The Book of Unwritten Tales

Die Vieh-Chroniken Test

Mit schöner Grafik, exzellenter Sprachausgabe und witzigen Dialogen bildete The Book of Unwritten Tales für viele Abenteurer den Höhepunkt des eh schon starken Adventure-Jahrs 2009. Der Nachfolger Die Vieh-Chroniken, inhaltlich ein Prequel, will dem damaligen Erfolg natürlich in nichts nachstehen. Wir rätselten und lachten für euch.
Benjamin Braun 30. September 2011 - 22:02 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots im Artikel haben wir erstellt.


Das aus GamersGlobal-Sicht beste Adventure des Jahres 2009 war The Book of Unwritten Tales (GG-Test: 9.0). Darin retteten wir das Reich Aventásien vor der gemeinen Erzhexe Montroga und ihrem hässlichen Sohn Munkus. Die Bezüge zu Der Herr der Ringe waren nicht zu übersehen: Helden-Halbling Wilbur Wetterquarz kam durch Zufall in den Besitz eines mächtigen Zauberrings und musste damit letztlich bis in die Festung der finsteren Mächte, dem schwarzen Turm, vordringen, um die Welt vor dem Sturz in die Schattenwelt zu bewahren.

An seiner Seite kämpften die Knackpo-Elfe Ivo und der vorlaute Tagedieb Nathaniel Bonnett gegen das Böse. Letzterer hatte übrigens einmal Drake mit Nachnamen heißen sollen, doch dann erschien vorher Uncharted mit dem Helden Nathan Drake. Nathaniel Bonnett aber hatte einen Begleiter, auf den der Naughty-Dog-Drake sicher neidisch wäre: Auf seiner Flucht vor der orkischen Kopfgeldjägerin Ma'Zaz begleitete ihn ein pinkfarbenes pelziges Etwas, das nur unverständliche Laute von sich gab. Das Vieh! Wie es zu dieser sonderbaren Freundschaft kam, beantwortete The Book of Unwritten Tales nicht. Doch mit The Book of Unwritten Tales: Die Vieh-Chroniken erzählt der Bremer Entwickler King Art die Vorgeschichte und geizt darin weder mit Humor noch mit einer hochwertigen Darbietung.

Ein Vieh kommt selten allein
Zu Beginn der Reise befindet sich Nate auf dem Luftschiff Mary, das er bei einem Glücksspiel dem Roten Piraten abgeknöpft hat. Der hat ihm allerdings eine Kopfgeldjägerin hinterher geschickt, die ihm seinen Besitz zurückbringen soll. Und Nate natürlich gleich mit. Unser Held nennt seine Häscherin zwar fast schon liebevoll Zazi, aber grün sind sich die beiden nicht. Nachdem unser Alter Ego sein loses Mundwerk an der sprechenden Galionsfigur ausprobiert und für allerlei Unordnung an Bord gesorgt hat, gelingt es ihm letztlich, seine Verfolgerin abzuschütteln. Blöd nur, dass Nate ungefähr so viel Ahnung von der Navigation eines Luftschiffs hat wie der Autor dieses Artikels von Gary Grigsby's War in the East. Ma'Zaz ist er zwar los, sein Schiff stürzt aber über der Eiswelt der Nordlande ab.

Damit nicht genug, bekommt er dort auch gleich die Schattenseiten der Nahrungskette zu spüren: Er landet in der Höhle des Yeti, der das Wasser bereits auf dem Herd stehen hat. Der grimmige Weißpelzträger ist aber nicht das einzige Zottelvieh, von dem seine Zukunft abhängt. Seine einzige Hoffnung ist nämlich das Vieh, das mit seiner Sippschaft ebenfalls in der Eiswelt gestrandet ist und offenbar über sagenhafte technische Fertigkeiten verfügt. Nach Nates Rettung bittet das pink-gelockte Wasauchimmer den blasierten Freibeuter um Hilfe. Der Sohn der Erzhexe hat den gutmütigen Viechern nämlich ein Artefakt geraubt, ohne das sie nicht wieder nach Hause kommen. Nicht ohne Eigennützigkeit willigt er ein. Doch schon bald steht er vor einer Entscheidung: Nutzt er die Naivität der seltsamen Wesen aus, um zu flüchten, oder hilft er ihnen im Kampf gegen den ausbeuterischen Munkus?

Umweltaktivisitin Petra setzt sich für die Interessen der Tiere ein. Wobei, eigentlich ist sie einfach dagegen.

Witzigkeit kennt keine Grenzen Da es sich bei Die Vieh-Chroniken um ein Prequel handelt, könnt ihr euch die Antwort auf diese Frage bereits denken. Und dennoch überraschte uns das Spiel mit einer cleveren Wendung im letzten Kapitel und witzigen Finale. Denn die eigentliche Trumpfkarte spielt Die Vieh-Chroniken, ähnlich wie der Vorgänger beim Humor aus. Die Viecher sind längst nicht die einzigen Kuriositäten, die euch im Laufe der fünf Kapitel begegnen. Da wäre zum Beispiel die etwas durchgeknallte Umweltaktivistin Petra, die mit ihrem Protestschild allerlei Forderungen erhebt. Sie dringt beispielsweise auf eine Hotspotanzeige für Wimmelbildspiele oder ruft zum Stopp von Point-and-Click auf, um die Mäuse zu schützen. Gegen den Frack-Zwang für Pinguine ist sie natürlich sowieso. Mit anderen Worten: Sie hält praktisch jedes Mal, wenn ihr sie seht, ein anderes Schild hoch.

