Horror Made in Germany

Black Mirror 2 Test

Black Mirror konnte 2004 Spieler und Presse zugleich mit düsterer Atmosphäre und spannender Story begeistern. Nun schickt sich der deutsche Entwickler Cranberry Productions abermals an, hartgesottenen Adventure-Fans eine Gänsehaut einzujagen. Und wiederum ist das Spiel erwachsen ausgelegt, und widersteht dem Cartoon-Trend.
Alex Hassel 2. Oktober 2009 - 15:47 — vor 10 Jahren aktualisiert
PC
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Die Nacht ist dunkel und stürmisch, Gewitterregen peitscht den Boden. Ein junger Mann rennt durch den finsteren Wald, dreht sich immer wieder panisch um. Durchnässt und außer Atem erreicht er schließlich das alte englische Schloss Black Mirror..

In den dunklen Fluren des Gemäuers läuft eine junge Frau im Schein einer Kerze umher. Immer wieder ruft sie den Namen ihre Ehemannes. Samuel! Samuel! In einem der vielen Zimmer findet sie ein mysteriöses Buch, das aufgeschlagen auf dem Tisch liegt. Doch da steht plötzlich Samuel hinter ihr. Er spricht kein Wort, ist offenkundig nicht bei sich. Die Frau fleht ihn an, doch keine Regung ist ihm zu entlocken. Auf einmal aber stößt er seine Frau von sich, die gegen den Tisch knallt und zu Boden geht. Eine Kerze fällt um, das Zimmer gerät in Brand. Samuel verlässt wie in Trance das Gebäude...

Fans des ersten Black Mirror können sich wohl noch an diese Szenerie erinnern. Sie bildet nicht nur den Abschluss des ersten Teils, sondern ist gleichzeitig auch der Beginn für Black Mirror 2. Die Geschichte des Samuel Gordon, der an einer gespaltenen Persönlichkeit litt und mehrere Morde beging, spielt auch im neuesten Ableger der Reihe eine wichtige Rolle. Genauso wie die mysteriöse Vergangenheit der Familie Gordon selber, die angeblich von einem Fluch heimgesucht wird, der alle männlichen Angehörigen in den Wahnsinn treibt. Und obwohl mit Samuel der letzte lebende männliche Spross der Gordons starb, bieten das geheimnisvolle Black Mirror Castle und das Örtchen Willow Creek in England genug Potential, um doch noch einmal einen Abstecher dorthin zu unternehmen. Vielleicht lässt sich ja doch noch etwas über den unheilvollen Fluch herausfinden? Doch bevor ihr England einen Besuch abstattet und aufregende Abenteuer erleben könnt, schickt euch Black Mirror 2 zunächst einmal auf die andere Seite des großen Teiches, nach Amerika.

Welcome to Anytown, USA

Ihr beginnt das Spiel im beschaulichen Hafenstädtchen Biddeford im US-Staat Maine. Hier gibt es alles, was zu einer amerikanischen Provinzstadt gehört: Polizeistation, Krankenhaus, ein Souvenirladen und der obligatorische Diner. Wenn dort dem Koch die Hamburger anbrennen, hat dies das Zeug zum Stadtgespräch. Und ausgerechnet hier soll der Anfangspunkt für eine spannende und düstere Geschichte sein? Die Zweifel scheinen berechtigt, denn zu Beginn erlebt ihr in der Rolle des jungen Darren Michaels in Biddeford das unspektakuläre Provinzleben in Reinkultur. Eigentlich ist Darren Physikstudent in Boston, doch seine Mutter vermittelte ihm einen Ferienjob im Fotoladen von Biddeford. Das wäre an sich ja gar nicht mal so schlimm, immerhin ist Darren begeisterter Hobbyfotograf. Doch sein Chef, Mr. Fuller, entpuppt sich als ein tyrannisches Ekelpaket. Seine Lieblingsbeschäftigung scheint darin zu bestehen, Darren entweder anzubrüllen oder unwichtige Botengänge aufzutragen. So bestehen eure ersten Aufgaben in Black Mirror 2 also in spannenden Herzklopf-Missionen wie dem Abholen eines Pakets oder dem Überbringen eines Briefs.

Interessanter (und ungemein attraktiver) wird die Situation für uns erst, als Darren einer hübschen jungen Dame namens Angelina begegnet. Wir freunden uns mit ihr an und schon bald gelingt es uns, ein erstes Rendezvous zu vereinbaren. Doch ehe es zum erhofften Treffen kommt, ziehen dunkle Wolken über Biddeford auf und überschatten das Leben seiner Einwohner...

Die Kleinstadtidylle täuscht. In Biddeford, Maine, passieren seltsame Dinge. Als Darren versucht ihr, hinter die Geheimnisse des Städtchens und seiner Bewohner zu kommen.

