Test: 12 bis 14 Stunden Genuss

Crysis 2 Test

Es bietet weniger Bewegungsfreiheit als die Vorgänger, lädt deshalb nicht mehr so exzessiv zum Erkunden ein. Fahrzeuge steuern darf man nur selten und Fluggeräte überhaupt nicht. Ist Crysis 2 ein einziger fauler Kompromiss, um es auch für Konsolen verkloppen zu können? Wir geben im garantiert spoilerfreien Review die Antwort.
Harald Fränkel 23. März 2011 - 21:39 — vor 8 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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Alle Screenshots in diesem Artikel wurden von uns selbst erstellt.

Sorry Leute, aber es muss endlich mal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Crysis 2 ist ein Grafikblender ohne spielerischen Anspruch. Wer das nicht erkennt, hat entweder null Ahnung oder erhält von Vertriebsfirma Electronic Arts erhebliche finanzielle Zuwendungen!
 
Aussagen ähnlich der eben getätigten sind wegen der von uns vergebenen Spitzenwertung für den neuen Crytek-Shooter sicher bald auch unter diesem Artikel zu finden. Wir deklarieren die beiden Einstiegssätze gern gleich mal als Freeware, sodass sie jederzeit kopiert und in den Kommentarbereich eingefügt werden dürfen -- als Leserservice sozusagen, spart ja Arbeit. Wobei es wohlgemerkt nicht darum geht, zum Beispiel Titel wie Black Ops oder World of Warcraft gut finden zu müssen, Meinung ist erlaubt und erwünscht! Aber zwischen Meinung und grundlosen Hasstiraden sehen zumindest wir simpel gestrickte Schreiberlinge noch einen Unterschied. Wie dem auch sei: Unsereins kann nur versuchen, zu vermitteln, warum Crysis 2 uns so einen Heidenspaß macht. Und euch vermutlich auch, wenn ihr es spielt...
 
Mischen possible
 
Kommen wir gleich zur unangenehmen Wahrheit: Das Werk, das unter der Leitung der drei türkischstämmigen Yerli-Brüder überwiegend in Frankfurt am Main entstand, ist ein Kompromiss. Allerdings kein fauler, denn dafür präsentiert sich Crysis 2 als viel zu packend. Wer einen Shooter erwartet, der zu 100 Prozent so viel Freiheit bietet wie der Vorgänger in der ersten Spielhälfte, dürfte enttäuscht sein. Fans von Ballerorgien, die schnellstmöglich und mit Bumsfallera von A nach B wollen, allerdings ebenfalls. Man könnte sagen, das Crysis-Universum ist dank des neuen Ablegers in der Mitte angelangt, es hat von beiden Philosophien etwas. Zum einen eine fesselndere Inszenierung mit automatisch ablaufenden Skriptsequenzen à la Black Ops (allerdings nicht in dieser Masse). Zum anderen bleiben genug Freiheiten und ein tolles Leveldesign, um ausreichend spielerische Abwechslung zu generieren. Vor allem spielt sich das Geschehen oft in der Vertikalen ab, im Großstadtdschungel. Crysis 1 hatte in dieser Beziehung nur den einen oder anderen Hügel oder Wachturm zu bieten (von dem aus man dann die in diesem Punkt dämliche KI in Ruhe zusammenschießen konnte).     

Die Seph-Krieger erinnern optisch an die Zylonen aus Battlestar Galactica. Eine Erklärung, warum sich die Aliens im Vergleich zu Teil 1 so verändert haben, bleibt das Spiel schuldig.

Schweres Erbe
 
Worum geht's uns letztlich, wenn wir durch virtuelle Welten reisen? Unter anderem um das erhabene Gefühl, einen Helden zu verkörpern. Manfred Mustermann, gestresst und dick sind wir ja bereits im tristen Alltag. Der Spieler im Made-in-Germany-Shooter ist sogar fast schon ein Superheld. Allerdings keiner, der seinen Feinden komplett überlegen wäre, sonst wäre die Sache ja witzlos. Kleider machen Leute, heißt es, und es ist wahr: In Crysis 2 geht es um einen Marine namens Alcatraz, der dank des futuristischen, schwarzen Nanosuit-Kampfanzugs zu übermenschlichen Fähigkeiten kommt. Unverhofft und ungewollt wie die Jungfrau zum Kind. Die Hintergründe erzählt eine imposante Einleitungsequenz in Hollywood-Manier, die wir euch bereits per First15-Video gezeigt haben.
 
Vereinfacht formuliert erbt Alcatraz das flotte Kleidungsstück von Prophet, einem der Begleiter des Spielers (Nomad) in Teil 1. Ab diesem Moment hat unser Schützling eine Menge zu tun, weil es seine Bestimmung ist, die Invasion der außerirdischen Seph zurückzuschlagen. Die haben schon eine Insel vor der Küste Nordkoreas unsicher gemacht, aber offensichtlich noch nicht genug vom Menschentöten.

Entwickler Crytek schubst uns diesmal nicht in grüne Wälder im Südpazifik, sondern in den Großstadtdschungel New Yorks. Dort wollen dem Recken aber nicht nur Aliens an die Eier, sondern auch Mitglieder einer Privatarmee. Jene Bösewichte sind für die Hersteller des Nanosuits tätig, die den Anzug zurück wollen. So entsteht aus einem eher minderoriginellen „Besucher aus dem All wollen Welt unterjochen“-Gedanken eine relativ vielschichtige Story, hinter der übrigens der Schriftsteller Richard Morgan steckt.
 
Die Qualität eines guten Science-Fiction-Romans entwickelt Crysis 2 trotzdem nicht. Offen bleibt, warum die schon im ersten Teil auftretenden Seph alles vereisen wollten und nun plötzlich Tintenfischwesen sind, die giftige Sporen verbreiten. Auch dass der Held im Lauf der Zeit für diverse Auftraggeber arbeitet, ohne das zu hinterfragen, wirkt nicht sehr glaubwürdig: Ein Mann in einem so mächtigen Ganzkörperkondom ließe sich vermutlich nicht so einfach zur Marionette machen. Die wendungsreichen Wendewendungen gegen Ende erschienen uns zudem sehr gewen … gewagt. Es hätte nur noch gefehlt, dass Alcatraz nach dem Finale plötzlich unter einer Dusche steht und alles nur ein Traum war (ältere Leser sollten die Anspielung erkennen). Doch obwohl der Titel natürlich keine kafkaeske Weltliteratur erzählt, interessant ist die Story allemal.

Erinnerungen an den Terroranschlag am 11. September 2001 weckt dieser Moment: Hubschrauber jagen einen Alien-Gleiter, der am Ende durch einen Wolkenkratzer donnert.

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