Klassisches JRPG

Bravely Default Test

Hurra, rechtzeitig vor Weihnachten bringt Square-Enix ein neues Final Fantasy fürs 3DS. Oder zumindest ein bisschen: Bravely Default trägt zwar deutlich die Handschrift einiger daran beteiligter Final-Fantasy-Veteranen. Es handelt sich aber um ein ganz anderes Spieluniversum.
Jörg Langer 17. Dezember 2013 - 11:10 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots wurden digital von uns abgegriffen und dann per Pixelvergrößerung auf dreifache Größe gebracht. Es tritt kein Qualitätsverlust zum Original ein – doch wirkt die Grafik auf einem Monitor pixeliger als auf dem relativ kleinen 3DS-Screen.

Kurzer Name, großes Unglück: Tiz, Held in spe und momentan noch Schafhirte, muss miterleben, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird und das geliebte Heimatdorf in einem Schlund im Boden verschwindet. Seinen kleinen Bruder hält er im einen Moment noch an der Hand, im nächsten segelt der Kleine in die Tiefe und ward nicht mehr gesehen. In einem Gasthaus in der Hauptstadt, wohin ihn Retter bringen, trifft er nach dem dramatischen Intro auf Agnès, Vestalin des Windkristalls. Es gibt nämlich in der Welt Luxendarcs einen grundsätzlichen Streit zwischen zwei Fraktionen: Die einen glauben, dass die ganze Welt nur kraft der Kristalle existiert und von dieser am Leben erhalten wird. Das sind die Guten. Und dann gibt es die (mehr oder weniger) Bösen, die diesen Glauben ablehnen und die Vestalin fangen wollen. Wieso aber der Windkristall zu Beginn in Dunkelheit verschwindet, weshalb unser armer Tiz seine ganze Familie und sein ganzes Dorf in einem unnatürlichen Krater verliert, das erfahren wir zu Beginn nicht.
 
Grundsolides JRPG
An schönen Schauplätzen besteht kein Mangel.
Im Zuge des etwa dreistündigen Einleitungskapitels füllt sich eure fest vorgegebene Vierergruppe aus Tiz, Agnes, dem unter Amnesie leidenden Frauenheld Ringabel (der heißt wirklich so) und Edea, die eigentlich Jagd auf Agnès machen soll, dann aber erkennt, dass sie als Tochter des Großmarschalls der Windritter (die gerne von ihren Luftschiffen aus Städte bombardieren) auf der falschen Seite kämpft. Ziel unserer Reise wird es sein, alle Elementar-Kristalle von der Dunkelheit, die sie befallen hat, zu befreien, und dem Urheber des Unheils auf die Schliche zu kommen.

Wer jemals ein Rollenspiel japanischer Bauart gespielt hat, auch "JRPG" genannt, der weiß, wie es jetzt weitergeht. Allein der Gruppenanführer ist auf der Weltkarte zu sehen (kann aber jederzeit ausgetauscht werden), über die sich unsere Gruppe in Echtzeit bewegt. Netterweise ist das nächstliegende Ziel gelb markiert, Nebenquests erscheinen blau. Im Hintergrund tickert immer der Zufallsgenerator, der darüber entscheidet, ob unsere Helden auf Feinde stoßen und augenblicklich in einen Kampf verwickelt werden.
 
Begrenzt-innovatives Kampfsystem
Wie ihr unten seht, hat Ringabel dreimal "Brave" ausgewählt und darf nun vier Aktionen in einer Runde machen.
Rundenweise prügeln Tiz & Co. nun aufs Gegnergezücht ein, wobei bei zuschaltbarer Automatik die letzten Kampf- und Zauberbefehle auch ohne des Spielers Zutun ausgeführt werden. Hier ist der markanteste Unterschied zum Final Fantasy-Verwandten zu erkennen. Denn Bravely Default wartet brav auf die Eingaben, die Gegner auch. Durchaus ungewöhnlich ist das "Brave / Default"-System. Per "Brave" dürft ihr bis zu vier Angriffe in einer Runde ausführen, müsst dann aber entsprechend drei Runden lang aussetzen. Wenn ihr vorher per "Default" in eine Abwehrhaltung geht, gewinnt ihr hingegen je eine Runde dazu. Praktischerweise liegen beide Befehle auf den Schultertasten, ihr werdet sie oft einsetzen.

