Monstermäßig gut

Evolve Test

Mit Left4Dead schufen sie einen der vielleicht besten Koop-Shooter aller Zeiten. Nun legen die Turtle Rock Studios mit ihrem noch unter THQ-Flagge gestarteten Spiel ihr neustes Werk vor, das mit dem mutigen Vier-gegen-einen-Prinzip das Genre der mehrspielerlastigen Actionspiele kräftig aufmischt.
Benjamin Braun 9. Februar 2015 - 7:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal und ausschließlich aus der PS4-Fassung

Test-Update 11.2.: Nachdem wir nun die Server im Vollbetrieb testen konnten, haben wir diesen Test um eine Textpassage auf der letzten Seite ergänzt und eine finale Wertung für Evolve vergeben.

Vier gegen einen ist unfair! Um diese Weisheit herauszubilden, ist gewiss kein jahrelanges Studium notwendig. Allerdings trifft sie womöglich gar nicht immer zu. Wenn etwa ein nackter Chuck Norris von vier gut ausgebildeten, hochgerüsteten Navy Seals attackiert würde – wissen wir alle, dass die Seals nicht den Hauch einer Chance hätten. Das Actionspiel Evolve von Turtle Rock (den Machern von Left4Dead) ist ein weiterer Beleg dafür, dass Echtwelt-Weisheiten auf der Leinwand oder im Videospiel nicht unbedingt gelten müssen. Weshalb der kooperative Kampf der vier Jäger gegen ein einzelnes Monster Online-Willigen am meisten Spaß bereitet, aber auch Solisten auf ihre Kosten kommen, verraten wir euch im Test.

Vier Jäger, ein MonsterDas grundlegende Spielprinzip von Evolve ist denkbar simpel: Die fünf Spieler schlüpfen in die Rolle von vier Jägern und eines Monsters. Den Startpunkt im Kernspielmodus „Jagd“, der als einziger neben der Mini-Kampagne „Evakuierung“ für öffentliche Ranglisten-Partien offen ist, haben beide Seiten gemein. Allerdings erhält das Monster einen Vorsprung von 30 Sekunden, um Abstand zwischen sich und seine Verfolger zu bringen, die kurze Zeit später aus einem Raumgleiter abspringen. Das Monster ist wesentlich schneller, hinterlässt jedoch Spuren, denen die Jäger folgen können. Um besser für die Konfrontation gewappnet zu sein, fresst ihr als Monster Tiere, um euch auf die nächste Stufe fortentwickeln zu können. So steigert ihr eure maximale Lebenenergie und verbessert eure vier Kampffähigkeiten mittels Lernpunkten in drei Stufen. Punkte gibt es drei vor dem Start und drei pro Aufstieg, womit bis zu drei Fähigkeiten voll gesteigert werden können. Das Fressen erlegter Tiere ermöglicht aber nicht bloß weitere Evolutionsstufen (womit sich Stärke und Trefferpunkte erhöhen), sondern gewährt eurem Monster auch Panzerung, die beim Stufenaufstieg allerdings grundsätzlich auf null zurückgeht.

Vogelschwärme verraten unsere Position. Gehen wir in den Schleichmodus, verhindern wir das, sind jedoch langsam.
Die Jäger wollen das Monster natürlich finden und zur Strecke bringen. Jeder Trupp besteht aus einer festen Konstellation: Der Assault ist der Tank, der mächtig Schaden austeilt. Der Support leistet schweres Unterstützungsfeuer. Der Medic ist primär für die Heilung der Teammitglieder zuständig und der Trapper dient vor allem dem Zweck, das Monster aufzuspüren und mittels einer elektrostatischen Kuppel für einige Sekunden an der Flucht zu hindern. Gelingt es einer der beiden Seiten, den Gegner zu töten, ist die Partie – auch in den übrigen drei Spielmodi – beendet. Spätestens wenn das Monster Evolutionsstufe 3 erreicht, kommt es aber zur finalen Konfrontation. Dann nämlich gilt es, ein Relais auf der Karte zu verteidigen respektive zu vernichten.

Action sattWas in der Theorie eher trocken klingt, bietet in der Praxis jede Menge Raum für Action, aber auch Taktik. Das Monster ist beispielsweise in der Lage, zu schleichen, wodurch es keine Fußspuren für die Trapper hinterlässt und auch die zahlreichen Vogelschwärme am Boden nicht aufscheucht, die den Jägern sonst seine aktuelle Position verraten. Diese Fähigkeit muss der Monster-Spieler aber klug einsetzen, denn schleichend ist er erheblich langsamer unterwegs als die Jäger mit ihren Jetpacks (die aber nur "lange Sprünge" erlauben, kein Fliegen). Mittels eures Geruchssinns scannt ihr als Monster die Umgebung in einem bestimmten Umkreis. So spürt ihr potenzielle Nahrung auf und seht auch die möglicherweise schon in der Nähe befindlichen Jäger, um rechtzeitig flüchten zu können, oder um zu prüfen, ob ihr genügend Zeit für die Evolution habt. Das Einleiten selbiger dauert nämlich einige Sekunden und bis zu deren Abschluss seid ihr für eine Zeitlang bewegungsunfähig und schutzlos.