Nate wacht nach dem Absturz in der Höhle von Reinhold dem Yeti auf. Seine einzige Hoffnung ist pink und trägt Fell.
Apropos Pinguine. Die watschelnden Bewohner der arktischen Umgebung sind immer wieder Aufhänger für Albernheiten und Slapstick-Einlagen. An Sam & Max: Hit the Road erinnernd, benutzt das Vieh sie ohne jede Rücksicht etwa als Antrieb auf einem Laufband. Oder füllt sie gegen ihren Willen mit einer Flasche Rum ab. Nate knöpft sich hingegen die Viecher vor und lockt ein Baby-Vieh mit einem selbstgebastelten Lutscher auf eine Art Katapult. Das klingt  ziemlich fies – aber wir versprechen euch, dass ihr Nate danach noch sympathischer findet werdet, als er ohnehin schon ist.

Vor allem aber bedienen sich die Bremer Entwickler einer ganzen Reihe von Anspielungen auf bekannte Filme, Spiele oder geschrieben Werke. Dabei beschränkt sich das Spiel nicht so sehr auf den Fantasy-Sektor, wie es in Book of Unwritten Tales der Fall war, sondern fächert die Bezüge weiter. In der Yeti-Höhle steckt beispielsweise ein Objekt im Eis, das verdächtig nach Luke Skywalkers Lichtschwert aussieht. Nate versucht, es mit der Kraft seiner Gedanken an sich zu nehmen und kommentiert es mit einem Witz, der so flach ist, dass selbst der Flachwitzer neidisch wäre. Das Vieh, das die menschliche Sprache nicht beherrscht, imitiert zudem beim Betrachten des Objekts den aus den Filmen bekannten Lichtschwert-Sound. Köstlich!

Star Wars stand auch an anderer Stelle Pate: Das Vieh hat ein Auge auf Layla, die To
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chter seines Anführers, geworfen. Ihr Name klingt nicht nur ähnlich wie der von Han Solos Zukünftiger, sie hat auch dieselbe hässliche "Schnecken"-Frisur. Und als sie am Eingangstor Fragen stellte wie "Wer sein?" und "Was wollen?", mussten wir unweigerlich an Yoda denken.

Auch Themen wie den Bürokratiewahnsinn greift Die Vieh-Chroniken auf: Eine Versicherungspolice für Piraten gibt zum Beispiel Aufschluss darüber, dass ein Freibeuter mit Augenklappe und Holzbein als berufsunfähig gilt. Bei einem Vorstellungsgespräch muss Nate als einziger Bewerber zunächst eine Nummer ziehen und warten, bis er aufgerufen wird. An Anspielungen auf andere Adventures fehlt es ebenfalls zu keiner Zeit. Wir wollen nichts verraten, aber ein Bezug zu Day of the Tentacle wird so einigen Genre-Veteranen die Tränen in die Augen treiben. King Art schreckt nicht vor Selbstironie zurück: In der Blood-Zeitung, die für ihre reißerische Berichterstattung bekannt ist, liest Nate einen Artikel. Der berichtet über die Bindestrich-Vergessung bei Computerspiel-Titeln. In der ersten Ankündigung benannte King Art das Prequel nämlich mit "Die Vieh Chroniken".
Humor in Die Vieh-Chroniken

Humor ist immer auch eine Frage des Geschmacks. Die Vieh-Chroniken präsentiert sich diesbezüglich vielfältiger und weniger brav als der Vorgänger. Einige Beispiele:  1 Anspielungen auf die Welt der Rollenspiele gab es im Vorgänger zuhauf. Im Prequel sind sie nicht mehr ganz so zentral, aber immer noch vorhanden.  2 Kleine Seitenhiebe auf das eigene Genre dürfen natürlich auch nicht fehlen. 3 Wer erinnert sich nicht an den gefälschten Brief an die Zombiebraut im ersten Teil? Im Prequel gibt Nate auch mal den Chauvinist. Das kommt besonders dank der trockenen Sprache von Sprecher Dietmar Wunder zur Geltung.  4 Redaktionskollege Philipp beziehungsweise seine Kunstfigur "Der Flachwitzer" wird es freuen, dass auch er im Spiel auf seine Kosten kommt. 5 Überbordende Bürokratie und Versicherungswahn scheinen auch King Art ein bisschen auf die Nerven zu gehen. 6 Slapstick-Einlagen gibt es häufiger. Wenn das Vieh einen Pinguin ärgert oder schlichtweg "zweckentfremdet", erinnert uns das nicht nur an Splastick-Komödien, sondern konkret an das LucasArts-Adventure Sam & Max.

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