Winter is coming

Endless Legend Test

Auf den ersten Blick nur ein weiteres Fantasy-Strategiespiel im Stil von Heroes oder Age of Wonders, setzt sich der Erbe von Endless Space mit frischen Ideen von der Masse ab – doch nicht alle Innovationen erweisen sich als Segen.
Rüdiger Steidle 19. September 2014 - 20:18 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Auriga stirbt. Die Fantasy-Welt, die wir in Endless Legend Zug um Zug erkunden, besiedeln und erobern, wird von immer häufiger auftretenden, ständig länger währenden Kälteperioden heimgesucht. Kein Wunder, dass sich die Völker verbissen um die verbliebenen Ressourcen streiten. Wer sich an Game of Thrones erinnert fühlt, liegt richtig: Wie in der Romanadaption weiß auch auf Auriga niemand, wann der nächste Winter hereinbricht. Entsprechend gilt es, in den Sommermonaten vorzusorgen und Reserven anzuhäufen, denn in Eis und Schnee erfriert der Planet förmlich: Ernteerträge, Handel, sogar die Mobilität der Truppen sind drastisch reduziert, es bleibt nur die Hoffnung auf den baldigen Frühling. Der zufällige Wechsel der Jahreszeiten ist eines der drei spannenden Elemente, mit denen Endless Legend sich von Warlock 2 (GG-Test: 6.5), Fallen Enchantress und all den ähnlich gelagerten Strategie-Epen abhebt.

Im Frühtau zu Berge wir zieh'n
In Gefechten können wir das Terrain zu unserem Vorteil nutzen: Die gegnerischen Giganten können die Klippen in der Bildmitte nicht erklimmen.
Das Zweite ist das Terrain. Wie in Civilization wird die Spielwelt für jede Partie neu generiert. Es gibt eine Menge Optionen, mit denen wir beeinflussen können, wie groß Landmasse und Meere ausfallen, wie die Kontinente aussehen, wie die Rohstoffe, Inseln, Flüsse sowie Seen verteilt werden und dergleichen mehr. Anders als bei den meisten Runden-Strategiespielen gibt es aber auf Auriga echte Höhenstufen: Hügel, Berge, Täler und Ebenen. Die sehen nicht nur malerisch und organisch aus, sondern haben gewichtige Auswirkungen auf den Spielablauf. Wir können unsere Streitkräfte nicht einfach eine Steilwand erklimmen oder eine Klippe hinunter klettern lassen. Stattdessen müssen wir alternative Routen mit geringeren Höhenunterschieden finden, um auf einen Gipfel oder wieder herunter zu gelangen. Das macht insbesondere das Erforschen der Umgebung herausfordernder als bei den meisten anderen Global-Strategietiteln.

Auch in Gefechten spielen solche natürlichen Hindernisse eine große Rolle, womit wir bei der dritten Eigenheit von Endless Legend angelangt sind. Treffen in der Spielwelt zwei verfeindete Armeen aufeinander, treten diese nicht in einer separaten Kampfarena gegeneinander an. Stattdessen zoomt die Engine auf einen Ausschnitt der Karte, der direkt aus dem umgebenden Gelände erstellt wird – mitsamt Wäldern, Flüssen und eben den Erhebungen. Indem wir das Aufmarschgebiet clever wählen, können wir uns also schon vor dem Gefecht Vorteile verschaffen und beispielsweise unsere Bogenschützen auf Hügeln platzieren. Von dort können sie anrückende Infanterie im Tal beharken, die dann erst einen Umweg nehmen muss, bevor sie in Reichweite gelangt.

