Das Hollywood-Epos

Beyond – Two Souls Test

Heavy Rain rührte gestandene Männer und abgebrühte Studentinnen zu Tränen – kaum einer, der es selbst spielte, schloss sich den "Sind doch nur Quick-Time-Events"-Kritikern an. Nach jahrelanger Arbeit veröffentlicht Quantic Dream nun das nächste Großwerk, wiederum exklusiv für PS3. Dieses Mal spielen sogar bekannte US-Schauspieler mit.
Jörg Langer 8. Oktober 2013 - 17:01 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal. Update: Wir haben auf Seite 1 und 3 je eine 6er-Box hinzugefügt.

Eine kurzgeschorene Frau stolpert durch den Wald, Schüsse peitschen. Ein kleines Mädchen wird von ihrer Mutter in ein Arztzimmer geschoben. Eine Zwölfjährige will nicht aus dem Auto steigen, um eine Geburtstagsparty zu besuchen. Eine hübsche Frau überlegt sich, ob sie lieber Pizza bestellen oder selber kochen soll für ihr Date. Ein rebellischer Teenager trickst seine Erziehungsberechtigten aus, um eine Kneipe aufzusuchen. Eine Agentin arbeitet sich durch eine umkämpfte Stadt vor. Eine Sechsjährige spricht mit einem Unsichtbaren. Immer handelt es sich um dieselbe Person, und sie ist anders: Seit ihrer Geburt hat Jodie Holmes einen unsichtbaren Begleiter, vulgo Geist, an ihrer Seite.
 
Keine Angst vor Spoilern!Wenn ihr den obigen Artikeleinstieg bereits als Spoiler empfindet, dann lest nicht weiter. Ansonsten aber seid beruhigt: Ihr könnt diesen Test ohne jede Angst durchlesen! Wir verraten im normalen Text nichts zur Handlung, zu Charakteren oder Situationen, ihr lest also nichts, was euch das Durchspielen auch nur partiell verderben könnte. Vielmehr konzentrieren wir uns auf die Beschreibung der Machart von Beyond – Two Souls, etwa ob man wirklich Entscheidungen treffen kann. Wann immer wir konkrete Beispiele bringen statt sehr allgemein gehaltener, packen wir sie hinter eine [Spoiler]-Warnung, ebenso verfahren wir beim Abschnitt „Die grobe Story“. Und Screenshots, die uns zuviel zu verraten scheinen (etwa noch unbekannte Schauplätze oder bestimmte Figuren/Gegner), vermeiden wir ebenfalls oder stellen sie im Einzelfall mit geschwärztem Thumbnail dar, sodass ihr sie erst anklicken müsst. Überhaupt bringen wir bewusst fast ausschließlich Screenshots aus dem ersten Drittel des Spiels, die nur einen Bruchteil der Spielwelt und Charaktere zeigen. Unser Versprechen: Selbst wenn ihr alles lest und alle Bilder anseht, werdet ihr die genaue Handlung nicht vorausahnen und viele Überraschungen erleben!
 
Große Fußstapfen
Es hat sich einiges getan in der Technik: Oben ein Charakter aus Heavy Rain, unten Nathan Dawkins aus Beyond.
Beyond – Two Souls tritt einerseits in die Fußstapfen des Erfolgstitels Heavy Rain (GG-Test: 9.0), der von manchem als einzige QTE-Abfolge geschmäht, von den meisten Spielern aber für seine Stimmung und Emotionserzeugung gelobt wurde. Beyond stammt vom selben Team, Quantic Dream, es setzt auf ähnliche Spiel- und Bedienkonzepte, es gleicht oft mehr einem interaktiven Film als einem normalen Spiel. Es versucht ebenfalls, den Spieler vor allem emotional zu packen, statt ihm „Ich schieße so gut!“- oder "ich rätsele so schlau"-Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

Andererseits hat Beyond eine andere Stimmung als das dauerdüstere Heavy Rain und erzählt eine ganz andere Geschichte. Es geht diesmal nicht darum, unter (impliziertem) Zeitdruck einen Kriminalfall in einer Stadt zu lösen, und dabei abwechselnd vier Charaktere zu steuern. Dieses Mal geht es ganz um das Leben von Jodie, und theoretisch auch um Aiden als zweite Figur, doch der fungiert in den allermeisten Fällen eher als „Spezialfähigkeit“ von Jodie. Wobei es schon einen Grund gibt, dass wir "allermeisten Fällen" schreiben.
 
