Religiöser Wahn über den Wolken

Bioshock Infinite Test

Testvideo
Nach dem Zwischenspiel von 2K Marin bei Bioshock 2 ist wieder Irrational Games an der Reihe. Diesmal geht es raus aus der Untersee-Dystopie Rapture in die von religiösem Eifer und Rassenwahn zerfressene Wolkenstadt Columbia. Wir haben uns als Booker DeWitt zwischen Schuld und Sühne aufgemacht, das Mädchen Elizabeth zu retten.
Benjamin Braun 25. März 2013 - 14:00 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Sie wirkt unschuldig in ihrem frommen Kleid. Ihre großen blauen Augen strahlen etwas Kindliches aus, doch sie ist erwachsen. An der rechten Hand fehlt ihr ein Teil des kleinen Fingers, den Stumpf verdeckt ein Fingerhut. Wie sie den Finger verloren hat, weiß sie selbst nicht genau. Überhaupt liegt vieles aus ihrer Vergangenheit im Ungewissen. Gänzlich unbekannt scheint ihr nur eines zu sein: die Freiheit. Sie kennt nur den goldenen Käfig, in dem sie tagein tagaus in Büchern stöbert und sich auf diese Weise so manche Fähigkeit aneignete, die nur die wenigsten ihrer Altergenossen beherrschen dürften. Wir sollen sie aus diesem Gefängnis herausholen, obwohl wir nicht allzu viel über sie wissen. Eigentlich ist uns nur der Name des Mädchens bekannt: Elizabeth. Aber auch die Vergangenheit des Protagonisten Booker DeWitt liegt im Dunkeln: Anfangs wissen wir als Spieler nur, dass er mit der Befreiung Elizabeths eine Schuld aus alter Zeit begleichen soll. Doch wer ist dieser Booker DeWitt eigentlich und was hat er sich zu Schulden kommen lassen? Die Antworten darauf erfahrt ihr in Bioshock Infinite, dem neuen Actionspiel von Ken Levine und Irrational Games. Wir haben uns für euch auf PC und Konsole in die Wolkenstadt Columbia begeben – aus der wir euch wie üblich weitestgehend spoilerfrei berichten.

Rapture ist Geschichte In den ersten beiden Teilen der Bioshock-Serie verschlug es uns tief unten im Meer in die Stadt Rapture – die Wirklichkeit gewordene Utopie ihres Schöpfer Andrew Ryan. Utopie? Im Spannungsfeld zwischen Sozialer Markt- und kommunistischer Planwirtschaft, zwischen Selbstverwirklichung und Gehorsam, zwischen Forschungsdrang und moralischen Regeln geriet Utopia bald zum Albtraum, dessen Trümmer wir in zwei Serienteilen durchstreiften. Bioshock Infinite bietet ein ähnlich breitgefächertes Themenfeld und schickt euch erneut in ein dystopisches Szenario: die Wolkenstadt Columbia.

Auf den ersten Blick ist dort alles perfekt: Fein gekleidete Paare wandeln über prächtige Plätze, Kinder spielen ausgelassen auf den Straßen, und auf dem Jahrmarkt vergnügen sie sich gemeinsam an den Spielbuden. Inmitten der fliegenden Stadt steht eine Statue des Schöpfers von Columbia, zu dessen Ehren gerade eine Parade durch die Stadt zieht. Sie preist Father Zachary Comstock als den „Propheten“. Doch unter der schönen Fassade brodelt es, denn es sind nur Weiße, die die Vorzüge des Lebens genießen können. Schwarzhäutige Menschen gibt es hier nur, um die niederen Arbeiten zu verrichten, gemeinsam mit den verhassten Iren dürfen sie viele Bereiche der Stadt gar nicht erst betreten.

Booker DeWitt scheint die Rassentrennung nicht groß zu stören, als er im Jahr 1912 per Rakete zur schwebenden Stadt gereist ist. Sein einziges Ziel ist es, das Mädchen Elizabeth zu finden, um seine Schulden zu begleichen. Dafür lässt er sich gar beim Betreten von Columbia taufen; aber nur um Einlass zu erhalten und nicht etwa, weil er an das glaubt was er dort sieht und hört. Weisheiten wie „Es gibt kein Glück, kein Schicksal, nur Vorsehung“ ernten bei ihm nur ein Kopfschütteln. Vieles von dem, was Father  Comstock predigt, scheint ohnehin frei erfunden zu sein.

