Gescheitertes Epos

Avatar Test

Eine fremde Welt, eine böse Corporation, indianerartige Riesen-Eingeborene, die Entscheidung, den einen oder den anderen zu helfen. Und all das als Vorgeschichte zum neuen Science-Fiction-Film von James Cameron: Alle Zutaten schienen zu stimmen! Doch herausgekommen ist ein Spiel, das selten glänzt, aber oft eiert, ächzt und scheppert.
Jörg Langer 3. Dezember 2009 - 1:28 — vor 9 Jahren aktualisiert
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Avatar - Der Film


Mit dem deutschen Titel Avatar - Aufbruch nach Pandora bringt Star-Regisseur James Cameron (u.a. Aliens, Terminator 2, Titanic) einen lange gehegten Traum in die Kinos: Einen Sciencefiction-Film mit realen Schauspielern und Massen von Digitaleffekten in "echtem", stereoskopischen 3D. Letzteres natürlich nur in entsprechend ausgestatteten Lichtspielhäusern..

Der Film spielt nach dem Spiel und erzählt vom Krieg der bösen Menschen gegen die guten Na'vi -- inklusive einer Pocahontas-Handlung vom seitenwechselnden Avatar, der mit einer süßen vier Meter großen Eingeborenen anbandelt. 240 Millionen US-Dollar soll der Film gekostet haben. Am 17.12. kommt er in die deutschen Kinos.
Update: Zur Besprechung des Films geht es hier.

Liebe Ultima-Fans, bitte wieder hinsetzen und den Puls normalisieren: Avatar  The Game hat nichts, aber auch gar nichts mit "dem" Avatar zu tun, dem Helden von neun Serienteilen.  Pandora ist nicht Britannia, und Lord British läuft hier auch nicht herum. Immerhin erinnert das Setting des neuen Ubisoft-Spiels ein klein wenig an das Ultima-6-Spinoff Ultima Worlds: The Savage Empire von 1990: Die Spielwelt ist nämlich ein einziger Dschungelplanet. Erfunden haben diesen Planeten die Leute um James Cameron, der auch dem mit seiner (wohl eher fernen) Unterstützung entstandenen Computerspiel seinen Namen leiht.

Wobei die gerade eben gewählte Bezeichnung "Planet" nicht ganz richtig ist, eigentlich ist Pandora der Mond eines noch größeren Planeten. Doch immerhin weist dieser Mond etwa zwei Drittel des Umfangs der Erde auf und etwa die Hälfte der Masse. Die Schwerkraft ist um 20 Prozent geringer als auf unserem Planeten und die Luft dicker und für unsereins tödlich. Zudem braucht ein Raumschiff selbst mit Quasi-Lichtgeschwindigkeit fast fünf Jahre, um die Welt im Alpha-Centauri-System zu erreichen. Was also wollen die Menschen dort? Der Unendlichkeit näher kommen? Forschung betreiben? Ihre Zivilisation verbreiten? Fast. Sie wollen Öl. Oder zumindest eine andere kostbare Ressource...

Die ersten Spielminuten werdet ihr vermutlich erstmal die prächtige Dschungelwelt genießen wollen.

Kein Blut für Unobtanium

Wir legen uns als Mensch auf die Liege (oben), und wachen in einem anderen Raum als Avatar wieder auf (Mitte). Unten der Größenvergleich Avatar / Na'vi zu normalen Menschen.
Das begehrteste Mineral der Galaxie aus Menschensicht heißt "Unobtanium", und das gibt es nur auf Pandora. Unobtanium ist übrigens kein Phantasiebegriff, sondern eine von "unobtainable" (nicht erhältlich) abgeleitete Wortschöpfung der englischen Umgangssprache. "Jetzt fehlt uns nur noch ein Kilogramm Unobtanium als Reagens, dann können wir aus Steinen Gold machen", wäre eine typische Verwendung des Begriffs. Man muss die prophetische Gabe der Designer bestaunen, genau dieses Wort für ihre fiktive Wundersubstanz zu wählen. Denn verwendet man die Begriffe "Avatar", "Spieldesign-Exzellenz" und "Unobtainium" im selben Satz, kündigt sich das Unheil bereits an. Und wo wir gerade dabei sind: Auch "Pandora" als Spielweltnamen muss Ubisoft von einer höheren, nicht unbedingt wohlwollenden Macht eingegeben worden sein. Denn aus der Büchse der Pandora kamen in die Welt: das Leiden, die Krankheiten und die Verzweiflung. Und erst ganz am Schluss auch noch die Hoffnung.

