Akt 2 macht einiges gut

Broken Age, Akt 2 Test

Tim Schafer machte Kickstarter in Spielerkreisen bekannt, als er Geld für sein Point-and-Click-Adventure suchte. Fast eineinhalb Jahre nach Akt 1 vollendet die LucasArts-Ikone endlich ihr Projekt. Ob es wirklich größer, besser und schöner geworden ist als der aus unserer Sicht enttäuschende erste Akt?
Benjamin Braun 27. April 2015 - 8:28 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

3,336 Millionen US-Dollar hatte Tim Schafer allein über die Anfang 2012 beendete Kickstarter-Kampagne für sein Grafik-Adventure Broken Age erhalten. Weiteres Geld kam über PayPal-Spenden und mehrere Humble-Bundle-Aktionen hinzu. Nachdem am 28. Januar 2014 der erste Akt des ehemals als "Double-Fine-Adventure" betitelten Spiels erschien, fragte sich manch einer, in welche Teile des gut dreistündigen Auftakts genau das Millionen-Budget geflossen ist. So auch wir in unserem für ein so erwartetes Spiel wenig schmeichelhaften Test (GG-Test: 6.0). Wieder andere überlegten, wie das Spiel wohl erst ausgesehen hätte, wäre bei Kickstarter keine wesentlich höhere Summe erreicht worden als das Finanzierungsziel von 400.000 Dollar – ein Betrag, der für ein Point-and-Click-Adventure bereits als sehr üppig bezeichnet werden kann.

Positive Stimmen gab es allerdings mindestens genauso viele. Der erste Akt war charmant, und der Grafikstil mit seinen vielen aufwändigen Animationen schön, wenn man mit dem generellen Märchenbuchstil zurecht kommt. Doch auch die zufriedeneren unter den Käufern waren selten rundum glücklich. Zu kurz und zu leicht war ihnen das Spiel, vom erhofften Meilenstein war das Abenteuer des Mannes hinter Genre-Hits wie Day of the Tentacle oder Grim Fandango (GG-Test: 8.5) ein großes Stück entfernt. Aber mit dem zweiten Akt soll sich vieles ändern. Eine höhere Spielzeit und anspruchsvollere Rätsel sind versprochen, deutsche Spieler können sich zudem über eine vollständig lokalisierte Fassung freuen. Wir haben Broken Age, Akt 2 durchgespielt und verraten euch, ob Tim Schafer mit dem vollständigen Abenteuer an die glorreichen Adventure-Zeiten anknüpfen kann.

Bäumchen wechsel dich
Seitenwechsel: Während Shay in Akt 2 das Dorf erkundet, ist Vella nun auf seinem Raumschiff unterwegs.
Broken Age 2 schließt, wenig überraschend, an Akt 1 an und erzählt die Geschichte um Shay und Vella weiter. Ersterer lebt auf einem Raumschiff und wird vom Bordcomputer im wahrsten Sinne des Wortes von vorne bis hinten bemuttert. So richtig glücklich ist Shay mit seinem immergleichen Tagesablauf zwischen Morgentoilette, regelmäßigen Mahlzeiten und Fahrten auf einem Miniaturzug  allerdings nicht. Deshalb versucht er, die Routine zu durchbrechen, indem er seine begrenzte Umwelt gezielt sabotiert. Natürlich nicht ganz aus eigenem Antrieb, ein rätselhafter Wolf, der versteckt an Bord des Raumschiffes lebt, stachelt ihn zum Aufruhr an.

Von all dem ahnt die zweite Spielfigur, das Mädchen Vella, noch nichts und hat mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen. Sie ist einer der sogenannten Maiden, die dem Monster Mog Chotra als Opfer dargebracht werden sollen, damit es Vellas Dorf nicht dem Erdboden gleichmacht. Da sie ihrem Opfertod nicht ganz so enthusiastisch gegenübersteht wie die übrigen Bewohner, die ein festliches Rahmenprogramm vorbereiten, beschließt sie, zu fliehen. Dabei bekommt sie es erst mit einem sprechenden Baum zu tun, der panische Angst vor Äxten und Feuer hat, und trifft im Himmeldorf Wolkenheim schließlich auf weitere skurrile Charaktere.

Auch wenn Vella und Shay praktisch immer allein in ihrem Teil der Spielwelt unterwegs sind, so überschneiden sich ihre Geschichten doch. Tatsächlich kommt es schließlich zu einem Seitenwechsel – Vella ist plötzlich bei Shays Mutter auf dem Raumschiff, während Shay einem Riesenvogel in Wolkenheim Geburtshilfe gibt und verzweifelt versucht, den stoischen Baum zum Lachen zu bringen...

Humorvoll mit wenig TiefgangDas Storytelling in Broken Age ist von der ruhigen Sorte. Spannende Momente gibt es nur in Ausnahmefällen und wirklich tiefgründig wird es eigentlich nie. Tatsächlich wirkt die Geschichte der beiden Helden recht belanglos und auch den NPCs mangelt es an Persönlichkeit. Es gibt Ausnahmen wie den Baum oder das sprechende Messer, das Vella schon zu Beginn des zweiten Akts mit seinen flotten Sprüchen auf Trab hält. Ansonsten ist aber vieles so übertrieben auf lieb und brav getrimmt, dass das herausragendste Merkmal der Charaktere ihre Konturarmut ist. Sicher, es geht noch wesentlich flacher, doch ein Adventure von Tim Schafer muss sich an den besten des Genres messen lassen und nicht am Bodensatz. Vom Tiefgang der Charaktere eines ernsthaften Adventures wie The Moment of Silence ist Broken Age jedenfalls ein gutes Stück entfernt. Aber auch verglichen mit den Charakteren in humorvollen Adventures können Shay, Vella und Co. markanten Figuren wie Guybrush Threepwood oder Hoagie aus Day of the Tentacle nicht das Wasser reichen. Als nachteilig erweist sich in dem Zusammenhang auch, dass wir in Broken Age viele Charakter-Begegnungen quasi "abarbeiten" können. Nachdem ihr einmal alle Gesprächspunkte abgegrast habt, ist eine weitere Konversation mit ihnen nicht mehr möglich.

Einen guten Unterhaltungswert erreicht Broken Age dennoch – u
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nd den verdankt es fast ausnahmslos den Dialogen. In schallendes Gelächter brachen wir nie aus, aber gerade die englische Sprachfassung sprüht nur so vor lustigen Wortspielen und zielsicheren Pointen. Schön auch die Running-Gags: Vom Kopfwachstum via Teleporter ist nämlich in Akt 2 auch Vella betroffen.

Die deutsche Version kann humortechnisch nur zum Teil mithalten. Die reine Textübersetzung, die auch in den Hintergründen enthaltene Texte betrifft, ist gut und schafft es meist auch, dass die Gags der Vorlage in der lokalisierten Fassung nicht gänzlich flöten gehen. Die deutschen Sprecher konnten uns aber nicht ganz überzeugen. Wir wollen nicht sagen, ihnen mangelte es an Elan. Dem direkten Vergleich mit den O-Ton-Sprechern wie Elijah Wood, Jack Black oder Wil Wheaton können sie aber nicht standhalten. Womöglich liegt es aber auch daran, dass wir Martin Sabel, der verschiedene Nebenrollen in Broken Age spricht, schon zu oft in Adventures von Daedalic gehört haben. Übrigens dürft ihr die Sprache und den Text separat einstellen, also beispielsweise Englisch mit deutschen Untertiteln.
Shay (links) und Vella begegnen sich nur kurz, bevor sie schließlich die "Seiten wechseln".
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