Mit dem Erreichen höherer Evolutionsstufen steigert ihr den Schaden eurer vier Spezialangriffe, die jeweils eine nicht allzu lange Cooldown-Zeit haben. Die meisten davon richten massiven Flächenschaden an, wie etwa der Schmetterschlag des ersten Monsters Goliath oder die Nachbeben-Fähigkeit des zweiten Monsters Krake (drei Monstren sind im Hauptspiel enthalten, der Rest kann auf verschiedene Arten dazugekauft werden). Effektiv sind die Angriffe allerdings nur, wenn ihr sie auch ins Ziel bringt, was aufgrund der gewöhnungsbedürftigen, teilweise recht unpräzise wirkenden Monstersteuerung gar nicht so einfach ist. Zudem gilt es zu beachten, dass die Jäger sich nach einem Niederschlag bis zu zweimal gegenseitig wiederbeleben können – was jedoch immer mit einer Reduktion der maximalen Trefferpunkte einhergeht. Sinnvoll ist es deshalb vor allem, zunächst den Medic aus dem Weg zu räumen. Verhindert ihr dessen rechtzeitige Wiederbelebung oder tötet ihn durch weitere Schläge manuell, habt ihr deutlich leichteres Spiel.

Deshalb kann auch für die Jäger die Flucht eine Option sein. Sie haben zudem den Vorteil, dass zwei Minuten nach dem Ableben des ersten Teammitglieds ein Shuttle eintrifft, dass die Verluste ausgleicht. Niederschläge sollten die Jäger in Evolve aber grundsätzlich vermeiden. Denn wie gerade schon beschrieben: Der dritte Niederschlag tötet sofort, die beiden ersten reduzieren die maximalen Trefferpunkte nach der Wiederbelebung erheblich.

Das Prinzip, dass das gejagte Monster quasi mit der Zeit zum Jäger wird, funktioniert sehr gut, wenn ihr die Mechaniken von Evolve respektiert. Wer Fehler macht, egal auf welcher der beiden Seiten, sieht sich schnell mit dem Ende konfrontiert. Gelingt es den Jägern etwa, das Monster schon früh zu stellen (oder umgekehrt dem noch relativ schwächlichen Stufe-1-Monster, die Jäger zu überrumpeln), endet die Partie auch mal innerhalb weniger Minuten.

Diese Dynamik und Unvorhersehbarkeit ist die vielleicht größte Stärke von Evolve. Man weiß zu Beginn einfach nie, wie die Partie verläuft und wie lange sie dauert. Im Durchschnitt dauerten die Runden bei uns etwa zehn Minuten. Zwischen zweieinhalb und 20 Minuten war aber so ziemlich alles drin, ohne dass es zwischendrin Leerlauf gab. Wir fühlten uns sowohl in der Rolle des Monsters als auch in der der Jäger sehr wohl, was nicht zuletzt an der exzellent umgesetzen Gegensätzlichkeit zwischen "Auf sich allein gestellt sein" und dem kooperativen Ansatz der Jäger liegt.

Nur im Zusammenspiel erfolgreichEin erfolgreicher Kampf der Jäger ist definitiv von Kooperation abhängig: Nur wenn alle ihre Fähigkeiten einsetzen, ist ein Sieg gegen einen halbwegs erfahrenen Monster-Spieler möglich. Der vernichtende Luftschlag des Supports kann seine volle Wirkung nämlich nur entfalten, wenn das Monster gleichzeitig von Harpunen festgehalten wird oder der Monster-Spieler so dumm ist, einfach stehen zu bleiben. Besonder effektiv ist der Luftschlag selbstredend in dem Moment, wenn das Monster gerade eine Stufe aufsteigt. Die Jägerkollegen sollten beim Luftschlag besser woanders sein, denn auch sie nehmen durch den Luftschlag Schaden. Hilfreich ist auch so manche Fähigkeit des Medics. Der kann das Monster auch aus größer Entfernung markieren, damit es nicht so leicht entwischt. Der Charakter Val nutzt das Scharfschützengewehr, um Schwachstellen am Monsterkörper zu erzeugen. Trifft der Assault gena
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u hier (wobei die Markierung bestimmter Körperregionen wie dem Kopf natürlich besonders gut geeignet ist), geht die Lebensenergie des Monsters schnell zur Neige. Absprache  ist auch beim Einsatz von Fähigkeiten wie einem Schutzschild wichtig: Wird ein Jäger gerade im Nahkampf attackiert, kann der Support ihn zu 100 Prozent vor Schaden schützen, ist zu dieser Zeit aber selbst vollkommen wehrlos.

Auch der Einsatz der Kuppel des Trappers, aus der das Monster einige Zeit lang nicht flüchten kann, muss sinnvoll eingesetzt werden. Die Fähigkeit lädt sich nur sehr langsam auf. Deshalb wiegt die Verschwendung, wenn das Monster noch rechtzeitig aus dem Kreis entkommen kann, doppelt schwer. Wird die Kuppel im richtigen Moment erzeugt, ist sie für unseren Geschmack aber oft ein bisschen zu mächtig, da sie zu lange bestehen bleibt. Selbst in einem Map-Abschnitt, in dem wir als Monster noch einigermaßen vor den Angriffen der Jäger durch Nutzung von schützenden Felsen und ähnlichem entgehen können, bis der Fluchtweg sich wieder öffnet, bedeutete die Kuppel zu oft den Tod oder wenigstens eine zu massive Reduzierung der nicht mehr aufladbaren Trefferpunkte.
Das Monster im Alleingang zu besiegen, ist selbst auf Evolutionsstufe 1 kaum möglich. Nur wenn die Jäger an einem Strang ziehen und ihre Fähigkeiten sinnvoll miteinander kombinieren, ist ein Sieg im Rahmen des Machbaren.
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