Stilvoller Gruseltrip

Amnesia - A Machine for Pigs Test

Vor drei Jahren entführte uns Frictional Games in Amnesia - The Dark Descent in ein finsteres Gemäuer mit Monstern und Rätseln. Dear-Esther-Entwickler The Chinese Room will uns im Nachfolger ähnlich das Fürchten lehren und schickt uns einmal mehr im fahlen Lichtschein einer Öllampe auf eine gruselige Reise.
Benjamin Braun 9. September 2013 - 15:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Wie benommen gehen wir den langen Korridor eines Herrenhauses entlang. Es ist finster und außer der knarrenden Dielen unter unseren Füßen ist kein Ton zu hören. Im fahlen Lichtschein unserer Öllampe können wir nur wenige Meter weit gucken, an den Wänden hängen sonderbare Gemälde mit Schweinen. Plötzlich zerreißt das Schellen eines Telefons die Stille. Ein Stimme meldet sich, erzählt etwas von unseren Kindern und wie wir sie vielleicht retten können. Wir haben Angst, doch die Sorge um das Wohl von Edwin und Enoch ist größer. "Papa, Papa", tönt es von weiter hinten und ein Schatten huscht vorbei.  Es folgen ächzende Laute, die sich unheilvoll im Gang verteilen. Klaviermusik ertönt, doch niemand ist zu sehen. Ist das alles nur Einbildung? Wer war der Mann am Telefon? Und warum werden wir – während wir der Dunkelheit ins Ungewisse folgen – das Gefühl nicht los, dass für unsere Kinder jede Rettung zu spät kommt? Willkommen in der Welt von Amnesia - A Machine for Pigs.

Düstere Horror-AtmosphäreSchon beim Vorgänger Amnesia - The Dark Descent bildete die Soundkulisse das Kernelement für die erzeugte Grusel-Atmosphäre. In A Machine for Pigs zeigt Dear Esther-Entwickler The Chinese Room, dass sie es genauso gut können, und hüllen die Szenerie in einen dichten, aber niemals ausufernden Klangteppich. Immer wieder gibt es Abschnitte, in denen der Spieler ganz bewusst außer den von ihm erzeugten Geräuschen keinen Mucks hört. Dann wieder vernimmt Hauptfigur Mandus Kratzlaute und Stöhnen oder hört Wasser, das in einer Kanalisation wie aus einem Wasserhahn hallend auf blanken Stein tropft. Sowohl die einzelnen Elemente wie das authentische Geräusch eines brennenden Kamins oder das Quietschen einer schlecht geölten Tür beim Öffnen als auch das Gesamtpaket sorgen für eine intensive Stimmung und versetzen den Spieler fast durchgehend in Alarmbereitschaft. An Stellen, an denen es sich anbietet, setzen die Entwickler aber auch gezielt Musik ein, um die befremdliche Szenerie und die jeweilige Stimmung zu verstärken oder aber auch, um den Spieler erst in Sicherheit zu wiegen und dann in einem Schreckmoment unsanft wachzurütteln.

Aber nicht immer sind es Geräusche, die die Stille durchbrechen, um Angstgefühle zu erzeugen. Im Rahmen der Story von Amnesia - A Machine for Pigs werdet ihr auch diverse unterirdische Anlagen besuchen. Dort laufen auch mal riesige Dieselmotoren zur Stromerzeugung, in deren Nähe es unmöglich wäre, einen sich nähernden Feind zu hören. So ähnliche Situationen kennen Spieler der Dead Space-Serie ebenfalls – und auch dort dreht man sich automatisch immer wieder um, nur um nicht von irgendetwas überrascht werden zu können. Viel intensiver hätte The Chinese Room die Klangkulisse jedenfalls nicht gelingen können – dem Vorgänger steht es damit in nichts nach.

Wer bin ich?
Auf Gegner trefft ihr nur selten. Wie schon im ersten Teil habt ihr keine Chance, euch zu wehren, stattdessen müsst ihr euch verstecken oder davonlaufen.
Im ersten Teil war es eher die Ausnahme, dass jemand mal ein Wort spricht. In A Machine for Pigs kommt das viel häufiger vor, wenngleich es sich meist nur um wenige Sätze handelt. Das raubt allerdings nur geringfügig das Gefühl, allein und verloren zu sein, und sorgt umgekehrt für eine wesentliche Verbesserung im Story-Bereich. Zwar baut auch A Machine for Pigs ähnlich wie der Vorgänger auf das Unwissen von Spieler und Spielfigur über die eigene Vergangenheit und Schicksal. Mit den ausgeweiteten Dialogen oder den mysteriösen Botschaften des Unbekannten präsentiert es sich aber erzählerisch stärker und bis zum Schluss konsistenter. Ihren Beitrag dazu leisten auch die Bioshock-ähnlichen Audiologs, die meist Gespräche des Protagonisten mit anderen enthalten.

