Schafer-Stündchen

Broken Age Test

Tim Schafer ist zurück! 16 Jahre nach Grim Fandango, das unter Genre-Fans bis heute zu den besten Adventures überhaupt zählt, ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Wir sagen euch, ob sein via Crowdfunding finanziertes, von Anfang an auch deutschen Text ausgebendes Grafik-Adventure Broken Age die hochgesteckten Erwartungen erfüllt.
Stephan Petersen 16. Januar 2014 - 21:00 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Test-Update vom 29.1.2014: Seit unserem Test der zunächst nur für Pressevertreter und Backer zugänglichen Version von Broken Age haben wir uns zum offiziellen Launch noch einmal die aktualisierte Version angeschaut, die bei Steuerung und Grafik einiges verbessern soll. Auf diese Neuerungen gehen wir in unserem Testupdate genauer ein. Neue und erweiterte Textpassagen haben wir durch Kursivsetzung für euch kenntlich gemacht.

Innerhalb von acht Stunden hatte Tim Schafer sein Ziel erreicht: Nachdem er mit seinem Adventure-Projekt zuvor bei mehreren Publishern auf Ablehnung gestoßen war, erreichte er bei der Crowdfunding-Plattform Kickstarter innerhalb kürzester Zeit sein Finanzierungsziel für das später Broken Age getaufte Spiel. Bis zum Ende der Kampagne brachten rund 87.000 Backer stolze 3,3 Millionen US-Dollar statt der angepeilten 400.000 zusammen. Ein voller Erfolg also, der überdies einen Crowdfunding-Boom in Sachen Spiele auslöste. Zahlreiche kleinere und mittlere Entwicklungsstudios folgten Schafers Beispiel – darunter so namhafte Entwickler wie Al Lowe, Brian Fargo und Chris Roberts. Fast zwei Jahre nach Schafers Kickstarter-Kampagne erscheint nun endlich sein Grafik-Adventure Broken Age. Oder besser gesagt: die erste Episode. Die zweite soll zu einem späteren Zeitpunkt folgen, hoffentlich noch dieses Jahr.

Holpernd zu Freiheit und SelbstbestimmungDie Geschichte von Broken Age erlebt ihr aus der Sicht von zwei Charakteren, zwischen denen ihr jederzeit hin- und herschalten könnt. Da wäre zum einen der kleine Shay, der sich allein an Bord eines vollautomatisierten Raumschiffs befindet, dessen Schiffscomputer den Jungen überfürsorglich bemuttert. Sein Tagesablauf besteht aus essen, Körperhygiene und sinnlosem Zeitvertreib. Stoisch erträgt Shay sein Schicksal. Wir sind hingegen nicht ganz so frustresistent, als uns Broken Age diese Sinnlosigkeit auch spielerisch nachempfinden lässt. Mehrmals erleben wir Shays Alltagsroutine, wählen Frühstücksflocken und Missionen aus. Letztere hat der Schiffscomputer als Zeitvertreib für Shay geschaffen. Allerdings ist der Junge längst aus dem Alter heraus, mit zum Leben erweckten Woll-Wesen zu knuddeln, mit einer Dampflok über Berge zu fahren oder bergeweise Eiscreme zu löffeln. Eine gefühlte Ewigkeit kann man hier immer und immer wieder dieselben Szenen spielen, bis Shays aufkommender Frust vom Spieler nur zu gut nachempfunden werden kann.

Nach dem spielerisch anspruchslosen und erzählerisch nicht gerade ergreifenden Einstieg wird es schließlich etwas niveauvoller und abwechslungsreicher, wenn Shay sich allmählich auflehnt und Bekanntschaft mit einem mysteriösen Wolf macht, dem ihr rein theoretisch aber auch nach der "Erfüllung" eurer ersten Mission begegnen könnt. Nun dürfen wir immerhin das Raumschiff frei erkunden.

Der Computer nervt zu Spielbeginn nicht nur Shay, sondern auch uns mit seinen ziemlich eintönigen Aufgaben.
Ein Mädchen namens VellaDer zweite Charakter im Bunde ist das Mädchen Vella. Sie lebt in einem kleinen, malerischen Dorf. Doch die Idylle trügt. Vella soll zum Wohl des Dorfes dem Monster Mog Chatra geopfert werden. Denn nur dann lässt es die Gemeinde und seine Bewohner in Ruhe. Vella kann nicht glauben, mit welcher Gelassenheit, ja sogar Vorfreude ihre Familie dem Ereignis entgegensieht. Da Vella jedoch keineswegs als Monster-Futter enden will, gelingt ihr mit unserer Hilfe die Flucht nach Wolkenheim, wo sie auf seltsame Bewohner trifft. Auch ihre Geschichte plätschert anfangs so dahin, die Dialoge unterhalten mal mehr, mal weniger, die Nebencharaktere bleiben blass. Meist interagiert ihr einmal per Dialog mit ihnen oder auch mal in Kombination mit einem gerade noch als solches zu bezeichnenden Rätsel. Und danach? Danach bestaunt ihr die NPCs bloß noch als völlig zwecklose Dekoration.

Später AufwindInhaltlich spannender wird Broken Age schließlich gegen Ende, als Vella den Weg aus Wolkenheim zu einem neuen Schauplatz findet. Hier kommt doch noch so etwas wie das aus alten Schafer-Adventures bekannte Gefühl auf. Der gut geschriebene Dialog mit einem Baum, die Interaktion mit zwei blinden Wächtern oder aber die Calypso-Klänge an einem Strand heben schließlich etwas den Spielspaß und machen deutlich, dass viel mehr möglich gewesen wäre. Immerhin stimmt uns die letzte Spielstunde positiv, dass Story und Charaktere in der zweiten Hälfte von Beginn an mehr zu bieten haben könnten als in der ersten.

Die Denksportaufgaben stellen allerdings zu keinem Zeitpunkt der etwa vier Stunden langen Episode eine Herausforderung dar. Ein Minispiel, in dem wir seltsame Kreaturen mit einem Greifarm retten müssen, bedeutet den klaren Tiefpunkt. Und weil das so
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wenig Spaß macht, "dürfen" wir sogar gleich mehrmals ran! Gerade in der Anfangsphase spielt sich Broken Age wie auf Schienen. Dialoge werden meist bloß abgegrast und sind nicht selten das Einzige, was ihr machen müsst, um einen Fortschritt zu erreichen. Die hohe Linearität in Kombination mit Rätseln, die nicht allzu oft über einfachste Objektkombinationen hinausgehen, wie beispielsweise die Benutzung eines Löffels mit einem Eisberg, dürften Genre-Veteranen gerade in der ersten Spielstunde zu wenig sein. Viel zu wenig.

Immerhin: Spielerisch zieht Broken Age im letzten Drittel an. Der Schwierigkeitsgrad steigt ein wenig, auch weil es mehrere Szenen zu besuchen und mehrere Inventar-Gegenstände zugleich zu verwalten gibt. Dennoch bleiben die Rätsel für geübte Spieler bis zum Schluss relativ leicht zu lösen. Wir bewerten das aber nur teilweise kritisch, da die gefühlte spielerische Unterforderung auch dem logischen und nachvollziehbaren Puzzledesign geschuldet ist. Komplexere Aufgaben und längere Rätselketten haben wir jedoch im ersten Akt von Broken Age durchweg schmerzlich vermisst. Mit ihnen wäre wohl auch eine höhere Spielzeit möglich gewesen.
Einer der stärkeren Momente des Spiels: Vella im (deutsch übersetzten!) Gespräch mit einem Baum.
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