Gestohlene Träume, 1. Buch

Dreamfall Chapters Test

Vor 14 Jahren begann Ragnar Tørnquists "längste Reise" mit dem Abenteuer von April Ryan. Dank Kickstarter kann der Norweger seine Adventure-Trilogie nun endlich zum Abschluss bringen. Wir haben die erste der fünf Episoden für euch beendet und verraten euch, ob Fans der Reihe und Serieneinsteiger gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.
Benjamin Braun 22. Oktober 2014 - 21:49 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Fans von The Longest Journey warten bereits seit fast acht Jahren darauf, dass das Abenteuer weitergeht – nicht zuletzt, weil das Ende von Dreamfall viele Fragen offen gelassen hat. Genau an diesem Punkt setzt der erste Teil von Dreamfall Chapters, Book One - Reborn, an: Zoë Castillo liegt immer noch im Koma und es vergeht kein Tag, an dem ihr Freund Reza nicht an ihrem Krankenbett auf ihre Genesung hofft. Aber auch wenn Zoës Körper leblos daliegt, ihr Geist ist immer noch aktiv – gefangen in der Storytime, einer jener Orte frei von Zeit und Raum, der zwischen den Welten Arcadia und Stark liegt. Doch es ist an der Zeit, aus der Storytime auszubrechen, zu verhindern, dass die so genannten Dream-Machines noch mehr menschliche Existenzen ruinieren. Denn sie sind eingeschlossen in dem, was einmal Träume waren, mittlerweile aber nur noch Alpträume sind. Nach Monaten im Koma muss sich Zoë gut überlegen, ob sie in der Realität alles wieder so herrichten will, wie es einmal war – oder sie sich doch auf etwas Neues einlässt und versucht, das Beste daraus zu machen. Diese Entscheidung, die wir bei unserem alten Bekannten, dem Vagabunden treffen, ist aber nur eine von vielen in der ersten von fünf Episoden von Dreamfall Chapters.
 
Traumhafte Alpträume
Dreamfall Chapters beginnt genau dort, wo Dreamfall aufhörte: Mit der komatösen Zoë in der "Storytime".
In einem so stark auf Story und Dialoge fokussierten Spiel möchten wir bei der Geschichte gar nicht zu sehr ins Detail gehen oder euch jeden aus den Vorgängern bekannten Charakter vorwegnehmen, dem ihr wiederbegegnen werdet. Serienkenner wissen, dass Game Designer Ragnar Tørnquist mehrere Handlungsstränge und Ereignisse in den beiden Welten miteinander verbindet. Neben der Storytime werdet ihr also erneut Arcadia bereisen. In jener mittelalterlich anmutenden Fantasy-Welt sitzt der aus Dreamfall - The Longest Journey bekannte Kian Alvane in Haft und erhält schon bald die Chance, auszubrechen. In Stark wiederum erlebt ihr die finstere Zukunft eines Überwachungsstaats im Jahr 2020, in dem Kommunisten, Faschisten und viele weitere Interessensgruppen um die politische Vorherschafft im "neuen Europa" streiten.
 
Allzu viele wegweisenden Ereignisse, von Zoës Erwachen mal abgesehen, dürft ihr von der ersten Episode noch nicht erwarten. Der rund vierstündige Auftakt dient nämlich vor allem dazu, überhaupt erst mal in die Geschichte einzuführen. Somit könnte aus Sicht eines Serienkenners vielleicht mehr passieren, doch soll das nicht heißen, dass Book One ereignislos sei: Menschen kommen zu Tode, und so eine Flucht aus dem Knast ist schließlich auch nicht ohne. Für Einsteiger in die Serie scheint uns das die ideale Wahl zu sein, weil sie so nicht sofort von einer Informationsflut erschlagen werden. Auch die gleichsam tiefgründigen wie humorvollen Dialoge finden wir gelungen. Einmal etwa sollen wir für die Handlungsträgerin Mira einen Roboter ausführen und dessen Funktionen überprüfen. Dieses Robo-Gassi ist nicht gerade das Spannendste, was wir je erlebt haben. Doch die Art und Weise, wie der Blechkumpel bei den Prüfungen versagt – und das auch noch wie ein neunmalkluger Zehnjähriger kommentiert –, ist einfach nur köstlich. Wir kennen kaum ein Spiel, das die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Humor so glänzend hält.

Während die englische Sprachfassung mit durchweg guten Sprechern punktet, steht die deutsche Lokalisation qualitativ dahinter zurück. Zwar ist etwa mit Marion von Stengel in der Rolle von Zoë auch eine Könnerin ihres Fachs dabei. Einige Sprechrollen sind allerdings nicht optimal besetzt. Zudem verliert das Spiel in der deutschen Fassung auch dadurch, dass alle Hochdeutsch sprechen. Auf Englisch gibt es diverse Dialekte und Akzente, zudem sind immer wieder deutsche oder auch russische Wörter im Original zu hören, wobei zumindest Ersteres verloren geht. Aktuell zeigt die deutsche Version zudem ein paar Fehler. Der deutsche Ton ist teils übersteuert, Zoës Stimme leidet zudem gelegentlich unter einer missglückten Tonhöhenanpassung. Hier und dort werden außerdem einzelne Dialogzeilen nicht abgespielt. Wer auf deutschen Ton verzichten kann, sollte deshalb die englische Version spielen, die auf Wunsch mit den (guten) deutschen Bildschirmtexten ergänzt werden kann.
 
Stimmungsvoll trotz B-GrafikAuch wenn die Grafik der PC-Fassung nur mittelmäßige Qualität zeigt und auch einige Clippingfehler auftreten, wirkt sich das kaum negativ auf die Atmosphäre aus. Das verdankt Dreamfall Chapters seiner Musik, vor allem aber der Spielwelt. Deren visuelles Design erinnert an den Cyberpunk-Stil von The Secret World (GG-Test: 8.0). Auf hell leuchtenden Werbetafeln wird für die Dream-Machines geworben, während am Straßenrand die Dream-Machine-
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Junkies kaum aus ihrer Realitätsflucht zu befreien sind. Ab und zu unterhalten sich Passanten über Dream-Machines und die politischen Zustände. Mal spielt ein Straßenmusiker auf seiner Gitarre, mal drangsalieren Wachleute eine Imbissstandbetreiberin, dass ihre Genehmigung abgelaufen sei. Und stets haben die fliegenden Kameras uns im Blick. Das alles sorgt für eine intensive Erfahrung. Gerade deshalb hätten wir uns noch weit mehr Interaktionsmöglichkeiten beim Erforschen der Welt gewünscht, etwa mehr direkte Dialoge mit namenlosen NPCs, in denen wir mehr über sie und die Spielwelt erfahren.

Mit wieviel Akribie die Szenarien von Dreamfall Chapters ausgetüftelt sind, wird in den Dialogen mit den handlungsrelevanten Charakteren deutlich. Darin lernt ihr sehr viel über die Welt und auch über Zoë selbst. Jedes Stichwort, das wir im Dialog anklicken können, führt bei Mouseover zu einer umfangreichen gedanklichen Erörterung bei ihr. Das ist stark gemacht und steigert zudem die Nähe zur eigenen Spielfigur enorm. Bei den echten Entscheidungen geht das Spiel noch einen Schritt weiter, was wir damit meinen, erfahrt ihr auf der nächsten Seite dieser Review.
Die meiste Zeit in Book One verbringt ihr in der dystopischen Zukunftswelt Stark, genauer gesagt in der Stadt Prepast.
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