Auf jeden Fall ist Unobtainium eine Substanz, die bei hohen (statt extrem niedrigen) Temperaturen als Superleiter funktioniert -- ideal also für sämtliche Einsatzzwecke vom Computer- über den Zukunftswaffen- bis zum Raumschiffbau. Auch Monstergrafikkarten aus Taiwan müsste man -- gäbe es Unobtanium wirklich -- nicht mehr mit dicken Kühlkörpern und Lüftern ausstatten, sondern könnte sie endlich ihrer wahren Bestimmung zuführen und im Winter nebenbei noch das ganze Haus heizen lassen, und zwar ohne Leistungseinbrüche oder Abstürze des Computers. Und weil die RDA Corporation entweder aus fanatischen Computerspielern oder ganz fiesen Militaristen besteht, nimmt sie den Planeten in Beschlag, verschifft unter absurden Kosten Forscher, Basisbauteile, Minengerät, Teleporter und so weiter dorthin. Und ganze Divisionen von Soldaten. Denn es gibt da ein klitzekleines Problem zu bedenken: Pandora ist bewohnt.

Die Na'vi leben in weit verzweigten Baumsiedlungen und reiten -- nun ja -- Na'vi-Pferde, Direhorses genannt.

In 100 Metern nach oben abbiegen: die Na'vi

Verzeihung, wir mussten den Navi-Scherz einfach bringen. Die Na'vi hingegen sind Wesen, deren Körperbau damit umschrieben werden kann, dass sich ein taillenschlanker-schulternbreiter Bodybuilder über Nacht in einen vier Meter hohen blauen Elfen verwandelt -- wobei die Steroide seine Nase seltsam lang und nach unten gezogen haben. So ungewöhnlich diese Geschöpfe aussehen, so gewöhnlich sind die Versatzstücke, aus denen die Storyschreiber ihre "Kultur" zusammengewürfelt haben: eine Mischung aus naturliebenden Indianern und jenen Samurai, mit denen Tom Cruise in The Last Samurai einen Kavallerieangriff auf eine Gatling-Kanonenbatterie unternimmt. "Ehre" und "Kraft" zählen noch was bei den Na'vi, und sie stehen ebenso wie die letzten japanischen Ritter einer technisch weit fortschrittlicheren Fraktion gegenüber. Selbst die Vertonung der männlichen Na'vi (also Stimmlage, Akzent und Sprachduktus) erinnert zumindest in der englischen Version frappierend daran, wie Ken Watanabe den edlen Daimyo Katsumoto im erwähnten Kinofilm spricht. Als uns das aufgefallen war, konnten wir die Na'vi nicht mehr sonderlich ernst nehmen: Blaue Riesen-Samurai mit Indianer-Bemalung und Watanabe-Englisch? Oh. Mein. Gott.

Dabei ist es ebenso tragisch wie vorhersehbar, welches Schicksal den Na'vi droht -- was das gesamte Setting ungefähr so spannend macht wie die Frage, ob auch an diesem Tag auf dem KiKa das Sandmännchen gesendet wird. Aber, halt, da gibt es ja noch euch, also Herrn oder Frau Ryder (ihr dürft zu Spielbeginn aus je 10 männlichen und weiblichen Polygonmodellen wählen). Ihr werdet den Karren aus dem Dreck ziehen, euch das Vertrauen der edlen Primitiven erarbeiten und die Welt retten! Fünf Jahre lang seid ihr nach Pandora geflogen, nur um euch dort auf den Animus schnallen zu lassen, um in Assassin's Creed -- Stopp, zwei Sekunden zurückspulen, und jetzt richtig weiter -- um euch dort auf irgendein Gerät schnallen zu lassen, das euch in einen Avatar, in einen anderen Körper, versetzt. Der sieht ein bisschen so aus wie ihr selbst, vor allem aber wie die Na'vi. Also blau, vier Meter groß, seltsame Nase und so weiter. Als solcher könnt ihr mit der feindlichen Flora und Fauna auf Pandora viel besser umgehen, die dortige Luft atmen, dummerweise aber keine Jeeps, Boote und so weiter mehr benutzen -- ihr seid schlicht zu groß dafür. Avatar - The Game versetzt euch schon nach den ersten paar Minimissionen das erste Mal in euren blauen Ersatzkörper, und lässt euch ansonsten -- das ist noch gut designt -- etwas die Welt erkunden.

