Review: Auf zu neuen Höhen

Assassin's Creed Unity Test

Liberté, égalité, fraternité: Ubisofts Meuchelmörder-Serie ist eine der erfolgreichsten Spiele-Marken überhaupt. Wir verraten euch, weshalb die versprochene Genre-Revolution zwar ausbleibt, den Entwicklern aber mit neuem Kampfsystem und erhöhtem Fokus aufs Schleichen einer der besten Serienteile gelungen ist.
Benjamin Braun 11. November 2014 - 19:21 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal und von der Xbox One, falls nicht anders gekennzeichnet. Der Großteil des Tests fand vier Tage lang in Paris statt, die Reisekosten (Flug und Hotel) übernahm Ubisoft, der Publisher des getesteten Spiels.

Update 17.11.: Wir haben den Test um ein ausführliches Update zur PC-Fassung erweitert und eigene Screenshots daraus hinzugefügt.

Seit 2007 veröffentlicht Ubisoft jährlich ein neues Assassin's Creed und sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Reihe hätte sich in den Jahren kaum weiterentwickelt. Dabei geben sich die wackeren Ubisofties doch so große Mühe! Mit Arno Dorian steht nun das dritte Jahr in Folge ein neuer Held im Zentrum der Handlung, immer wieder gibt es Schlenker bei der Metaebenen-Handlung in der Jetztzeit, und neue Features finden sich auch in jedem Serienteil. So ungerecht, diese Kritik! Nicht wirklich: Jährliche Serienteile machen bereits den Fußballspielen und Shootern Schwierigkeiten, und auch Ubisoft schafft es längst nicht jedes Jahr, uns zu begeistern – das letztjährige Black Flag (GG-Test: 8.0) etwa wollte mancher Redaktionsangehörige schon nach der ersten Stunde nicht mehr weiterspielen...

Für Assassin's Creed Unity hat Ubisoft Montreal einige Veränderungen am Kampfsystem vorgenommen. Der Entwickler gewährt uns größere Freiheiten beim Hochskillen des Charakters und lässt uns jederzeit in den Schleichmodus wechseln. Zudem gibt es erstmals einen Koop-Modus, und der Begriff Open World wird noch größer geschrieben als im letzten Serienteil. Wir haben uns für euch durch die Stadt der Liebe geschlichen und geprügelt, reihenweise Zielpersonen ausgeschaltet und mit Napoleon die Marseillaise angestimmt.

Vive la révolution!Mit einer gesunden Portion Skepsis haben wir uns an den 2014er Aufguss des bekannten Spielprinzips gemacht. Er versetzt unseren neuen Helden ins Paris der Französischen Revolution, die nicht nur aus dem Königreich Frankreich eine Republik machte, sondern auch vielen Franzosen die Köpfe kostete – und in der Folge ganz Europa umkrempelte. Nicht zuletzt der Aufstieg des Korsen Napoleon Bonaparte wäre ohne die Wirren und Revolutionskriege schlicht nicht denkbar gewesen.

In Assassin's Creed Unity lebt unser Held Arno mit seiner Familie auf Schloss Versailles. Als Kind muss er den gewaltsamen Tod seines Vaters verkraften – das bekommen wir übrigens im spielbaren Prolog hautnah mit. Er vergisst das Ereignis nie, führt aber dennoch ein lockerleichtes Leben. Bis zu jenem Tag, als vor seinen Augen auch der Vater seiner Herzensdame Élise de la Serre ermordet wird. Dummerweise finden die Wachen Arno bei der Leiche und halten ihn für den Mörder. Also verfrachten sie ihn in die Bastille, wo er bei Wasser und Brot auf seine Hinrichtung wartet. Wie der Zufall es will, trifft Arno dort aber auf den Assassinen Pierre Bellec, mit dem er aus dem Gefängnis flieht. Schnell wird ihm klar, dass er seine Unschuld nur beweisen kann, wenn er die Hilfe der Bruderschaft in Anspruch nimmt – und legt schon bald den Eid ab.

Gute Story ohne Gegenwarts-StörfaktorDie Geschichte von Unity wartet mit so einigen Wendungen auf und flechtet gekonnt wiederkehrende Bilder ein, etwa das der Uhr von Arnos Vater, die der Kleine kurz vor dessen Tod geschenkt bekam. Manche Situationen leiden an einer gewissen Vorhersehbarkeit, und dass man Arno zunächst als Kind spielt, hat sich Ubisoft gewiss ein wenig von Uncharted 3 (GG-Test: 9.5) abgeschaut. Der Spannung tut das aber kaum einen Abbruch, auch wenn die Geschichte in der ersten Hälfte mit dem Aufdecken immer neuer Hintermänner den einen oder anderen Haken zu viel schlägt. Insgesamt ist es aber eine der besten Storys, die bislang ein Assassin's Creed aufzuweisen hatte, wir sehen sie auf jeden Fall in den Top 3, sämtliche Spinoffs eingerechnet. Den hohen Unterhaltungswert erreicht Unity auch aufgrund der starken Inszenierung: Die ausschließlich live berechneten Zwischensequenzen erreichen fast durchweg höchstes Niveau.
 