Comstock selbst behauptet, beim Massaker von Wounded Knee als Offizier die Zügel in der Hand gehalten zu haben – und auch der Boxeraufstand soll nur dank seiner Hilfe beendet worden sein – in Wahrheit richtete Comstock mit seiner „fliegenden Festung“ so viel Unheil an, dass sich sein Heimatland, die USA, von ihm abwandten. Bookers Gleichgültigkeit beginnt allerdings zu weichen, als er plötzlich das Ziel der religiös motivierten Eiferer wird. Ein Brandmal an seiner Hand identifiziert ihn als "falschen Hirten", von dem Comstock behauptet, er würde das Ende für Columbia bringen. An seinem Ziel, Elizabeth zu finden, hält er allerdings weiter fest und merkt erst spät, dass er sich viel mehr auf einer Reise in sein innerstes Selbst befindet...

Rette sie, um deine Schuld zu begleichen
Wir möchten euch gar nicht viel zur Story verraten, denn wie schon in den Vorgängern ist s
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ie die treibende Kraft hinter allem anderen. Die Geschichte von Booker und Elizabeth lebt davon, dass anfangs vieles erst nach und nach offenbart wird. Nicht alles ist so, wie es zunächst scheint. Persönliche Motivation und verklärte Erinnerungen spielen ebenso eine Rolle wie die übergeordneten Themen Ethik, Moral und Religion. Und obwohl Teile der Handlung später allegorischen Charakter haben und mit Logik kaum mehr greifbar wären, ergibt sich ein nachvollziehbarer Verlauf, der uns bis zum Ende mit Spannung über den Wolken hält.

Wem es um Story, Charaktere und Spielwelt geht, kommt wieder einmal voll auf seine Kosten. In den Spielabschnitten gibt es sehr viel zu entdecken. Seien es Details wie die echte Historie des Boxeraufstands in China oder zur Rassentrennung in den USA, seien es erfundene Gegebenheiten aus der „Geschichte“ von Columbia. Selbst wer nur stur der linearen Handlung folgt, spürt das bereits intensiver als in praktisch jedem anderen Shooter. Wer zusätzlich die ruhigeren Abschnitte zum Verweilen und Stöbern nutzt, Audiotagebüchern („Voxophon“) lauscht und Texttafeln oder Graffiti studiert, kann noch deutlich tiefer blicken.
Die Fähigkeiten
Plasmide gibt es in Bioshock Infinite nicht, dafür aber die sehr ähnlichen Vigors. Sechs dieser „magischen Fähigkeiten“ wollen wir euch hier vorstellen. 1 Mit „Beherrschung“ hackt ihr automatische Geschütztürme. Mit einem Upgrade übernehmt ihr auch menschliche Gegner, die sich am Ende selbst töten. 2 Der „Krähenschwarm“ zerhackt gewöhnliche Gegner binnen Sekunden, stärkere Feinde werden zumindest abgelenkt. 3 Der „Shock Jockey“ ist ein Blitzangriff, mit dem ihr Gegner unter anderem betäubt. Durch Upgrades greift der Blitz auf nahestehende Feinde über. 4 Der „Schub“ ist besonders dort hilfreich, wo ihr Feinde in die Tiefe schleudern könnt; andernorts verschafft ihr euch dadurch zumindest etwas Platz. 5 „Zurück zum Absender“ gewährt euch einen Schutzschild, der Geschosse aufhält. Ihr könnt sie aber auch auf Feinde zurückschleudern oder durch Upgrades gar Projektile absorbieren und so neue Munition erhalten. 6 „Teufelskuss“ setzt Gegner in Brand, wie bei fast allen anderen Vigors könnt ihr damit auch Trittfallen am Boden legen. Er eignet sich besonders um Maschinen zu bekämpfen.
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