Test: Lolli-lutschende Kampfhexe

Bayonetta Test

"Over the top action" -- das sagt Chefdesigner Hideki Kamiya in Interviews immer wieder. Aber stellt Bayonetta wirklich alle anderen Hack-and-Slay-Games in den Schatten? Auf jeden Fall gibt es kein Spiel, das abstruser und verrückter ist, bei dem die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn, Bossgegnern und Leveldesign derart verschwimmen.
Mister G 30. November 2009 - 21:40 — vor 10 Jahren aktualisiert
360 PS3
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Bayonetta erscheint hierzulande am 16.12.2009, ist aber bereits bei mehreren Händlern lieferbar sowie in Ladengeschäften erhältlich. Wir testeten eine Importversion.

Es gibt Begriffe, die überhört man als Spieleredakteur einfach: Praktisch jeder Entwickler erzählt, was für ein Actionspektakel sein Spiel biete, und wirklich jeder ist felsenfest davon überzeugt, er habe da etwas Einzigartiges geschaffen. So auch Hideki Kamiya, Schöpfer der Devil May Cry-Serie und Chefdesigner von Bayonetta. Doch in diesem Fall und bei diesem Spiel hat der Mann wirklich recht. Selten hat uns ein Spiel so umgehauen, so dermaßen überrascht. Der Hack-and-Slay-Genrevertreter ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, eingepackt in rasend schnelle Tempo-Tempo-Tempo-Action.

Nicht immer ist es so leicht wie hier, die Bayonetta überhaupt auf dem Bildschirm zu erkennen...
 
Leveldesign, Bosse, alles eins

In Bayonetta gibt es nur selten so etwas wie klassisches Leveldesign. Vielmehr führen vereinzelte Schlauchlevels zu einem der riesigen fünf Bossgegner. Und wenn wir riesig sagen, meinen wir das auch so: Turmhohe Fleischfetzen, die eine Bronzemaske tragen und mit hunderten Tentakelarmen angreifen, auf denen sich die Heldin langsam ihren Weg nach oben bahnt. Oder einem roboterähnlichem Koloss, zehn Stockwerke hoch, fünf breit. So riesig wie Optimus Prime in Transformers. Mit dem Typ ist nicht gut Kirschenessen, er schnappt sich kurzerhand die Brücke, auf der sexy Bayonetta gerade gegen Engelsscharen kämpft und schüttelt sie wild und her. Da wird einem fast schon schwindelig -- haben die Entwickler irgendetwas genommen? Auch Spieler, die angesichts von virtuellem Hämoglobin Unwohlsein verspüren, dürften zu irgendwelchen Pillen greifen. Denn das Blut spritzt hektoliterweise, dazu ein Effektfeuerwerk sondergleichen und dudeliger (aber abstellbarer)  J-Pop.

Neben musikalischen Querschlägen passieren unablässig verrückte Dinge; im Beispiel wackelt erst die Brücke, dann dreht sie sich, Bayonetta schnetzelt kopfüber durch beflügelte Gegnermassen, die mit Äxten und Engelsbögen angreifen. Im nächsten Moment knallt das Konstrukt irgendwo drauf -- hier beginnt ein neuer Levelabschnitt, neue Gegner flattern heran. Die Levels sind auf vorgegebenen Wegen in alle Richtungen begehbar. So hüpft Bayonetta von Haus zu Haus, von Stein zu Stein. Gebäude brechen zusammen, Bayonetta grindet wie ein Skateboarder auf ihren Highheels eine Dachrinne gen Boden. Und das passiert alles während Sekundenbruchteilen. Moment, das Herz des Testers rast, er braucht eine Verschnaufpause.
 
Die Geschichte ist so wirr wie dieses asiatische Flugdrachen-Schlangen-Dingens. Wir haben euch gewarnt!
 
Ähm, was mache ich hier?

Gute Frage, die konnten wir uns im Test zunächst auch nicht beantworten. Alles wirkt wirr verstrickt, merkwürdig konstruiert, in sich nicht schlüssig. Zunächst einmal dreht sich alles um Bayonetta.
Eine waschechte Hexe, bewaffnet mit Magie, Maschinenpistolen und ihrem, hüstel, Körper. Sie ist groß gewachsen, trägt langes schwarzes Haar, strahlt Sexappeal aus, grinst lasziv und trägt
weniger als die Engel von Victoria's Secret. Nämlich nichts, ihr Körper wird lediglich von ihrem langen, schwarzen Haar ummantelt. Das liegt daran, dass die Lady 500 Jahre im Tiefschlaf unter Wasser verbracht hat -- stopp. Also, wir haben euch wirklich gewarnt, wenn ihr Kopfschmerzen und völlig sinnloses Nachdenken über die Details der Story vermeiden wollt, springt einfach zum übernächsten Absatz. Okay? Gut.

