Alpha Centauri auf der Spur

Civilization Beyond Earth Test

Was kommt nach Civilization 5? Nein, nicht Civilization 6, sondern Sid Meier's Civilization Beyond Earth. Das wandelt in den Fußstapfen von Alpha Centauri, ohne sich jedoch wie dieses um eine neue Engine und komplett neue Elemente zu bemühen. Doch Firaxis sind dennoch diverse Spielmechanik-Änderungen und Detailideen eingefallen.
Jörg Langer 26. Oktober 2014 - 23:10 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Drei Jahre nach Civilization 2 brachte Firaxis ein Spiel heraus, das den "Raumschiff-Sieg" des spirituellen Vorgängers quasi weiterdachte: Sieben Fraktionen entflohen der Erde, um das Überleben der Menschheit auf einem fernen Planeten im Alpha-Centauri-System zu sichern. Mit einer dreidimensionalen Landkarte (deren Höhenunterschiede sich spielerisch auch auswirkten, und die durch Technologie und Waffen verformbar war), einem Einheiten-Editor (inklusive sündteuren Prototypen) und vor allem glaubwürdigen, individuell agierenden Computergegnern spielte sich das von Brian Reynolds geleitete Alpha Centauri in die Herzen der Strategiespieler – und das, obwohl die an verdorbenen Pizzabelag (oder das, was nach dessen Genuss auf dem Boden landen kann) erinnernde Grafik wirklich kein Sympathiegarant war.
 
15 Jahre später versucht sich Firaxis, längst unter 2K-Ägide, erneut am selben Thema, nennt das Ganze aber Civilization - Beyond Earth. Das klingt auf den ersten Blick nach Addon, und in der Tat muss sich das neue (Vollpreis-) Spiel die Frage gefallen lassen, ob es nicht auch als Luxus-DLC hätte erscheinen können. Denn die Engine, auf die es aufsetzt (oder besser gesagt die Engines, also Grafik, KI, Handel, Spionage und so weiter) stammt erkennbar aus dem 2010 erschienenen Civilization 5 (GG-Test: 8.0) beziehungsweise dessen Addons Gods & Kings (2012, GG-Test: 8.5) sowie Brave New World (2013, GG-Test: 9.0). Wir haben uns das neue Globalstrategiespiel zum Test ausführlich angesehen, drei Partien (fast) durchgespielt und mehrere weitere gestartet, um die einzelnen Fraktionen und Spielweisen auszuloten.
 
Nur noch eine Runde...Am wohl jedem Strategen bekannten Civ-Spielprinzip hat sich nichts Grundlegendes verändert: Ihr fangt mit einer einzigen Stadt an, die ihr Umland bewirtschaftet und dadurch Nahrungs- (für Wachstum), Energie- (als Währung), Wissenschafts- (zur Erforschung von Technologien) und Kultur-Punkte (zum Freischalten von "Werten", im Original als "Tugenden" bezeichnet) verdient. Während ihr per Erkunder-Einheit die anfangs schwarzen Flecken auf der Karte nach und nach aufdeckt, mit Bautrupps das Stadtumland verbessert, etwa mit Straßen oder Minen, stoßt ihr bald auf andere Fraktionen oder Aliens. Und für die Abschreckung oder Bekämpfung dieser anderen Parteien dient die überwältigende Zahl der anderen beweglichen Einheiten, nämlich Infanterie, Panzer und so weiter.
 
Eure anfängliche Minisiedlung erweitert sich bald zur Stadt.
Im Detail gibt es dann aber doch einige Unterschiede. Da wären zunächst kosmetische wie die grafische und namentliche Umgestaltung von Ressourcen. So heißt die fraktionsweite "Zufriedenheit" neuerdings aus unerfindlichen Gründen "Gesundheit", hat aber exakt dieselbe spielmechanische Aufgabe: das zu schnelle Wachstum eures Reichs (sei es durch Stadtgründungen oder Eroberungen) sowie bestimmte Produktionssteigerungen (etwa über Fabriken) zu bestrafen. Neue Städte dürft ihr zudem nicht mehr so einfach gründen: Ihr errichtet zunächst einen Außenposten, der erstmal nichts ist als eine Stadt im Aufbau, also weder produzieren darf noch etwa Flugeinheiten beherbergen. Erst nach mehreren Runden wird er zu einer Stadt der Größe 1.
 
Was sich in den ersten Runden locker-flockig spielt – schließlich hat man kaum Einheiten zu steuern und nur eine Stadt, die rundenlang vor sich hin rackert, um etwa die erste Klinik zu produzieren –, wird mit zunehmender Reichsgröße immer komplexer und auch zeitaufwändiger. Doch wie gewohnt, darf man Teile der Verwaltung automatisieren lassen, sodass man sich nicht um jeden kleinen Bautrupp kümmern muss. Da nun aber bald jede Runde fast etwas fertig wird, ein Gegner fast erreicht, eine Stadt fast eingenommen, eine Technologie fast erforscht ist (und so weiter), kommt es auch bei Civilization Beyond Earth zum beliebt-gefürchteten, die Produktivität bundesdeutscher Strategiefans im echten Leben bedrohenden "Nur noch eine Runde"-Prinzip. Zumindest in den ersten Partien...
 