Wo Heavy Rain, mit wenigen Ausnahmen, chronologisch ablief, aber munter zwischen den Figuren und damit Blickwinkeln sprang, wirft euch in Beyond jedes Kapitel auf dem Zeitstrahl umher, der von Jodies früher Kindheit bis zum Finale (als junge Frau) reicht. Da dieser Zeitstrahl in den Ladepausen gezeigt wird und sich erst nach und nach füllt, bleibt die Übersicht dabei erhalten, gleichzeitig sorgt jede Ladepause für Spannung: „Welchen Lebensabschnitt und welche Situation werde ich jetzt erleben?“ Ein Wort zum Genre: Obwohl es kein Inventar gibt, dafür aber einige Actionszenen, spielt sich Beyond am ehesten wie ein Adventure, zumal es großen Wert auf Dialoge legt.
 
Jodie erlebt ihr oft als kleines Kind – mit ihr zusammen macht ihr Erfahrungen im Umgang mit Erwachsenen und Geistern...

Das Spiel für FrustgeplagteMal wieder bei Battlefield 3 über den Haufen geschossen worden? In GTA 5 das erste Rennen nicht geschafft? Bereits bei der Charaktererstellung von Dark Souls gescheitert? Dann dürfte Beyond – Two Souls euer Paradies sein. Es gilt nämlich das Designkonzept: Sterben ist für die Hauptperson verboten! Frust ist böse! Und einen Spielstand neu zu laden, ist des Teufels! Das führt dazu, dass ihr gewissermaßen endlos dilettieren könnt, ohne jemals ein „Game over“ zu sehen. Ob ihr das Richtige macht oder schnell genug macht, hat aber schon Auswirkungen, allerdings solche, die euch nicht gleich bewusst werden. Und leider auch solche, die euch (vielleicht von einer Ausnahme abgesehen) eher nicht dazu "zwingen", das Spiel unbedingt erneut in Angriff zu nehmen nach dem ersten Durchspielen.
 
Spoilerfreies Beispiel: Wenn ihr bei einer Fluchtsequenz, etwa nach einer Spielstunde, es wirklich darauf ankommen lasst, scheitert die Flucht schon zu Beginn, und ihr werdet (kurzzeitig) festgenommen, bevor ihr euch befreien könnt (und eine Szene, die ihr sonst eigentlich erlebt hättet, nicht erlebt). Gelingt hingegen, wie vom Spiel vorgesehen, die Flucht, k
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nnt ihr etwas später bei einem Kampf scheitern – ihr werdet dann, auf andere Weise, festgenommen. Diese beiden Alternativen gehen aber sehr bald wieder mit dem Hauptstrang „erfolgreiche Flucht“ zusammen – und ihr erlebt immer die gleiche, abschließende Verfolgungsszene. Auch sonst fühlt ihr euch sehr häufig wie auf Schienen: Beim Marsch eine Landstraße entlang ist schon die andere Straßenseite tabu, und egal, ob ihr in einer anderen Szene alles tut, um nicht zu tanzen: Das Spiel will, dass ihr tanzt, also tanzt ihr. Das sind nur zwei Beispiele für ein doch sehr enges Korsett, gegen das sich ein Schlauchlevel-Shooter geradezu wie der Prototyp spielerischer Freiheit ausnimmt.
 
[SPOILER]
In einer anderen Szene werdet ihr und ein Begleiter gefoltert. Je nachdem, ob ihr den Mund aufmacht oder nicht, wird dem Begleiter ein Auge ausgestochen. Auf diese Entscheidung wird zwar am Ende des Kapitels noch mal ein kurzer Rückbezug gemacht, und gegebenenfalls rennt der Begleiter das restliche Spiel über mit einer Augenklappe herum – spielerische Auswirkungen aber hat eure Entscheidung nicht.
[SPOILER-ENDE]
Jodie: Die wandlungsfähige Protagonistin
Spoiler-Warnung Sicherheitshalber weisen wir darauf hin, dass euch die folgenden Bilder spoilern könnten. Sie zeigen zwar immer unsere Heldin Jodie Holmes in Großaufnahme, aber ausgehend von ihrem Aussehen und dem Hintergrund lassen sich schon Mutmaßungen zur Spielsituation anstellen. 1 Jodie als etwa 25jährige Frau in ihrem Apartment. 2 Jodie als Teenager in der rebellischen Phase... 3 ... und etwas später als zumindest äußerlich konformistischer Teenager. 4 Jodie auf Selbstfindungstrip, die Haare sind aufgrund eines Krankenhaus-Aufenthaltes noch kurz. 5 Als CIA-Agentin verschlägt es Jodie an mehrere weit entfernte Schauplätze auf der Welt. 6 Die kleine Jodie, während sie gerade "besessen" ist – in solchen Fällen dient sie kurz als Medium für eine tote Seele.
 
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