Oldschool-RPG im modernen Gewand

Divinity - Original Sin Test

Karsten Scholz 3. Juli 2014 - 17:37 — vor 5 Jahren aktualisiert
Wir sind in eine Falle geraten, müssen durch Öl waten. Jetzt reicht ein einziger Funke, und alles geht in Flammen auf!
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Herausfordernd, mit Abzügen in der KI-NoteAuch eure Feinde setzen die Elemente ein, um euch zu bezwingen. Untote, die immun gegen toxische Einflüsse sind, brechen zum Beispiel bevorzugt Giftfässer auf, um euren Helden das Leben schwer zu machen. Nicht selten hüllten uns entfernt stehende Fernkämpfer zuerst in eine Giftwolke ein, nur um diese dann mit einem Feuerpfeil zur Explosion zu bringen. Zudem heilen sich eure Gegner regelmäßig, beleben besiegte Kameraden wieder und setzen gezielt Kontrollzauber ein, um einen oder mehrere Kämpen eures Teams aus dem Kampf zu nehmen. Manchmal agieren sie aber auch etwas kopflos, sprengen sich selber oder Verbündete in die Luft und ignorieren stark angeschlagene Ziele – das macht doch manches Mal den sehr guten Eindruck kurzzeitig zunichte.

Besonders herausfordernd sind die Kämpfe gegen die Zwischen- und Endgegner einer Zone, die zudem immer etwas anders ablaufen. Das Gefecht gegen König Boreas etwa besteht aus mehreren Phasen, in denen er zwischen den Elementen wechselt und euch so zwingt, unterschiedliche Angriffszauber und Taktiken anzuwenden. Braccus Rex wiederum wird von drei Dienern begleitet: einem toxischen Scheusal, einem mächtigen Feuerelementar und einem Skelett-Offizier. Dementsprechend aufpassen müsst ihr, wie und in welcher Reihenfolge ihr euch den Dienern widmet.

Alternativen
Erst vor wenigen Monaten erschienen mit DSA-Blackguards (GG-Test: 8.0) und The Banner Saga (GG-Test: 8.0) gleich zwei lohnenswerte Rollenspiele mit Rundenkämpfen, wobei insbesondere bei ersterem die Kämpfe deutlich wichtiger sind als der Rollenspiel-Aspekt. Letzterer hingegen zwingt euch zu vielen schwierigen, folgenreichen Entscheidungen. Klassische Rollenspiele sind sie beide nicht. Einen Blick wert ist auch Shadowrun Returns Dragonfall (GG-Test: 7.5), das euch in eine futuristische Version von Berlin schickt. Legt ihr auf Fantasy und Kämpfe wert und wollt nur eine Prise Rollenspiel, dann traut euch doch mal an Age of Wonders 3 (GG-Test: 8.5) heran, ein komplexes Global-Strategiespiel.
Selbst ein einfach scheinender Kampf gegen einen harmlos wirkenden (und sehr geschwätzigen) Pilz kann schnell zur tödlichen Falle werden, weil mit fast jedem Angriff neue Pilze aus dem Boden schießen. Im Gegensatz zur frühen Beta-Phase stimmt mittlerweile übrigens die Balance zwischen Fern- und Nahkämpfern. Frontschweine sind zwar nicht so flexibel wie die Zauberkundigen und Scharfschützen, verursachen dafür aber mit den richtigen Waffen enormen Schaden.

Große, vielseitige,
lebendige Spielwelt
Die Welt von Rivellon ist nicht nur groß, ihr könnt dort auch eine ganze Menge entdecken. Wenn ihr die Augen offen haltet, findet ihr etwa Falltüren, Geheimräume, vergrabene Schätze und jede Menge Fallen. Letztere bemerkt ihr spätestens, wenn ihr hineinlauft, doch mit einem hohen Wahrnehmungswert lassen sie sich oft schon aus sicherer Distanz entschärfen. Lebendig wird die Welt aber nicht nur aufgrund dieser vielen Details, sondern auch, weil ständig etwas um euch herum passiert. Plötzliche Wetterwechsel wirken sich beispielsweise auf die Kämpfe aus – Stichwort Regen. Oder ihr stolpert über eine sprechende und vor euch davon hüpfende Truhe oder lauscht den Gesprächen der NPCs.

Jörg Langer
Wer die aktuelle Stunde der Kritiker zu Divinity - Original Sin noch nicht gesehen hat, möge diesen Meinungskasten vielleicht überspringen, da er meine SdK-Kritikpunkte enthält.