Ähnlich wie die Vorgänger ist auch der neueste Teil der Meuchelmörder-Serie in eine Gegenwartshandlung eingebettet. Konkret erleben wir Arnos Erinnerungen als Proband in einer Weiterentwicklung des Animus, also jener Maschine, die uns in die Erinnerungen eines längst Verstorbenen zurückreisen lässt. Neuerdings ist es damit möglich, in die Erinnerungen eines völlig Fremden einzusteigen und nicht bloß in die eines Vorfahren. Die Firma Abstergo sammelt die DNA-Muster in der so genannten Helix-Datenbank. Der zwielichtige Megakonzern hofft, mit diesen Erkenntnissen so etwas wie das Urgenom der Menschheit zu entschlüsseln und an das Wissen der "Vorläufer" zu gelangen. Wer uns genau in die Helix bringt, erfahren wir nicht. Ziel dieser unbekannten Gruppe, die aus alten Bekannten von Desmond Miles besteht (dem Jetztzeit-Helden der Vorgängerspiele) bleibt es aber, die Ziele Abstergos zu vereiteln und ihnen bei der Suche nach dem Grab eines Großmeisters der Templer zuvorzukommen.
 
Viel mehr als diese lose Einbettung dürft ihr allerdings nicht erwarten – es gibt also keine ausgeprägte Rahmenhandlung wie die des Assassinen-Nachkommens Desmond. Uns hat die eine oder andere ungeklärte Frage der Gegenwartsanbindung allerdings nicht wirklich gestört, im Gegenteil: Teile der Redaktion fanden die Jetztzeit-Abschnitte schon immer unnötig, sie wollten nur die historischen Levels erleben. Außerdem nahm Desmonds Geschichte mit den späteren Spielen immer abstrusere Züge an.
 
Fantastisches historisches Setting
Die dreidimensionale Karte von Paris quillt nur so über vor Missionssymbolen.
Wie üblich vermischt Ubisoft auch im neuesten Teil die fiktive Handlung mit realen Ereignissen und lässt uns immer wieder auf historische Persönlichkeiten treffen. So werdet ihr in Paris etwa Napoleon Bonaparte, Georges Danton oder Maximilien de Robespierre begegnen. Aber auch viele weitere bekannte Personen wie etwa Marie Tussaud, die bekanntlich während der Französischen Revolution Wachsabbilder etwa vom guillotinierten Ludwig XIV anfertigte, sind mit von der Partie. Für sie sollt ihr in einer der Nebenmissionen entwendete Wachsköpfe wieder zurückholen...
 
In der Spielwelt werden die äußerst unruhigen Jahre der Französischen Revolution zwischen den Jahren 1791 und 1794 abgebildet. Vor den Palästen gehen die Pariser auf die Barrikaden, errichten Hindernisse, legen Feuer und beschwören Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Revolutionsgegner versuchen die Meute niederzuknüppeln, während die Soldaten bemüht sind, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. So richtig viel verändert sich im Laufe der Haupthandlung in der Spielwelt nicht – auf den Straßen passieren in allen Erinnerungssequenzen immer dieselben Dinge. Dafür aber gibt es bedeutend mehr Details am Rande zu entdecken, die dem virtuellen Paris Atmosphäre und Tiefe verleihen. Hier balgen sich die Menschen um das knappe Essen, dort diskutieren sie über die politische Situation. Die Massen stimmen mit der Marseillaise die spätere Nationalhymne Frankreichs an; in Revolutionsnestern werden auch andere, nicht immer ganz unblutige Befreiungslieder geschmettert. Und das ist längst nicht alles: So viele unterschiedliche Ambient-Dialoge wie in Unity haben wir
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in der Reihe bislang noch nicht erlebt! Besonders gut finden wir, dass zumindest ein Teil davon auf Französisch belassen ist.
 
Die einzelnen Stadtteile von Paris – bei Versailles handelt es sich um einen separaten Schauplatz mit Schloss und zugehöriger Stadt – unterscheiden sich sehr stark und bilden das damals herrschende Ständeverhältnis ab. Der Kontrast zu herrschaftlichen Anwesen der Reichen und den Baracken der Armen in anderen Stadtteilen wird hervorragend eingefangen. Nicht jedes einzelne Detail mag akkurat umgesetzt sein, doch ein so intensives Mittendringefühl vermittelten bislang nur die ersten beiden Serienteile und vielleicht noch Teil 3, Assassin's Creed Brotherhood. Doch in Unity ist die Vielfalt der Welt erheblich größer. Das ist in jedem Fall auch den diversen berühmten Bauten der Stadt zu verdanken. Ob die Kathedrale Notre-Dame de Paris oder der Louvre: Sehenswürdigkeiten wie diese gibt es dutzendweise und jede davon ist laut den Entwicklern maßstabsgetreu nachgebaut. Kein Vergleich zu den mickrigen Karibikstädtchen des Vorgängers oder der nordamerikanischen Einöde eines Assassin's Creed 3!
Sobald ihr Paris erreicht habt, steht euch die Stadt vollständig zur freien Erkundung offen. Die meisten Nebenmissionen sind dann bereits verfügbar, ein paar müsst ihr noch durch Geld oder Story-Fortschritt freischalten.
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