Test: Ziemlich zum Schießen!

Bulletstorm Test

Wenn es im Vorfeld der Veröffentlichung um Bulletstorm ging, stand stets die Gewalt im Fokus. Jetzt, wo das gute Stück endlich da ist, resümieren wir vor allem zweierlei: Ja, am Friedensnobelpreis 2011 schrammt der Egoshooter vorbei. Gleichzeitig birgt er Qualitäten, wie wir sie in diesem Maße nicht erwartet hätten. Daumen hoch!
Harald Fränkel 23. Februar 2011 - 23:37 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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Alle Screenshots in diesem Artikel haben wir selbst erstellt, wie bei fast allen Tests und vielen Previews.

Interessieren euch die ersten 15 Minuten mit dem Spiel, pur und unkommentiert? Zum 15m-Video
 

Pisswichser. Arschmaschine. Kackfresse. Drei Begriffe aus dem Bulletstorm'schen Wortschatz sollten genügen, um die Fronten zu klären: Dieses Spiel und damit wohl auch die vorliegende Rezension sind nichts für Anhänger französischer Intellektuellenfilme, „Annette von Droste Hülshoff Lyrik“-Gutfinder oder Menschen, die (unfreiwillig) einen länglichen Gegenstand im Rektum mit sich führen. Weil Zeit Geld ist, würden wir diesen Zielgruppenvertretern vorschlagen, jetzt vielleicht lieber bei einem Tässchen Erdbeer-Rhabarber-Tee die FAZ zu lesen und dabei den kleinen Finger abzuspreizen. Denn Bulletstorm schreit es förmlich hinaus: Ja, ich bin proletenhaft vulgäres, infantiles und politisch inkorrektes, pixelgewordenes, geballtes Testosteron – und das ist gut so!
 
Einschneidende Schnitte
Bulletstorm ist in Deutschland nur als entschärfte USK-18-Fassung erschienen. Wobei die fehlenden Ragdoll-Effekte kaum ins Gewicht fallen: Niedergestreckte Pixelbuben purzeln lediglich mit etwas weniger umherschlenkernden Armen und Beinen durch die Gegend. Drastischer sieht's bei den Splattereffekten aus: Es platzen keine Polygonköpfe, ebenso wenig fliegen euch Gliedmaßen um die Ohren.

Zum Teil fehlen gar eindeutig lustige Effekte: Wer zum Beispiel einen Gegner mit der sekundären Feuerfunktion des von Beginn an verfügbaren Karabiners beackert, dem entgeht hierzulande, wie sich Getroffene in ein rauchendes Skelett verwandeln, um dann hübsch zusammenzubröseln (ähnlich wie im Film Mars Attacks). In der deutschen Version haut es den Typen einfach um. Nahezu lächerlich wirkt es, dass aus einem wohlgemerkt nur für Erwachsene zugelassenen Spiel sogar auf Pfählen befindliche Totenköpfe verschwinden! Und dass jegliche Bluteffekte durch Abwesenheit glänzen, hat sogar spielerische Auswirkungen: Statt einer deutlichen Trefferrückmeldung beschert euch die deutsche Fassung nur minimale Grafikeffekte, die an kleine Funken erinnern.

Unserer Ansicht nach wurde damit genau das Gegenteil von dem erreicht, was die Herausnahme der roten Farbe hätte bewirken sollen: Wir meinen, die blutleere Optik sieht realistischer aus – weil die  im Original vorhandenen fetten Comic-Spritzer die Gewaltdarstellung satirisch überzeichnen.
Action plus Humor
 
Das neue Werk der polnischen Painkiller-Entwickler People Can Fly entpuppt sich im Grunde als konsequente Weiterentwicklung des Serious Sam-Prinzips. Es bricht Action-Spiele auf die Essenz des Ballerns herunter und setzt gleichzeitig auf den Faktor Humor. Der kann schon mal per Holzhammer kommen. Obendrein erzählen die Macher im Rahmen der rund achtstündigen Kampagne eine vergleichsweise gehaltvolle Hintergrundgeschichte – für das, was sich Popcorn-Unterhaltung nennt, jedenfalls. Am machohaften Witz wird sich auch das im Mai erscheinende Duke Nukem Forever messen müssen. Wir sind uns aktuell gar nicht sicher, wer den Längeren haben wird...
 