Was in der Theorie riskant klingt, erweist sich im normalen Schwierigkeitsgrad als massiver Vorteil: Oft erringt unsere Truppe damit einen Sieg in der ersten Runde. Wem das noch nicht reicht, kann per Druck auf Start Sonderattacken auslösen, die ein paar hundert oder gar tausend Schadenspunkte anrichten. Allerdings sind dafür sogenannte S-Punkte notwendig. Einen gibt’s jeweils alle acht Stunden Echtzeit und auch nur dann, wenn das 3DS im Bereitschaftsmodus ist und Bravely Default läuft. Zudem lassen sich nur maximal drei Punkte speichern. Wer nicht warten will, kann die Punkte gegen echtes Geld auch kaufen. Doch bevor wir jetzt „Pfui Pay2Win“ rufen ein Hinweis: Man braucht diese Punkte absolut nicht, um Bravely Default durchzuspielen.

Ansonsten gilt es bei den Kämpfen durchaus, Schwachpunkte der Gegner herauszufinden, etwa gegen Elementarattacken. Und wenn ein Bossgegner seine beiden Begleiter gegen physische Angriffe verteidigt, könnte es eine gute Idee sein, diese zuerst per Magie auszuschalten, um sich dann ungestört dem Boss widmen zu können. Das bekannte Sammelsurium aus diversen negativen Effekten wie Stille, Gift und Co., die jeweils per Gegenmittel beseitigt werden können, kennt man zu Genüge. Und auch, dass die Gegner ihrerseits Zaubersprüche oder Brave-Attaken einsetzen dürfen, überrascht nicht wirklich. Schön finden wir, dass man aus den meisten Kämpfen fliehen kann.

Die Gegner sehen zwar gut aus, doch die Kampfanimationen und Zaubersprucheffekte sind enttäuschend.

Komfort wird großgeschriebenWenn Bravely Default eines ist, dann komfortabel. Das beginnt schon bei der Möglichkeit, die Gegnerhäufigkeit in fünf Stufen zu regeln. Wer nicht will, trifft auf gar keine Zufallsfeinde. Sehr praktisch, wenn man gerade was sucht, aber natürlich absolut unpraktisch, wenn man im Level aufsteigen will. So ist eine Kombination aus "-50% Gegner" und Gegnerschwierigkeit "Schwer" durchaus geeignet, euch mittelfristig richtig Probleme zu bereiten. Die Schwierigkeit wirkt sich in drei Stufen auf die Hitpoints eurer Adversarien aus.

Dieses System lässt einen todsicheren Cheat zu: Wir stellen die Kampfwahrscheinlichkeit auf 200 Prozent und im Gegenzug die Gegnerstärke auf Mini
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mum. So absolvieren wir die ersten paar Wege über die Weltkarte, und bekommen zwar alle fünf Schritte einen Kampf, der aber dank Autofunktion in 20 Sekunden vorbei ist. (Erwähnten wir bereits die Möglichkeit, den Ablauf der Kämpfe fast auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen?) Keine halbe Stunde später hat man ein Mörderteam, so dass wir die Gegnerqualität wieder brav aufs Maximum stellen. Fortan sind S-Punkt Attacken praktisch überflüssig. Und wird’s doch mal eng, rufen wir per WLAN oder Streetpass eben einen Freund herbei. Der hat hoffentlich ein paar Hitpoints mehr als die eigenen Helden und verdrischt die Feinde dann automatisch. Das Schöne: der Freund selbst muss gar nicht online sein, er merkt nicht mal was davon. Es lassen sich auch Gäste kurzfristig anheuern, die man gar nicht kennt. Uns halfen ein freundlicher Portugiese und zwei asiatische Recken, deren Namen wir hier mangels Schriftsatz nicht wiedergeben können. Eine Beschränkung gibt es aber: Jeder Freund kann nur einmal am Tag helfen. Und wer gar niemanden findet oder gerade kein Internet parat hat, kann nach und nach auch auf KI-Verbündete zurückgreifen, die wir im Spielverlauf kennenlernen.
 Die Story wird euch nicht vom Hocker hauen, aber sie wird routiniert erzählt und beleidigt nicht die Intelligenz.

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