Top-Umsetzung im Test (Wii)

Anno: Erschaffe eine Neue Welt Test

Siedeln auf der Konsole? Statt übler Wiimote-Frickelei und "Verkindlichung" liefert Keen Games ein fast perfektes Beispiel, wie man eine komplexe Steuerung konsolentauglich macht, und die Substanz eines umfangreichen Aufbauspiels erhält. Mick Schnelle erklärt, wie das Kunststück gelang.
Mick Schnelle 16. Juni 2009 - 10:14 — vor 8 Jahren aktualisiert
Wii
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Neulich in der Ubisoft-Kantine. „Hey Jungs, herzlichen Glückwunsch. Ihr dürft `Anno: Erschaffe eine neue Welt´ machen.“ Im Jubel der Entwickler geht der Nachsatz fast unter. „Allerdings fürs Wii.“ Plötzlich herrscht eisige Stille. Einige Zuhörer glauben an einen schlechten Scherz, andere vermuten, dass da wohl jemand eine Wette verloren hat. Irgendwo schluchzt jemand hemmungslos. Wir wissen nicht, wie die Jungs von Keen Games tatsächlich reagiert haben, als sie den Auftrag erhielten, das voll auf Maussteuerung und den PC getrimmte Aufbauspiel Anno irgendwie Wii-tauglich zu machen. Geld hätten wir sicher nicht auf einen Erfolg gesetzt, doch das Wunder ist tatsächlich wahr geworden: Anno: Erschaffe eine Neue Welt lässt sich beinahe perfekt mit der Wiimote und nur zwei Knöpfen steuern.

Zwei Knöpfe und ein bisschen Handarbeit

Kinderleichte Steuerung. Mit Zwei Knöpfen und dem Ringmenü baut ihr ganze Städte.
Fünf Minuten eurer Zeit müsst ihr allerdings schon opfern, um euch mit der Steuerung von Anno vertraut zu machen. So ein Zufall, denn genauso lange dauert in etwa die erste Kampagnenmission, in der ihr als Adelsspross William das heimische Königreich zunächst mit Nahrung versorgen müsst, damit keine Hungersnot entsteht. Binnen kürzester Zeit wird euch das Grundprinzip des Spiels beigebracht, etwa wie ihr ein paar Häuser auf einem unbewohnten Eiland errichtet und die Bedürfnisse der Bevölkerung nach Essen und kirchlichem Beistand durch das Errichten eines Bauernhofs und einer Kirche befriedigt.

Was auf dem PC dank präziser Maussteuerung ein Kinderspiel ist, hätte auf der Konsole leicht zur unübersichtlichen Katastrophe ausarten können. Ist es aber nicht. Die Menüs sind großzügig angelegt, sodass ihr leicht per Wiimote die entsprechenden Optionen auswählt, um die richtigen Gebäude zu errichten. Das Baumenü erreicht ihr über ein Icon oder, einfacher, durch Drücken der B-Taste (Zeigefingertaste) an der WiiMote. Befindet sich der Cursor schon über einem Gebäude, dann "kopiert" ihr es per B-Knopf -- das ist genial schnell, und klappt sogar bei Straßen. Besonders Einsteiger werden sehr gut in das Spiel eingeführt; das Ringmenü ist selbsterklärend, und zu Beginn werden nur die benötigten Funktionen eingeblendet; alles was ihr noch nicht braucht, wird euch also vorerst nicht angezeigt. Aber auch Fortgeschrittene freuen sich über diese durchdachte, intuitive Steuerung -- fast ist man auch als PC-Fan versucht zu sagen, dass die Wii-Steuerung on par mit der Maus ist. Kleine Details helfen beim Bedienen: So lässt sich die Kamera nicht schwenken (wohl aber ran- und wegzoomen), und wenn ihr eine Straße baut, kippt das Bild in eine Beinahe-Draufsicht, und Baumwipfel sowie Hausdächer werden geschrumpft, sodass ihr auch sehen könnt, wo die Straße verläuft. Richtig geraten: Fast alle Gebäude (bis auf Ausnahmen wie etwa ein Hospiz, das Pestepidemien abmildert müssen ans Straßennetz angeschlossen sein, um zu funktionieren.