Die Dialoge sind wie auch im ersten Amnesia lediglich in Englisch enthalten. Auch hierbei haben die Entwickler nichts dem Zufall überlassen: Die Sprechrollen sind exzellent besetzt und bringen den aristokratischen, britischen Unterton sehr gut herüber. Wer auf deutsche Sprachausgabe gehofft hatte, wird enttäuscht und muss mit deutschen Untertiteln vorliebnehmen, die von ein paar kleinen Rechtschreibfehlern abgesehen den Charakter der Sprachausgabe gut treffen.

Es werde LichtMandus' Reise beginnt bei beinahe vollständiger Dunkelheit, in der ihr kaum die Hand vor Augen erkennen könnt. Recht früh im Spiel findet ihr allerdings eine Öllampe, die ihr bis zum Ende des Abenteuers bei euch tragen werdet. Viel Licht spendet sie nicht, dafür müsst ihr sie anders als im Vorgänger niemals wieder auffüllen. Auch das Verbrauchsgut Streichhölzer hat The Chinese Room eingestampft. Das nimmt euch an manchen Stellen die Freiheit, Räume besser auszuleuchten, bewahrt euch aber auch theoretisch davor, jeden Schrank und jeden Sekretär nach neuen Zündhölzern zu durchsuchen. Auf den Inhalt eures Inventars müsst ihr also gar nicht mehr achten. Wenn ihr Objekte in der Umgebung verwendet, nehmt ihr sie aktiv in die Hand und befördert etwa Kohlestücke in einen Ofen oder setzt Zahnräder in einen Apparat ein. Ihr solltet aber dennoch immer einen Blick in Schränke hineinwerfen, zumal es von den plünderbaren Objekten bedeutend weniger gibt als im Vorläufer. In Schubladen findet ihr nämlich manchmal auch Schriftstücke, die euch mehr über den Hintergrund von Charakteren und Spielwelt verraten. Spannung geht durch sie nicht etwa verloren wie bei den Manuskriptseiten in Alan Wake (GG-Test: 8.5). Sie geben euch nämlich nie zu viel über die Ereignisse der Jahre 1898 und 1899 preis
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Erst deutlich später im Spiel konfrontiert euch Amnesia - A Machine for Pigs mit Gegnern. Wehren könnt ihr euch gegen sie wie gehabt nicht. Ihr könnt euch entweder bei gelöschter Öllampe irgendwo in einer Ecke verkriechen oder wegrennen. Letzteres wird manchmal auch erzwungen. So gibt es etwa einige geskriptete Sequenzen, in denen beispielsweise eine Brücke einstürzt. Zumindest in einem Fall müsst ihr zwingend die Beine in die Hand nehmen, um nicht getötet zu werden. Insgesamt sind die Feindbegegnungen aber deutlich rarer gesät und lassen euch zumeist die Wahl, ob ihr lieber flüchten oder euch verstecken wollt. Sterbt ihr, verliert ihr dank der Autosavefunktion auch in A Machine for Pigs so gut wie keine Zeit.

Bei den Schockmomenten und geskripteten Events überzieht The Chinese Room glücklicherweise nicht. Zwar setzen sie Elemente wie die verschwommene Sicht häufiger ein – und mehr als einmal stürzt Mandus irgendwo ab. Allerdings ist ihr Einsatz genauso wie beim Sound über die Spielzeit hinweg immer wohl dosiert, weshalb sich Abnutzungserscheinungen nur bei Kennern des Vorgängers in nennenswertem Maße bemerkbar machen dürften.
Die Spielwelt ist stimmungsvoll und abwechslungsreich. Unter anderem müsst ihr mit Hauptfigur Mandus einen Weg durch diese Kanalisation finden. Herausstechendstes Merkmal des Spiels ist aber die fantastische Soundkulisse.
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