Test: Stealth-Action mit Stil

Dishonored Test

Man nehme Thief, packe es in ein düsteres Steampunk-Szenario, gebe eine Prise Bioshock hinzu und verleihe dem Spieler magische Fähigkeiten: Fertig ist der Hit – oder? Wir sind für euch als Ratte durch Feindreihen geschlichen, mit Teleport-Hilfe über Dächer geklettert, durch Kanäle geschwommen und haben so manchen Bösewicht gerichtet.
Benjamin Braun 8. Oktober 2012 - 5:00 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Unter Rollenspielkennern genießen die Arkane Studios einen guten Ruf. Erstaunlich eigentlich, denn außer dem 2002 erschienenen und an Ultima Underworld erinnernden Arx Fatalis und dem 2006 veröffentlichten Dark Messiah of Might & Magic (ein Actionspiel mit leichten RPG-Elementen) haben die Franzosen bislang noch nicht allzu viele Titel zur Marktreife gebracht. Im Jahr 2010 übernahm Zenimax, die Muttergesellschaft von Bethesda Softworks, die Spieleschmiede aus Lyon, die seither an Dishonored - Die Maske des Zorns arbeitete, zusammen mit dem einen oder anderen großen Namen aus der System-Shock-Serie. Das Schleich-Actionspiel steht eindeutig in der Tradition der Thief-Serie, aber auch die Mitarbeit der Arkane Studios an Bioshock 2 (GG-Test: 8.5) hat merklichen Einfluss auf die Gestaltung der Spielwelt irgendwo zwischen Steampunk und Art-Deco-Stil gehabt. Versprochen haben die Entwickler für Dishonored nicht weniger als unterschiedliche Lösungswege und weitreichende spielerische Freiheiten. Wir haben uns mit dem Ausgestoßenen Corvo für euch in die düstere Welt von Dunwall begeben.

Tod einer KaiserinEs sind keine guten Aussichten für die Bevölkerung von Dunwall. Seit Monaten grassiert eine mysteriöse Seuche in der Hauptstadt von Kaiserin Jessamine. Überall in Dunwall macht sich die Rattenplage breit, die offenbar das Virus auf die Menschen überträgt. Im Gegensatz zu ihren Beratern ist es der Kaiserin nicht egal, dass die Seuche bisher nur die Ärmsten der Armen traf. Sie sucht nach Wegen, ihre Bürger zu retten. Also schickt sie ihren engsten Vertrauten, Leibwächter Corvo Attano, auf die Reise zu den anderen Inselstaaten, um ein Heilmittel für die todbringende Krankheit zu finden. Viel verändert hat sich in Dunwall scheinbar nicht, als Corvo viele Wochen später mit schlechten Nachrichten zurück kommt: Niemand hat ein Gegenmittel. Doch im Hintergrund waren noch ganz andere Kräfte am Werk. Gerade, als Corvo (im spielbaren Intro) der Kaiserin Bericht erstattet, tauchen aus dem Nichts vermummte Attentäter auf. Trotz seiner Gegenwehr muss er mit ansehen, wie sie die Kaiserin töten und die kleine Prinzessin Emily entführen. Hinter dem Anschlag stecken engste Berater, die an die Macht wollen. Sie hängen Corvo den Mord und die Entführung an und foltern ihn sechs Monate lang im Gefängnis von Coldridge. Kurz vor seiner Hinrichtung wendet sich sein Schicksal ein weiteres Mal, als ihm Admiral Havelock, Lord Pendleton und ein paar weitere Kaisertreue die Flucht ermöglichen.

Steampunk und Pickelhauben
Admiral Havelock und Lord Pendleton wollen Lady Emily, die Tochter der Kaiserin, aus den Fängen der Entführer retten.
Die Industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts diente schon so einigen Entwicklern als Inspirationsquelle für ihre Spiele. Sogar Fantasy-Titel wie Fable 3 (GG-Test: 8.5) erkoren Backsteinbauten, rauchende Schlote und eine große Kluft zwischen der herrschenden und der arbeitenden Klasse zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Settings. In Dishonored ist die Industrielle Revolution nur ein Teilaspekt, und auch die architektonischen und gesellschaftlichen Anleihen am England des 19. Jahrhundert täuschen etwas. Denn nach dem Sturz der Kaiserin hat sich Dunwall in einen militaristisch geprägten Staat verwandelt. Er erinnert aufgrund der Uniformen und Haubenhelme an das letzte deutsche Kaiserreich, dazu kommen deutlich faschistoide Züge (Symbolik der roten Banner, Menschenexperimente). Regimeuntreue werden gnadenlos verfolgt, Passanten  außerhalb der Sperrstunde rigoros erschossen. Elektrische Sicherheitsbarrieren verhindern den Zutritt zu Sperrbezirken und schirmen die Reichen von den Armen hermetisch ab. Ständig grölt die Lautsprecherpropaganda des diktatorischen Lordregenten Burrows durch die versifften und halb verfallenen Straßen Dunwalls, die vor uns, dem Verräter Corvo warnt – während sich die Reichen im prunkvollen Bordell vergnügen oder rauschende Feste in ihren Palästen abhalten. Lediglich die Bottle Street Gang konnte sich gewisse Freiheiten abseits des Gesetzes bewahren, brennt illegal Alkohol und hat so manche Möglichkeit, Corvo in seinem Kampf zu unterstützen.

Die Hauptenergiequelle von Dunwall besteht aus Walöl. Darum sollte es euch nicht erstaunen, wenn mal am Hafen ein riesiger gefangener Wal auf einem Schiff vorbeifährt. Solche Details erfahren wir abe
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r nicht direkt, sondern durch Beobachtungen und vor allem Bücher, die wir finden und lesen können. Dennoch: Ein wenig mehr Aufklärung über die fremde Welt wäre wünschenswert gewesen. Nicht viel weniger skurril ist die Rolle eines uralten Mysteriums. Der sogenannte Outsider nimmt spirituellen Kontakt mit Corvo auf und führt ihn in die Runenmagie ein. Woher er kommt, ist nicht ganz klar. In jedem Fall macht er Corvo ein Geschenk und verleiht ihm übermenschliche Fähigkeiten. Der Outsider ist sich sicher, dass Corvo derjenige sein wird, der das Schicksal der Menschen von Dunwall maßgeblich bestimmen wird – im Guten oder im Schlechten. Und das ist wörtlich zu verstehen: Tötet ihr viele Gegner oder gar Zivilisten, führt das zu einem hohen Chaos-Faktor, und der hat Auswirkungen auf die Spielwelt: mehr Ratten tauchen dann auf, und auch mehr Weiner (so heißen die vom Virus Infizierten, denen im Endstadium Blut aus den Augen rinnt). Nett, aber nicht wirklich weltbewegend. Zudem gibt es ein paar kleinere Entscheidungssituationen, die jedoch lediglich die relativ knapp gehaltene Endsequenz beeinflussen.

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after
Xbox-360-Version (rechts) erscheint. Die Weitsicht über die Stadt ist auf beiden Konsolen gleich.
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