Mittlerweile habe ich Divinity noch etwas länger gespielt. Die Story entfaltet sich langsam, aber sie entfaltet sich, und wenn ich Karsten glauben darf (was ich natürlich tue), dann habe ich nach einer Spielzeit, wo manches Actionspiel schon durch ist, nicht mal zehn Prozent von Original Sin gesehen. Besonders faszinieren mich die alternativen Herangehensweisen an allerlei Probleme – bei dieser Freiheit handelte es sich definitiv nicht um ausgewählte, speziell gecodete Situationen, um im Preview-Stadium Redakteure zu beeindrucken. Aber auch die vielen Talente und sonstigen Charakter-Ausbaumöglichkeiten gefallen mir, zumal ich immer die Wahlfreiheit habe, statt mich auf Altgelerntes wie "Magier = Stoffrüstung + Dolch" beschränken zu müssen. Und das Heldenpärchen mitsamt Wortgefechten und Papier-Stein-Schere-Duellen ist eine tolle Idee! Zu guter Letzt machen auch noch die Rundenkämpfe was her, für mich ganz wichtig.

Doch ich bewerte ein Rollenspiel nicht nur nach seiner Spielmechanik oder Quantität. Ich will darin eine Rolle spielen, lustvoll in die jeweilige Welt eintauchen. Diese meine Eskapismusbereitschaft wird von Divinity - Original Sin gleich mehrfach behindert. So ist mir die Grafik eine Spur zu bunt und (rangezoomt) undetailliert. Dann nervt mich gut die Hälfte der Musikstücke, die unpassender nicht sein könnten. Am schlimmsten aber finde ich den Humor. Dabei liebe ich Humor in Spielen! Ich brauche keine bierernsten, stets nur Bedeutsames daherredenden Superhelden. Aber ich verlange, dass die Handelnden innerhalb ihres Bezugssystems lustig sind, dass sie Späße treiben, die in die Welt passen. Der Humor von Divinity aber ist jener teils augenzwinkernde, teils schenkelklopfende, wie ich ihn in deutschen Adventures so fürchte. Man wird etwa aufs Glatteis geführt von einer Märchenerzählerin, die man für etwas anderes hält – in einer Situation, wie sie weder im echten Leben noch in einer glaubwürdigen Fantasy-Welt entstehen würde, wohl aber in einem Sketch. Ich hasse solche Meta-Humorigkeit, ich will sie nicht haben. Deshalb werde ich Original Sin – trotz seiner unbestreitbaren Qualität – nicht zu Ende spielen.
Die Welt von Divinity betrachtet ihr übrigens aus einer Schräg-von-oben-Perspektive, wobei ihr die Höhe der Kamera anpassen und sie zudem ein wenig nach links und rechts drehen könnt. Weshalb sie nicht völlig frei drehbar ist, erschließt sich uns nicht. Gerade in den Kämpfen hätten wir uns diese Möglichkeit gewünscht, weil unsere Helden teilweise verdeckt werden. In dem Fall könnt ihr aber immerhin in die alternative Vogelperspektive wechseln, die die größte Übersicht in Kämpfen bietet, auch weil sie etwas stärker rauszoomt.

Wenn ihr nah an eure Helden heranzoomt, fallen die etwas detailarmen Texturen auf, doch werdet ihr aufgrund der geringen Übersicht nur selten aus dieser Perspektive das Spiel betrachten. Mit etwas Abstand glänzt die Welt dafür mit ihrem stimmigen Design und vielen visuellen Schmankerln. Vor allem die Wettereffekte finden wir klasse, aber auch die Zauber und das durchgeknallte Gegnerdesign gefallen uns. Die meiste Zeit lief das Spiel auf unserem Haupt-Testsystem (Win 7; Intel i5-4670 3,4 GHz; 16 GB RAM; Radeon R9 280) übrigens butterweich, einzig in Hiberheim stellten wir kurzzeitige Frame-Einbrüche fest. Da kämpften wir allerdings auch gegen eine große Gegnergruppe, während ein Schneesturm über uns hinwegfegte. Beim Sound sind wir zwiegespalten. Während die Geräuschkulisse durchweg gelungen ist, störten uns vor allem einige der nicht gerade hochwertig produzierten, zur Fantasy-Thematik reichlich schlecht passenden Synthi-Musikstücke.
 
Autor: Karsten Scholz
Redaktion: Christoph Vent & Jörg Langer (GamersGlobal)



Karsten Scholz
Kickstarter, ich danke dir! Ohne dich würde es RPG-Perlen wie Divinity - Original Sin wohl nicht mehr geben. Vielleicht, weil diese Art Spiel nur dann richtig gut funktioniert, wenn die Entwickler dem Spieler eben nicht alles vorkauen und auf dem Silbertablett servieren. Original Sin richtet sich an Entdecker und Experimentierfreudige, die jeden Zipfel der Fantasywelt erkunden und dafür vom Spiel belohnt werden möchten. RPG-Fans, die minutenlang über die Lösung eines Rätsels grübeln können, ohne einen nervösen Ungeduldsanfall zu bekommen. Spieler, die sich mit Vorliebe in knackige Rundenkämpfe stürzen, in denen sie häufig nur mit der richtigen Taktik ans Ziel kommen.
 
