFA 13 behält das Defensivsystem bei, will das Spiel aber mit anderen Mitteln schneller und das verwaiste Mittelfeld wieder wichtig machen. Was sonst noch neu ist und ob das reicht, um PES 2013 (GG-Test: 8.5) in diesem Jahr hinter sich zu lassen, haben wir für euch herausgefunden.
 
El Clásico mit Emotion und Tempo
Da gucken sie, die Italiener. Auch in FIFA 13 räumten wir als erstes die Schmach aus dem EM-Halbfinale aus.
Mindestens zweimal im Jahr treffen die beiden größten Clubs der Primera División aufeinander: El Clásico nennen die Spanier das Duell der Giganten zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid. Auf den Rängen toben die Fans, und auf dem Platz spielen wenigstens genauso viele Emotionen mit: Lionel Messi gegen Christiano Ronaldo, Iker Casillas gegen Víctor Valdés oder Gerard Piqué gegen Sergio Ramos. Wir entscheiden uns für die Königlichen, die immerhin zwei der drei Begegnungen in der letzten Saison für sich entschieden hatten. Kein anderer Profiverein in der Welt erzielte mehr Tore als Real und nur die wenigsten kassierten weniger Gegentreffer.

Im Estadio Santiago Bernabéu haben wir als Heimmannschaft Anstoß und machen gleich Druck. Manndeckung ist Barcelona zuwider, doch mit äußerst cleverem Positionsspiel machen sie es uns extrem schwer, näher an den Kasten von Víctor Valdés zu gelangen. Alles so wie in der letzten Ausgabe von FIFA? Nein, denn die Fehlerquote der KI auf den höchsten Schwierigkeitsgraden hat sich im Vergleich zu FIFA 12 erhöht, wodurch schnelle Vorstöße mit Gelegenheit zum Torabschluss deutlich häufiger vorkommen. Es sind aber weniger das Positionsspiel und die Passgenauigkeit, bei denen der Gegner Fehler macht. Alles andere wäre bei den Kurzpassspezialisten des FC Barcelona auch vollkommen unrealistisch. Den entscheidenden Unterschied macht die anspruchsvollere Ballannahme, die nun auch bei einem Könner wie Xavi kein Selbstläufer mehr ist. Das belegt ein scharf geschossener Pass, den wir von Reals Mittelfeld-Spieler Sami Khedira auf Mesut Özil spielen. Greifen wir nicht aktiv in die Ballannahme ein, springt dem deutschen Nationalspieler die Pille ein Stück vom Fuß weg. So hat die Abwehr Barcelonas leichtes Spiel und kann sich den Ball quasi ohne Zweikampf zurückholen. Doch auch das Passspiel selbst ist etwas anspruchsvoller als früher und erfordert eine bessere Dosierung als letztes Jahr. Selbst wenn ihr mit eingeschränkter oder voller Passhilfe spielen solltet, ist das wichtig, da FIFA 13 gerade bei längeren Bällen nicht korrekt erkennt, wen ihr eigentlich anspielen wollt.

Wir starten einen neuen Angriff und bauen unser Spiel langsam von ganz hinten mit Abwehrrecke Marcelo auf. Es dauert aber nicht so lange, bis wir uns wieder mit den Kontrahenten von der Costa Brava anlegen müssen, denn so kompakt die Defensivreihen auch stehen, sie formieren sich deutlich höher als im Vorjahres-FIFA. Viel mehr als letztes Jahr spielt sich also im Mittelfeld ab; schon dort müsst ihr versuchen, durch das Schicken eurer Spieler, Pässe in den Rücken der Gegenspieler und andere Aktionen die entscheidenden Lücken zu reißen. Mit hoch gespielten Steilpässen ist es weiterhin schwieriger, den Mitspieler zu erreichen, als es bis etwa FIFA 11 der Fall war. Die Quote der Steilpässe, die zumindest nicht sofort abgefangen werden, ist aber deutlich höher. Etwas weiter vorgelegte Bälle sind nun auch wieder leichter zu erlaufen.

Mit dem Ball am Fuß zeigt sich eine weitere Änderung: Mit Christiano Ronaldo erobern wir einen fehlgegangenen Pass von Dani Alves gut 40 Meter vor dem gegnerischen Tor. Mit dem Ball am Fuß stürmen wir los und haben
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mehr oder weniger freie Bahn. Doch der gut zehn Meter hinter uns positionierte Sergio Busquets hat die Situation erkannt und jagt uns hinterher. Ronaldo ist selbst mit dem Ball schneller als viele andere Kicker, doch nicht so schnell, als dass Busquets ihn nicht mehr einholen könnte. Er zupft und zieht an unserem Alter Ego und stochert letztlich die Kugel weg, als wir gerade zum Schuss ansetzen wollten. Vorbei sind also die Zeiten, in denen wir solche Situationen mit Topstars ohne Weiteres für Tore nutzen konnten. Einfach nur laufen, was das Zeug hält, führt nur zum Erfolg, wenn der Abstand zum Gegenspieler groß genug ist. Oder wenn wir es ganz anders angehen. Effektiver wäre es zum Beispiel gewesen, wenn wir, kurz bevor uns Busquets erreicht, den Ball gestoppt und abgeschirmt hätten, um dann die Richtung zu wechseln oder ihn durch einen Haken zu einer falschen Aktion zu zwingen. Beim Torabschluss selbst zeigt sich, dass die Ballphysik ein wenig zugelegt hat: Gefühlvolle Heber sind genauso möglich wie brillant angeschnittene Freistöße oder Ecken. Ganz das Niveau der Ballphysik von PES 2013 erreicht FIFA 13 zwar nicht, nähert sich aber ein weiteres Stück an.
Kopfballtore gibt es auch in FIFA 13 noch, sie fallen allerdings nicht mehr so häufig wie in früheren Serienteilen.
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