Die "Cutscene-Standbilder" wirken dank Kameraschwenks und guter Vertonung gar nicht so statisch. Das Video zeigt außerdem eine kurze Seefahrt zu einer neuen Insel.

Animiertes Hörspiel


Schnell habt ihr eure erste Siedlung gebaut, womit auch Kampagnenmission Nummer eins erledigt ist. Zur Belohnung gibt’s eine Zwischensequenz, in der die Geschichte um König George und seinen beiden rivalisierenden Söhnen William (also ihr) und Edward (ein Prolet, der euch immer wieder Steine in den Weg legt) erzählt. Obwohl es nur Standbilder gibt, hat Ubisoft versucht, durch Kamerafahrten und Zooms etwas Bewegung in die Sache zu bringen. Das klappt meist ganz gut, ist aber natürlich kein Ersatz für richtige, animierte Cutscenes. Richtig gut ist die deutsche Sprachausgabe, der man schnell anmerkt, dass hier erfahrene Profis am Werk waren. Auch der Orchestersoundtrack ist gut gelungen und vermittelt entdeckungsfreudige Aufbruchsstimmung.

Kleine Inseln, große Übersicht

Die fünf Zoomstufen des Spiels.
Mit jeder weiteren Mission dringt ihr weiter und tiefer ins Spielkonzept von Anno vor. Wie bei der bekannten PC-Vorlage geht es stets darum, eine funktionierende Siedlung mit begrenzten Ressourcen zu errichten. Grundvorrausetzung ist stets eine ausreichend große Bevölkerung, die fleißig Steuern zahlt. Geld bekommt ihr aber nur von glücklichen Einwohnern, die dafür naturgemäß Ansprüche stellen. Anfangs beschränken sich die Wünsche auf Nahrung und Kleidung, werden im späteren Spielverlauf -- in dem ihr unter anderem die Wohnhäuser upgradet, also quasi den Lebensstandard der Bewohner anhebt, und damit auch deren Steuerzahlungen -- immer ausgefallener.

Die Inseln im Wii-Anno sind allesamt deutlich kleiner als beim großen PC-Vorbild. Doch auch hier beweisen die Keen-Entwickler, dass die dem knappen Speicherplatz geschuldete Einschränkung kein Nachteil sein muss. Alle Levels sind so aufgebaut, dass pro Insel immer nur eine oder zwei Produktionsketten existieren können, was für Ordnung und Übersicht sorgt. So hat man später nett nebeneinander liegend eine Gewürzinsel, ein Eiland für die Steinproduktion oder ein Inselchen, auf dem die Nahrungsproduktion blüht und gedeiht. Der Transport zwischen den Inseln per Schiff, wie im PC-Spiel, entfällt hierbei völlig, sodass alle Ressourcen, sobald sie einmal produziert sind, auf jeder Insel gleichermaßen verfügbar sind. Darüber rümpfen Produktionsirrgarten gestählte Siedlungsveteranen sicherlich erstmal die Nase, aber vertraut uns: Dieses Prinzip der "Globalen Ressourcen" macht Spaß und wird euch nicht unterfordern. Denn insgesamt wird Anno so strukturierter; ihr müsst niemals lange suchen, um eure diversen Produktionsketten zu finden, und könnt euch auf eure Strategie konzentrieren, statt auf Mikromanagement.

Es gibt insgesamt fünf Zoomstufen: Die fernste zeigt eine schematisierte Karte mit allen Inseln und Schiffen, wichtig vor allem fürs Endlosspiel. Bei der zweiten passen selbst große Inseln auf einmal auf den Bildschirm, die nächsten beiden sind die, die ihr zum Spielen tatsächlich verwenden werdet, und die Nahansicht erlaubt den Blick auf Passanten, Schweine und Karren (über denen das gerade transportierte Gut eingeblendet wird) -- aber keine Übersicht mehr. Das Zoomen geschieht entweder über die Tasten + und - der WiiMote, oder aber mit den beiden Buttons des Nunchuck. Parallel dazu scrollt ihr erstens entweder durch Erreichen des Bildschirmrands oder durch "Halten und Ziehen" der Karte mit dem A-Knopf. Oder zweitens mit dem Analogstick des Nunchucks.

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