Also, Bayonetta wacht auf und nichts ist mehr wie es war. Denn einst gab es Lumen und Umbra-Hexen. Die Kräfte des Lichts und der Dunkelheit sorgten für ein Gleichgewicht der Mächte. Doch irgendwann gierten die Lumen, die Engel, nach mehr und mehr Macht. Sie stachelten die Menschen gegen die Umbra-Hexen auf, eine Hexenjagd war die Folge, die Menschen rotteten fast alle Umbras aus. Einzig Bayonetta hat überlebt, kann sich aber an nichts erinnern. Was hat es mit diesem mysteriösen Mädchen auf sich, das immer wieder erscheint und „Mutter hol mich“ ruft?  Oder diesem Typen, Lucas, aus einem Paralleluniversum? Er will Bayonettas Tod, und doch rettet sie ihm immer wieder das Leben. Was zunächst verwirrt, entfaltet nach und nach erstaunlich viel Tiefe, viele verschiedene Storyzweige winden sich zu einem roten Faden, der schließlich zum Hauptplot führt. Vielleicht hat aber auch nur das Testerhirn versucht, irgendwie eine Anmutung von Ordnung in die wirre Handlung zu bringen. Auf jeden Fall lohnt es sich, Bayonetta durchzuspielen, weil die Macher Platinum Games viel Wert auf stilsichere Zwischensequenzen legen. Mal werden sie in Echtzeit-3D gezeigt, dann wieder in Standbildern mit tiefen Rot-Tönen und hohem Kontrast. Kunst? Wahnsinn? Beides liegt bekanntlich eng beisammen.

Die Porzellan-Lady greift mit ihrem Feuerdrachenarm an, entschuldigt sich aber. Bayoentta beleidigt sie jedoch, also geht das Ganze wieder von vorne los, mit einem Lavagruß.

Das Kampfsystem: Simpel, variantenreich, rasant

So, und was ist jetzt das Ziel? Bayonetta muss ihre alte Kraft zurückerlangen, um die himmlischen Heerscharen zu besiegen. Nur dann kann sie auf Knopfdruck riesige Dämonen wie Spinnen oder Tausendfüßler herbeirufen, die ihre Gegner zerquetschen. Dazu muss ein Juwel her, das Auge der Welt. Es ist zersplittert in zwei Teile, eines liegt in der Menschenwelt, das andere in der Hölle begraben. Das „Auge der Welt“ liegt in der fiktiven europäischen Metropole Tigrid begraben. Am Bahnhof trifft unsere Hexe auf das erste größere Engelskommando. Das sind allerdings keine Goldkehlchen mit weißem Mantel, Harfe und Flügelchen. Sondern Kreaturen auf zwei Beinen, mit Wolfs-, Falken- oder Hundekopf. Als Inspiration dienten offenbar ägyptische Gottheiten. Die Engel greifen mit Riesenäxten, Sensen, Bögen und fiesen Trompeten an. Letztere werfen Bayonetta zurück, deswegen müssen wir die Trompeter als erstes ausschalten.

Hier kommt das rasante Kampfsystem zum Einsatz, das durch seine Einfachheit jedoch stets unter Kontrolle bleibt. Mit den Schultertasten schlägt die Heldin Räder, macht Saltos nach vorne und in alle Richtungen, erhebt sich in die Höhe und flattert dank Flügeln einige Sekunden durch die Luft. Aus der Luft ballert es sich ohnehin unbeschwerter! X löst Dauerfeuer aus. Schläge warten auf der Y-Taste,Tritte auf B und Sprünge auf A. Dieses System ist einfach strukturiert, aber zu unendlich langen Komboketten aneinanderreihbar. Es bietet viel Freiraum und fühlt sich herrlich abwechslungsreich an. Hier mal ein Beispiel: Y-Y-rechter Trigger-X-B-B. Heißt so viel wie: Schlag, Schlag, Rad nach hinten -- und währenddessen die Fußwaffen einsetzen, um den Gegner in Schach zu halten.
 
Später erstellen wir uns dann zwei Waffensets und wechseln rasch zwischen mit dem linken Trigger: In Set 1 wandert das Schwert, und als High-Heel-Bewaffnung wählen wir aus Pistole, Shotgun oder Klauen. So entfaltet sich ein extrem abwechslungsreiches Prügel- und Ballerspiel, das zum Experimentieren einlädt und richtig schön fordert. Das alles erinnert stark an Devil May Cry, klar, schließlich sind es die gleichen Macher. Dennoch ist Bayonetta kein simpler Klon, sondern spielt sich deutlich schneller.

Typisch japanisch: Um den Kaufanreiz Sexappeal bei der männlichen Kundschaft zu erhöhen, entblößt sich Bayonetta bei Spezialangriffen komplett – nur ein kleiner goldener Riemen bedeckt dann ihre intimsten Stellen. In solchen Momenten fährt die Kamera nah heran, streicht förmlich über ihren Busen und macht immer mal wieder Screenshots. Die lassen sich mit steigendem Level freischalten.

Wenn Bayonettas Haare sich explosionsartig in einen Hammer oder einen Totschläger-Grabstein verwandeln, steht die Gute währenddessen weitgehend nackt da, die Kamera fährt dann gerne voyeuristisch heran.
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3D-Actionadventure
ab 18
18
Platinum Games
Sega
08.01.2010 (Playstation 3, Xbox 360) • 24.10.2014 (WiiU) • 08.09.2016 (Xbox One (Xbox 360 Backward Compatibility)) • 11.04.2017 (PC) • 16.02.2018 (Switch) • 18.02.2020 (Xbox One, Playstation 4)
Link
8.5
8.3
PCPS3PS4SwitchWiiU360XOne
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