Schöne, feindliche Welt

Echtes 3D im Spiel
Die Chancen stehen gut, dass ihr Avatar nicht in 3D erleben könnt. Oder habt ihr tatsächlich einen sündteuren 3D-Flachbild-Fernseher zuhause rumstehen? Mit mindestens 120 Hz muss so ein Gerät arbeiten, damit genug Frames übrigbleiben (nämlich 60 pro Sekunde), wenn jedes Auge abwechselnd ein anderes Bild gezeigt wird. Eine passende Stereoskop-Brille lässt abwechselnd nur das Bild fürs linke oder rechte Auge durch, die den Blickwinkel eurer Augen auf die echte Welt simulieren. Übrigens, nVidias 3D Vision-Brille tut's in Verbindung mit einer geeigneten Grafikkarte und einem 120-Hz-Monitor wie dem Samsung SyncMaster 2233RZ auch; sie kostet rund 130 Euro.

Folgende 3D-Standards unterstützt Avatar:
  • Full Checkerboard
  • Sensio
  • RealD
  • Line Interlaced
  • Side by Side
Außerdem solltet ihr als 3D-Nutzer die Bildschirmdiagonale eures TVs eingeben, und welchen Abstand davon ihr beim Spielen einnehmt. Auch die 3D-Intensität lässt sich einstellen oder die Bilder fürs linke und rechte Auge vertauschen.

Unser Eindruck von zweimal Avatar-Spielen mit 3D-Monitor: ein durchaus beeindruckendes und vergleichsweise scharfes Bild -- aber nicht so scharf wie ohne 3D-Effekt. Außerdem kann einem schon mal ein Grasbüschel in den Weg kommen, und die eigene Spielfigur wirkt irgendwie zu klein. Ob sich der vorhandene "Wow"-Faktor nach kurzem oder erst nach längerem abnutzt, können wir nicht sagen.
 
Stellt euch einen Dschungel vor, der eine ganze Welt bedeckt. In dem es von flugsaurierartigen Banshees, angriffslustigen Viperwolves, massiven Sturmbeests (sic) und noch massiveren Hammerheads nur so wimmelt. Wo es Pflanzen gibt, die bei eurem Nahen aggressiv Giftwolken ausstoßen. Und wo sich -- auch aufgrund der geringen Schwerkraft -- immer wieder Blicke auf scheinbar schwebende Felsen, auf kilometerweit herabstürzende Wasserfälle, auf seltsame Baum- und Gesteinsformationen bietet. Faszinierend, würde Spock sagen, und vor allem in echtem 3D (siehe Kasten) macht es eine Weile großen Spaß, einfach mal etwas umherzustreifen. Nachts leuchten die Pflanzen wie mit Neonketten behangen, tagsüber herrschen üppige Grün- und fremdartige Blautöne vor. Pandora besteht aus einer Reihe von Schauplätzen, zwischen denen ihr per "Reiseagent" wechseln könnt. Jeder Schauplatz ist eine relativ große, weitläufige Karte, auf der ihr zumeist frei herumlaufen, -fahren oder fliegen könnt. Auch die immer wieder zwischen Na'vi und Menschen aufflammenden Kämpfe erinnern an ein ein Open-World-Spiel.

Wer etwas für Science-fiction übrig hat, kann das Design der Welt durchaus genießen. Nicht nur in der sich ständig erweiternden (ihr dürft beispielsweise unbekannte Pflanzen scannen) "Pandorapedia" werdet ihr bemerken, dass sich da jemand Gedanken gemacht und die Spielwelt wissenschaftlich zu untermauern versucht hat. Da die Na'vi sehr viel größer sind als Menschen, stellt sich die Umgebung euch als Avatar auch etwas anders dar, nämlich weniger riesenhaft und bedrohlich, als wenn ihr in menschlicher Gestalt herumrennt. Auch greifen euch als Avatar die Pflanzen nicht an, und angeblich sind die Tiere friedlicher. Letzteres können wir nicht bestätigen, im Gegenteil: Die nun in Relation zu uns viel kleineren Viperwölfe sind eher nerviger, weil wir sie noch schwerer sehen und treffen können. Zumal spätere Varianten auch noch zeitweise unsichtbare sind. Dennoch hat der Kniff, erst als Mensch und dann als Avatar zu spielen, Potenzial -- zum Beispiel dann, wenn ihr als blauer Riese das erste Mal auf den Banshee-Flugsauriern reitet, statt sie als Drachenmonster abzuschießen.

In der Nacht fangen die Pflanzen (siehe Vordergrund) an, blau zu fluoreszieren.

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