Test: Westernjuwel mit Fehlern

Call of Juarez - Bound in Blood Test

Wenn ihr den Begriff Shooter hört, woran denkt ihr? An unzählige Stunden in den Schützengräben des Zweiten Weltkriegs? An Stadtfluchten, in denen das Gesetz des Stärkeren herrscht? Call of Juarez Bound in Blood spielt in Nordamerika, zu Zeiten des Bürgerkriegs. Zwei Brüder kämpfen gegen Cowboys, Gangster und Soldaten.
Tim Gross 30. Juni 2009 - 11:03 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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Aufmerksame Leser erinnern sich vielleicht an unsere Preview, in der wir das Brüderpaar Ray und Thomas als klischeebeladene Machos umschrieben haben. Ein bisschen sind sie das auch, aber die Story von Call of Juarez - Bound in Blood ist so tiefgründig wie selten in einem Actionspiel. Thomas und Ray dienen während des amerikanischen Sezessionskriegs in den Reihen der Konföderation (pro Sklaverei), als die feindlichen Truppen der Nordstaaten (contra Sklaverei) durchbrechen und auf Georgia zu marschieren. Das ist zufällig genau dort, wo auch Rays und Thomas' Familie, die McCalls, leben. Um die Liebsten zu schützen, desertieren Ray und Thomas und machen sich auf den Weg nach Hause. Doch dort finden sie nur noch die Leiche ihrer Mutter vor, der jüngere Bruder William ist der einzige Überlebende. Nun beginnt eine Achterbahnfahrt der Emotionen: Der Tod der Familie lässt aus Ray einen gnadenlosen Rächer werden, der Leichensäcke von Georgia bis Mexiko füllt. Seinen Bruder Thomas reißt er mit.

Ray und Thomas Familie werden getötet, die beiden begeben sich auf einen Rachefeldzug.
Den Gegenpol stellt William dar, ein Priesterschüler, der versucht, seinen Brüdern Kraft durch den Glauben zu geben. Call of Juarez -Bound in Blood liegt zwar ein Ego-Shooter zugrunde, in dem wir wahlweise mit Thomas oder Ray rumballern, aber eigentlich ist es viel mehr: Eine Charakterstudie zweier Menschen, die ihre Familie verlieren und ausrasten. Hass und Liebe liegen hier dicht beieinander. Das wird noch mehr durch die schöne Marisa bestärkt, aber mehr dazu später.

Und auch wenn der Ausritt mit rund sieben Stunden Netto-Spielzeit (ohne Neuladen oder Multiplayer) sehr kurz ist, hatten wir selten das Gefühl, so viel über die Charaktere eines Spiels zu erfahren wie hier. Vor allem Kenner des älteren Programms finden auf beklemmende Weise heraus, wie Revolverheld Ray schließlich zum Priester wird.

Zwei glorreiche Halunken

Für einen Ego-Shooter spielt sich Call of Juarez Bound in Blood erstaunlich abwechslungsreich, dafür sorgen die Stärken und Schwächen von Ray und thomas. Wir entscheiden uns je nach Mission für einen der beiden, theoretisch könnten wir auch gut 90 Prozent der Geschichte mit einem Charakter durchspielen, beim Rest ist der Held vorgegeben.  Wer in bester Doc Holliday-Manier „erst schießen und dann fragen“ will, wählt Ray und sorgt mit zwei Colts Marke Dragoon für Ordnung. Außerdem hat er immer ein paar Stangen Dynamit dabei und ist ein Muskelberg, der problemlos Türen auftritt und Cowboygesindel verprügelt.

Sein jüngerer Bruder Thomas hingegen scheut den Nahkampf und schaltet Gegner lieber aus sicherer Distanz aus, er ist ein Scharfschütze mit tödlicher Präzision. Und weil Sniper in der Regel von erhöhten Positionen aus schießen, ist Thomas ziemlich athletisch und erklimmt in Sekundenschnelle Gerüste. Daraus ergeben sich spannende Situationen, und der eine oder andere mag sogar das Spiel mit dem jeweils anderen Bruder nochmal durchspielen wollen -- wenngleich die Story dieselbe bleibt.

Wenn wir mit dem Repetiergewehr zielen, kommt besonders schön der Tiefenunschärfeeffekt zur Geltung.

Ray schleicht, Thomas bombt

Beispiel gefällig? Thomas und Ray wollen nachts unbemerkt ein mexikanisches Fort erklimmen. Wir wählen Thomas, schnappen unser Lasso und schwingen es wie ein echtes Seil. Soll heißen, dass ihr in der PC-Version die Maus im Kreis bewegt, während ihr die gleiche Bewegung auf Konsole mit Hilfe des Analogsticks ausführt, bevor ihr es mit Tastendruck werft. So arbeiten wir uns auf die Mauern der Festung hoch. Von einem Vorsprung aus ist ein Wachsoldat auf seinem Turm zu sehen. Schallgedämpfte Waffen gab es 1864 noch nicht, ergo packt Thomas seine Messer aus. Kurz anvisieren, loslassen, das Messer sitzt, der Wachposten sackt  getroffen zusammen. Leider fühlt sich das Messerwerfen eher arcadelastig an, den Wind müssen wir nicht einrechnen; einfach werfen, die Klingen treffen eigentlich immer. Nun erklimmt Thomas einen Turm, sondiert die Lage und tötet patrouillierende Soldaten der mexikanischen Armee. So schleicht er immer weiter nach vorne und öffnet dann seinem Bruder Ray das Tor: Der steht bereits mit einer Art mobilen Gatling-Gun -- einem der ersten Maschinengewehre -- bereit und mäht die heranstürmenden Mexikaner gnadenlos nieder.


Die gleiche Szene spielt sich mit Ray ganz anders. Entweder wir warten, bis der KI-gesteuerte Thomas die Soldaten wie oben beschrieben kaltgemacht hat. Oder wir setzen die Soldaten mit rund 20 "Molotov-Cocktails" außer Gefecht, und sprengen dann das Tor mit Dynamit auf. Dann folgt die Gatling-Gun-Szene.
Call of Juarez - Bound in Blood spart nicht mit Blut. Nachdem Ray sein mörderisches Werk vollbracht hat, sind mehrere Meter Sand mit Blut gesäumt, Dutzende Leichen liegen auf einem Haufen. Dennoch kommt das Spiel laut Ubisoft ungeschnitten in den Handel.

Das ganze Chaos haben Thomas und Ray für eine Frau angerichtet. Ihr Name: Marisa. Ihr Haar: schwarz. Schönhetit: Riesengroß. Südländisches Temparament. Frau des Big Boss Juarez, der eine größere Band anführt. Doch die Lady schläft mit dem El Capitan des Forts, Pablo Muerez, um Informationen über den Verbleib des legendären Juarez-Schatzes zu gewinnen. Als Ray und Thomas das Fort stürmen, nimmt Muerez Marisa als Geisel. „Ich schneide ihren schönen Hals durch, wenn ihr mir zu nahe kommt“, schreit er. „Töte doch die kleine Schlampe, ich hatte heute schon“, erwidert Ray. Es folgt eine Verfolgungsjagd quer durch das brennende Fort, Muerez scheint übergeschnappt zu sein und hat in einer Zwischensequenz mehrere Pulverfässer in die Luft gejagt.

Duelle markieren Höhepunkte der Story. Hier töten wir gerade einen Bodyguard, dessen Herr (rechts) um Gnade winselt.

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