Der Einfluss der Schirmherren von Epic Games ist ebenso spürbar, uns kommt die vielleicht etwas abenteuerliche Formulierung „Gears of War für Plebejer“ in den Sinn. Ihr wisst schon, Plebs, das stinknormale Volk im antiken Rom, das mit Brot und Spielen gefüttert wurde. Und wenn wir schon dabei sind, Vergleiche zu ziehen: Ein wenig fühlen wir uns stilistisch an Borderlands erinnert. Außerdem rückt Bulletstorm die Ästhetik virtueller Feuergefechte so rigoros in den Mittelpunkt, man könnte es als die Egoshooter-Variante von Vanquish bezeichnen. Die Kämpfe sind derart intensiv in Szene gesetzt, als würden sie einer strengen Choreografie folgen. Was uns zum Herzstück des Spiels bringt …
 
Ein Hauch von Comic
 
Ein kräftiger Fußtritt hilft im Nahkampf oft weiter. Diesen Gesellen haut es gleich rückwärts gegen einen Kaktus, was einige unschöne Löcher zur Folge haben wird.
„Kill with Skill“ heißt das Motto, „töte mit Geschick“. Wenn's darum geht, Gegner auszuknipsen, ist in Bulletstorm allen Ernstes kreatives Denken gefragt. Denn je abwechslungsreicher ihr zu Werke geht, desto mehr Erfahrungspunkte winken. Bei den sogenannten Skillshots, die Bezeichnungen wie „One-Hit-Wonder“, „Kill-o-Watt“ oder „Arschplosion“ tragen, geht es zum Beispiel darum, euren Kontrahenten mit einer einzigen Kugel auszuknipsen, per Stromschlag zu rösten beziehungsweise bei ihnen ein furunkelartiges Geschwür am Hintern zu treffen. Durch kombinierte Aktionen ergeben sich, abhängig von Gegnertyp, Waffe und interaktiver Umgebung, etliche virtuelle Hinrichtungsvarianten.
 
Keine Frage: Die in der Spiel-Datenbank gelisteten Beschreibungen wie „Schieß einem Gegner in die Eier und […] tritt ihm dann den Kopf von den Schultern“ und die entsprechend möglichen Handlungen muten, vorsichtig formuliert, sehr zynisch an. Allerdings präsentieren die Entwickler das Geschehen krass überzeichnet, sodass etwa ein messerlicher Halsaufschlitzer im realitätsnahen Call of Duty: Black Ops aus unserer Sicht weitaus brutaler im Empathiezentrum einschlägt. Auch die comicartige Grafik von Bulletstorm macht jederzeit klar, dass der Spieler sich in einer durchgeknallten Phantasiewelt bewegt.
 
Inwieweit der Titel trotzdem Moralvorstellungen auf die Probe stellt, muss jeder für sich entscheiden. Wir meinen: In diesem Titel geht's beileibe nicht hauptsächlich darum, niedere Instinkte zu befriedigen. Wer das nicht sieht, dem fehlt entweder das Ironiegen – oder heißt Andrea Bocelli. Okay, manch einer mag nicht unberechtigt hinterfragen, was per se an Gewaltszenen lustig sein soll. Desgleichen könnte man aber auch tun, wenn Mäuserich Jerry seinem Lieblingskater Tom mit dem Hammer auf den Kopp haut. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir sparen euch den philosophischen Exkurs und widmen uns lieber weiter den spielerischen Details.  Also dem, was hinter den mehr oder weniger lustigen Tötungsarten steckt. 

Punktejäger

Während die Protagonisten durch die hübsche postapokalyptische Welt tappen und sich mit Verbrecherbanden, Menschenfressern, hungrigen Pflanzen und Mutanten herumschlagen, versucht ihr möglichst viele Erfahrungspunkte zu sammeln. Denn dafür gibt's bei Versorgungsstationen die sonst eher rar gesäte Munition. Außerdem lassen sich im Lauf des Abenteuers neue Waffen freischalten und aufrüsten. Wer sich der Spielmechanik komplett verweigert, dem geht auf Dauer eventuell der Nachschub aus. So haben die Entwickler dem „Kill with Skill“-System über die reine Spaßfunktion hinaus Sinn verliehen. Während ein normaler Abschuss mit popeligen zehn Punkten belohnt wird, kassiert ihr zum Beispiel 100 Zähler, wenn ihr einen Gegner in einen Kaktus befördert und so für eine ungesunde Perforation des Opfers sorgt. Dieser Wert lässt sich weiter erhöhen, sollte euer Ziel dabei in Flammen stehen. Und so weiter, und so fort.

Meistens begleiten euch der Cyborg Ishi Sato und die flotte Trishka Novac. Das Bild zeigt aber auch, dass der Titel mit dem einen oder anderen hübsche Panoramablick aufwartet.
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