Einzig auf technischer Seite bietet Original Sin größere Angriffsflächen: Die KI der Gegner ist nicht immer auf der Höhe und sprengt sich auch mal selbst in die Luft. Die Kamera muss bei großen Höhenunterschieden manuell nachjustiert werden, die deutsche Lokalisierung macht nicht immer eine gute Figur. Und auch das Interface sowie die etwas zu umständliche Bedienung (etwa bei Reparatur-Vorgängen) hätte noch etwas Feinschliff vertragen. Doch sind das Kleinigkeiten, die mich nur selten wirklich stören. Dafür verdienen die Entwickler Lob, weil sie der vielen, vielen Bugs der Beta-Version tatsächlich Herr geworden sind und selbst jetzt noch täglich kleine Updates aufspielen, um etwa die Soundkulisse auf Marktplätzen etwas angenehmer wirken zu lassen.
 
Selten habe ich in einem Spiel der letzten Jahre so viele denk- und erzählwürdige Momente und so viel Unvorhergesehenes erlebt. Und selten zuvor durfte ich meine Auftragsziele auf derart unterschiedliche Arten lösen. Es ist einfach verdammt lange her, dass ich mit so einer kindlichen Neugier und Begeisterung durch eine Spielwelt gestiefelt bin – alleine dafür verdient Original Sin eine Kaufempfehlung von mir. Divinity - Original Sin ist für jeden RPG-Veteranen ein Pflichtkauf, und zwar einer, der sie selbst in der Hauptkampagne etwa 40 bis 50 Stunden beschäftigen wird. Sollten Wasteland 2 und Torment: Tides of Numenera eine ähnliche Qualität erreichen, werde ich Kickstarter offiziell einen Orden verleihen und nie wieder ein schlechtes Wort über die Crowdfunding-Plattform verlieren!

 Divinity - Original Sin
Einstieg/Bedienung
  • Tutorial-Dungeon
  • Hilfreiche Tutorial-Einblendungen
  • Eingängige Steuerung der Helden
  • Speichern im Kampf möglich
  • Optionale Vogelperspektive
  • Kein Divinity-Vorwissen nötig
  • Schnellreisesystem
  • Bedienung teils etwas umständlich (bei Reparaturen und Handel etwa)
  • Fummelige Inventarverwaltung
  • Kamera zwar im Optionsmenü auf "frei drehbar" schaltbar, doch dies wird vom Entwickler nicht empfohlen
Spieltiefe/Balance
  • Gelungene, unterhaltsame Story
  • Fordernde Rundenkämpfe
  • Große Spielwelt, in der es viel zu Entdecken gibt
  • Motivierende Charakterentwicklung mit unzähligen Talenten und Fertigkeiten
  • Viele optionale Nebenmissionen
  • Sehr lange Spielzeit (45+ Stunden für die Hauptkampagne, zusätzlich noch Raum für ungefähr 40 weitere Stunden).
  • Drei Schwierigkeitsgrade
  • Crafting-System, das zum Experimentieren einlädt
  • Balance zwischen Nah- und Fernkampfeinheiten stimmt
  • Dank Editor ist weiterer Inhaltsnachschub sicher
  • Gegner-KI sprengt sich hin und wieder selber in die Luft
  • Kämpfe teilweise unübersichtlich
  • Der zugrundeliegende Humor ist nicht jedermanns Sache
Grafik/Technik
  • Stimmiges Grafikdesign mit vielen Details ...
  • Abwechslungsreiche Schauplätze
  • Schöne Zauber- und Wettereffekte
  • Abgefahrenes Gegner-Design
  • ... das dem einen oder anderen etwas zu bunt sein dürfte
  • Animationen teils etwas hölzern
  • Minimalistische und textlastige Präsentation
  • Kamera muss ab und an manuell nachjustiert werden
Sound/Sprache
  • Unterhaltsame, gut geschriebene Texte (deutsche Texte vorhanden)
  • Passende englische Sprecher
  • Stimmige Soundeffekte
  • Gute Geräuschkulisse
  • Musikstücke treffen nicht jeden Geschmack
  • Deutsche Übersetzung nicht immer passend
  • Keine deutsche Sprachausgabe
Multiplayer
  • Komplette Kampagne im Koop spielbar
 

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Userwertung
8.7
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Gruppen-RPG
12
Larian Studios
30.06.2014
Link
LinuxMacOSPCPS4XOne
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Karsten Scholz 3. Juli 2014 - 17:37 — vor 5 Jahren aktualisiert
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