Affinitäten statt VölkerDie wichtigste Änderung, vom anderen Szenario einmal abgesehen, ergibt sich aus dem neuen Konzept der Affinitäten. Im Prinzip ersetzen sie die 19 (Civ 5 ohne DLC) bis sage und schreibe 43 Völker (Civ 5 mit allen Addons und DLCs). Firaxis hat also volksspezifische Spezialfähigkeiten, Kampfeinheiten und Gebäude abgeschafft, die acht Fraktionen von Beyond Earth unterscheiden sich in exakt einem spezifischen Vorteil – beispielsweise hat die American Reclamation Corporation (ARC) – quasi "die Amerikaner" –, einen Vorteil bei der Spionage, während die Polyaustralier vier statt zwei Handelsrouten von ihrer Hauptstadt einrichten dürfen (ein sachter Hinweis darauf, wie effektiv der Handel – auch innerhalb der eigenen Städte – im Spiel ist). Alle weiteren "Extras" kann jede Fraktion erforschen, mit einem Kniff: Bestimmte Technologien oder Kampfeinheiten sind einer "Affinität" zugeordnet und geben euch einen Levelzuwachs in dieser. Wer also vor allem Technologien erforscht (und zudem entsprechende Quest-Ergebnisse wählt), die "Reinheit" begünstigen, wird zu einer Reinheit-Fraktion und somit zu jemandem, der quasi mit Gewalt die alte Erde auf dem neuen Planeten wiederauferstehen lassen möchte.
 
Der Affinität "Vorherrschaft" geht es hingegen darum, den Menschen mithilfe der Kybernetik weiterzuentwickeln, und die "Harmonie"-Affinität dreht sich darum, sich mit dem neuen Planeten und seinen Lebensformen zu arrangieren. Die Affinitäten führen somit zu anderen Schwerpunkten, anderen Kampfeinheiten und sogar zu jeweils einem eigenen Sieg. Die Gesamtidee ist reizvoll, da man quasi erst zu einem bestimmten Volk wird, statt es von Spielbeginn an zu sein – doch hat das neue Konzept negative Auswirkungen auf die Vielseitigkeit der Fraktionen, die sich im Grunde alle gleich spielen und dann eben nur eine von drei Ausprägungen entwickeln.
 
Dennoch gefällt uns die Idee, sich quasi nach und nach erst zu einem bestimmten Volk zu entwickeln, sehr gut. Auch ist die Affinitätswahl keine Einbahnstraße, durch fleißiges Forschen könnt ihr auch noch "umsatteln". Es ist sowieso nützlich, auch einige Levels in den anderen Affinitäten aufzusteigen, weil das immer einen kleinen oder mittelgroßen globalen Vorteil mit sich bringt, etwa auf "Harmonie 1" weniger Hitpoint-Verlust in Miasma-Feldern.
Wir haben für euch drei Truppentypen in allen Ausbaustufen versammelt. Von oben: Raketenfahrzeug, Soldat, Kanonenboot. Von links: Grundstufe und Stufe 2 (vorn), Harmonie Stufe 3 (links) & 4, Vorherrschaft 3 & 4 sowie Reinheit 3 & 4.

Forschungsnetz statt -strahl
Das TechWeb erlaubt zig Optionen...
Neuerdings forscht ihr im "TechWeb" statt wie gewohnt "von links nach rechts". Auf den ersten Blick sind die Technologien in Beyond Earth nur anders angeordnet: Vom "Habitat" aus in der Mitte erstrecken sie sich in mehreren Kreisen nach außen, wobei die äußeren Forschungen immer teurer werden, also mehr Wissenschaftspunkte kosten. Zudem sind unter allen Technologien zwei bis vier "Sub-Technologien" angeordnet, die in der Regel teurer sind als ihre Hauptkategorie. Die einfache Regel: Zu den späteren Forschungsgebieten müsst ihr euch über die Hauptkategorien einen Weg bahnen, die Unterpunkte könnt ihr dann nach Belieben o
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der gar nicht erforschen.
 
Auch bei Civ 5 gibt's parallele Forschungsbahnen, doch kann man nicht allzu viele Technologien bewusst auslassen, und meist haben Spieler derselben Ära ungefähr dieselben Fähigkeiten – spannend ist vor allem, zuerst eine Technologie zu erhaschen, die etwa ein lukratives "Wunder" erlaubt, oder eine solche, die mit einer mächtigen Kampfeinheit verbunden ist. In Beyond Earth hingegen können sich die Technologien schon nach 100 Runden extrem unterscheiden, und gibt es mehrere valide Strategien. Beispielsweise kann man versucht sein, sich gezielt solche Felder zu schnappen, die der gewünschten Affinität einen Levelzuwachs bescheren. Das nämlich erlaubt es, die eigenen Kampfeinheiten upzugraden, was einen auf dem Schlachtfeld schier unbesiegbar machen kann. Das neue System gefällt uns gut, zumal die Technologien selbst nicht zu abgedreht wirken, sondern in pseudowissenschaftlichem Kontext stehen. Allerdings gibt es praktisch keine, die die Spielregeln verändern würden (wie es bei einigen Spezialfähigkeiten der Völker in Civ 5 der Fall ist), es werden eigentlich immer nur Truppentypen, Gebäude oder Boni freigeschaltet.
Am Anfang wirkt der Planet noch unbekannt und bedrohlich, doch bald steht der wahre Gegner fest: andere Menschen...
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