Test: Metal-Hit und Genre-Mixtur

Brütal Legend Test

Warnung: Dieser Test ist unter Metal-Dauerbeschallung geschrieben. In der richtigen Gemütsverfassung rockt Tim Schafers Spiel ohne Wenn und Aber. Darf man es anders als 100% genial finden? Ja, man darf, wenn man den ganzen Metalkram beiseite lässt und auf die Spielmechanik schaut. METALKRAM? ORMAGÖDEN WIRD DICH HOLEN, FREVLER!
Jörg Langer 15. Oktober 2009 - 12:32 — vor 5 Jahren aktualisiert
360 PS3
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Der Autor dieser Zeilen war nie Metal-Fan, und kann weder Viking Metal von Kraut Vintage Metal unterscheiden noch die diffizilen Unterschiede zwischen Power- und Speed Metal aufzählen. Er hatte aber in den 80ern einige Bekannte, die ihm die Bandbreite von Metal vom blanken Unsinn bis zu politischen Songs nahe bringen wollten. Er war versehentlich auf einem Queensrÿche-Konzert, mochte einige der abgedrehteren Helloween-Lieder, saß mal zwei Tische entfernt von Blind Guardian in einem Londoner Fresstempel. Ob das reicht zum Test von Brütal Legend?

Held von Brütal Legend ist ein Roadie: Eddie Riggs.
Das hat nämlich im Prinzip 666 Metal-LPs, vom Covermotiv bis zu den Tonrillen, eingesaugt, in einen Starkstrom-Quirl gegeben, die entstehende Mischung gut aushärten lassen, bunt bemalt und dann auf eine Spiele-DVD gepresst. Grafisch ein wenig an ein WoW auf Drogen erinnernd und spielerisch eine Mischung aus Prügel-, Renn- und Echtzeit-Strategiespiel. Mit ein wenig GTA-Feeling oben drauf, auch wenn das Radio hier "Mouth of Metal" heißt und ausschließlich Metal-Songs von sich gibt. Und zwar 107 Stück, wenn ihr alle freischaltet.

Nachdem sich der Autor geoutet hat, müssen wir auch deine Befähigung abprüfen, dieses Spiel zu genießen. Also: Du bist älter als 30 und Metal-Fan? Lies beim dunkelblauen Kasten weiter. Du bist älter als 30 und kein Metal-Fan, und auch nie gewesen? Die Mitte ist dein Kasten. Du bist jünger als 30? Dann lies gar nicht weiter. Moment, das wäre im Zuge des Gleichberechtigungsgesetzes der Generationen (GbGdG) unfair, also lies beim babyblauen rechten Kasten weiter. Du bis jünger als 30 und Metal-Fan? Glauben wir nicht. Nicht, bevor du Brütal Legend gespielt hast!

 
30+ / (Ex-) Metal-Fan
   
30+ / Kein Metal-Fan
   
Unter 30 / "Metal-was?"
 
 
Kommen wir auf den Punkt: Für dich ist dieses Spiel eine "9.5", stellenweise eine "10.0" wert, zumindest, wenn du in der Lage bist, auf deine große schwere Liebe zu Falsetto-Stimmen, theatralischen Multi-Oktav-Riffs und Texten, die teils aus Herr der Ringe, teils aus den Nahtod-Erfahrungen 20jähriger Millionäre zusammen geklaubt scheinen, mit ein wenig Abstand zu blicken. Humor solltest du besitzen, um an den teils grandiosen Dialogen deinen Spaß zu haben. Wenn du dann am Steuer deines aufgemotzen Hotrods sitzt und dich mit seitlichem Flammenwerfer durch Horden von Dämonen pflügst, während Cry of the Banshee oder We are the Road Crew aus den Boxen schallt, wirst du ein seeliges Dauergrinsen entwickeln und dich 20 Jahre jünger fühlen. Versprochen! Pass bitte nur auf, dass du nicht, nachdem du Brütal Legend in einem Rutsch durchgespielt hast -- was im Solomodus relativ problemlos geht -- nachts um 2 in den Keller rennst, deine abgewetzte Gehörnter-Totenkopf-Lederkluft anziehst und dann auf der Straße laut die Namen verblichener Bands mit kleinen Pünktchen auf den Buchstaben rufst.

 
   
Du warst kein Metal-Fan? Egal, wenn du über 30 bist, bist du auf jeden Fall mit Metal in Berührung gekommen. Gab es da nicht einige schwarzledern-bekleidete, silbertotenkopf-behängte Ältere an deiner Schule, denen irgendwie immer das Geld für den Friseur zu fehlen schien, die dafür aber schicke Nieten in ihren Stiefeln hatten? Versuchten nicht eben diese Gestalten, bei privaten Steinbruch-, Fabrikgelände-, See-, Weinberg- oder was auch immer Open-Air-Festen gegen Mitternacht, die allgmein akzeptierte Mädchen-Rockmusik à la Guns'n Roses durch ein Mötley-Crüe-Tape zu ersetzen? Woraufhin es a) einen Aufschrei der Entrüstung und b) einige schwer beleidigte Metaller gab? Auf jeden Fall hast du, ob mit geheimer Faszination oder offenem Amüsement, den einen oder anderen Metal-Song noch im Kopf, das eine oder andere Fantasy-Cover in Erinnerung (Marke "Nackte Jungfrau reitet großen Drachen, während Kuttenträger Dolche schwingen").  Du verbindest Metal -- wie andere Entgleisungen der 80er/90er-- ein wenig mit deiner Jugend, als alles noch viel besser war. Du kannst den feinsinnig-frechen Humor genießen, und das Anti-Ende.
   