Twin Peaks meets Baphomets Fluch

Was sich im Folgenden abspielt, lässt sich noch am ehesten als eine Mischung aus David Lynchs erfolgreicher TV-Serie Twin Peaks und dem Adventure-Klassiker Baphomets Fluch bezeichnen. Mit der friedfertigen Kleinstadtidylle ist es schnell vorbei, als ihr eure Mutter bewusstlos zu Hause auffindet und den Rettungswagen alarmiert. Als wäre die Sorge um eure Mutter nicht schon genug, treibt sich neuerdings ein unbekannter Mann in Biddeford rum, der scheinbar eurer Angebeteten Angelina hinterher spioniert. Ähnlich wie einst George Stobbart aus Baphomets Fluch, stolpert ihr als Darren zunehmend in eine verworrene Situation hinein, zu deren Beginn ihr noch nicht einmal ahnen könnt, welche weitreichenden Ereignisse euch noch erwarten. So ertappt ihr euch schnell dabei, wie ihr eigenhändig versucht, einen Mordfall in Biddeford aufzuklären. Dabei seid ihr vollkommen auf euch allein gestellte, Angelina sitzt unschuldig im Gefängnis, eure Mutter liegt im Krankenhaus und zu allem Überfluss scheint auch noch der unbekannte Fremde in den Fall involviert zu sein. Hat er vielleicht Angelina eine Falle gestellt?
Diese unheimlichen Gestalten verfolgen Darren in seinen Träumen. Ob sie etwas mit dem Fluch der Gordons zu tun haben? 

Diese Anfangssequenz im kleinen Städtchen Biddeford stellt nur den Einstieg in eine hoch spannende Geschichte dar. Je weiter ihr mit Darren Nachforschungen anstellt und je näher ihr an eine Lösung des Falles gelangt, desto komplexer wird die Situation. Immer mehr Spuren führen auf das Schloss Black Mirror zurück. Aber was hat eine gruselige Touristenattraktion in England mit einem Mordfall in Maine zu tun? Und wieso plagen Darren unheimliche Visionen? Hat es eventuell etwas mit dem Fluch der Familie Gordon auf sich? Um all diese Fragen beantworten zu können, benötigen Adventure-Fans etwa 15 Stunden, Einsteiger noch etwas mehr. Das sind 15 Stunden gute und spannende Unterhaltung, gespickt mit einigen raffinierten Plot-Twists. Allein, bis ihr alle Geheimnisse im  Städtchen Biddeford aufgedeckt habt, vergehen gut und gerne fünf bis sechs höchst unterhaltsame Stunden.

Der Doppelklick des Ungeduldigen

Black Mirror 2 steuert sich klassisch mit der Maus. Ein Linksklick auf ein Objekt lässt Darren damit interagieren, per Rechtsklick könnt ihr es genauer unter die Lupe nehmen. Das übersichtliche Inventar versteckt sich in der unteren Bildschirmleiste und wird erst sichtbar, wenn ihr mit der Maus darüber fahrt. Praktischerweise löst ein Doppelklick mit der linken Maustaste die gewünschte Aktion sofort aus. Wenn ihr also nicht erst warten wollt, bis Darren mit behäbigem Gang einen Raum durchquert, genügt ein Doppelklick auf das Symbol des Ausgangs, und ihr befindet euch sofort am gewünschten Zielort. Damit nicht genug: Per Knopfdruck öffnet sich eine Übersichtskarte eures derzeitigen Aufenthaltsortes, und ihr könnt bequem jeden Punkt anwählen, den ihr zuvor schon betreten habt.

In Sachen Grafik setzt Black Mirror 2 sicher keine neuen Maßstäbe, was allerdings bei einem Adventure auch eher ungewöhnlich wäre. "Zweckmäßigkeit" wäre als Beschreibung aber zu kritisch: Wie schon im Vorgänger präsentieren sich die Hintergründe als enorm detailreiche 2D-Zeichnungen, die sehr passend koloriert sind -- Lampen etwa scheinen wirklich zu leuchten. Darren und die insgesamt über 40 anderen Charaktere agieren hingegen als 3D-Objekte. Das Ergebnis ist stimmungsvoll, die Figuren wirken nicht als Fremdkörper in der Szenerie. Gestik und Animationen der Charaktere sind größtenteils zufriedenstellend, hier und da wirken die Aktionen  allerdings abgehakt. Und wieso die Figuren bei manchen Aktionen einfach nur eine Hand ausstrecken anstatt tatsächlich das gewünschte Objekt sichtbar aufzunehmen, will sich uns im Jahre 2009 nicht erschließen. Der positive Eindruck überwiegt aber.

Die Schauplätze sind liebevoll und detailliert gestaltet. Im Hafenstädtchen Biddeford zieren zahlreiche Möwen und Touristen das Stadtbild, das kleine Örtchen Willow Creek hat seine besten Zeiten bereits hinter sich und sieht dementsprechend untergekommen aus. Besonders gut haben uns die Wettereffekte gefallen. Beginnt ihr das Spiel noch bei strahlendem Sonnenschein, so wechseln sich die Elemente je nach Spielabschnitt ab. Mal regnet es, mal zieht ein Sturm auf und Darren wechselt je nach Wetterlage die Garderobe. Die Entwickler spielen auch immer wieder mit dem Verhältnis zwischen Licht und Dunkelheit. Das alles erzeugt ein passend mysteriöses Ambiente: Wenn ihr durch das alte Schloss schleicht, die düsteren Gänge nur vom Kerzenschein erleuchtet, wollt ihr unter Umständen auch im Reallife nicht gerade nachts bei offenem Fenster spielen...

Willow Creek. Heruntergekommen. Düster. Welche finsteren Geheimnisse erwarten euch wohl hier? 
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