Nur ein indirekter Kampf
Die acht wählbaren Fraktionen bringen alle eigene Vor- und Nachteile sowie besondere Truppentypen mit.
Der Unterschied zu den Kampfsystemen aus Titeln wie Age of Wonders 3 (GG-Test: 8.5) oder King's Bounty besteht darin, dass wir in Endless Legend unsere Kämpfer nur indirekt steuern. Das bedeutet, wir geben ihnen vor, welchen Gegner sie angreifen und wohin sie vorrücken sollen. Sie führen die Befehle dann aber nach eigenem Gutdünken aus – und das ist längst nicht immer so, wie wir uns das erhofft hatten. Es kann beispielsweise vorkommen, dass unsere Armbrustträger mit etwas Würfelglück eine gegnerische Einheit schon mit der ersten Salve ausschalten. Dann laufen unsere Schwertkämpfer, die wir zur Sicherheit aufs gleiche Ziel angesetzt hatten, blöderweise ins Leere oder bleiben wie angewurzelt stehen. Oder unsere Kavallerie stürmt bei der befohlenen Attacke todesverachtend durch die Mitte, statt über die wesentlich besser geschützte Flanke vorzurücken. Wir können unseren Schützlingen zwar grundlegende Verhaltensmuster vorgeben – aggressiv, defensiv und passiv –, trotzdem entwickeln sich die Konfrontationen selten in der Komplexität, die wir uns wünschen. Das Kampfsystem von Endless Legend mag anders sein als bei der Konkurrenz, vielleicht sogar realistischer. Denn welcher Feldherr hat seine Soldaten schon vollständig im Griff? Nur besser ist es deshalb nicht. Im Gegenteil: Die Scharmützel sorgen regelmäßig für Frusterlebnisse, auch weil der Zufallsfaktor enorm hoch ausfällt. Mal würgen unsere Speerträger dem Gegner beim ersten Angriff 20 Schadenspunkte rein und kassieren selbst nur fünf, beim nächsten Angriff fällt das Ergebnis genau umgekehrt aus.

Besonders zu Beginn einer Partie, wenn sich Verluste aufgrund der geringen Produktionskapazitäten nur mühsam ausgleichen lassen, kann mangelndes Schlachtenglück das vorzeitige Aus bedeuten. Unsere Lösung war, bei allzu schlechten Resultaten einfach einen zuvor angelegten Spielstand zu laden und einen neuen Versuch zu wagen – oft mit drastisch besserem Ausgang. Wenn wir den Marschallstab nicht selber schwingen wollen, können wir die Gefechte übrigens auch vom Computer berechnen lassen. Allerdings erzielen wir unter eigener Führung fast immer vorteilhaftere Ergebnisse. Auch weil wir das Stein-Schere-Papier-Prinzip besser nutzen: Der Prozessorgegner lässt seine Kavallerie oft gegen unsere Schwertträger anrennen, statt unse
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re Front zu umgehen und die Fernkämpfer hinter den Linien aufzureiben.

Das VerhandlungsglückIn den übrigen Bereichen hält sich Endless Legend weitgehend an Genrestandards. Es gibt acht Völker, die verschiedene Stärken und Schwächen aufweisen. Die Brennenden Magier zum Beispiel genießen Boni bei der Forschung und führen mit den Ateshi-Zeloten starke Fernkämpfer ins Feld, die ihre feindlichen Verbände mit Flächenschaden traktieren. Die Wanderklans sind geborene Händler mit blitzschnellen Reitern. Und die Wildläufer sind mit ihren Langbogen im Wald nur schwer zu schlagen.

Die Startbedingungen sind für alle Fraktionen gleich: Wir beginnen mit einem Siedler und einer Handvoll Militäreinheiten. Unsere erste Aufgabe ist es, eine Stadt zu gründen. Die Wahl des passenden Grundstücks ist gar nicht so einfach, denn ähnlich wie in Civilization können die Einwohner zunächst nur die Rohstoffe in unmittelbarer Umgebung ausbeuten. Die fallen je nach Terrain verschieden aus: Nahrung, Gold („Staub“), Baustoffe sowie Forschungs- und Diplomatiepunkte. Auch Letztere gelten bei Endless Legend als Ressourcen, die wir zusammentragen müssen.
Im Winter werden Produktion und Bewegung deutlich verlangsamt. Wir müssen in den Sommermonaten Vorräte bunkern.
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