Wieso stehen hier überall überdimensionierte Steinkreuze herum, sind riesenhafte Chrom-Totenkopf-Installationen halb im Erdboden vergraben? Wer hat all diese Wikingerschiff-Bugfiguren aufgestellt? Die Knochengerüste?  Warum spiele ich einen "Roadie", und was ist das überhaupt? Den Witz mit den "Headbangern" verstehe ich nicht, soll hier auf Kosten deformierter Minderheiten Stimmung gemacht werden? Wie albern, mit Gitarren bewaffnete Fernkämpferinnen einzusetzen! Wie sexistisch, einer halbnackten Amazone auf den Hintern zu starren, während ich neben ihr auf einem feuerspuckenden Monster reite! Und was sollen all diese Chromteile in der Landschaft, all diese Boxenwände! Soll das hier eine auf Motorrad getrimmte Kopie des WoW-Zwergenreichs sein?

Ernsthaft: Wenn du die Mischung aus Persiflage und liebevollem Fandom, die in Brütal Legend steckt, nicht entziffern kannst, wenn dir Stakkato-Drumgewitter Angst einjagen (und sei es vor dem Groll von Freund oder Freundin)... dann mag dir zwar die Mischung aus hart-melodischer Musik und überdrehtem Grafikstil gefallen -- seine ganze Faszination wird das Spiel aber für dich kaum entfalten.
 
                 

Kämpfen, rasen, Schlachten führen

Damit ihr in den Geist des abgedrehten Settings kommt, überfallen wir euch gleich mal mit einem Video. Es zeigt das Herumdüsen über die Spielwelt im ersten Drittel des Spiels. Apropos: Ein Drittel der Spielzeit werdet ihr ungefähr in die zumeist motorisierte Erkundung der Welt stecken. Ein weiteres Drittel der Zeit nehmen die Story-Szenen und Einzelmissionen in Anspruch, und das letzte Drittel geht für die Bühnenschlachten (Stage Battles) drauf. Wir haben, ohne uns allzu sehr zu beeilen, knapp acht Stunden laut Missionlog fürs Durchspielen gebraucht, dabei sind die Neulade-Vorgänge nicht mitgezählt. Macht eine Bruttospielzeit von etwa 9 bis 10 Stunden. Aber jetzt lasst uns erstmal eine wilde Fahrt von unserem ersten Tourbus-Lager aus quer über Stock und Stein machen...

Direkt nach der ersten Schlacht im Spiel nehmen wir euch mit auf eine Spritztour im Hotrod, und zu einem Rennen.

Die USK-ab-18-Einstufung halten wir übrigens für übertrieben; wenn man die "Gore"-Darstellung im Hauptmenü abschaltet, was wir für diesen Artikel und seine Videos getan haben, wird man zwar an ein, zwei Stellen (unter anderem beim Endkampf) mit einer durchaus lustigen "Parental Advisory"-Schildeinblendung "bestraft", erleidet aber keine Spielspaß-Einbußen. Durchweg handelt sich hierbei um Cartoongrafik, die Gewalt im Spiel findet ausschließlich mit und gegen Zeichentrickmonster und -figuren statt. Fast wirkt es so, als hätte die USK nicht hinter der PEGI-Einstugung zurückstehen wollen -- die aber ist sicherlich eher den englischen Metal-Texten und der etwas rüden Sprache im Spiel geschuldet, als einem besonderen Gewaltgrad.

Zur Story: Ihr spielt Eddie Riggs, der keinen rechten Spaß mehr an seinem Job als Roadie hat, also als Tourmanager, Aufbauhelfer, Fahrer, Groupie-Reinwinker und Security-Aushilfe in einer Person. Heavy Metal ist tot, die von ihm betreute Band ist zum Glamour-Rock abgedriftet. Da gibt es einen folgenschweren Unfall, und Eddie wacht in einer Welt wieder auf, die eine Melange aus Plattencovern, Motorradteilen und Albtraummonstern darstellt. In dieser Welt unterdrückt der fiese Lionwhyte (nicht "white") die Menschen, deren letzte Rebellen vom blonden, muskulösen, schönen, vielleicht etwas langsamen Lars angeführt werden. Bald wird Eddie mit den Rebellen die Widerstands-Tourband Ironheade (nicht "head") bilden und erst gegen Lionwhyte ins Feld ziehen, dann Krach mit seiner Angebeteten bekommen und schließlich dem bösen Dämonenfürsten Doviculus den Garaus machen.

Die eigenwilligen Charaktere (links Eddie, rechts Lita) machen einen guten Teil des Reizes von Brütal Legend aus.

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